Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Tom Kummer — „Von schlechten Eltern“

Der Roman als Verlustanzeige

Bis zu jenem Tag irgendwann im Dezember 2018, an dem man den Journalisten Claas Relotius überführte, zahlreiche seiner mitunter sogar preisgekrönten Artikel inhaltlich ge- oder verfälscht zu haben, war es Tom Kummer, der beim Thema ‘Journalist und Fälscher‘ in der Google-Suchergebnisliste stets mit an erster Stelle erschien. Über mehrere Jahre hinweg hatte sich der Schweizer Journalist (Jahrgang 1961) Ende des vergangenen Jahrtausends, nun ja, darauf spezialisiert, von ihm geführte Interviews mit Promis aufzuhübschen – also aus vorhandenem Material neu zusammenzusetzen oder gleich gänzlich frei zu erfinden. Auch nachdem das Ganze mit einem großen journalistischen Krach im Jahr 2000 aufgeflogen war, lernte Kummer offenbar nur bedingt aus diesem ihm vorgehaltenen journalistischen Fehlverhalten: Immer wieder kam es zu Fällen, in denen ihm Ungereimtheiten in seinen Texten vorgeworfen wurden, immer wieder wurde ihm nachgewiesen, anderswo abgeschrieben, Fakten und Tatsachen doch ein wenig zu sehr überhöht oder verdreht oder diese gar frei erdichtet zu haben. Wiederholt versuchte Tom Kummer sich damit zu erklären bzw. zu rechtfertigen, dass es ihm in seinem Tun und Handeln nur darum ging, dem Journalismus in den Rang einer besonderen Kunstform zu verhelfen. So recht glauben wollte ihm das natürlich niemand.

Also, und damit kommen wir zum entscheidenden Entwicklungspunkt in Tom Kummers Leben, entschied sich der bisherige Journalist, dann eben fortan als ausgewiesener Romanautor zur Tat zu schreiten und die Sache einfach umzukehren: Fiktion erschaffen – und diese mit der Realität vermengen. Die Sache ging auf, mehr oder weniger sogar im doppelten Sinne: Von der Leserschaft wurde sein Romanerstling „Nina und Tom“, dessen Handlung Ereignissen aus Tom Kummers eigenen Leben entlehnt ist, im Großen und Ganzen wohlwollend aufgenommen. Manch Kritiker indes war erneut schnell mit Vorwürfen zur Stelle, unter anderem auch, um dem Autor vorzuhalten, dass einige der im Buch dargestellten Szenen sich in Wirklichkeit so nie abgespielt hätten – und verfing sich damit im Grundsatz jeglicher Fiktion: ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Also kein Abbild und keine Dokumentation des wahren Lebens. Immer er- und ausgedacht, egal wie vermeintlich nah an der Realität gebaut. Hier kann Autor Tom Kummer eben genau das ausleben, was ihm als Journalist verwehrt blieb: literarische Bildnisse der Welt nach seiner ureigenen Fasson erschaffen. Problematisch bleibt indes die Abschreiberei, die er offenbar nicht lassen kann. Gestohlen bleibt nun mal gestohlen – egal, welch postmoderne Kunstvorstellung auch damit verbunden sein mag.

Aber genug der Vorrede. Vor wenigen Wochen ist Tom Kummers neuer Roman „Von schlechten Eltern“ erschienen – und was soll man sagen: Tom Kummer hätte schon früher beginnen sollen, echte Fiktion zu schreiben anstatt Fingiertes als journalistische Wahrheit zu verkaufen. Erneut tritt der Schweizer Autor als einer in Erscheinung, der es versteht, seine Leserschaft gefühlvoll an die Hand zu nehmen und mit sanftem, aber keineswegs kraftlosem Zug durch einen Roman zu geleiten, in dem Traum und Wirklichkeit sehr vordergründig und auch ziemlich eng miteinander verknüpft sind.

Wer bereits seinen Debütroman gelesen hat, ist, was die Handlung anbetrifft, für „Von schlechten Eltern“ bestens vorbereitet: Tom Kummer nimmt inhaltlich den Faden wieder dort auf, wo er ihn in „Nina und Tom“ hat ausrollen lassen. Vater Tom kehrt nach dem Tod seiner Frau Nina mit einem seiner beiden Söhne in die alte schweizerische Heimat zurück und beginnt, sich als nachtaktiver VIP-Chauffeur zu verdingen. Nachts, während er internationale Führungskräfte oder afrikanische Diplomaten durch die Schweizer Bergwelt fährt, kann Tom sich am besten all jenen Erinnerungs-, Wunsch- und Trugbildern hingeben, die ihm die Trauer um seine verstorbene Frau auf die Frontscheibe seiner Limousine projiziert. Mal scheint sie, Nina, ihm etwas zuzuflüstern, mal scheinen die Äußerungen aus dem Fond der Limousine von seinen Fahrgästen zu kommen. Traum und Wirklichkeit sind vermischt, beide setzen dem trauernden Vater ziemlich zu. Kommt Tom morgens nach Hause, schafft er es gerade noch, Sohnemann Vincent für die Schule fertig zu machen, für den Rest des Tages flüchtet er sich am liebsten in den Schlaf – wenn dieser denn kommt. Und dann ist es gerade sein zwölfjähriger, mutterloser Sohn, der in seiner kindlich-jugendlichen Lebensfreude ein ums andere Mal versucht, ihn aus der Düsternis seiner Erinnerungsbilder hervorzulocken und ihm die entscheidenden Anstöße gibt, sich wieder für neue (Lebens)Perspektiven zu interessieren …

„Von schlechten Eltern“ ist wie ein Bluessong: Man weiß, dass einen nicht viel Heiteres erwarten wird. Lässt man sich dennoch darauf ein, erwartet einen ein Erzählwerk voller Melancholie und Schönheit – eine als Roman verfasste, mitreißend und authentisch gefasste Verlustanzeige. Gut gemacht, Tom Kummer.

Tom Kummer

„Von schlechten Eltern“

Tropen/Klett-Cotta-Verlag, 245 Seiten (geb.)

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