Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Ludger Weß — „Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas“

Klein, aber oho

Sie tragen Namen wie Thiomargarita namibiensis, Chromulinavorax destructans, Propionibacterium freudenreichii, Clostridium autoethanogenum oder Serratia marcescens und gehören zu den ältesten Bewohnern unserer Erde gehören: Bakterien. Denn auch wenn es angesichts derzeit stark auftrumpfender Corona-Viren derzeit vielleicht nicht den Eindruck vermitteln mag, gehört die Welt seit eh und je den Bakterien oder auch „Prokaryonten“, wie sie in der Welt der Wissenschaft genannt werden. Was sie alle eint, ist ihr Aufbau: Bakterien sind grundsätzlich und immer Einzeller, Zellen ohne Kern. Alles andere Leben auf dem Planeten, egal ob Mensch, Tier, Pflanze, Alge oder Pilz, kann diesen Zellkern vorweisen. Bakterien sind damit ziemlich besondere Lebewesen – was den 1954 geborenen Ludger Weß schon in frühester Jugend dazu verleitet hat, sich für Molekularbiologie im weitesten Sinne zu begeistern, später Chemie und Biologie zu studieren, nachfolgend im Bereich molekulare Entwicklungsbiologie zu forschen und schließlich nicht nur diverse Fachbücher, sondern auch verschiedene Romane zu verfassen, in denen jene kleine ‘Krabbeltiere‘ selbstverständlich die Hauptrolle einnehmen. Für die von Judith Schalansky herausgegebene Naturkunden-Reihe hat er nun einen kleinen Atlas beigesteuert, der überaus zugänglich und informativ-unterhaltsam-aufschlussreich ins Thema einführt – und das Zeug hat, so manchen Leser gänzlich neu für die Welt der Bakterien zu begeistern.

Eingerahmt zwischen eine Einführung, die ausführlich auf das Wie-Was-Wo-Warum des Bakteriums eingeht, und ein erhellende Ausblicke vermittelndes Nachwort gewährt Ludger Weß in „Winzig, zäh und zahlreich – ein Bakterienatlas“ anhand von 50 Einzelporträts einen wahrlich faszinierenden Einblick in den Kosmos dieser unscheinbaren, aber wirkmächtigen Kleinstlebewesen. Unterteilt in sechs thematische Untergruppen ist die Auswahl der Bakterienporträts dabei von ihm so getroffen, dass sie nicht nur die enorme Bandbreite derer jeweiligen Lebensweisen oder Lebensräume aufzeigt, sondern auch deren Verortung auf der ‘Nutzen-Unnutzen-Skala‘ für den Menschen. Denn nicht jedes Bakterium ist per se schlecht für den Menschen.

Wer sich tatsächlich wundern sollte, warum es ‘nur‘ 50 Porträts ausgewählter Bakterien sind: Etwas anderes als eine Auswahl für seinen Atlas zu treffen, blieb Weß gar nicht übrig. Schließlich geht man gut 350 Jahre nach der erstmaligen Beschreibung eines Bakteriums heute davon aus, dass die circa 14.000 bislang katalogisierten Bakterien gerade einmal einen winzigen Bruchteil aller auf der Erde existierenden Bakterienarten bilden. Autor Ludger Weß wagt diesbezüglich sogar eine vorsichtige Schätzung und beziffert die Summe aller weltweit vorhandenen Bakterienarten – wohlgemerkt der Arten – auf etwa eine Billion. Mehr als es in unserer Galaxie Sterne gibt …

Auch wenn sich der Wissenschaftshistoriker in seiner Auswahl in der Folge von persönlichen Präferenzen und Vorlieben leiten lässt, ist die Bandbreite der Bakterien, die er in seinen gleichermaßen lebendig wie stets auch irgendwie sympathisch wirkenden Einzelporträts vorstellt, so groß, dass man kaum aus dem Staunen kommt, wie vielfältig diese Kleinstlebewesen doch geraten sind. Man nehme da nur etwa jene wahrhaftig zähen Überlebenskünstler, die selbst unter extremsten Bedingungen noch (über)leben können: nicht nur in der Tiefe der Weltmeere oder in der Stratosphäre, sondern auch in Säure oder Lauge, gar im Kühlwasser von Kernreaktoren. Bemerkenswert auch ein kälteliebendes Bakterium namens Colwellia psychrerythraea, ein wahrhaft kälteliebendes Bakterium, das sogar noch bei Temperaturen von minus 196 Grad Celsius Stoffwechselaktivitäten aufweist. Oder dessen Gegenpart, das wärme- und hitzeliebende Paenibacillus xerothermodurans, welches es gar nicht heiß genug zu bekommen scheint und sich auch schon einmal im Treibstofffeuer einer startenden Rakete ‘sonnt‘.

Porträtiert werden im „Bakterienatlas“ selbstredend auch Vertreter jener Bakteriengruppe, die als nützliche Helferlein in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen (dies offenbar ziemlich regelmäßig: etwa ein Drittel aller Lebensmittel wird heute mit Hilfe von Bakterien fermentiert) und natürlich ebenfalls jene, die uns alles andere als nützlich, ja höchst unwillkommen sind: bakterielle Krankheitserreger. Unter jenen – Weß zufolge umfassen diese etwa 1.400 Arten – findet sich unter anderem auch das hier porträtierte, hochgefährliche Anthrax-Bakterium Bacillus anthrasis oder jenes ‘nimmersatte‘ Pest-Bakterium Yersinia pestis, das im 14. Jahrhundert für eine Pestpandemie sorgte, die vermutlich gut die Hälfte aller Europäer dahinraffte. Dagegen nimmt sich das Coronavirus bei aller Tragweite, das dieses für uns hat, wie ein kleingeratener schlechter Scherz aus.

Natürlich verdient eine solch imposante, lebendige Bakterienschau auch eine entsprechende grafische Darstellung. Die liefert Falk Nordmann – mit quasi mikroskopischen Illustrationen, die uns diese doch irgendwie sehr fremde Welt in einen farbenfrohen Mikrokosmos verwandelt, auch wenn jener sich nur schwer mit dem gängigen Bild vereinen lässt, welches wir von der Natur um uns herum haben. Mal erscheinen sie stäbchenförmig, mal kugelrund, mal benesselhaart oder bewimpert, mal einzelgängerisch, mal im Verbund: Nordmann lässt mit seinen fantastisch geratenen Porträts eindrücklich erkennbar werden, dass Bakterien nicht nur in Funktion und Lebensweise, sondern auch in Form, Gestalt und Farbe eine enorme Variabilität mit den verschiedensten (Charakter)Typen aufweisen können. Das macht Eindruck und den „Bakterienatlas“ in seiner Gesamtheit sowie im allerbesten Sinne zu einem großen Bildungsspaß!

Ludger Weß

„Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas“

Matthes & Seitz, 280 Seiten (geb.)

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