Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Rüdiger Nehberg — „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“

Der letzte Streich

Im ersten Moment fühlte es sich an wie ein verspäteter Aprilscherz: An dem Tag, an dem seine Autobiografie die Redaktion erreichte, starb Rüdiger Nehberg – Konditor, Survival-Experte, Aktivist für die Menschenrechte. Am 1. April 2020 ging für ‘Sir Vival’ ein 85 Jahre währendes Leben zu Ende; sein Buch „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen – Ein abenteuerliches Leben“ erwächst damit zum finalen Schlusspunkt, zum letzten (literarischen) Kapitel einer an Abenteuern schier überbordenden, stets unter dem (buchtitelgebenden) Motto „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“ geführten Lebensgeschichte.

Was hat man nicht alles schon über „Rüdi Rastlos“ – wie er sich selbst auch gern nannte – gehört, gelesen, gesehen, irgendwann einmal aufgeschnappt. Rüdiger Nehberg, der mit 17 Jahren nach Marokko radelt. Rüdiger Nehberg, der Ende der 1960er das ‘Survival-Training’ nach Deutschland importiert und in den folgenden Jahrzehnten dem Wort ‘Abenteuer’ eine völlig neu(zeitlich)e Dimension verleiht. Rüdiger Nehberg, der die Wüste Danakil zu Fuß durchquert und sich im australischen Outback auf einen Wettlauf mit einem Ausdauersportler und einem Aborigine einlässt. Rüdiger Nehberg als Deutschlandwanderer, der in 24 Tagen am Stück 1.000 Kilometer längs durchs Land läuft – ohne Geld, ohne Nahrung. Rüdiger Nehberg, der erst auf einem Tretboot, danach mit einem Bambusfluss und schließlich noch ein weiteres Mal in einem Einbaum den Ozean überquert – nicht einfach nur, um zu zeigen, dass er es als ausgewiesener Survivalexperte einfach kann, sondern grundsätzlich und an erster Stelle als Menschenrechtsaktivist, der zu solch Aufsehen erregenden Aktionen greift, um auf Missstände und Nöte anderer aufmerksam zu machen, die sonst nicht weiter beachtet, weiter geduldet und weiter ignoriert werden würden – wie etwa die drohende Ausrottung der indigenen Volksgruppe der Yanomani im brasilianisch-venezolanischen Urwald. Wie etwa die seit Jahrhunderten praktizierte Beschneidung der Genitalien weiblicher Minderjähriger. Zwei Jahrzehnte hat Nehberg mit seinem Verein „TARGET e.V.“ um eine Beseitigung dieser Missstände gekämpft (erfolgreich!), in der Folge ist es auch kaum überraschend, dass gerade diese ihm zur Lebensaufgabe gewachsene Mission gut die Hälfte des Buches einnimmt.

Mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber auch geprägt von der für ihn typischen augenzwinkernden Unverdrossenheit berichtet Nehberg ausführlich vom Werdegang eines mühsamen Kampfes gegen eine ‘Tradition’, die bereits Abertausende von Frauen in ein Leben voller Qualen gestürzt hat – und von den wahrhaftigen Erfolgen, die er hierbei mit dem ihm eigenen Geschick und sicher auch auf Grundlage jener Zähigkeit und Ausdauer, die er während eines langen abenteuerlichen Lebens erlangte, mittlerweile errungen hat.

Was für ein packender finaler Lebensbericht – was für ein unterhaltsamer Autobiograf. Fast ist es zu bedauern, dass er die Reflexion seines so prallen Lebens in gerade einmal 430 Seiten ‘hineingezwängt’ hat. Man eilt durch dieses hindurch und wünscht sich insgeheim, er hätte nicht den Mut, wohl aber die Muße für den doppelten oder gar dreifachen Umfang gefunden – gerade in dem Wissen, dass es nun definitiv keine Fortsetzung mehr geben wird …

Nun denn: Möge „Rüdi Rastlos“ nun in Frieden ruhen – und die 1001 Abenteuergeschichten seines Lebens uns noch lange als Inspiration erhalten bleiben.

Rüdiger Nehberg

„Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“

Malik Verlag, 430 Seiten (geb.)

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