Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Christian Schulteisz — „Wense“

Geschichte eines Vielfraßes

Den Begriff des Universalgelehrten oder Universalgenies kennt man. Meist taucht er in Verbindung mit historische Figuren wie Leonardo da Vinci, Alexander von Humboldt, Isaac Newton oder unserem guten alten Goethe auf – allesamt Gelehrte, die sich nicht nur auf einem, sondern gleich auf mehreren Wissensgebieten als Experten erwiesen haben. Eine Idee anders schaut’s beim Universaldilettanten aus. Auch dieser sinnt nach umfassendem Expertentum, übernimmt und verzettelt sich jedoch erheblich in dem Bestreben, sämtliche Wissensbestände der Welt zusammenzutragen, so dass er letzten Endes von allem ein bisschen weiß, nirgends jedoch wahrhaftige Expertise vorweisen kann. Zu den bekanntesten Repräsentanten dieser ‘Spezies‘ gehört zweifelsohne der Privatgelehrte Jürgen von der Wense (1894-1966) – u.a. Schriftsteller, Übersetzer, Landschaftsfotograf, Wanderer, Künstler und Komponist – der in einer scheinbar unstillbaren Wissbegierde nahezu sprichwörtlich jede Minute seines Lebens in eben dessen Anhäufung investierte. Egal, ob Sprachen wie Sanskrit, Altirisch, Suaheli, Syrisch oder Kymrisch-Walisisch oder Fachgebiete wie Afrikanistik, Aviatik, Mystizismus, Schafzucht, Klosterkultur, islamisches Obligationsrecht, Lautschriften, Forstwesen, Wasserbauwirtschaft, Paläontologie oder eine Neuübersetzung der Gedichte des Königs Mirambo von Unjamwesi – es gab einfach nichts, was Wense nicht anzog, erst recht, wenn es noch das eine oder andere Nebenthema offenbarte, das ebenfalls nach Zuwendung und Erforschung ‘verlangte‘. Großes Ziel Wenses: eine allumfassende Weltenzyklopädie, Arbeitstitel „All-Buch“, die natürlich nur Fragment bleiben konnte, unvollendet, unpubliziert. Nicht weniger als 60.000 Seiten umfasst der Wissensschatz, den der begnadete Universaldilettant der Nachwelt hinterließ – ein wahres analoges ‘Universalmonstrum‘, das heute sein Pendant in einer Plattform wie Wikipedia gefunden haben dürfte.

Wer einen kleinen Eindruck vom Tun und Schaffen Jürgen von der Wenses gewinnen möchte, muss nicht zwingend besagtes Nachlass-Konvolut durchforsten. In kondensierter und schmuck fiktionalisierter Form tut’s auch der kürzlich im Berenberg-Verlag erschienene Kurzroman „Wense“ von Christian Schulteisz. Dieser war zum Glück nicht so vermessen, sich hierin gleich allen Lebensstationen oder Wissensgebieten des eigenwilligen Jägers und Sammlers zuzuwenden. Ganz im Stile von ‘weniger ist mehr‘ lädt er stattdessen vielmehr dazu ein, Wense durch das Jahr 1943 zu begleiten, als jener ausnahmsweise einmal gezwungen war, sich von seinem eigenen Aufgabenfeld ab- und stattdessen der Erfüllung von Kriegsersatzdienst-Pflichten zuzuwenden. Der universelle Privatgelehrte wusste sich indes auch in dieser Situation zu behelfen: Er ließ, wo ging, den Schlaf einfach weg …

Quasi im Kontrast zur Uferlosigkeit des Wissensdurstes, von dem der allwissende Taugenichts getrieben war, entwirft Schulteisz auf 125 Seiten ein szenisch-schillerndes Lebensporträt der skurrilen Figur als präzise formulierte, stark verdichtete fiktive Momentaufnahme. Eindringlich schillernde Prosa, die das Thema Weiterbildung in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Gäbe es in unserem Magazin ein Empfehlungsrubrik „Der besondere kleine Band“, dieser Roman wäre ein klarer Kandidat dafür.

Christian Schulteisz

„Wense“

Berenberg Verlag, 125 Seiten (geb.)

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