Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Ann Petry — „The Street – Die Straße“

Vorgezeichnete Lebenspfade

Wann, glauben Sie, wurde der erste Roman einer Afroamerikanerin veröffentlicht? Während Sie noch rätseln, lassen Sie mich Ihnen eben jenen Roman, „The Street“ von Ann Petry (1908-1997), der sich seinerzeit innerhalb kurzer Zeit mehr als anderthalb Millionen Mal verkaufte, anempfehlen – nicht nur, weil er in diesem Frühjahr neu übersetzt bei Nagel & Kimche wiedererschienen ist, sondern ebenso, weil er eine Geschichte aufs Tableau bringt, die auch 74 Jahre nach Erstveröffentlichung (hier ist das gesuchte Datum: 1946!) kaum an Wucht, Eindrücklichkeit und politischer Brisanz verloren, kurzum: immer noch das Zeug für einen Bestseller hat. Schauplatz von Ann Petrys sensationellem Debütroman ist die 116th Street auf der Upper Westside im Harlem der 1940er Jahre. Lutie, eine junge Frau mit Highschool-Abschluss und achtjährigem Sohn Bubb, die bisher als Hausmädchen auf dem Lande gearbeitet hat, will hier nach der Trennung von ihrem Mann einen Neuanfang wagen. Mit der Zuversicht, sich ihre eigene Würde zu erhalten und willens, ihren Sohn vor schlechtem Einfluss zu bewahren, ja, diesem irgendwie den Sprung in ein besseres Leben zu ermöglichen, stellt sie sich zunächst entschlossen den von Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit geprägten Gegebenheiten ihrer neuen Harlemer Wohn- und Arbeitsumgebung. Doch irgendwann muss sie einsehen: Der Straße entkommt niemand …

Sprachlich sehr verdichtet hat Ann Petry in „The Street“ eine berührend-mitreißende Geschichte über das Harlem während der Zeit des Zweiten Weltkrieges entworfen, die beim Lesen Schmerzen erzeugen wird – und leider bis heute kaum etwas an Aktualität eingebüßt hat. Tipp!

Ann Petry

„The Street – Die Straße“

Nagel & Kimche, 383 Seiten (geb.)

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