Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Peer Meter/Rem Broo — „Beethoven – Unsterbliches Genie“

Der zerfledderte Beethoven

Es sollte das große Jahr von Ludwig van Beethoven werden. Nicht dass der berühmte Komponist sonst zu wenig Aufmerksamkeit zukommen würde, aber gerade in 2020, anlässlich seines 250. Geburtstages, sollte der Jubilar deutschlandweit – ach, sicher sogar weit über die Landesgrenzen hinaus – auf allen Bühnen gefeiert werden: mit mannigfachen Konzerten verschiedenster Größenordnung selbstverständlich, darüber hinaus aber auch mit Oper, Tanz und Themenwochen, Ausstellung, Schauspiel und Performance, Workshop, Vortrag und Kongressen. Eigentlich. Dann kam Corona. Kam und riss alle Aufmerksamkeit an sich – hat sich binnen kürzester Zeit zu einem viralen Antistar unbekannter Größenordnung gemausert, der statt Beethoven nun alle Bühnen besetzt. Na gut, fast alle: Radio geht noch, TV bietet sich ebenso weiterhin an – und natürlich auch die opulente Vielfaltswelt der Bücher. Ganz klar, dass die Buchverlage im Jubiläumsjahr jede Menge Veröffentlichungen berufener Beethoven-AutorInnen bereithalten – mal zum Leben des epochalen Komponisten, mal zum Werk, mal zu beidem. Der (und natürlich auch die) eine setzt auf Faktenschau, der andere auf anekdotenhafte Unterhaltung, der nächste auf eine grundsolide Mischung aus beiden. Manch einer bringt tatsächlich Neues zutage, manch einer präsentiert Altbekanntes in neuem Gewand und manch einer füllt biografische Lücken, die Beethoven ‘unüberlegterweise‘ hinterlassen hat, mit eigenen Auslegungen.

Wer sich dieser Tage also einmal an Beethoven mal so richtig sattlesen möchte, dem dürfte keinesfalls an passendem (Lese-)Futter mangeln. Höchstens an der einen besonderen Beethoven-Huldigung, die aus dem biografischen Einheitsbrei herausragt. Womit wir auch schon bei Peer Meter und Rem Broo wären, die mit dem Buch „Beethoven – Unsterbliches Genie“ wahrscheinlich wirklich einzigartiges geschaffen haben. Nicht nur, weil sie sich dem Künstlergenius in Form einer Graphic Novel widmen, sondern auch und insbesondere, weil sie eine ziemlich schräge und gleichzeitig wohl auch ziemlich wahre Geschichte erzählen, deren zentrales Element und erzählerischer Clou darin besteht, dass weder der titelgebende Held selbst noch seine berühmten musikalischen Werke darin eine leibhaftige (Haupt)Rolle spielen: Denn Peer Meters Geschichte beginnt quasi ‘zu spät‘ – am 27. März 1827, dem Tage von Beethovens Beerdigung. Beethoven ist tot und ganz Wien strömt zusammen, um in episodisch gestalteten Rückblenden den jeweiligen persönlichen Bezug zum berühmt-berüchtigten, schon zu Lebzeiten als ‘schwierig‘, aber ‘genial‘ gehandelten Komponisten auszubreiten. Und natürlich erwächst da in der Menge, die sich vorm Haus des Musikus versammelt, ein jeder, der am Nachruhm teilhaben will, plötzlich zum Beethoven-Experten schlechthin, weiß ein jeder mehr, alles anders, genauer und überhaupt besser als der neben ihm Stehende. Beethoven ist noch keine 24 Stunden tot – und der Starkult hat bereits derartig an Fahrt aufgenommen, dass man bald tatsächlich kaum noch weiß: Ist’s nun eine Komödie oder eine Tragödie, wie mit dem gerade verschiedenen Komponisten umgegangen wird? Der kaum erkaltet nicht einmal vor Leichenfledderei gefeit ist und schließlich mit geplündertem Körper und zu Grabe getragen wird …?

Was Peer Meter da historisch Belegtes ‘ausgegraben‘ und zu einer Geschichte zusammengesponnen hat, ist in höchstem Maße skurril, witzig, unterhaltsam – und Dank der Bildgestaltung des offensichtlich begnadeten Illustrators Rem Broo auch eine wahre visuelle Pracht. Angepasst an die jeweils ausgebreitete Anekdote hat dieser nicht nur das Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts ein sehr authentisches Antlitz verliehen, sondern einer jeden Episode auch einen individuellen ‘Anstrich‘ verliehen – mal leuchtend und schillernd bunt, mal in gedeckten Brauntönen, dann wieder skizzenhaft oder hingetuscht – und damit die perfekte Bildumgebung für jene Legendenbildung geschaffen, die an jenem Wiener Frühlingstag im März 1827 ihren Anfang nahm.

Peer Meter/Rem Broo

„Beethoven – Unsterbliches Genie“

Carlsen, 144 Seiten (geb.)

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