Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Isabelle Autissier — „Klara vergessen“

Großer Fang: Isabelle Autissiers zweiter Roman

Wenn ein Verlag sich nach dem Meer benennt, ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn dieser mit seinen Veröffentlichungen auch inhaltlich stets nah an den verschiedenen Gewässern unserer Welt auf Fang geht. Geschichten, die das Meer erzählt, publiziert der mareverlag nunmehr schon seit mehr als zwanzig Jahren – sowohl Klassiker als auch Neuerscheinungen – und immer wieder gelingt es dem Hamburger Verlag, wirklich dicke Lesefische ins Netz zu bekommen. Man denke hier nur an John Griesemers Erfolgsroman „Rausch“ oder Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“. Neuester Fang: „Klara Vergessen“ von Isabelle Autissier – einer Frau, die wie kaum eine andere Autorin das Credo des Verlags – also die Leidenschaft zum Meer und jene zur Literatur in sich vereint. Von Kindesbeinen an mit dem Meer, dem Wind und den Wellen vertraut, stand für Autissier bereits im Alter von 12 Jahren fest: ihr Leben gehöre dem Meer gehört, mehr noch, eines Tages würde die Welt umsegeln würde – und zwar allein. 1991 nahm dieser Kindheitstraum tatsächlich Form an. Im Rahmen einer Einhand-Segelregatta gelang ihr 35-jährig als erste Frau überhaupt die Weltumrundung. Süchtig nach Meer wollte sie diese Glanztat 1995 und 1999 wiederholen – beide Male kenterte jedoch ihr Boot. Für die Französin kein Weltuntergang, aber offenbar ein Zeichen, ihre Lebenspläne ein wenig abzuwandeln: Isabelle Autissier wurde Festlandmensch, Vorsitzende des WWF Frankreich – und Schriftstellerin.

Gleich ihr erster Roman sorgte dafür, dass ihr Name fortan nicht nur in der Segelwelt Bekanntheit genießt, sondern auch unter Lesefreunden niveauvoller Literatur. Quasi aus dem Stand gelang ihr 2015 mit „Herz auf Eis“, das (natürlich) von einem Seglerpaar erzählt, welches auf einer einsamen Insel in Südgeorgien strandet, ein kleiner Sensationserfolg, der in seiner deutschen Fassung selbstverständlich im mareverlag veröffentlicht wurde. Und wie es sich so ‘anliest’, ist ihr mit dem Romanzweitling „Klara vergessen“ gleich der nächste große Wurf gelungen.

Murmansk am arktischen Ozean, unweit von Norwegen und Finnland und etwa 1500 Kilometer der russischen Hauptstadt Moskau gelegen. Von hier erhält Juri Bondarew (Professor für Ornithologie, Mitte 40) eine Nachricht, die ihn jäh aus seinem wohlsortierten Leben im nordamerikanischen Ithaca reißt. Eigentlich hatte er seine am russischen Polarmeer gelegene alte Heimat Murmansk, die er mehr als zwanzig Jahre zuvor erfüllt von Groll und Ablehnung verlassen hatte, nie wiederaufsuchen wollen. Doch nun steht er vor der Aufgabe, nicht nur seinem im Sterben liegenden Vater gegenüberzutreten, sondern auch seiner eigenen von Kämpfen, Schmerz und verzweifelten Hoffnungen geprägten Vergangenheit, die er meinte, mit seinem Weggang in die Vereinigten Staaten gut verpackt und auch endgültig zurückgelassen zu haben.

Wie sich zeigt, ist die Herausforderung, der Juri sich vor Ort angekommen stellen muss, sogar noch weitaus größer. Rubin, sein Vater, hat einen letzten Wunsch an ihn: Juri soll das Schicksal seiner Mutter, Juris Großmutter Klara aufklären, die eines Nachts im Juni 1950 vor den Augen des damals vierjährigen Rubin von der Geheimpolizei abgeholt wurde und von der seitdem nie wieder etwas gehört worden war. Zunächst eher widerwillig begibt sich Juri auf familiäre Spurensuche – und muss zu seinem eigenen Erstaunen erkennen, dass sein eigener Schicksalsweg mit dem seines Vaters und jenem seiner Großmutter tatsächlich enger verknüpft ist als er je ahnte …

Isabelle Autissier hat mit „Klara Vergessen“ eine drei Generationen überspannende multiperspektivische Familiensaga geschaffen, in der neben der wilden Natur Nordrusslands (und natürlich dem Meer!) vor allem dem Prozess des Erinnerns eine gewichtige Hauptrolle zukommt: ein ‘Protagonist’, der sowohl alte Wunden aufreißen lassen als auch Seelenfrieden verschaffen kann. Dies verschafft der gleichsam fesselnd und einfühlsam erzählten Geschichte einen Mehrwert, die diesen Roman letztlich weit über seinen reinen Unterhaltungswert lesens- und damit auch definitiv weiterempfehlenswert macht.

Isabelle Autissier
„Klara vergessen“
mareverlag, 304 Seiten (geb.)

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