Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Michael Kröchert — „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“

Ein spezieller Ort

Eines Tages vor gut zwei Jahren war der Autor und Fotograf Michael Kröchert mit seiner Familie auf dem Berliner Ring unterwegs. Der Anblick eines heute sichtbar seltener gewordenen Trampers weckte in ihm nicht nur Erinnerungen an seine eigene Tramperzeit als Jugendlicher, sondern brachte ihm auch einen Moment der Erkenntnis und Bewusstwerdung ein, wie — nennen wir es ‘vielfältig‘ — dieser Ort Autobahn doch ist. Ein Ort, den jeder kennt und mit dem jeder etwas anderes verbindet. Ein Ort, der Autoliebhaber und Autohasser verbindet. Ebenso Sonntagsfahrer und Berufskraftfahrer. Der für Reisen und Rasen steht. Für Genussfahrten und Stresstouren, Raststätten und Baustellen, ungewollten Stillstand und fortwährende Bewegung, Monotonie und gebahntes Chaos. Ein Ort, der zugleich Segen der Globalisierung und Fluch des Pendlers, gepriesenes Freiheitssymbol und Feindbild ist — ein Ort letztlich, der egal, ob pro oder contra, stets mehr Weg als Ziel ist und dadurch zum Unort geriert: Denn bleiben will hier niemand. Auch Michael Kröchert nicht, obwohl der Titel seines Buchs „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ die Vermutung nahe legt, er hätte tatsächlich 365 Tage auf jenem innerdeutschen 13.000 Kilometer umspannenden Asphaltnetz zugebracht.

Nein, das wäre vermutlich selbstzerstörerisch gewesen. Kröchert unternahm innerhalb von 13 Monaten insgesamt 16 verschiedene Trips auf und entlang der deutschen Autobahn. Zielstellung: das System Autobahn zu erkunden und in ihrem Facettenreichtum zu begreifen, um daraus hervorgehend schließlich ein wirklichkeitsnahes Bild der Autobahn zu zeichnen: Über spontane Begegnungen mit Menschen auf und an der Autobahn, ganz offen und ohne Vorurteile, nur von einer der jeweiligen Tour übergeordneten Ausgangsidee geprägt.

Zehn dieser teils wirklich originellen Touren haben schließlich Eingang in Kröcherts Autobahn-Erfahrungsbuch gefunden. So begibt er sich nicht nur auf nächtliche Tour mit der Autobahnpolizei fährt für die Erfahrung Autobahnvollsperrung infolge Verkehrsunfall extra ins autoreiche Ruhrgebiet oder begleitet einen Brummifahrer auf seiner Tour einmal längs durch Deutschland, um der ‘Romantik des Truckerdaseins‘ einmal nachzuspüren, sondern unternimmt auch eine 35-Kilometer-Wanderung auf einem (zu diesem Zeitpunkt) noch im Bau befindlichen Abschnitt der A94 bei München, besucht einen stillgelegten Autobahnabschnitt am Hambacher Forst, wo er zwischen die die Fronten von Polizei und Waldbesetzern gerät oder nimmt sich die Zeit, um einmal für einen Tag lang das Geschehen in einer der insgesamt 45 deutschen Autobahnkirchen zu beobachten. Nein, viel passiert dort nicht. Überhaupt merkt man schnell: Hier ist keiner auf der Jagd nach dem nächsten (Autobahn)Abenteuer, hier will auch keiner mit dezidierter Fachkenntnis zu Zu- und Bestand sowie exzessiven Exkursen zur Geschichte der deutschen Autobahn punkten — nein, Kröchert geht es ganz offensichtlich darum auszuloten, was die Autobahn den Menschen bedeutet. Und dort, wo diese sich weniger mitteilsam zeigen – was immer wieder passiert (die Autobahn ist schließlich kein allzu gesprächiger Ort) — noch häufiger aber auch, weil der Autor seinen eigenen Gedankenläufen im Reisereportagestil einfach freien Lauf lässt, setzt er sein eigenes erzählerisches ‘Ich‘ in den Vordergrund.

In der Folge erweist sich „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ als ein für manchen überraschend prosaisches ‘Sachbuch‘, in dem die eigentliche Sache, also die Autobahn zwar den inhaltlichen Rahmen vorgibt, dabei jedoch eng mit den persönlichen Erinnerungen, Gedanken und Eindrücken des Erzähler-Ichs verwoben ist. Wer nüchterne Fakten und Zahlen bevorzugt, den mag dies enttäuschen, wer sich indes an gut erzählten Geschichten übers Unterwegssein erfreuen kann, dem wird dieses Buch indes eine willkommene Bereicherung sein.

Michael Kröchert
„Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“
Tropen/Klett-Cotta, 247 Seiten (geb.)

Kommentieren ist momentan nicht möglich.