Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Jens Mühling — „Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer“

Lesend auf Reisen: Das Schwarze Meer von allen Seiten

‘Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen‘ ist zweifellos ein Sinnspruch, der aktuell weitestgehend seine Funktion verloren hat. ‘Verreisen‘ kann man während der aktuellen Corona-Pandemie eigentlich nur, indem man etwa die Fotosammlung vergangener Urlaube durchblättert, Mediatheken nach Reisedokus durchstöbert oder eben vielversprechende Reiseliteratur erkundet und dann mit dem geistigen Finger auf der Landkarte (ein weiterer Reise-Sinnspruch mit immerwährender Gültigkeit) in fremde Gefilde entschwindet – zum Beispiel ans Schwarze Meer.

Bekanntlich über den Bosporus bei Istanbul und die sich anschließenden Dardanellen mit dem Ostzipfel des Mittelmeeres verbunden, breitet jenes sich als Binnenmeer auf einer Fläche von mehr als 400.000 Quadratkilometern zwischen (Südost-/Ost-)Europa und (Vorder-)Asien aus und weist ‘wider Erwarten‘ eigentlich nur nachts – also dann, wenn alle Meere dieser Welt die gleiche ‘Farbe‘ haben – jenes Schwarz auf, das es im Namen trägt. Auch ist es eher arm an Inseln, hat dafür aber mit der Krim eine Halbinsel vorzuweisen, die mit mächtigem Ausmaß von Norden her weit ins Meer hineinragt und den Ausgangs- und Endpunkt von Jens Mühlings literarischer Erkundungsreise bildet.

Mühling (Jahrgang 1976), langjähriger Mitarbeiter des Tagesspiegels und Verfasser mehrerer Bücher über Osteuropa, hat sich, als Corona noch ferne Zukunft war, vorgenommen, das Schwarze Meer im Uhrzeigersinn zu umrunden und dabei alle sechs Anrainerländer zu erkunden: also Russland, Georgien, die Türkei, Bulgarien, Rumänien und die Ukraine. Oder sind es nicht eigentlich doch mehr? Der Reiseschriftsteller überlegt dazu ‘laut‘:„Sechseinhalb Länder sind es, wenn man Abchasien mitzählt […]. Sieben, wenn man Moldawien mitzählt, das alte Bessarabien, dem im Zweiten Weltkrieg die Küste abhanden kam […]. Siebeneinhalb, wenn man Transnistrien mitzählt, einem abtrünnigen Teil Moldawiens, der von Russland am Leben erhalten wird […]. Acht, wenn man Polen mitzählt, das alte Polen zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung […]. Achteinhalb, wenn man die Volksrepublik Donezk mitzählt, einen abtrünnigen Teil der Ukraine […]. Achteinhalb, wenn die Krim zur Ukraine gehört. Achteinhalb, wenn die Krim zu Russland gehört. Neun, wenn man die Krim lieber für sich stehen lässt. Neuneinhalb, wenn man das antike Ruinenreich der Griechen mitzählt […]“

Schon hier merkt man, dass es Jens Mühling in „Schwere See. Eine Reise ums Schwarze Meer“ nicht so sehr darum geht, die schönsten Schwarzmeerstrände auszukundschaften oder möglichst viele Panoramablicke aneinanderzureihen. Nein, der Osteuropa-Enthusiast will Land und vor allem dessen Leute kennenlernen, deren Blickwinkel und Perspektiven auf die sie umgebende (politische) Welt, ihre Einzelschicksale ebenso wie ihre gemeinschaftlich-kulturellen Sagen und Legenden erzählt bekommen. Besonders ist er dabei darauf aus, Angehörigen all jener ethnischen Minderheiten zu begegnen, die gerade in den verschiedenen Grenzgebieten des Schwarzmeerraums (etwa zwischen der Ukraine und Russland, Russland und Georgien, Georgien und der Türkei) immer wieder anzutreffen sind: Tataren und Mescheten, Zalker, Pontier und Kosaken, Abchasen, Tscherkesen und Pomaken. Viele davon Klein- und Kleinstethnien, die Dank Stalins rigoroser Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik und der damit einhergehenden Völkerwanderung auf eine leidvolle, bewegende und ziemlich bewegte Geschichte zurückblicken können. Mühling hört sich all diese Geschichten an und notiert sie: Abenteuer- und Kriegsgeschichten, Liebes- und Leidensgeschichten genauso wie Geschichten von Vertreibung und Rückkehr, Patriotismus und (Un)Versöhnlichkeit.

Bemerkenswert dabei, mit welcher Offen- und Unvoreingenommenheit er all diesen Menschen wahrhaftig unterschiedlichster kultureller Couleur gegenübertritt und es dabei stets dem Lesenden überlässt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Erstaunlich, meisterhaft und höchst willkommen, mit welch ausgeprägtem Spürsinn es ihm immer wieder gelingt, auch hinter die Fassaden zu blicken und tatsächlich interessante und erzählenswerte Geschichten aufzuspüren. Bemerkenswert auch, welch Trinkfestigkeit er bei all den vielfältigen Einladungen aufweist, denen viele der gesammelten Geschichten entspringen – und auf die er sich immer wieder völlig uneitel einlässt. Beachtlich überdies, welch Kenntnisse Mühling über all die verschiedenen Regionen, Kulturen und zugehörige Historien vorzuweisen hat und diese in einen unterhaltsamen Zusammenhang zu bringen versteht. Herausragend schließlich, mit welch sprachlicher Virtuosität er uns von all diesen zu erzählen weiß. Ihn auf dieser Meeresumrundung vom heimischen Sofa aus zu begleiten, lohnt sich wahrhaftig.

An der Uferpromenade von Jalta, so ziemlich am Ende dieser mitreis(s)enden Reisereportage steht Jens Mühling an einem Brunnen, dessen Becken die Form des Schwarzen Meeres hat und ist begeistert: „Fasziniert lief ich um den Beckenrand. In drei Schritten durchmaß ich die russische Kaukasusküste, in jeweils einem Abchasien und Georgien. Ich brauchte ein paar Sekunden für die ganze Länge der Türkei, ließ genauso schnell den Balkan und die Ukraine hinter mir und stand schließlich auf der kleinen Betoninsel, die vom Beckenrand krimförmig in die Mitte ragte.“ Es ist ein wahres Glück für uns, dass Mühling sich nicht für die Siebenmeilenstiefel-Variante entschieden hat, sondern alle Zeit genommen hat, die es brauchte (insgesamt fast ein ganzes Jahr!), um sich auf das Schwarze Meer, dessen Küstenbewohner, deren Geschichten und Schicksale einzulassen. Er hat uns damit ein fabelhaftes literarisches Reiseerlebnis beschert, das es vermag, uns die gegenwärtige coronabedingte Unmöglichkeit des Weltenbummelns für ein gutes Leseweilchen vergessen zu lassen. Lesetipp.

Jens Mühling
„Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer“
Rowohlt, 314 Seiten (geb.)

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