Zeit für gute Bücher

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Bram Stoker — „Der Zorn des Meeres“ und „Das Meerbuch“ — Illustriert von Quint Buchholz

Literarische Schmuckstücke

Neulich beim Literatur-Memory wurde es einmal mehr augenscheinlich, wie stark manch AutorIn mitunter auf ein einzelnes bestimmtes Werk ‘reduziert‘ wird: Leo Tolstoi? – „Krieg und Frieden“. Alfred Döblin? – Ganz klar: „Berlin Alexanderplatz“. Herman Melville? Natürlich „Moby Dick“. Joanne K. Rowling? Welch Frage – selbstverständlich „Harry Potter“. Die meisten anderen literarischen Kinder, die diese Autorinnen und Autoren hervorgebracht haben, scheinen im Schatten des jeweiligen opus magnum schlichtweg unterzugehen, in der Regel völlig unverdient. Dies scheint auch für Bram Stoker zu gelten. Oder bringen Sie den irischen Autor über seinen Legenden begründenden „Dracula“-Roman hinaus noch mit einem anderen literarischen Werk in Verbindung? Tatsächlich hat Stoker noch mehr als ein Dutzend weiterer Romane und Erzählungen veröffentlicht – von denen ein Großteil bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Leider. Denn was einem dadurch entgeht bzw. bislang entgangen ist, merkt man beispielsweise, wenn man die im Hamburger mare-Verlag jüngst erschienene (übrigens wunderbar gestaltete – Leineneinband, Pappschuber, Westentaschenformat) deutsche Erstausgabe der Erzählung „Der Zorn des Meeres“ in Händen hält, die Bram Stoker 1895, also zwei Jahre vor seinem großen Wurf „Dracula“, veröffentlichte. Zu diesem Zeitpunkt verbrachte Stoker, der mit seiner Familie in London lebte, die Ferien regelmäßig an der schottischen Küste und verbrachte, wie es kolportiert wird, regelmäßig Stunden damit, einfach nur aufs Meer zu schauen und die umgebende Landschaft zu verinnerlichen. Insbesondere die zerklüfteten Küstenabschnitte mit ihren Felsen und Buchten südlich von Aberdeen hatten es Stoker angetan – und sollten zum Schauplatz seiner Erzählung „Der Zorn des Meeres“ werden.
„Es drohte eine stürmische Nacht zu werden.“ – damit beginnt die Geschichte, die sich zwischen William Barrow, ein junger Offizier der Küstenwache, vor Ort allen nur als Sailor Willy bekannt und seiner Verlobten Maggie MacWirther, Tochter eines armen, verwitweten Fischers entspinnt und recht eindrücklich auf die nachfolgenden dramatischen Verwicklungen verweist. Denn Barrow hat einen Tipp erhalten, dass just in dieser Nacht mit der heimlichen Ankunft eines Schmugglerbootes in seinem Revier zu rechnen ist, was umgehend seinen Ehrgeiz weckt, dieses zu stellen. Als er Maggie davon erzählt, ahnt diese, dass ihr finanziell schwer angeschlagener Vater darin verwickelt sein könnte und bittet ihren Verlobten, im Fall der Fälle ein Auge zuzudrücken. Als dieser sich unbeirrbar in seiner Pflichterfüllung zeigt, entschließt sie sich, allein in einem Ruderboot auf die stürmische See hinauszufahren, um ihren Vater zu warnen …
Mögen die Charaktere, die Bram Stoker in dieser hoch melodramatischen Geschichte agieren lässt, mitunter auch etwas hölzern erscheinen, so erwächst das Meer umso mehr zu einem überaus lebendigen Neben- oder gar Hauptdarsteller, der die Handlung Welle für Welle vorantreibt und in seiner detailgetreuen, gischtsprühenden Darstellung als das erscheint, was es tatsächlich ist: eine allmächtige Naturgewalt. Mit „Der Zorn des Meeres“ ist Bram Stoker ein literarisches Schmuckstück gelungen, das auch 125 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch das Potenzial für einen Pageturner hat – und sich keineswegs scheuen braucht, neben dem Meisterwerk „Dracula“ ebenfalls mit seinem Namen in Verbindung gebracht zu werden.

Gerade mal einen Ticken größer und mit nicht minder gestalterischer Mühe und Hingabe versehen, präsentiert sich das just dieser Tage im Insel-Verlag erschienene „Meerbuch“ gleichermaßen als eine perfekte Ergänzung zu Bram Stokers ‘Meerbuch‘ wie auch als willkommener Trost für all jene, die dieser Tage eigentlich geplant hatten, eine kleine Auszeit am Meer zu verbringen, von Corona jedoch daran gehindert wurden, diese auch zu verwirklichen.
Wie es der Titel schon nahelegt, bringt einem dies Büchlein das Meer nach Haus – in Form verschiedener Geschichten und Gedichte, die Herausgeber Matthias Reiner in einem weiten Schwung aus der gesamten Literaturgeschichte zusammengesucht hat. Erstaunlich, wer sich da alles nacheinander die meerwassernasse Klinke in die Hand drückt: Axel Hacke übergibt an Marie Luise Kaschnitz, Homer an Walter Kempowski, Erich Kästner an Emily Dickinson und nach ihr an Daniel Defoe, Thomas Morus an Ingeborg Bachmann, Lutz Seiler und Christian Morgenstern. Auch wenn viele der Texte zwar bekannten oder zumindest bereits veröffentlichten Erzählungen und Romanen entnommen sind, verliert der kleine Erzählband dadurch kaum an Reiz – ganz im Gegenteil verleiht gerade diese Form der Zusammenstellung dem Sammelband den Charme einer zufälligen Begegnung am Strand, bei dem man sowohl auf gute, alte Bekannte als auch auf Neubekanntschaften trifft, die einen um eine persönliche Anekdote oder Eingebung zum Meer bereichern, und dann weiterzieht, um auf den nächsten Meeresfreund, die nächste Meeresfreundin zu stoßen …
Selbst für die passende maritime Kulisse ist während dieses literarischen Ausflugs gesorgt: Der Künstler Quint Buchholz hat „Das Meerbuch“ mit zahlreichen ganz- und doppelseitigen Illustrationen versehen, die in ihrem Abwechslungsreichtum all das aufs Wunderbarste visualisieren, was ein Aufenthalt an der See an Eindrücken eben so bereitzuhalten vermag. Nur für den authentischen Meersalzgeruch (bzw. -geschmack) muss man sich mit dem eigenen Salzstreuer ein wenig nachhelfen.

Bram Stoker
„Der Zorn des Meeres“
mare Verlag, 173 Seiten (geb.)

„Das Meerbuch“
Illustriert von Quint Buchholz
Insel-Verlag Berlin, 120 Seiten (geb.)

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