Während die Freunde der Theaterkunst in Jena noch auf das baldige Ende der Theaterhaus-Sommerpause warten müssen, ist das Deutsche National Theater (DNT) in Weimar einen kleinen Schritt voraus: Gleich mit zwei Premieren ist das DNT am letzten Wochenende in die neue Theatersaison gestartet, wobei beide Stücke – „Der Sturm“ von William Shakespeare in einer Inszenierung von Corinna von Rad und „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller, die mit dieser Aufführung den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen gewonnen hat – sowohl vom Publikum als auch von den Kritikern überaus positiv aufgenommen worden sind.
Wer sich selbst von der Klasse der beiden Stücke überzeugen möchte, sollte sich einen der folgenden Termine notieren:
„Der Sturm“: 11./24./30. September, jeweils um 19.30 Uhr
„Kaspar Häuser Meer“: 09./14./23. September um 20.00 Uhr
Wer vorher noch ein wenig mehr über die beiden Stücke wissen möchte, findet im Folgenden eine kleine Einführung:
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Der Sturm
von William Shakespeare, Deutsch von Jens Roselt

Ein Sturm verschlägt die Machtelite von Mailand und Neapel auf eine scheinbar unbewohnte Insel. Merkwürdige Begebenheiten lassen jedoch Zweifel daran aufkommen, bis sich der Herr der Insel den Gestrandeten offenbart: Prospero, der Herzog von Mailand, einst von ihnen aus dem Amt gejagt und mit seiner Tochter auf dieser einsamen Insel gelandet, hat ein zynisches Spiel mit seinen Feinden getrieben. Der Sturm wie die Verwirrung stiftenden Begebenheiten waren Teil seines strategischen Plans, um wieder an die Macht zu gelangen. Durch Prosperos inszenatorische Tricks von seiner Autorität überzeugt, sehen sich seine Widersacher gezwungen, ihn als legitimen Herrscher anzuerkennen. Triumphal will Prospero wieder in sein altes Reich einziehen, dessen Erhalt er zugleich durch die geschickt vorbereitete Heirat seiner Tochter mit dem Thronfolger von Neapel auf ewig zu sichern sucht.
Shakespeares vermutlich letztes Drama, um 1611 entstanden, stellt ein Menschenexperiment dar. Mit allen Mitteln der Suggestion operiert dessen Urheber Prospero, der vermöge seines Wissens über Naturkräfte und Eingeborene der Insel gebietet. Gleich einem Illusionisten oder genialischen Regisseur manipuliert er Verstand und Gefühle der auf der Insel Gefangenen – einschließlich der eigenen Tochter –, um wieder zu Macht und Ansehen zu gelangen. Die Insel wie das Theater selbst werden zum Modellversuch, die Größe und Gefahren menschlichen Geistes zu demonstrieren.
Regie Corinna von Rad / Regiemitarbeit Julia Hübner / Bühne Steffi Wurster / Kostüme Gwendolyn Jenkins / Musik Matthias Schmidt / Dramaturgie Hans-Peter Frings
mit Xenia Noetzelmann, Karl Albert, Andreas Bittl, Martin Butzke, Christian Ehrich, Markus Fennert, Johannes Schmidt, Matthias Schmidt, Michael Waechter, Simon Zagermann
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Kaspar Häuser Meer
von Felicia Zeller

Tatort Sozialbehörde: Der ganz alltägliche Wahnsinn tobt im Jugendamt. Anika, Barbara und Silvia – drei Sozialarbeiterinnen zwischen Aktenbergen, verschimmelten Bürotassen und einem stets einsatzbereiten Stempelheer – kämpfen im Namen der Präventionsbürokratie gegen Jahresstatistiken, Dunkelziffern, Medienhetze und vor allem gegen den rasenden Stillstand der Zeit.
Seit der Kollege Björn sich in den Krankenstand geflüchtet hat, dürfen sich die drei Frauen von der staatlichen Fürsorge auch noch um dessen offene Fälle kümmern. Hoffnungslos überarbeitet und ausgebrannt ächzen sie unter der Last der Verantwortung, der Hektik des Büroalltags und haben zu allem Überdruss auch noch privat so ihre Sorgen. Die allein erziehende Mutter Anika ist Vorwürfen ausgesetzt, ihre eigene Tochter zu vernachlässigen. Kollegin Silvia hat morgens schon eine Alkoholfahne und gibt sich Selbstmordphantasien hin, während die alt gediente Barbara von einer Bach-Kantate träumt, die in der Absage an die Welt gipfelt. Die bis zur Hysterie gesteigerten inneren Konflikte der drei entladen sich in einem tosenden Sprachgewitter, einer Hochgeschwindigkeits-Sprachpartitur, die schmerzhaft in unsere gesellschaftliche Wirklichkeit hineinsticht.
Die Autorin Felicia Zeller knüpft in ihrer Sozialgroteske an den authentischen Fall des zweijährigen Kevin aus Bremen an, der an den Folgen von körperlicher Misshandlung starb und im Kühlschrank seines Ziehvaters tot aufgefunden wurde. Doch Zeller, die in Sozialbehörden recherchiert und Fallbeispiele gesammelt hat, bringt kein realistisches Sozialdrama aus der Perspektive der Peiniger und Opfer auf die Bühne, sondern interessiert sich für die Überforderung der Zuständigen in den Bürokratiemühlen, an die wir unsere gesellschaftliche Verantwortung delegiert haben.
Regie Maik Priebe / Ausstattung Susanne Maier-Staufen / Dramaturgie Daniel Richter
mit Petra Hartung, Ulrike Knobloch, Nina Mariel Kohler
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Alle weiteren Informationen gibt’s unter: www.nationaltheater-weimar.de
Text: Matthias Eichardt; Fotos: Thomas Aurin, Maik Schuck
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