Regionalhistorie: Emotionale Reise zurück zur Wendezeit


Mit seiner dreiteiligen Fernsehdokumentation „1990 – Aufbruch zur Einheit“ blickt das MDR FERNSEHEN zwischen dem 24. und 31. August zurück auf die Ereignisse der Wendezeit in Mitteldeutschland. Unbekannte Zeitzeugen und ihre Geschichten stehen dabei im Mittelpunkt.

Spätestens nach der Währungsunion interessierten sich die DDR-Bürger immer mehr für Autos aus westlicher Produktion und immer mehr Händler wollen sich dies zunutze machen. So auch Hans-Hubert Sänger in Jena: Sein altes Bauernhaus mit Scheune funktionierte er kurzerhand zu einem Behelfs-Autohaus um, die entsprechenden Wagen lieferte ihm sein neuer Partner aus dem Ruhrgebiet, mit dem er zusammen eine Firma gegründet hat. Sänger sieht den Autoverkauf zunächst noch als Nebenjob nach Feierabend an, doch die Nachfrage übertrifft seine Erwartungen bei Weitem: „Es standen sieben oder acht Personen vor der Tür, in gewohnter Manier einer sozialistischen Warteschleife, und warteten auf die Eröffnung. Daraufhin habe ich das Büro eröffnet und innerhalb von drei Stunden sieben Auto an sieben Leute verkauft“, erinnert sich Sänger. Die Gewinnspannen für Sänger sind enorm, zudem kam ihm zugute, dass viele DDR-Bürger ihr frisch umgetauschtes Geld nutzten, um sich ihren Traum auf vier Rädern zu erfüllen.


Durch die große Nachfrage muss Sänger ständig für Nachschub an Gebrauchtwagen aus dem Westen sorgen. Deshalb sind fast ununterbrochen Mitarbeiter von ihm unterwegs, um weitere Autos zu überführen. Einer von ihnen ist Ralph Matthes. Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit erfüllt er sich durch die Fahrten den Wunsch nach der großen Freiheit. Gleichzeitig erlebt er verrückte Dinge: „Mein Chef hat mir 100.000 Mark in die Hand gedrückt. Die hab ich unter den Autositz gelegt und bin nach Essen gefahren. Dann ich nachts sogar noch einen Tramper mitgenommen. Naja mir hat ja keiner so viel Geld zugetraut“, berichtet Matthes.


Hans-Hubert Sänger und sein Mitarbeiter Ralph Matthes sind nur zwei von zahlreichen Zeitzeugen, die die Fernsehdokumentation „1990 – Aufbruch zur Einheit“ mit ihren einstigen Träumen und Hoffnungen der Wendezeit und auch so mancher tief schürfender Enttäuschung zu Wort kommen lässt.

Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die weltpolitischen Ereignisse von Berlin oder Leipzig als viel mehr die Menschen in Mitteldeutschland, für die sich das Leben während der Wende entscheidend änderte. Es ist ein Blick auf die persönlichen Erfahrungen von Zeitzeugen, die zum Motor oder Bremser auf dem Weg in eine neue Gesellschaft wurden. Zu Wort kommen Menschen aus Eisenach, Halle, Wolfen oder Plauen, die ihr Schicksal in die Hand genommen und Geschichte geschrieben haben. Sie erzählen ihre großen und kleinen Erlebnisse und ziehen eine persönliche Bilanz.

Mithilfe von Raritäten aus den Fernseharchiven und nie öffentlich gezeigten Aufnahmen von Amateurfilmern lässt die MDR-Dokumentation die Zeit des Umbruchs und der politischen sowie persönlichen Veränderungen in Mitteldeutschland wieder aufleben. Vielfältige Beiträge durch den MDR-Hörfunk und die Begleitung durch den umfangreichen Internetauftritt www.mdr.de/1990 runden die aufwändige Produktion ab und heben das Projekt auf eine multimediale Ebene.

Die Zeitzeugenerinnerungen Hans-Hubert Sängers sind im 2. Teil der Trilogie enthalten.

„1990 – Aufbruch zur Einheit. Unbekanntes aus Mitteldeutschland“
Teil 1: 24. August 2010
Teil 2: 25. August 2010
Teil 3: 31. August 2010
Jeweils 22:05 Uhr im MDR FERNSEHEN
www.mdr.de/1990

Text: Florian Berthold; Fotos: MDR

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