Orange-Typ mit Sehnsucht nach Blau

Hans Peter Reuter stellt im Jenoptik-Foyer aus.

„Ich habe mir Blau nicht ausgesucht, Blau hat sich mich ausgesucht“, sagt der Maler Hans Peter Reuter zur Beziehung zu „seiner“ Farbe. An die 40 Jahre sind es inzwischen her, dass gerade diese Farbe, die für Verlässlichkeit aber auch für Harmonie und Romantik steht, von ihm Besitz ergriff. Gemeinsam mit Quadrat und Raum bildet sie seitdem eine von drei Konstanten in seinen Arbeiten. Seine menschenleeren, oft großformatigen blauen Raumbilder sind Klarheit und räumliche wie seelische Tiefe gleichermaßen eingeschrieben. Mit „Kathedralen des Lichts“ sind sie verglichen worden, um ihre suggestive Anziehungskraft in Worte zu fassen. Dem Künstler selbst, der in den 1960er Jahren bei Emil Schumacher studierte und später über zwei Dekaden als Professor an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste lehrte, haftet seit Mitte der achtziger Jahre der Beiname „Der blaue Reuter“ an, als er begann, seine surrealistisch anmutenden Raumlichtarchitekturen in einem tiefblauen Ultramarin zu vermessen.

Viel gemein hat das jetzt im Jenoptik-Foyer des Ernst-Abbe-Hochhauses ausgestellte Werk mit diesen Be- und Zuschreibungen nicht, auf den ersten Blick zumindest. Das assemblagehafte Bild „Was von den Sternen übrig blieb“ bedient sich zwar ebenso dieses, wie er sagt, „dienstbaren Geistes“, spielt mit Raum und Licht und bricht doch aus der bisherigen Welt klar konturierter, quadratisch-gerasterter, zweidimensionaler Bildräume aus. Gleich „Trümmern eines kosmologischen Schaffensprozesses“, wie sie der Kunsthistoriker Dr. Dietmar Schuth ausmacht, breiten sich auf einer wandfüllenden Fläche chaotisch wirkende Strukturen aus unzähligen geometrischen Drei- und Vierecksformen aus, die indes von einem monochromen, ultramarinen Farbstrom gleichsam in wohlgeordnete Weltenbahnen gelenkt werden. Eingefangen in einem tiefen weißen Kastenrahmen schwebt die große blaue, zerklüftete Erscheinung gleichsam vor sich hin. Eingefangen, „geerdet“ quasi, wird auch das drängende Temperament des Künstlers selbst. Er sei ein Chaot, sagt Hans Peter Reuter von sich, farbpsychologisch ein Orange-Typ, doch mit einer inneren Sehnsucht nach Ruhe, Klarheit und Ordnung, einer Sehnsucht nach Blau.

Ganz irdisch hingegen gestaltet sich die Entstehungsgeschichte des Werks. Sie besteht aus Rest- und Bruchstücken, die Reuters 2002 geschaffene Rauminstallation „Kaiserblau“ im Kaisersaal des Reichstagspräsidentenpalais in Berlin hinterließ. Eine Galaxie von 7917 blauen, aus Leichtschaum gefertigten Würfelsternen hatte der Maler damals an die Wände des Saales projiziert. In die Vorgeschichte dieser Installation wiederum reiht sich die erste künstlerische Begegnung des 1942 in Schwenningen am Neckar geborenen Künstlers mit Jena und zur Jenoptik ein. „Eine meiner verrücktesten Arbeiten“, wie er sich heute erinnert, führte ihn bereits vor elf Jahren nach Jena. Auf Einladung des damaligen Jenoptik-Chefs Lothar Späth, mit dem er seit den 1980er Jahren freundschaftlich verbunden ist, ließ er bei laufender Fertigung in einer Produktionshalle der heutigen CyBio AG „Cyber-Sterne“ fliegen und löste den Raum mit einer scheinräumlichen Würfelprojektion in himmlische Sphären auf.

bis 31. Januar 2010
Foyer der JENOPTIK AG
Carl-Zeiß-Straße 1
Ernst-Abbe-Hochhaus

Öffnungszeiten:
Mo – Do 10 bis 17 Uhr
Fr 10 bis 15 Uhr

Text: Andreas Klossek
Fotos: Andreas Klossek;
Hans Peter Reuter: “Kaiserblau“, 2002, Kaisersaal des Reichstagspräsidentenpalais

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