Mit sportfreundlichsten Grüßen…

Die Sportfreunde Stiller sind wieder da, und das mit einer neuen Platte im Gepäck, die den Namen „New York, Rio, Rosenheim“ trägt. Am 22. April waren sie zu Gast in Jena und spielten im ausverkauften F-Haus vor euphorischem Publikum, welches sich sowohl an älteren Hits als auch an brandneuen Songs erfreuen durfte. Vor dem Konzert hatte Stadtmagazin07 die Möglichkeit, mit Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof über die Zeit der Pause und ihr jetziges Album zu sprechen.


Die Sportfreunde Stiller: Peter, Rüde, Florian

Nach sechs Jahren ohne Veröffentlichung bringt ihr nun Ende Mai euer neues Album „New York, Rio, Rosenheim“ heraus. Wie fühlt es sich an, wieder mit ganz neuen Songs im Gepäck aufzutreten?
Rüdiger Linhof: Für uns hat es sich gar nicht so angefühlt, als hätten wir sechs Jahre Pause gemacht. 2009 haben wir ja das „MTV Unplugged“-Album herausgebracht, in dem sehr viel Arbeit steckte. Im Anschluss daran waren wir auch noch ziemlich viel auf Tour. Außerdem hat jeder von uns eine Menge anderer Sachen gemacht. Flo z.B. hat ein Buch geschrieben. Ich habe eine Platte mit „Fiva Mc und dem Phantomorchester“ aufgenommen. 2011 war dann das erste Mal ein Jahr Pause. Jetzt fühlt es sich super an, wir sind wahnsinnig happy mit der Platte. Wir hatten einen guten Lauf beim Liederschreiben und freuen uns total auf die Konzerte im Sommer. Aber auch die kleinen Konzerte momentan sind total toll. Wir spielen ca. 6 bis 7 neue Lieder, die super ins Set reinpassen und sehr viel Spaß machen.

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?
Rüde: Das erste Mal haben wir Lieder im Oktober 2011 vorgestellt, von denen haben wir aber wieder ziemlich viele verworfen. Im Februar 2012 ging es dann richtig los – inspiriert auf einer Hütte in den Bergen, mit direktem Zugang zur Skipiste.

Das klingt idyllisch. Wer schreibt denn bei euch die Texte?
Rüde: Jeder liefert, aber zu unterschiedlichen Anteilen. Jeder äußert sich, muss Vorschläge bringen oder Alternativen nennen. Auch wenn die Alternative erstmal nur eine schlecht formulierte Idee ist, kann sie einen auf neue Wege bringen. Bei manchen Liedern stand der Text bereits komplett, z.B. bei „Festungen und Burgen“. Bei anderen Liedern wie „Hymne auf dich“, entwickelte er sich über Ideen von jedem Einzelnen, sodass der Text zum Schluss von allen dreien kam.

Du erwähntest bereits eure unterschiedlichen Projekte, die ihr neben den Sportfreunden Stiller hattet bzw. habt: Flo als Mitglied der Band „Harmful“ und Autor zweier Bücher, Du als Teil des „Phantomorchesters“ und Peter als Teil der Band „TipTop“. Gab es jemals die Angst oder den Gedanken, dass es mit den Sportfreunden Stiller mal nicht weitergehen könnte?
Rüde: Es gab schon eine Zeit, in der wir nicht wussten, wie wir anfangen sollten. Es standen viele Fragen im Raum, sodass wir beschlossen, uns alle mal eine Zeit lang in Ruhe zu lassen und zu sehen, was passiert. Das war auch cool, denn so hatte jeder die Möglichkeit, auf sich selbst zu schauen. Nach diesem Jahr haben wir uns dann alle wieder neu gefunden.

Wie seid ihr auf den Albumtitel „New York, Rio, Rosenheim“ gekommen?
Rüde: Zunächst hatten wir ungefähr 196 total miese Alternativen. (lacht) Dann kam aber doch so ein Lied um die Ecke, das uns echt gut gefiel: „New York, Rio, Rosenheim“. Wir dachten, dass es ein gutes Titellied ist, weil uns der Inhalt so gut gefällt. Es behandelt Angstthemen in der Gesellschaft: Egal, ob Finanzkrise oder Europakrise… man hat nur noch das Gefühl, dass es übermorgen vorbei ist – mir geht das zumindest so, wenn ich die Nachrichten sehe. Das Lied fordert dazu auf, dass sich die Leute, die ein Strahlen und eine positive Haltung in ihrem Leben haben, lauter zu Wort melden sollten – von New York über Rio bis nach Rosenheim.

Wie würdest Du euer neues Album beschreiben? Unterscheidet es sich in bestimmten Punkten von euren vorherigen Alben oder ist es eine Platte mit typischem Sportfreunde Stiller-Charakter?
Rüde: Ich glaube schon, dass es irgendwo typisch ist, aber dennoch sowohl textlich als auch musikalisch eine größere Bandbreite aufweist. Es geht wieder weg vom Unplugged und hin zum Dynamischen, so wie früher. Textlich reicht es vom totalen Feierlied („Unter unten“) bis hin zu „Festungen und Burgen“, wo es um das Thema Schmerz geht und darum, wie schwer es ist, über Verletzungen zu sprechen. Das sind wichtige Pole, in denen wir uns auch wiederfinden: als Typen, die einerseits durchaus ernst und klar durchs Leben gehen, andererseits sehr gerne feiern und das Leben wahnsinnig genießen.

Woher habt ihr die Inspirationen für die Texte genommen?
Rüde: Das meiste sind Beobachtungen, Dinge, von denen man liest, die man selber erlebt hat oder die einem Freunde erzählen. Ganz viele Texte haben eine persönliche Struktur wie z.B. „Hymne auf dich“. Dieser Text erzählt davon, dass man so viel Zeit damit verbringt, mit sich zu hadern, anstatt auch mal zu sagen, dass es total cool ist, was man da gerade macht. Es ist so nervig – man schaut immer auf das, was einem fehlt und feiert zu wenig das, was man hat.

Ist das auch etwas, woraus ihr als Band Kraft schöpft – zurückzublicken und euch auch mal gelegentlich auf die Schulter zu klopfen?
Rüde: Vielleicht ist es in dem Lied nicht unmittelbar auf die Band bezogen, sondern eher auf das Persönliche. Das kann sich auf alles beziehen, was man so macht. Aber klar bin ich auch stolz auf die Band. Wenn ich zurückschaue – uns gibt es seit mittlerweile 17 Jahren – dann finde ich es toll, dass ich so frei meine Ideen ausleben und mit so einer lustigen Truppe unterwegs sein kann. Aber eigentlich ist es eher eine Herzensangelegenheit – sich auch mal zuzugestehen, dass es cool ist, was man macht und wenn man das nicht so sieht, dann sollte man etwas anderes machen.

Hast Du einen Lieblingssong auf dem neuen Album?
Rüde: Ja, und zwar „Wunder fragen nicht“. Ich mag ihn, weil er so schön abgehoben und unbestimmt ist. (singt) „Das ist so eine Sache mit den Wundern, erst kommen sie nicht, dann überfallen sie dich, du brauchst dich nicht zu wundern, Wunder fragen nicht.“ Es ist ziemlich schwer zu beschreiben, wie es ist, von einer Schönheit oder Überraschung überwältigt zu werden. Das kann etwas ganz Stilles sein – auf der Wiese liegend in den Sternenhimmel zu schauen – dennoch ist es etwas Wundervolles. Ich fand es so schön, ein Lied über genau dies unbestimmt Schöne zu schreiben.

Bei dem Song „Es muss was wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)“ wechselt Flo vom Schlagzeuger zum Frontmann. Wird man Flo auch in Zukunft häufiger singen hören?
Rüde: Ja, Flo muss nach vorne, der ist so ne miese Rampensau. (lacht) Es ist super gewesen auf den Festivals, als er vorne gespielt hat. Bei dem Lied geht es um einen seltsamen Charakter, der völlig eitel und von sich überzeugt eine Frau aufreißen will. Er nimmt sie dann mit heim, in der zweiten Strophe lässt dann jedoch die Frau die Sau raus, dreht den Spieß also um, was eine große Überraschung für diese Person wird.

Ein weiterer Song eures neuen Albums trägt den Namen „Wieder kein Hit“. Verarbeitet ihr darin den Druck, als erfolgreiche und in den Medien präsente Band ständig neue Hits schreiben zu müssen?
Rüde: Nein, eigentlich hat es nichts mit dem Druck des Liederschreibens zu tun, sondern mit den Pflichten, bestimmte Dinge erledigen zu müssen. Bei uns ist es vielleicht das Liederschreiben, aber Hits zu schreiben, kann man sich eh nicht vornehmen. Dieser Refrain steht mehr stellvertretend für den Gedanken, wie schön es ist, eine Pflicht auch mal sausen zu lassen. Es sich einfach mal gemütlich zu machen und auf alles zu scheißen, was von einem erwartet wird. Ein Song mit Hippie-Charakter also… (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marlen Schernbeck

Bildrechte: Agentur

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