Lesestoff für die Dunkelzeit

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Clemens J. Setz: »Die Bienen und das Unsichtbare«

Weit mehr als nur ein erzählendes Sachbuch

Jede Geschichte hat einen Anfang. In Clemens J. Setz unlängst erschienenem Buch »Die Bienen und das Unsichtbare« nimmt diesen Platz eine Anekdote ein. Diese erzählt von einem Herrn Y, welcher sich eines Tages aus einer Laune heraus dafür begeistern lässt, sich von einer Zufallsbekanntschaft, die später abstreiten wird, ihn zu kennen, in Persisch unterrichten zu lassen. Wie sich zeigt, erweist sich Y hierbei als so talentiert und gelehrig, dass er die Sprache schon nach kurzer Zeit rundum beherrscht — so gut sogar, dass er alsbald beginnt, Gedichte auf Persisch zu verfassen — oder vielmehr vermeintlich persische Verse. Denn zu seinem eigenen Erstaunen und Entsetzen stellt sich heraus, dass jenes Persisch, dass ihm wie keine andere Sprache geeignet scheint, seine ureigenen Empfindungen in lyrische Worte zu kleiden, von niemandem verstanden wird — ja, dass sein ‘Persisch‘ mit dem echten Persisch überhaupt nichts gemein hat und dem Rest der Welt nichts anderes als eine unzugängliche, unverständliche Fantasiesprache ist — mit ihm als deren einzigen Sprecher. Die Erkenntnis, der Welt sein Innerstes nicht mitteilen zu können, treibt ihn mehr und mehr in die soziale Isolation und schließlich in den Wahnsinn…

Natürlich hat es seinen Grund, warum Clemens J. Setz gerade diese Geschichte seinem Buch voranstellt: In »Die Bienen und das Unsichtbare« geht der österreichische Schriftsteller mit Hang zur obsessiven Beschäftigung dem Faszinosum Kunst- und Plansprachen auf die Spur. Dem Wunsch folgend, der babylonischen Sprachvielfalt und daraus entstehender etwaiger ›Kommunikationsprobleme‹ etwas entgegenzusetzen, wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Versuche unternommen, eine der Völkerverständigung dienliche künstliche Weltsprache ins Leben zu rufen. Bis heute zählt man mehr als 900 artifizielle Sprachsystemprojekte — den meisten davon erging es jedoch nicht anders als dem vermeintlichen Persisch des Herrn Y: Sie existierten nur kurze Zeit, da sich (auf Dauer) einfach keine SprecherInnen finden wollten. Anders jene Plansprachen, denen Setz auf den Grund gegangen ist und die, von einer mitunter umfangreichen Sprachgemeinde gepflegt und am Leben erhalten, phantasievoll-klangvolle Namen tragen wie Klingonisch, Volapük, Talossa, Bliss-Symbolics, High Valyrian oder Lojban. Und natürlich das allseits bekannte Esperanto, 1897 vom polnischen Augenarzt Ludwig Zamenhof ins Leben gerufen — die erfolgreichste und wohl einzige der Kunstsprachen, welche so viel Anziehungskraft entwickelt konnte, dass sie heute sogar echte ›native speakers‹ vorweisen kann.

Als Literat, Dichter und Sprachenthusiast hat sich Clemens J. Setz jenen konstruierten Sprachen selbstredend nicht nur von ihrer jeweils historischen Seite her angenähert, sein Augenmerk vielmehr auf die mannigfachen, in den jeweiligen Kunstsprachen entstandene Zeugnisse lyrischer Schaffenskraft gelenkt, deren SchöpferInnen offenbar so sprach-, bild- und wirkmächtig zu dichten verstehen, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten wiederholt auch Plansprachen-DichterInnen für ihre lautmalerischen ›Kauderwelsch-Poeme‹ als KandidatInnen für den Literatur-Nobelpreis nominiert wurden.

Ergänzt um seine eigenen Erfahrungen, die er selbst in den vergangenen Jahren mit Volapük, Klingonisch und Co. in emsiger Feldforschung gemacht hat, lädt Setz uns in »Die Bienen und das Unsichtbare« zu einer ›Bildungsreise‹ ein, die wie schon so manches seiner Vorgängerwerke als elegante, höchst kurzweilige Mischform von Sachlichem, Erfundenem und Autobiografischen gestaltet ist. Geschickt und ganz offenkundig erfüllt von einer geradezu obsessiven Begeisterung fürs Thema verwebt er dabei sorgsam recherchierte Geschichtsexkurse mit eigenen Tagebucheinträgen und beispielhaften Plansprachen-Gedichtanalysen — und lässt uns, mal lustig, mal ernst, stets lehrreich, an seinen umfassenden Erkundungen jener noch weitgehend unerforschten Sprachlandschaften teilhaben, zu denen zweifellos die meisten unter uns ohne ihn, Clemens J. Setz, als begnadeten Führer wohl kaum jemals Zugang finden würden. Ein funkensprühendes, sehr persönliches und dankend entgegengenommenes Stück Literatur ist uns hier beschert worden — von einem der ohne Frage weiterhin ungewöhnlichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Danke, gern weiterempfohlen.

Clemens J. Setz
“Die Bienen und das Unsichtbare”
Suhrkamp, 416 Seiten (geb.)

Kommentieren ist momentan nicht möglich.