For all that… goodbye “lost.minds”!


Nach insgesamt fast achtjähriger Bandgeschichte kam es nun im Mai überraschend zur Auflösung der Jenaer Band “lost.minds”.

Ursprünglich 2004 als Projekt gestartet, entwickelte sich „lost.minds“ zu einer Band, die mit ihrem vielfältigen Klangbild zwischen Elektronik und Post-Rock einige musikalische Erfolge feierte. Als Quintett entstanden ihre ersten zwei EPs – „two“ (2009, in Jena aufgenommen) und „lost.minds“ (2010), die sie bereits in Berlin aufnahmen. Eine gemeinsame Polen- und Tschechien-Tour folgten sowie zahlreiche Support-Auftritte namhafter Bands.

Aufgrund örtlicher Distanz und musikalischer Differenzen kam es schließlich zur Trennung von einem der Mitglieder, Oliver Gehrmann (Gitarre, Synthesizer). So wurde aus dem Quintett ein Quartett, das auch die endgültige Formation von „lost.minds“ bleiben sollte, bestehend aus Martin Schröder-Zabel (Gesang, Gitarre, Synthesizer), Daniel Mattern (Keyboard, Synthesizer, Gitarre, Gesang), Michael Lang (Bass, Percussions) und Tobias Hubold (Schlagzeug, Percussions, Programmierung). 2011 erschien ihre dritte EP „ghost and echoes“, die mit sieben Titeln die bisher meisten und auch ausgereiftesten Songs aufweist. Aufgenommen wurde sie erneut in Berlin, jedoch dieses Mal gemastert von Marko Schneider, der unter anderem bereits mit „Blackmail“ zusammengearbeitet hat. Umso trauriger erscheint nun das Ende der Band, die noch so viele Pläne hatte und gerade in den Startlöchern ihrer Karriere stand. Anlass der Trennung ist die schwere Erkrankung eines der Mitglieder.

Als Abschiedstournee reisten sie für vier Konzerte erneut nach Polen, allerdings bereits nur noch zu dritt. Am 11.05.2012 standen sie zum letzten Mal zu viert auf der Bühne und verabschiedeten sich im Café Wagner von ihren Jenaer Fans sowie von all denjenigen, die auch von fern extra angereist waren, um „lost.minds“ ein letztes Mal spielen zu hören.

Kurz nach dem Abschiedskonzert erklärte sich Martin Schröder-Zabel zu einem abschließenden Interview bereit.

Nach häufigeren Konstellationsänderungen ward ihr schließlich seit 2010 als Quartett unterwegs. Sollte dies die endgültige Formation von „lost.minds“ sein?
Martin: Ja, auf jeden Fall! Seitdem wir zu viert sind, haben wir uns zum ersten Mal wirklich rundum wohl gefühlt und jeder hat gesagt: „Ok, es gibt im Moment wirklich keinen Song, den ich nicht mag oder den ich nicht spielen möchte.“ Und diese Stimmung war in den letzten 12 Monaten eigentlich durchgängig vorhanden.

Euren Sound kann man als eine Mischung aus Indie-Rock, Elektronik und Elementen des Post-Rocks beschreiben. Wie kam dieser Mix zustande? Treffen da unterschiedliche Musikgeschmäcker aufeinander?
Martin: Nein, das kann ich nicht sagen. Es ist schon so, dass wir einen relativ ähnlichen Musikgeschmack haben. Wir können uns zwar nicht auf besonders viele Bands einigen, die wir alle gut finden – außer Dredg z.B. – aber ansonsten würde ich schon sagen, dass elektronische Musik, Indie und Post-Rock drei Felder sind, in denen wir uns alle vier bewegen. Das macht es zum Glück alles ein bisschen einfacher.

Die Songs der neuen EP sind insgesamt eingängiger, fast schon poppig. Warum habt ihr das Vertrackte bei der neuen EP rausgenommen?
Martin: Zum einen liegt es vielleicht daran, dass wir damals noch zu fünft waren – wir hatten ja teilweise drei Gitarren und drei Synthesizer und jeder hat etwas dazu gespielt. Zum anderen hat uns das Komplizierte damals einfach mehr angesprochen, also Songs interessant zu gestalten mit vielen Parts. Ich denke, wir haben uns musikalisch ein bisschen anders entwickelt. Uns geht es mittlerweile mehr um einen langen, dynamisch stimmungsgeladenen Aufbau und darum, der Melodie mehr Platz zu geben – sie also in den Vordergrund zu stellen und einfach mal zu sagen: „Oh, das klingt jetzt zwar fast wie „Modern Talking“, aber es fällt keinem auf.

Wenn du an eure gemeinsame Zeit zurückdenkst, gibt es bestimmt viele Highlights. Gibt es trotzdem bestimmte Situationen, die besonders prägend waren?
Martin: Außergewöhnlich und toll waren komischerweise immer die Sachen, von denen wir es nicht erwartet hatten. Z.B. haben wir im Dezember in der recht kleinen Stadt „Brandenburg“ gespielt, südwestlich von Berlin, in einem Jugend-Kulturzentrum, in das ca. 200 Leute reingepasst haben. Der Laden war so voll und die Stimmung einfach unglaublich. Das war in der nahen Vergangenheit der beste Auftritt überhaupt. Dann gab es noch die Support-Auftritte für die schwedische Band „You Say France, And I Whistle“ in Leipzig sowie für „Kakkmaddafakka“ im Kassablanca, die auch Highlights waren sowie unser Konzert im Weißenfelser Schloß. Weißenfels ist eigentlich eine Stadt, an der man eher vorbeifährt und sich davon nicht wirklich etwas verspricht. Dann fährst du dahin – ohne jegliche Erwartungen – und wirst einfach total überwältigt. Ich habe generell bei diesen kleinen Städten das Gefühl, dass sie nicht so gesättigt sind und die Leute viel dankbarer und vor allem auch offener sind. Sie trauen sich z.B. einfach mal auf dich zuzugehen. Ich weiß auch nicht, manchmal habe ich das Gefühl, nur weil ich eine Gitarre umhabe, will mich danach keiner ansprechen. In Berlin z.B. ging es mir nach den ersten Auftritten ganz oft so.

Wie war es für euch in Jena? Hat für euch als Jenenser nicht alles in Jena begonnen?
Martin: Wir kommen alle aus dem Randgebiet von Jena. Wir sind zwar in Jena geboren, haben auch die ersten Jahre in Jena gewohnt, aber sind dann später ins Umland gezogen – in die Gegend um Kahla und Stadtroda. Da waren dann auch unsere ersten Auftritte bei Schulveranstaltungen etc. Als wir zwischen 2004 und 2006 als Band anfingen, war es unser oberstes Ziel endlich mal in Jena zu spielen, was dann auch relativ schnell geklappt hat. Der erste Auftritt war glaube ich im Rosenkeller, dann im Café Wagner und schließlich war es danach unser Ziel, im Kassablanca zu spielen und das hat dann ja auch irgendwann geklappt. Bei BandsPrivat haben wir auch zweimal gespielt, das war echt cool – beide Male. Aber irgendwann mussten wir dann auch endlich mal raus.

Euer Bandname „lost.minds“ sowie der Name eurer neuen EP „Ghost And Echoes“ lässt auf eine Art Gefühlswelt und viel Träumerei schließen. Geht es auch inhaltlich in euren Songs um diese Themen?
Martin: Ja, Träumereien und Phantasie-Geschichten spielten schon immer eine große Rolle – auch schon vor der EP „Ghost And Echoes“. Wir sind immer gerne auf der Schwelle zwischen Realität und Schein entlang balanciert. „Ghost And Echoes“ ist jedoch die erste Platte, auf der nun auch Themen zu finden sind, die offensichtlich persönlicher sind. Es geht dort hauptsächlich um Sachen, die wir alle in einer Art und Weise erlebt und die uns beschäftigt haben.

Zum Beispiel?
Martin: Beim Song „Ghost And Echoes“ geht es um einen Traum, den ich bereits einige Male hatte und in ähnlicher Art und Weise ständig träume. Bei dem Song „Never Stop A Beating Heart“ geht es um einen guten Freund von mir, was ich aber so direkt nie schreiben würde. Wir probieren die Erlebnisse mehr mit einer gewissen Geschichte zu verbinden oder mit Hilfe einer Traumwelt zu erklären.

Ihr ward ja gerade dabei nach drei EPs nun endlich ein ganzes Album aufzunehmen. Wie kam es dazu?
Martin: Für uns hat sich immer die Frage gestellt, ob es sich als Band, die alles selber macht, lohnt, ein komplettes Album mit 12 oder 13 Songs aufzunehmen. Ohne Label, bzw. Agentur, hat man keine Chance, in große Werbekampagnen reinzukommen und alle Angebote, die es bis zu diesem Zeitpunkt von Agenturen oder Labels gab, waren uns meist suspekt. Eine EP war somit für uns finanziell einigermaßen zu händeln und hat uns immer ganz gut gefallen. Jetzt hätten wir jedoch ein Label aus Berlin gehabt, mit dem wir gerne zusammengearbeitet hätten, genauer gesagt war schon alles fertig beschlossen.

Die Erkrankung von Daniel und die damit verbundene Auflösung von lost.minds kam somit eher überraschend? Also es war nichts, worauf ihr euch als Band bereits eine längere Zeit einstellen konntet?
Martin: Es hat sich erst seit der Dezember-Tour abgezeichnet, bei der Daniel nach Auftritten akute Kreislaufprobleme hatte und kräftemäßig regelrecht zusammengebrochen ist. Er hatte außerdem während der gesamten Tour starke Kopfschmerzen. Die Konzerte im Januar haben wir dann noch gespielt und den Rest jedoch absagen müssen. Für uns war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, was passieren wird. Es hat sich dann aber relativ schnell gezeigt, dass es nicht mehr weiter geht und Daniel eine lange Pause braucht, bestimmt ein paar Jahre, um sich wieder zu regenerieren.

…lost.minds ohne Daniel war ausgeschlossen?
Martin: Wir haben natürlich einen Moment darüber nachgedacht, weiterzumachen. Dafür gibt es lost.minds schon zu lange, um so schnell aufzugeben. Außerdem lief es gerade sehr gut und wir hatten alle viel Spaß daran. Aber wie ich es ja auch schon am Anfang sagte, das Quartett war einfach perfekt. Freundschaftlich sowieso, aber auch musikalisch und von den Abläufen her war es super. Man konnte sich aufeinander verlassen und das ist sehr wichtig in einer Band. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, ob man in einer Stadt wie Jena jemanden findet, der die ganzen Fähigkeiten von Daniel besitzt: Keyboard, Synthesizer, Gitarre, Gesang und dann auch noch Lust auf diese Musik. Auch die Freiheit und Spontaneität zu haben, kurz entschlossen an einem Montag nach Stuttgart oder nach Wien zu einem Auftritt zu fahren. Und in eine andere Stadt gehen, etwa nach Berlin, wo es sicherlich leichter wäre, jemanden zu finden, wollen wir nicht. Es ist gut so, wie lost.minds in der letzten Zeit gelaufen ist und wir möchten, dass es so in Erinnerung bleibt. Es soll halt gerade einfach nicht weitergehen, auch wenn es bitter für uns ist.

Wie geht es für euch drei musikalisch weiter? Habt ihr dennoch bestimmte Projekte?
Martin: Ja, ich spiele schon seit anderthalb Jahren bei der Band „Standek“, mit der wir 2009 zusammen durch Polen getourt sind. Als der Gitarrist damals dort ausgestiegen ist, bin ich als guter Freund zunächst mehr als Aushilfe für ein paar Auftritte eingesprungen und blieb dabei. Aber auch wir drei werden wahrscheinlich etwas Neues machen. Wir sind dabei auszuprobieren, ob wir zu dritt irgendetwas auf die Beine kriegen, das uns gefällt. Es soll anders werden, denn ich habe keine Lust, den lost.minds – Stil zu kopieren. Allerdings wird es sicher immer wieder passieren, da ich nach wie vor singen und die Texte schreiben werde, immer noch Gitarre und Synthesizer spielen werde und ich werde immer noch meine Töne ziehen, wie ich möchte (lacht).

Danke für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Interview: Marlen Schernbeck
Foto: Lost.Minds

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