Die ersehnte Rückkehr der davongeschlichenen Solidarität


Jarle Bernhoft ist ein Sänger, Multi-Instrumentalist und Komponist aus Norwegen, der mit Hilfe seiner Loop Maschine vielfältige Sounds kreiert und damit eine einzigartige und unkonventionelle Bühnenshow liefert. Bekannt als ’Ein Mann-Band’ begeistert er das Publikum sowohl mit seiner voluminösen Stimme als auch mit unterhaltsamen Geschichten. So auch bei seinem Konzert in der KulturArena Jena, das für viele Besucher ein Highlight war. Kurz vor dem Konzert stand er dem Stadtmagazin07 für ein Interview zur Verfügung – das wir in Erinnerung an einen scheinbar schon wieder ’Ewigkeiten’ zurückliegenden Musik-Sommer hier gern mit aufnehmen.

Deine musikalische Karriere begann 1996 zunächst als Mitglied der Band „Explicit Lyrics“ und anschließend der Band „Span“. Ihr zogt nach England und hattet großen Erfolg, vor allem mit eurem Album „Mass Distraction“ (2004). Warum kam es 2005 trotzdem zur Auflösung der Band?
Bernhoft:
Ich war mir zum Schluss ziemlich unsicher mit der ganzen Sache – wie ein blinder Mann, der nicht weiß, wohin der Weg führt. Wir spielten einige Konzerte in Norwegen und vermutlich zu dem Zeitpunkt, als wir wieder zurück nach England kamen, traf ich die Entscheidung, mit der Band aufzuhören. Wir waren außerdem müde – ich glaube wir spielten in dem Jahr insgesamt über 150 Konzerte – und wahrscheinlich wurde mir das alles zu viel.

War es auch eine musikalische Entscheidung mit der Band aufzuhören? Schließlich widmest Du dich jetzt fast ausschließlich dem Soul.
Bernhoft:
Ja, zu einem großen Teil. Als wir die Band gründeten, wollte ich tief in meinem Herzen einfach nur Musiker sein. Während der vier Jahre mit „Span“ veränderte sich mein Musikgeschmack und ich hörte fast ausschließlich Soulmusik – war jedoch Sänger in einer Rockband. Ich wollte meinem Hobby mehr Platz geben.

Hast Du bestimmte musikalische Vorbilder?
Bernhoft:
Ich würde heute nicht das tun, was ich jetzt mache, wenn es nicht „Sly & The Familiy Stone“ gegeben hätte. Ich erinnere mich noch daran, als ich sie zum ersten Mal hörte. Ich stand da wie angewurzelt, so als wären meine Füße in den Boden genagelt worden. Ein enormer Kick! Als Kind hörte ich natürlich auch viel Prince und Michael Jackson. In den späten 60ern und frühen 70ern passierten so viele coole Sachen in Amerika. Eine sehr dynamische Zeit mit vielen Bürgerrechtsbewegungen, wie z.B. der Gleichberechtigung der Geschlechter. „Sly & The Family Stone“ hatten Männer und Frauen in der Band und Leute mit sowohl afrikanischer als auch europäischer Herkunft. Einfach nur großartig! Oder Lewis Taylor aus England. Er veröffentlichte einige Alben und war so eigen und klassisch zugleich, vereinte Elemente von Soulmusik mit früher Britischer Popmusik. Ein für mich sehr inspirierender und einflussreicher Charakter.

Jetzt bist Du bekannt als ’Ein Mann-Band’. Genießt Du es alleine zu sein, oder vermisst Du auch manchmal die Band?
Bernhoft:
Das tue ich. Aber diesen Sommer konnte ich meine neue Band mit auf Tour in Norwegen nehmen. Es ist wie ein Solokünstler-Projekt mit einer Backing-Band. Wir sind insgesamt 12 Leute auf der Bühne. Mich faszinieren große Bands! Am liebsten würde ich zur Hälfte Konzerte mit der Band und zur anderen Hälfte Solo-Konzerte spielen. Ich denke, dass das Spielen mit der Band einen besseren Musiker aus mir macht. Die Kommunikation mit dem Publikum bei Solo-Konzerten ist jedoch fantastisch.

Wenn Du alleine auf der Bühne bist, geschieht alles live?
Bernhoft:
Das ist das Dogma der ganzen Sache, dass alles genau in dem Augenblick auf der Bühne geschehen soll. Ich nehme während des Konzerts viele Sachen mit meiner Loop-Maschine auf und kann dann mehrere Schichten darüber hinzufügen. Also passiert es auch, dass ein Auftritt ganz anders ist als der nächste.

Gibt es dennoch einen Plan für den Abend, oder lässt Du viel aus Zufall entstehen?
Bernhoft:
Beides. Es ist fast so, dass ich plane, nichts zu planen. Es ist etwas, das sehr eng mit dem Publikum verbunden ist. Wenn ich etwas ins Publikum sende und dort etwas vor sich geht – die Leute klatschen oder erhöhen das Tempo – dann finde ich das manchmal cool und schließe mich dem an.

Was für eine Botschaft möchtest Du den Leuten mit deinem Album „Solidarity Breaks“ vermitteln?
Bernhoft:
Hauptsächlich, dass Solidarität eine gute Sache ist (lacht). Solidarität war ein großes politisches Thema in den 80ern, aber seitdem hat sie immer mehr an Stellenwert verloren. Sie verschwand ganz leise. Norwegen ist ein Land mit viel Geld, einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote und insgesamt wenig Problemen. Dann fahre ich in andere Länder, z.B. nach Spanien oder Griechenland und sehe, dass dort etwas sehr falsch zu laufen scheint. Ich glaube, wenn wir an unsere Grenzen gestoßen werden, müssen wir herausfinden, ob wir nur mit den Fingern auf die vermeintlich Schuldigen zeigen, oder wir versuchen, gemeinsam etwas gegen die Probleme zu tun. Und ich glaube, dass zu viele Leute nur mit den Fingern auf andere zeigen. Das passiert immer und immer wieder. Ich finde es beängstigend, dass die Menschen nicht aus ihrer eigenen Geschichte lernen können.

Neben deinen zwei Studio-Alben “Ceramik City Chronicles“ (2008) und „Solidarity Breaks“(2011) hast Du bisher auch zwei Live-Alben veröffentlicht. Was hat es damit auf sich?
Bernhoft:
Ich habe die Vorstellung, nach jedem Studio-Album auch ein Live-Album zu veröffentlichen. Das erste Live-Album „1:Man 2:Band“ beinhaltet Solo-Songs und Songs mit der Band nach dem ersten Studio-Album. Das zweite Live-Album „Walk With Me“ ist eine Live-Aufnahme von zwei Konzerten, die ich in Oslo mit einem Sinfonieorchester zusammen gespielt habe. Es sind hauptsächlich Songs von „Solidarity Breaks“ und zusätzlich vier neue Songs darauf zu hören.

Hast Du bestimmte Ziele, die Du erreichen möchtest?
Bernhoft:
Kein endgültiges Ziel. Sehr langweilig – in etwa das, was Fußballtrainer sagen: Immer auf das nächste Match fokussieren. Ich glaube, dass ich wahrscheinlich mal große Ziele hatte, aber irgendwann fing ich an, mich auf die kleineren Dinge zu fokussieren. Mein einziger Wunsch ist es vor Leuten zu spielen, egal ob in einem großen Club oder in einem Wohnzimmer. Ich glaube nicht, dass die Leute einen Künstler in einem Club spielen sehen wollen, der eigentlich viel lieber in einem Stadium spielen würde. Er würde wahrscheinlich keine gute Show abliefern, weil er auf das nächst Größere wartet. Stell dir vor, du bist auf einem Date und die Person, die du datest, schreibt mit seinem nächsten Date (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Marlen Schernbeck
Foto: www.smile-shoots.de

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