7. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Andri Snær Magnason: »Wasser und Zeit« und »Lovestar«

Ein Isländer befasst sich mit der Zukunft

So thematisch breit wie Andri Snær Magnason muss man erst einmal aufgestellt sein: Der 47-jährige Isländer hat sich in seiner bisherigen Berufslaufbahn bereits als Regisseur, Umweltaktivist und viel gefragter Zukunftsvisionär hervorgetan, 2016 zudem als Kandidat für die isländische Präsidentschaftswahl aufstellen lassen und ist darüber hinaus – vielleicht auch an erster Stelle – auch noch als Dichter und Schriftsteller tätig. Und selbst da präsentiert er sich höchst wandelbar, verfasst heute Gedichte oder ein Kinderbuch, morgen einen satirischen Gesellschaftsroman und tags drauf ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch, oder auch gleich zwei – die, und das ist dann schon ein stückweit bemerkenswert, zu guter Letzt auch noch ‘funktionieren‘ und überzeugen, den ausführlichen Blick ins Buch sowie so manch ihm mittlerweile überreichten Literaturpreis wert sind.

Auf dem deutschen Buchmarkt sind in diesem Jahr zwei seiner Bücher veröffentlicht worden, die bis auf das gemeinsame Setting – Island in der Zukunft – unterschiedlicher kaum sein können: „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“, eine philosophisch anmutende, sehr persönliche Betrachtung der klimatischen Veränderungen, die unser Leben in immer stärkeren Maße beeinflussen und „Lovestar“, eine überbordend-fantasievolle, Erinnerungen an George Orwell oder Douglas Adams wachrufende Gesellschaftssatire.

Sorge um die Zukunft

Andri Snær Magnason muss nicht in die Karibik reisen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu sehen: 2014 verlor Island aufgrund der Erderwärmung mit dem Okjökull seinen ersten Gletscher, viele der aktuell noch 400 Gletscher sind auf einem ähnlichen Kurs und werden ebenfalls schmelzen. „Und all dies wird sich während der Lebenszeit eines Kindes abspielen, das heute auf die Welt kommt und wie meine Großmutter 95 Jahre alt wird“, weiß Magnason in „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“ zu berichten. „In den nächsten hundert Jahren wird sich das Leben auf der Erde grundlegend ändern. Gletscher werden schmelzen, der Meeresspiegel wird steigen, und der Säuregrad der Ozeane wird stärker zunehmen als in den letzten 50 Millionen Jahren. Diese Veränderungen beeinflussen das gesamte Leben – aller Menschen, die wir kennen, und aller Menschen, die wir lieben. Sie sind komplizierter als die meisten Dinge, mit denen wir uns normalerweise beschäftigen, größer als unsere gesamte bisherige Erfahrung, größer als die Sprache. Welche Wörter können ein Thema von dieser Größenordnung fassen?“

Der Isländer hat die Wörter schnell ausgemacht, die uns allen mittlerweile durchaus geläufig sind, aber aufgrund ihrer reinen Begrifflichkeit zu vage, zu wenig dringlich und fassbar bleiben – „Gletscherschmelze“, „Rekordhitze“, „Treibhauseffekt“, „Versauerung der Meere“ – und hat sie, um sie greif- bzw. unmittelbarer zu machen, stattdessen mit Geschichten seiner eigenen Verwandten, mit alten isländischen Mythen, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit auf persönlichen Begegnungen beruhenden Gesprächen mit dem Dalai Lama besetzt. Entstanden ist so ein einzigartiger, zutiefst persönlicher Appell Magnasons, unterhaltsam, berührend und mitreißend in seiner Präsentation, weitsichtig in seiner philosophischen Tiefe, hintergründig in seiner wissenschaftlichen Expertise. Gleichermaßen an die Politik wie an jeden Einzelnen von uns gerichtet, lässt „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“ weit über den vielleicht geplanten nächsten Island-Urlaub hinaus eines sehr deutlich zutage treten: Es ist tatsächlich höchste Zeit, zu handeln – wirklich zu handeln.

Andri Snær Magnason
„Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“
Insel Verlag, 304 Seiten (geb.)

Segen der Zukunft

Zum Handeln veranlasst sehen sich auch SigrÍður und Indriði in Andri Snær Magnasons ursprünglich 2002 erschienenen, bislang einzigen Roman „Lovestar“, der jetzt im Eichborn Verlag wiederveröffentlicht wurde. Denn in der zukünftigen Welt, in der dieses isländische Paar lebt, ist der Segen der Technik längst auch zum Fluch geworden: Mithilfe sogenannter Vogelwellen, die der geniale Wissenschaftler LoveStar mit einem speziellen, von ihm erfundenen Gerät zu kontrollieren vermag, lassen sich nicht nur problemlos Computer und andere Geräte vollumfassend aus der Ferne steuern, sondern – willkommener Nebeneffekt – auch Menschen: Werbung lässt sich mittels Vogelstrahlen zielgerichtet und direkt ins Bewusstsein der Konsumenten einpflanzen, Träume lassen sich auslesen, einem jeden Menschen der perfekte Partner bzw. die perfekte Partnerin zuweisen. Wie bequem und angenehm. Die Erfindung verleihen dem Erfinder und seinem gleichnamigen Unternehmen quasi über Nacht die Möglichkeit zur alleinige Weltherrschaft: Jede Kommunikation, alle Werbung, die gesamte Wirtschaft, alles unterliegt fortan der Steuerung von LoveStar – der, welch Wunder, weder Konkurrenz noch Widerspruch duldet. Doch ein junges Paar, SigrÍður und Indriði, die sich noch auf herkömmliche Weise ganz ohne Vogelstrahlen-Algorithmus ineinander verliebt haben, nun jedoch ‘auseinandergerechnet‘ werden, versucht sich der totalen Gleichschaltung zu widersetzen – um die eigene Liebe und ja, eigentlich auch die ganze Welt zu retten. Ganz klar, dass solch eine Geschichte in einem wüst-spektakulären Showdown enden muss…

Auch wenn es der Name des Buchs irgendwie suggerieren mag (Vogelwellen?): „Lovestar“ ist kein Trashroman – vielmehr eine ziemlich gelungene, vor einigen Jahren sogar für den renommierten Philip. K. Dick Award nominierte, tiefsinnige Gesellschaftsatire, die sich in ihrer dystopischen Vision im Bücherregal einerseits perfekt neben George Orwell, in der irre-überbordenden Zuspitzung der Handlung andererseits perfekt neben Douglas Adams einordnen lässt – erstaunlicherweise aber auch neben „Wasser und Zeit“ eine gute Figur macht und ihren Autor Andri Snær Magnason so insgesamt einfach gut dastehen lässt. Doppelter Lesetipp.

Andri Snær Magnason
„Lovestar“
Eichborn, 304 Seiten (Broschur)

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4. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Frank Schmolke/Marc O. Seng: »FREAKS. Du bist eine von uns«

Intensiv und unheilschwanger

Frank Schmolkes Graphic Novel „Nachts im Paradies“ war zweifellos eine der intensivsten Comic-Erfahrungen des vergangenen Jahres: Mit Tusche und Brush-Pen gezeichnet und in expressiven, stark verdichteten S/W-Bildern angelegt, die die Wirkmächtigkeit eines Film noir entfalten, erzeugte seine abgründige Geschichte eines Taxifahrers, dessen Leben innerhalb von drei Nächten völlig aus dem Lot gerät, einen gleichermaßen visuell wie auch erzählerisch enorm dichten Lesesog. Das fand auch Marc O. Seng, Schöpfer der vermeintlich ersten deutschen Superhelden-Netflix-Serie „FREAKS“ und fragte bei Schmolke an, ob dieser sich vorstellen könnte, parallel zur Filmfassung eine eigenständige Graphic Novel zu entwickeln. Schmolke, der nach eigenen Worten mit dem Superheldengenre, wie es in Amerika zelebriert wird, gar nichts anfangen kann, sagte tatsächlich zu – unter der Voraussetzung, dass er seine Version der „FREAKS“-Geschichte völlig unvereinnahmt allein auf Grundlage des Drehbuchs angehen dürfe, also ohne die Serie auch nur ausschnittweise gesehen zu haben – und auch ohne die Verpflichtung, eine mit dem Original identische Version zu entwickeln.

Eine gute Entscheidung, die, wie sich nun im jüngst veröffentlichten, gut 260 Seiten starken Comic zeigt, ein mehr als überzeugendes Ergebnis hervorgebracht hat: Mit kantigem Zeichenstil, knappem Strich und einer rohen Schwarz-Weiß-Anmutung, die nahezu durchweg von dunklen Schatten dominiert ist, erzählt Schmolke die Geschichte von Wendy – einer jungen Mutter, deren Leben seit Jahren von Psychopharmaka und Therapeutenbesuchen geprägt ist, die jedoch, als sie die Medikamente dann doch einmal absetzt entdeckt, dass dies unterdrückte Superkräfte in ihr freilegt, an denen sie schnell Gefallen findet – als urbane, wuchtig-düstere Superhelden-Mär mit sozialkritischen Anleihen, die weit davon entfernt ist, sich der gängigen klaren Trennung zwischen Gut und Böse zu unterwerfen. Völlig anders also als die klassischen Erzählungen vom maskierten Weltenretter, erwachsener auch als das poppig-bunte Netflix-Original. Bei der mitreißenden Wirkung, den diese Graphic Novel entwickelt, zu guter Letzt wahrscheinlich sogar die bessere Version.

Frank Schmolke/Marc O. Seng
„FREAKS. Du bist eine von uns“
Edition Moderne, 256 Seiten (Broschur)

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2. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Annie Ernaux: »Die Scham«

Befreiende Selbsterkundung

Wie der Großteil ihres literarischen Gesamtwerks ist auch der 1996 fertig gestellte und jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlichte Roman „Die Scham“ von Annie Ernaux stark autobiografisch geprägt. So manch unliebsame Kindheits- und Jugenderfahrung mögen der 1940 als Tochter zweier einfacher Leut (ungelernte Arbeiter mit kleinem Ladengeschäft und angeschlossenem Café) geborenen und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsenen französischen Schriftstellerin Anlass gewesen sein, in ihren Büchern grundsätzlich mit einem „Gedächtnis der Scham“ auf ihre persönliche Vergangenheit zurückzublicken. In dem 1996 fertig gestellten und jetzt bei Suhrkamp erstmals auf Deutsch veröffentlichten Roman wird die Scham jedoch zur letzten, ultimativen Wahrheit – die unmittelbar an ein über 44 Jahre zurückliegendes, singuläres Ereignis mit geradezu traumatischer Wirkung gekoppelt ist: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Wieder einmal hatte diese, so die eindrückliche Erinnerung Annie Ernaux‘, den vor sich hin schweigenden Vater unnachgiebig und anhaltend mit Nörgeleien bedacht, so lange, bis dieser vom Tisch aufsprang, seine Frau in die Vorratskammer zerrte, dort nach dem Beil auf dem Hackklotz griff – und glücklicherweise in letzter Sekunde doch noch zur Besinnung kam.

Gleich einer Zäsur besiegelte jener Beinahetotschlag von einem Tag auf den nächsten ihre Kindheit. Bis zu jenem 15. Juni 1952 waren für die kleine Annie alle Tage kindgerecht gleich schön und von wunderbar gleichförmiger Kontinuität geprägt – dieser Sonntag jedoch lässt sie das weitere Zusammenleben mit den Eltern zutiefst erschüttert und bodenlos „schambesetzt“ erleben. Gerade auch, weil sowohl Vater als auch Mutter beinahe sofort in die scheinbare ‘Normalität‘ allsonntäglicher Gewohnheiten zurückkehren, beinahe so, als ob überhaupt nichts vorgefallen sei: „Hinterher machten wir zu dritt eine Radtour aufs Land. Nach unserer Rückkehr öffneten meine Eltern wie jeden Sonntagabend die Kneipe. Wir haben nie wieder über den Vorfall gesprochen.“

Erst 44 Jahre später ist Annie Ernaux imstande, sich jenem Vorfall wieder zu nähern – und es ist trotz (oder gerade wegen) der ihr so eigenen, nüchtern-trockenen, sehr präzisen Erzählweise ergreifend mitzuerleben, wie sie das Geschehen von damals, das ihr ganz offensichtlich auch fast ein halbes Jahrhundert immer noch zusetzt, nun mit gereifterem Blick und in einem geweiteten Kontext, neu aufleben lässt, um es in einem Akt schonungsloser Selbsterkundung endlich mit all jenen persönlichen Gefühlen zu besetzen, die es ihr seinerzeit nicht möglich war, zum Ausdruck zu bringen.

„Die Scham“ ist ein weiterer wichtiger Baustein in Annie Ernaux‘ breit angelegter biografischer Spurensuche, der in seiner befreienden Vereinigung von Erinnerung und Reflexion eine berührende, intensive Lektüre offenbart.

Annie Ernaux
„Die Scham“
Suhrkamp Verlag, 110 Seiten (geb.)

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30. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Lesestoff für die Dunkelzeit

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Christine Wunnicke: »Die Dame mit der bemalten Hand«

Welterklärung anno 1762

Es ist bei weitem nicht das einzig Bemerkenswerte an den Romanen von Christine Wunnicke, aber doch ein recht hervorstechender Umstand: So augenscheinlich schmal eine jede ihrer Erzählung zwischen den Buchdeckeln daherkommen mag, sind diese dennoch stets derart prall mit Inhalt –also grandios skurrilen, bestens recherchierten historischen Geschichten, grandiosen Dialogen und kunstvollen, durch die Bank genial gezeichneten Porträts gefüllt, dass sie ‘wie von allein‘ das vermögen, was so manch anderes Romanwerk trotz Ziegelsteinumfang nicht vermag: Sie bergen in sich ein profundes, schieres Lesevergnügen – jedes Mal aufs Neue. Was unter anderem dazu geführt haben dürfte, dass Wunnickes neuestes Werk „Die Dame mit der bemalten Hand“ ebenso wie die beiden Vorgängerromane für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und die Autorin selbst jüngst erst den prestigeträchtigen Wilhelm-Raabe-Preis entgegennehmen durfte.

Für „Die Dame mit der bemalten Hand“ hat Christine Wunnicke ihren erzählerischen Blick neuerlich in die Vergangenheit gerichtet – um dieser die Geschichte um den Forschungsreisenden und Mathematiker Carsten Niebuhr aus dem Bremischen zu entlocken, der um 1760 mit dem Auftrag, die Schauplätze der Bibel zu vermessen, in den Orient reist, irgendwie vom Reisekurs abkommt, auf der vor Mumbai liegenden, nicht wirklich einladenden Insel Elephanta strandet und dort, wieder einmal vom Malariafieber befallen, in dem zufällig ebenfalls unfreiwillig auf dem Eiland gestrandeten persischen Astrolabien-Baumeister Musa nicht nur einen willkommenen Retter, sondern auch redseligen Gesprächspartner findet, mit dem er sich ganz wunderbar öst-westlich missversteht und streitet, aber auch zu manch neuer Erkenntnis gelangt …

In der für Wunnicke so typischen, lakonisch-reduzierten Erzählweise, die sowohl ihren Figuren als auch dem Leser viel wunderbar viel Raum für eigene Gedanken lässt, offenbart uns „Die Dame mit der bemalten Hand“ eine sonderbar offene, wunderbar tiefschichtige Geschichte, die in ihrer großartigen Kleinheit viel zu früh an ihrem Ende angelangt ist – so dass man einmal mehr nicht anders kann, als sich unweigerlich sofort nach einem weiteren, nächsten Wunnicke-Roman zu sehnen.

Christine Wunnicke:
„Die Dame mit der bemalten Hand“
Berenberg Verlag, 168 Seiten (geb.)

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26. November 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


Die neue Ausgabe 126: Dezember 2020 unseres Magazins finden Sie kostenlos an den gewohnten Auslagestellen und im Abo.

Viel Spaß beim Lesen!

Sie können diese auch in unserem Downloadbereich als PDF herunterladen.

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25. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Christian Guay-Poliquin: »Das Gewicht von Schnee«

Pageturner mit hypnotischer Sogwirkung

Kanada als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse – perfekte Gelegenheit, den deutschen Buchmarkt um ein paar unbekannte Namen zu bereichern, gerade auch aus der frankokanadischen Ecke. So der ursprüngliche Plan. Bekanntlich hat die Buchmesse stattdessen nur in schmalerer, digitaler Form stattgefunden – mit der Folge, dass so manch kanadische/r Autor/in immer noch hierzulande auf Entdeckung wartet. Auf keinen Fall unentdeckt bleiben sollte „Das Gewicht von Schnee“ von Christian Guay-Poliquin – auch, weil er als einer der vielversprechendsten Nachwuchsautoren Kanadas gilt, ebenso, weil sein Romanzweitling für seine bemerkenswerte, dunkel-hypnotische Sogkraft und die klare, stark verdichtete Erzählweise bereits eine ganze Riege an Literaturpreisen abgeräumt hat, insbesondere jedoch, weil frankophone BuchhändlerInnen aus aller Welt eben diesen kammerspielartig angelegten Roman quasi einhellig zu ihrem absoluten Lieblingsbuch 2019 erklärt haben. Mehr Empfehlung braucht es eigentlich nicht, um „Das Gewicht von Schnee“ auf die eigene Lektüreliste zu setzen, oder? Gut – ein paar Worte zum Inhalt sollten natürlich nicht fehlen: Der namenlose Erzähler des Romans sitzt fest, im doppelten Sinne. Nach einem schweren Autounfall wacht er mit kompliziertem Beinbruch in einem Dorf auf, das infolge eines landesweiten Stromausfalls und schier unaufhörlichen Schneefalls zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten wird. Nur widerwillig beschließt die Dorfgemeinschaft, den Gestrandeten zusammenzuflicken und fürs Erste bei sich zu behalten. Er wird der Obhut von Matthias übergeben, einem älteren Mann, der, gleichfalls vor Ort gestrandet, in einer kleinen verlassenen Waldhütte außerhalb des Dorfes wohnt. Für die Pflege des Verletzten stellt ihm die Dorfgemeinschaft einen Platz im einzigen Bus in Aussicht, der im Frühjahr Richtung Stadt starten soll, wenn der Schnee geschmolzen ist. Doch je länger die Wintertage andauern und je tiefer das Dorf im Weiß versinkt, desto ungewisser erscheint es, ob die beiden vom Schicksal zusammengeworfenen Männer ihre Zwangsgemeinschaft überleben werden … Pageturner! Kaufen, weiterempfehlen.

Christian Guay-Poliquin
„Das Gewicht von Schnee“
Hoffmann & Campe, 288 Seiten (geb.)

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23. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Clemens J. Setz: »Die Bienen und das Unsichtbare«

Weit mehr als nur ein erzählendes Sachbuch

Jede Geschichte hat einen Anfang. In Clemens J. Setz unlängst erschienenem Buch »Die Bienen und das Unsichtbare« nimmt diesen Platz eine Anekdote ein. Diese erzählt von einem Herrn Y, welcher sich eines Tages aus einer Laune heraus dafür begeistern lässt, sich von einer Zufallsbekanntschaft, die später abstreiten wird, ihn zu kennen, in Persisch unterrichten zu lassen. Wie sich zeigt, erweist sich Y hierbei als so talentiert und gelehrig, dass er die Sprache schon nach kurzer Zeit rundum beherrscht — so gut sogar, dass er alsbald beginnt, Gedichte auf Persisch zu verfassen — oder vielmehr vermeintlich persische Verse. Denn zu seinem eigenen Erstaunen und Entsetzen stellt sich heraus, dass jenes Persisch, dass ihm wie keine andere Sprache geeignet scheint, seine ureigenen Empfindungen in lyrische Worte zu kleiden, von niemandem verstanden wird — ja, dass sein ‘Persisch‘ mit dem echten Persisch überhaupt nichts gemein hat und dem Rest der Welt nichts anderes als eine unzugängliche, unverständliche Fantasiesprache ist — mit ihm als deren einzigen Sprecher. Die Erkenntnis, der Welt sein Innerstes nicht mitteilen zu können, treibt ihn mehr und mehr in die soziale Isolation und schließlich in den Wahnsinn…

Natürlich hat es seinen Grund, warum Clemens J. Setz gerade diese Geschichte seinem Buch voranstellt: In »Die Bienen und das Unsichtbare« geht der österreichische Schriftsteller mit Hang zur obsessiven Beschäftigung dem Faszinosum Kunst- und Plansprachen auf die Spur. Dem Wunsch folgend, der babylonischen Sprachvielfalt und daraus entstehender etwaiger ›Kommunikationsprobleme‹ etwas entgegenzusetzen, wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Versuche unternommen, eine der Völkerverständigung dienliche künstliche Weltsprache ins Leben zu rufen. Bis heute zählt man mehr als 900 artifizielle Sprachsystemprojekte — den meisten davon erging es jedoch nicht anders als dem vermeintlichen Persisch des Herrn Y: Sie existierten nur kurze Zeit, da sich (auf Dauer) einfach keine SprecherInnen finden wollten. Anders jene Plansprachen, denen Setz auf den Grund gegangen ist und die, von einer mitunter umfangreichen Sprachgemeinde gepflegt und am Leben erhalten, phantasievoll-klangvolle Namen tragen wie Klingonisch, Volapük, Talossa, Bliss-Symbolics, High Valyrian oder Lojban. Und natürlich das allseits bekannte Esperanto, 1897 vom polnischen Augenarzt Ludwig Zamenhof ins Leben gerufen — die erfolgreichste und wohl einzige der Kunstsprachen, welche so viel Anziehungskraft entwickelt konnte, dass sie heute sogar echte ›native speakers‹ vorweisen kann.

Als Literat, Dichter und Sprachenthusiast hat sich Clemens J. Setz jenen konstruierten Sprachen selbstredend nicht nur von ihrer jeweils historischen Seite her angenähert, sein Augenmerk vielmehr auf die mannigfachen, in den jeweiligen Kunstsprachen entstandene Zeugnisse lyrischer Schaffenskraft gelenkt, deren SchöpferInnen offenbar so sprach-, bild- und wirkmächtig zu dichten verstehen, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten wiederholt auch Plansprachen-DichterInnen für ihre lautmalerischen ›Kauderwelsch-Poeme‹ als KandidatInnen für den Literatur-Nobelpreis nominiert wurden.

Ergänzt um seine eigenen Erfahrungen, die er selbst in den vergangenen Jahren mit Volapük, Klingonisch und Co. in emsiger Feldforschung gemacht hat, lädt Setz uns in »Die Bienen und das Unsichtbare« zu einer ›Bildungsreise‹ ein, die wie schon so manches seiner Vorgängerwerke als elegante, höchst kurzweilige Mischform von Sachlichem, Erfundenem und Autobiografischen gestaltet ist. Geschickt und ganz offenkundig erfüllt von einer geradezu obsessiven Begeisterung fürs Thema verwebt er dabei sorgsam recherchierte Geschichtsexkurse mit eigenen Tagebucheinträgen und beispielhaften Plansprachen-Gedichtanalysen — und lässt uns, mal lustig, mal ernst, stets lehrreich, an seinen umfassenden Erkundungen jener noch weitgehend unerforschten Sprachlandschaften teilhaben, zu denen zweifellos die meisten unter uns ohne ihn, Clemens J. Setz, als begnadeten Führer wohl kaum jemals Zugang finden würden. Ein funkensprühendes, sehr persönliches und dankend entgegengenommenes Stück Literatur ist uns hier beschert worden — von einem der ohne Frage weiterhin ungewöhnlichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Danke, gern weiterempfohlen.

Clemens J. Setz
“Die Bienen und das Unsichtbare”
Suhrkamp, 416 Seiten (geb.)

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19. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Barbara Schmutz: »Brainstorming«

Hier werden Synapsen gezündet

Eigentlich hätte es Barbara Schmutz, die Autorin von »Brainstorming«, schon im Vorhinein ahnen können, dass die Aufgabe, der sie sich da angenommen hatte, den ursprünglich angedachten Rahmen bei weitem sprengen würde. Im Auftrage eines Schweizer Magazins sollte-wollte sie sich in einem etwas längeren Artikel allgemeinverständlich mit dem menschlichen Gehirn befassen: aktueller Stand der Forschung, faszinierende Aspekte, anschauliche Bilder inbegriffen – alles in fünfzig Fragen zum Thema verpackt. Doch je weiter die Schweizer Journalistin sich ins Thema einlas, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass es weit mehr als 50 Antworten bedürfen würde, um sich unserem Denkorgan in all seiner hochentwickelten Komplexität auch nur halbwegs anzunähern. Welch Wunder. Schon allein angesichts all der alltäglichen bzw. allnächtlichen Aspekte, die es hier zu klären galt – wie etwa: »Was passiert in unserem Gehirn, wenn uns etwas auf der Zunge liegt?« oder »Was macht unser Gehirn, wenn wir schlafen?« –und natürlich die Dauerbrenner-Hirnfrage schlechthin: »Wie entsteht Bewusstsein?«
Zu guter Letzt hat Schmutz 300 allgemeine und vertiefende Fragen zusammengetragen, für deren Beantwortung sie sich – nun ein Buchprojekt vor Augen – an SpezialistInnen aus den verschiedensten Teilgebieten gewandt hat: an Experten und Expertinnen fürs Gedächtnis, für Lernprozesse, für Schlaf, Neuroplastizität, Hirnchirurgie, Sucht, psychische Krankheiten, neurophilosophische Fragen und auch für das Zusammenspiel von Hirn und Darm. Siebzehn Männer und Frauen, denen sie jeweils einen Teil ihrer Fragensammlung vorlegte und die, egal ob Neurochirurg, Professorin für Neuroepigenetik, Gedächtnissport-Weltmeister, Schlafforscher, Experte für Lernprozesse, Psychiater oder Neurobiologin mit profund-detaillierten, erkenntnisreichen, weitsichtigen und vor allem zugänglichen Einsichtnahmen Rede und Antwort standen. Und das ist es auch, was »Brainstorming« neben seinem multiperspektivischen Ansatz unter all den anderen Büchern, die es über jenes faszinierende menschliche Wunderwerkzeug gibt, so besonders macht: Nicht bemüht wissenschaftlich, kompliziert und unzugänglich werden die jeweiligen Erkenntnisse ausgebreitet, sondern genau so, dass auch der Laie imstande ist, den Wissensschatz, den diese Interviewsammlung darstellt, zu erfassen – und lesend, also sein Gehirn aktiv nutzend, zumindest ansatzweise verstehen und begreifen lernt, wie dieses funktioniert. Lesetipp.

Barbara Schmutz
„Brainstorming“
Kein & Aber, 223 Seiten (geb.)

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18. November 2020 | Allgemein

Von Stadtmagazin 07

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16. November 2020 | Allgemein, Kultur

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Giulia Caminito: »Ein Tag wird kommen«

Zwei Brüder, unzertrennlich …

Giulia Caminito holt den Lesenden ihres jüngsten Romans »Ein Tag wird kommen« so unvermittelt wie effektiv ab — mit einem Schuss: Im Wald steht Nicola, blass und zitternd, und hält ein Gewehr auf seinen Bruder Lupo gerichtet. Bevor er abdrückt, bittet er ihn noch um Verzeihung… Diese rätselhaft anmutende Prolog-Szene wird später im Verlauf der Erzählung natürlich noch aufgelöst werden, bis dahin hat uns die in Italien seit längerem für ihr herausragendes Erzähltalent gepriesene Autorin aber schon längst weit in der Zeit zurück, tief hinein in ihre Geschichte geführt.

Serra de’ Conti, ein kleines Dorf in den italienischen Marken Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Hier lässt Caminito zwei Brüder aufwachsen, Nicola und Lupo Ceresa, deren Leben wie auch die Leben nahezu aller anderen Einwohner des Dorfes von harter körperlicher Arbeit geprägt ist. Als Halbpächter plagen sie sich tagein, tagaus auf den Feldern, in den Weinbergen und Olivenhainen, um am Ende doch wieder einen erheblichen Teil ihrer Ernte an den allmächtigen Padrone abgeben zu müssen. An eben jenem Machtgefüge hat Lupo, Sohn des Bäckers Ceresa, zu sägen begonnen. Aufsässig wie sein Großvater Giuseppe schließt er sich bereits in jungen Jahren den Anarchisten an, kämpft gegen die fortwährenden Ungerechtigkeiten der Mächtigen und die Bigotterie der Kirche. Daheim kümmert er sich überdies fürsorglich um seinen Bruder Nicola, beschützt diesen, der immer ängstlich und von zarter Natur so ganz anders geraten ist als er selbst, gegen alles und jeden. Doch gerade dieses Band zwischen den beiden Brüdern droht in Zeiten des aufkeimenden Faschismus zunehmend Risse zu bekommen — ausgerechnet wegen einer Lüge, die schon viel zu lange hinter Klostermauern versteckt liegt …

Kaleidoskopartig und in Sprachbildern von karger Schönheit erzählt Giulia Caminito die dramatische Geschichte zweier ungleicher Brüder, die im Glaube an eine bessere Zukunft in einen Strudel aus Anarchie und Schuld, Liebe, Hingabe und Verrat, Krankheit und politischen Umsturz geraten — und alles auf einen Schuss in einem dunklen Wald hinausläuft. Lektüretipp.

Giulia Caminito
„Ein Tag wird kommen“
Verlag Klaus Wagenbach, 272 Seiten (geb.)

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10. November 2020 | Allgemein

Genius Loci Supporter-Pakete

Von Stadtmagazin 07

Um die Wartezeit bis zum nächsten Festival ein wenig zu verkürzen und gut und sicher durch den Winter zu kommen, haben wir uns kurzfristig etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ab sofort gibt es eine limitierte Anzahl an Supporter-Paketen zu buchen. Damit ist nicht nur der Festivalzugang in 2021 zum gewünschten Timeslot gesichert, sondern es kann noch ein ganz besonderes Winter-Accessoire in der »Genius Loci Corona Edition« ausgewählt werden.

www.genius-loci-weimar.org/unterstuetze-glw/

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26. Oktober 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


Die neue Ausgabe 125: November 2020 unseres Magazins finden Sie kostenlos an den gewohnten Auslagestellen und im Abo.

Viel Spaß beim Lesen!

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27. September 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


Die neue Ausgabe 124: Oktober 2020 unseres Magazins finden Sie kostenlos an den gewohnten Auslagestellen und im Abo.

Viel Spaß beim Lesen!

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