26. November 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


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25. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Christian Guay-Poliquin: »Das Gewicht von Schnee«

Pageturner mit hypnotischer Sogwirkung

Kanada als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse – perfekte Gelegenheit, den deutschen Buchmarkt um ein paar unbekannte Namen zu bereichern, gerade auch aus der frankokanadischen Ecke. So der ursprüngliche Plan. Bekanntlich hat die Buchmesse stattdessen nur in schmalerer, digitaler Form stattgefunden – mit der Folge, dass so manch kanadische/r Autor/in immer noch hierzulande auf Entdeckung wartet. Auf keinen Fall unentdeckt bleiben sollte „Das Gewicht von Schnee“ von Christian Guay-Poliquin – auch, weil er als einer der vielversprechendsten Nachwuchsautoren Kanadas gilt, ebenso, weil sein Romanzweitling für seine bemerkenswerte, dunkel-hypnotische Sogkraft und die klare, stark verdichtete Erzählweise bereits eine ganze Riege an Literaturpreisen abgeräumt hat, insbesondere jedoch, weil frankophone BuchhändlerInnen aus aller Welt eben diesen kammerspielartig angelegten Roman quasi einhellig zu ihrem absoluten Lieblingsbuch 2019 erklärt haben. Mehr Empfehlung braucht es eigentlich nicht, um „Das Gewicht von Schnee“ auf die eigene Lektüreliste zu setzen, oder? Gut – ein paar Worte zum Inhalt sollten natürlich nicht fehlen: Der namenlose Erzähler des Romans sitzt fest, im doppelten Sinne. Nach einem schweren Autounfall wacht er mit kompliziertem Beinbruch in einem Dorf auf, das infolge eines landesweiten Stromausfalls und schier unaufhörlichen Schneefalls zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten wird. Nur widerwillig beschließt die Dorfgemeinschaft, den Gestrandeten zusammenzuflicken und fürs Erste bei sich zu behalten. Er wird der Obhut von Matthias übergeben, einem älteren Mann, der, gleichfalls vor Ort gestrandet, in einer kleinen verlassenen Waldhütte außerhalb des Dorfes wohnt. Für die Pflege des Verletzten stellt ihm die Dorfgemeinschaft einen Platz im einzigen Bus in Aussicht, der im Frühjahr Richtung Stadt starten soll, wenn der Schnee geschmolzen ist. Doch je länger die Wintertage andauern und je tiefer das Dorf im Weiß versinkt, desto ungewisser erscheint es, ob die beiden vom Schicksal zusammengeworfenen Männer ihre Zwangsgemeinschaft überleben werden … Pageturner! Kaufen, weiterempfehlen.

Christian Guay-Poliquin
„Das Gewicht von Schnee“
Hoffmann & Campe, 288 Seiten (geb.)

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23. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Clemens J. Setz: »Die Bienen und das Unsichtbare«

Weit mehr als nur ein erzählendes Sachbuch

Jede Geschichte hat einen Anfang. In Clemens J. Setz unlängst erschienenem Buch »Die Bienen und das Unsichtbare« nimmt diesen Platz eine Anekdote ein. Diese erzählt von einem Herrn Y, welcher sich eines Tages aus einer Laune heraus dafür begeistern lässt, sich von einer Zufallsbekanntschaft, die später abstreiten wird, ihn zu kennen, in Persisch unterrichten zu lassen. Wie sich zeigt, erweist sich Y hierbei als so talentiert und gelehrig, dass er die Sprache schon nach kurzer Zeit rundum beherrscht — so gut sogar, dass er alsbald beginnt, Gedichte auf Persisch zu verfassen — oder vielmehr vermeintlich persische Verse. Denn zu seinem eigenen Erstaunen und Entsetzen stellt sich heraus, dass jenes Persisch, dass ihm wie keine andere Sprache geeignet scheint, seine ureigenen Empfindungen in lyrische Worte zu kleiden, von niemandem verstanden wird — ja, dass sein ‘Persisch‘ mit dem echten Persisch überhaupt nichts gemein hat und dem Rest der Welt nichts anderes als eine unzugängliche, unverständliche Fantasiesprache ist — mit ihm als deren einzigen Sprecher. Die Erkenntnis, der Welt sein Innerstes nicht mitteilen zu können, treibt ihn mehr und mehr in die soziale Isolation und schließlich in den Wahnsinn…

Natürlich hat es seinen Grund, warum Clemens J. Setz gerade diese Geschichte seinem Buch voranstellt: In »Die Bienen und das Unsichtbare« geht der österreichische Schriftsteller mit Hang zur obsessiven Beschäftigung dem Faszinosum Kunst- und Plansprachen auf die Spur. Dem Wunsch folgend, der babylonischen Sprachvielfalt und daraus entstehender etwaiger ›Kommunikationsprobleme‹ etwas entgegenzusetzen, wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Versuche unternommen, eine der Völkerverständigung dienliche künstliche Weltsprache ins Leben zu rufen. Bis heute zählt man mehr als 900 artifizielle Sprachsystemprojekte — den meisten davon erging es jedoch nicht anders als dem vermeintlichen Persisch des Herrn Y: Sie existierten nur kurze Zeit, da sich (auf Dauer) einfach keine SprecherInnen finden wollten. Anders jene Plansprachen, denen Setz auf den Grund gegangen ist und die, von einer mitunter umfangreichen Sprachgemeinde gepflegt und am Leben erhalten, phantasievoll-klangvolle Namen tragen wie Klingonisch, Volapük, Talossa, Bliss-Symbolics, High Valyrian oder Lojban. Und natürlich das allseits bekannte Esperanto, 1897 vom polnischen Augenarzt Ludwig Zamenhof ins Leben gerufen — die erfolgreichste und wohl einzige der Kunstsprachen, welche so viel Anziehungskraft entwickelt konnte, dass sie heute sogar echte ›native speakers‹ vorweisen kann.

Als Literat, Dichter und Sprachenthusiast hat sich Clemens J. Setz jenen konstruierten Sprachen selbstredend nicht nur von ihrer jeweils historischen Seite her angenähert, sein Augenmerk vielmehr auf die mannigfachen, in den jeweiligen Kunstsprachen entstandene Zeugnisse lyrischer Schaffenskraft gelenkt, deren SchöpferInnen offenbar so sprach-, bild- und wirkmächtig zu dichten verstehen, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten wiederholt auch Plansprachen-DichterInnen für ihre lautmalerischen ›Kauderwelsch-Poeme‹ als KandidatInnen für den Literatur-Nobelpreis nominiert wurden.

Ergänzt um seine eigenen Erfahrungen, die er selbst in den vergangenen Jahren mit Volapük, Klingonisch und Co. in emsiger Feldforschung gemacht hat, lädt Setz uns in »Die Bienen und das Unsichtbare« zu einer ›Bildungsreise‹ ein, die wie schon so manches seiner Vorgängerwerke als elegante, höchst kurzweilige Mischform von Sachlichem, Erfundenem und Autobiografischen gestaltet ist. Geschickt und ganz offenkundig erfüllt von einer geradezu obsessiven Begeisterung fürs Thema verwebt er dabei sorgsam recherchierte Geschichtsexkurse mit eigenen Tagebucheinträgen und beispielhaften Plansprachen-Gedichtanalysen — und lässt uns, mal lustig, mal ernst, stets lehrreich, an seinen umfassenden Erkundungen jener noch weitgehend unerforschten Sprachlandschaften teilhaben, zu denen zweifellos die meisten unter uns ohne ihn, Clemens J. Setz, als begnadeten Führer wohl kaum jemals Zugang finden würden. Ein funkensprühendes, sehr persönliches und dankend entgegengenommenes Stück Literatur ist uns hier beschert worden — von einem der ohne Frage weiterhin ungewöhnlichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Danke, gern weiterempfohlen.

Clemens J. Setz
“Die Bienen und das Unsichtbare”
Suhrkamp, 416 Seiten (geb.)

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19. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

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Barbara Schmutz: »Brainstorming«

Hier werden Synapsen gezündet

Eigentlich hätte es Barbara Schmutz, die Autorin von »Brainstorming«, schon im Vorhinein ahnen können, dass die Aufgabe, der sie sich da angenommen hatte, den ursprünglich angedachten Rahmen bei weitem sprengen würde. Im Auftrage eines Schweizer Magazins sollte-wollte sie sich in einem etwas längeren Artikel allgemeinverständlich mit dem menschlichen Gehirn befassen: aktueller Stand der Forschung, faszinierende Aspekte, anschauliche Bilder inbegriffen – alles in fünfzig Fragen zum Thema verpackt. Doch je weiter die Schweizer Journalistin sich ins Thema einlas, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass es weit mehr als 50 Antworten bedürfen würde, um sich unserem Denkorgan in all seiner hochentwickelten Komplexität auch nur halbwegs anzunähern. Welch Wunder. Schon allein angesichts all der alltäglichen bzw. allnächtlichen Aspekte, die es hier zu klären galt – wie etwa: »Was passiert in unserem Gehirn, wenn uns etwas auf der Zunge liegt?« oder »Was macht unser Gehirn, wenn wir schlafen?« –und natürlich die Dauerbrenner-Hirnfrage schlechthin: »Wie entsteht Bewusstsein?«
Zu guter Letzt hat Schmutz 300 allgemeine und vertiefende Fragen zusammengetragen, für deren Beantwortung sie sich – nun ein Buchprojekt vor Augen – an SpezialistInnen aus den verschiedensten Teilgebieten gewandt hat: an Experten und Expertinnen fürs Gedächtnis, für Lernprozesse, für Schlaf, Neuroplastizität, Hirnchirurgie, Sucht, psychische Krankheiten, neurophilosophische Fragen und auch für das Zusammenspiel von Hirn und Darm. Siebzehn Männer und Frauen, denen sie jeweils einen Teil ihrer Fragensammlung vorlegte und die, egal ob Neurochirurg, Professorin für Neuroepigenetik, Gedächtnissport-Weltmeister, Schlafforscher, Experte für Lernprozesse, Psychiater oder Neurobiologin mit profund-detaillierten, erkenntnisreichen, weitsichtigen und vor allem zugänglichen Einsichtnahmen Rede und Antwort standen. Und das ist es auch, was »Brainstorming« neben seinem multiperspektivischen Ansatz unter all den anderen Büchern, die es über jenes faszinierende menschliche Wunderwerkzeug gibt, so besonders macht: Nicht bemüht wissenschaftlich, kompliziert und unzugänglich werden die jeweiligen Erkenntnisse ausgebreitet, sondern genau so, dass auch der Laie imstande ist, den Wissensschatz, den diese Interviewsammlung darstellt, zu erfassen – und lesend, also sein Gehirn aktiv nutzend, zumindest ansatzweise verstehen und begreifen lernt, wie dieses funktioniert. Lesetipp.

Barbara Schmutz
„Brainstorming“
Kein & Aber, 223 Seiten (geb.)

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18. November 2020 | Allgemein

Von Stadtmagazin 07

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16. November 2020 | Allgemein, Kultur

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Giulia Caminito: »Ein Tag wird kommen«

Zwei Brüder, unzertrennlich …

Giulia Caminito holt den Lesenden ihres jüngsten Romans »Ein Tag wird kommen« so unvermittelt wie effektiv ab — mit einem Schuss: Im Wald steht Nicola, blass und zitternd, und hält ein Gewehr auf seinen Bruder Lupo gerichtet. Bevor er abdrückt, bittet er ihn noch um Verzeihung… Diese rätselhaft anmutende Prolog-Szene wird später im Verlauf der Erzählung natürlich noch aufgelöst werden, bis dahin hat uns die in Italien seit längerem für ihr herausragendes Erzähltalent gepriesene Autorin aber schon längst weit in der Zeit zurück, tief hinein in ihre Geschichte geführt.

Serra de’ Conti, ein kleines Dorf in den italienischen Marken Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Hier lässt Caminito zwei Brüder aufwachsen, Nicola und Lupo Ceresa, deren Leben wie auch die Leben nahezu aller anderen Einwohner des Dorfes von harter körperlicher Arbeit geprägt ist. Als Halbpächter plagen sie sich tagein, tagaus auf den Feldern, in den Weinbergen und Olivenhainen, um am Ende doch wieder einen erheblichen Teil ihrer Ernte an den allmächtigen Padrone abgeben zu müssen. An eben jenem Machtgefüge hat Lupo, Sohn des Bäckers Ceresa, zu sägen begonnen. Aufsässig wie sein Großvater Giuseppe schließt er sich bereits in jungen Jahren den Anarchisten an, kämpft gegen die fortwährenden Ungerechtigkeiten der Mächtigen und die Bigotterie der Kirche. Daheim kümmert er sich überdies fürsorglich um seinen Bruder Nicola, beschützt diesen, der immer ängstlich und von zarter Natur so ganz anders geraten ist als er selbst, gegen alles und jeden. Doch gerade dieses Band zwischen den beiden Brüdern droht in Zeiten des aufkeimenden Faschismus zunehmend Risse zu bekommen — ausgerechnet wegen einer Lüge, die schon viel zu lange hinter Klostermauern versteckt liegt …

Kaleidoskopartig und in Sprachbildern von karger Schönheit erzählt Giulia Caminito die dramatische Geschichte zweier ungleicher Brüder, die im Glaube an eine bessere Zukunft in einen Strudel aus Anarchie und Schuld, Liebe, Hingabe und Verrat, Krankheit und politischen Umsturz geraten — und alles auf einen Schuss in einem dunklen Wald hinausläuft. Lektüretipp.

Giulia Caminito
„Ein Tag wird kommen“
Verlag Klaus Wagenbach, 272 Seiten (geb.)

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10. November 2020 | Allgemein

Genius Loci Supporter-Pakete

Von Stadtmagazin 07

Um die Wartezeit bis zum nächsten Festival ein wenig zu verkürzen und gut und sicher durch den Winter zu kommen, haben wir uns kurzfristig etwas ganz Besonderes ausgedacht: Ab sofort gibt es eine limitierte Anzahl an Supporter-Paketen zu buchen. Damit ist nicht nur der Festivalzugang in 2021 zum gewünschten Timeslot gesichert, sondern es kann noch ein ganz besonderes Winter-Accessoire in der »Genius Loci Corona Edition« ausgewählt werden.

www.genius-loci-weimar.org/unterstuetze-glw/

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26. Oktober 2020 | Allgemein

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27. September 2020 | Allgemein

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27. August 2020 | Allgemein

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28. Juni 2020 | Allgemein

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12. Juni 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Isabelle Autissier — „Klara vergessen“

Großer Fang: Isabelle Autissiers zweiter Roman

Wenn ein Verlag sich nach dem Meer benennt, ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn dieser mit seinen Veröffentlichungen auch inhaltlich stets nah an den verschiedenen Gewässern unserer Welt auf Fang geht. Geschichten, die das Meer erzählt, publiziert der mareverlag nunmehr schon seit mehr als zwanzig Jahren – sowohl Klassiker als auch Neuerscheinungen – und immer wieder gelingt es dem Hamburger Verlag, wirklich dicke Lesefische ins Netz zu bekommen. Man denke hier nur an John Griesemers Erfolgsroman „Rausch“ oder Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“. Neuester Fang: „Klara Vergessen“ von Isabelle Autissier – einer Frau, die wie kaum eine andere Autorin das Credo des Verlags – also die Leidenschaft zum Meer und jene zur Literatur in sich vereint. Von Kindesbeinen an mit dem Meer, dem Wind und den Wellen vertraut, stand für Autissier bereits im Alter von 12 Jahren fest: ihr Leben gehöre dem Meer gehört, mehr noch, eines Tages würde die Welt umsegeln würde – und zwar allein. 1991 nahm dieser Kindheitstraum tatsächlich Form an. Im Rahmen einer Einhand-Segelregatta gelang ihr 35-jährig als erste Frau überhaupt die Weltumrundung. Süchtig nach Meer wollte sie diese Glanztat 1995 und 1999 wiederholen – beide Male kenterte jedoch ihr Boot. Für die Französin kein Weltuntergang, aber offenbar ein Zeichen, ihre Lebenspläne ein wenig abzuwandeln: Isabelle Autissier wurde Festlandmensch, Vorsitzende des WWF Frankreich – und Schriftstellerin.

Gleich ihr erster Roman sorgte dafür, dass ihr Name fortan nicht nur in der Segelwelt Bekanntheit genießt, sondern auch unter Lesefreunden niveauvoller Literatur. Quasi aus dem Stand gelang ihr 2015 mit „Herz auf Eis“, das (natürlich) von einem Seglerpaar erzählt, welches auf einer einsamen Insel in Südgeorgien strandet, ein kleiner Sensationserfolg, der in seiner deutschen Fassung selbstverständlich im mareverlag veröffentlicht wurde. Und wie es sich so ‘anliest’, ist ihr mit dem Romanzweitling „Klara vergessen“ gleich der nächste große Wurf gelungen.

Murmansk am arktischen Ozean, unweit von Norwegen und Finnland und etwa 1500 Kilometer der russischen Hauptstadt Moskau gelegen. Von hier erhält Juri Bondarew (Professor für Ornithologie, Mitte 40) eine Nachricht, die ihn jäh aus seinem wohlsortierten Leben im nordamerikanischen Ithaca reißt. Eigentlich hatte er seine am russischen Polarmeer gelegene alte Heimat Murmansk, die er mehr als zwanzig Jahre zuvor erfüllt von Groll und Ablehnung verlassen hatte, nie wiederaufsuchen wollen. Doch nun steht er vor der Aufgabe, nicht nur seinem im Sterben liegenden Vater gegenüberzutreten, sondern auch seiner eigenen von Kämpfen, Schmerz und verzweifelten Hoffnungen geprägten Vergangenheit, die er meinte, mit seinem Weggang in die Vereinigten Staaten gut verpackt und auch endgültig zurückgelassen zu haben.

Wie sich zeigt, ist die Herausforderung, der Juri sich vor Ort angekommen stellen muss, sogar noch weitaus größer. Rubin, sein Vater, hat einen letzten Wunsch an ihn: Juri soll das Schicksal seiner Mutter, Juris Großmutter Klara aufklären, die eines Nachts im Juni 1950 vor den Augen des damals vierjährigen Rubin von der Geheimpolizei abgeholt wurde und von der seitdem nie wieder etwas gehört worden war. Zunächst eher widerwillig begibt sich Juri auf familiäre Spurensuche – und muss zu seinem eigenen Erstaunen erkennen, dass sein eigener Schicksalsweg mit dem seines Vaters und jenem seiner Großmutter tatsächlich enger verknüpft ist als er je ahnte …

Isabelle Autissier hat mit „Klara Vergessen“ eine drei Generationen überspannende multiperspektivische Familiensaga geschaffen, in der neben der wilden Natur Nordrusslands (und natürlich dem Meer!) vor allem dem Prozess des Erinnerns eine gewichtige Hauptrolle zukommt: ein ‘Protagonist’, der sowohl alte Wunden aufreißen lassen als auch Seelenfrieden verschaffen kann. Dies verschafft der gleichsam fesselnd und einfühlsam erzählten Geschichte einen Mehrwert, die diesen Roman letztlich weit über seinen reinen Unterhaltungswert lesens- und damit auch definitiv weiterempfehlenswert macht.

Isabelle Autissier
„Klara vergessen“
mareverlag, 304 Seiten (geb.)

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8. Juni 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Sara Mesa — „Quasi“

Der Schein, der Schein — er trügt

Ein ganz normales, fast vierzehnjähriges, pubertierendes, vielleicht etwas pummelige und den gängigen Teenager-Normen nicht ganz entsprechendes Mädchen kommt an ihrer Schule nicht zurecht: Von den Mitschülern wird sie gemobbt, von den Lehrern zur Mitarbeit und Integration in ein Klassengefüge genötigt, dessen Teil sie nicht sein will. Ein ganz normales, aber gemobbtes Mädchen versucht diesem peinvollen Schulalltag und den Gleichaltrigen, die ihr alles andere als lieb und nah sind, zu entfliehen, indem sie sich heimlich jeden Morgen hinter den dichten Büschen eines nur spärlich besuchten Parks versteckt und dort den Vormittag verträumt, bis es an der Zeit ist, den vermeintlichen Heimweg von der Schule anzutreten. Dort hat sie sich selbst ‘abgemeldet’, die Eltern wissen nichts davon – es sind mittlerweile mehrere Wochen vergangen.

Doch dann taucht in ihrer kleinen Rückzugswelt im Park eines Tages ein älterer, etwas verschroben wirkenden Mann im abgetragenen Anzug auf, der sich zum Glück als freundlich-schüchtern erweist, aber irgendwie nur seltsam daher redet, vor allem von Vögeln, die ihm die Welt bedeuten. Am nächsten, und auch an den folgenden Tagen und Wochen erscheint der Alte, wie sie ihn nennt, wieder im Versteck des Mädchens, nimmt in höflicher Distanz Platz, bringt kleine Aufmerksamkeiten mit – ein Handtuch zum Sitzen, eine Flasche Wasser oder eine Tüte Chips – und hört ihr zu. Fragt sie nicht aus, hört zu, während das Mädchen, das er Quasi nennt, da sie ihren eigenen Namen nicht mag, beginnt, von ihrem Außenseiterdasein in der Schule zu erzählen und davon, wie und wer sie eigentlich gern wäre: abenteuerlustiger, schöner, überhaupt fraulicher. Wenn er redet, dann zumeist über Vögel oder die Sängerin Nina Simone, deren Musik er liebt – aber irgendwie ist da auch noch mehr, etwas anderes, das in der Vergangenheit liegt und von ihm nur sehr widerwillig angedeutet wird: irgendwelche ‘falschen Verdächtigungen’, die ihm angelastet werden und ihn ähnlich wie sie in ein Außenseiterdasein gedrängt haben. Eben dieses Außenseiterdasein scheint an ihrem Zufluchtsort im Park wie verschwunden, hier finden beide Asyl vor den Beschwernissen ihres Alltags und ein Gegenüber, das sie so nimmt wie sie sind. Doch während die Tage ins Land gehen, realisiert das Mädchen mehr und mehr, dass ihre Zweisamkeit nicht von Dauer sein wird. Etwas wird geschehen und ihre Blase zum Platzen bringen …

Was die im deutschsprachigen Raum bislang eher unbekannte spanische Autorin Sara Mesa hier im Wagenbach Verlag vorlegt, ist ein Roman voller schleichender Doppelbödigkeit. Denn an und für sich erzählt „Quasi“ nur von der behutsamen Annäherung zweier Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, die nirgendwo dazugehören, aber in einem zufällig gefundenen Refugium ein gemeinsames Lebensgefühl teilen können: das dringende Bedürfnis, den Erwartungshaltungen und Zudringlichkeiten der sie umgebenden Welt zu entkommen. Gleichzeitig liegt bei aller vermeintlichen Harmlosigkeit, bei aller Zurückhaltung und Sensibilität, mit der diese Treffen zwischen dem Mädchen und dem Alten stattfinden, ein spürbares latentes Gefühl der Beunruhigung über dem Geschehen – ein Gefühl, dass etwas Unheilvolles, ja vielleicht sogar Bedrohliches passieren wird – passieren muss. Pubertierendes, sich in ihre eigene Fantasie flüchtendes Mädchen und verhaltensauffälliger Mann allein hinter Büschen im Park – das kann nicht gut gehen, oder kann es doch? Viel zu spät merkt man, dass dieses ‘ungute Gefühl’, jenes Misstrauen, nichts ist, das der Begegnung dieser beiden ungleichen Romanfiguren an sich entspringt, sondern von außen, von uns, dem Lesenden hineingetragen wird.

Natürlich ist diese subtile Anspannung, die uns beim Lesen dieses sehr geschickt gestrickten Kurzromans erfasst, der ‘Verdienst’ der Autorin Sara Mesa, die mit kleinen, feinen Hinweisen inmitten einer sonst sehr verhalten und diskret konturierten Prosa sowie einer bewussten Beschränkung der Erzählperspektive auf die vermeintlich naive Sicht des Mädchens eine Misstrauensreaktion provoziert, die wie von allein ihre Wirkung entfaltet. Allenthalben dürfte es allerdings weniger Sara Mesas Absicht gewesen sein, uns angesichts der Erkenntnis, dass wir den Alten völlig zu Unrecht verdächtigt haben, die Schamesröte ins Gesicht zu treiben, sondern vielmehr das Bewusstsein für unseren Umgang mit all jenen (gesellschaftlichen) Vorurteilen zu schärfen, die unsere Wahrnehmung der Welt prägen. Das ist ihr mit diesem literarischen Vexierspiel hervorragend gelungen.

Sara Mesa
„Quasi“
Wagenbach, 144 Seiten (Broschur)

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