29. Mai 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


Die neue Ausgabe 121: Juni 2020 unseres Magazins finden Sie kostenlos an den gewohnten Auslagestellen und im Abo.

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28. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Michael Kröchert — „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“

Ein spezieller Ort

Eines Tages vor gut zwei Jahren war der Autor und Fotograf Michael Kröchert mit seiner Familie auf dem Berliner Ring unterwegs. Der Anblick eines heute sichtbar seltener gewordenen Trampers weckte in ihm nicht nur Erinnerungen an seine eigene Tramperzeit als Jugendlicher, sondern brachte ihm auch einen Moment der Erkenntnis und Bewusstwerdung ein, wie — nennen wir es ‘vielfältig‘ — dieser Ort Autobahn doch ist. Ein Ort, den jeder kennt und mit dem jeder etwas anderes verbindet. Ein Ort, der Autoliebhaber und Autohasser verbindet. Ebenso Sonntagsfahrer und Berufskraftfahrer. Der für Reisen und Rasen steht. Für Genussfahrten und Stresstouren, Raststätten und Baustellen, ungewollten Stillstand und fortwährende Bewegung, Monotonie und gebahntes Chaos. Ein Ort, der zugleich Segen der Globalisierung und Fluch des Pendlers, gepriesenes Freiheitssymbol und Feindbild ist — ein Ort letztlich, der egal, ob pro oder contra, stets mehr Weg als Ziel ist und dadurch zum Unort geriert: Denn bleiben will hier niemand. Auch Michael Kröchert nicht, obwohl der Titel seines Buchs „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ die Vermutung nahe legt, er hätte tatsächlich 365 Tage auf jenem innerdeutschen 13.000 Kilometer umspannenden Asphaltnetz zugebracht.

Nein, das wäre vermutlich selbstzerstörerisch gewesen. Kröchert unternahm innerhalb von 13 Monaten insgesamt 16 verschiedene Trips auf und entlang der deutschen Autobahn. Zielstellung: das System Autobahn zu erkunden und in ihrem Facettenreichtum zu begreifen, um daraus hervorgehend schließlich ein wirklichkeitsnahes Bild der Autobahn zu zeichnen: Über spontane Begegnungen mit Menschen auf und an der Autobahn, ganz offen und ohne Vorurteile, nur von einer der jeweiligen Tour übergeordneten Ausgangsidee geprägt.

Zehn dieser teils wirklich originellen Touren haben schließlich Eingang in Kröcherts Autobahn-Erfahrungsbuch gefunden. So begibt er sich nicht nur auf nächtliche Tour mit der Autobahnpolizei fährt für die Erfahrung Autobahnvollsperrung infolge Verkehrsunfall extra ins autoreiche Ruhrgebiet oder begleitet einen Brummifahrer auf seiner Tour einmal längs durch Deutschland, um der ‘Romantik des Truckerdaseins‘ einmal nachzuspüren, sondern unternimmt auch eine 35-Kilometer-Wanderung auf einem (zu diesem Zeitpunkt) noch im Bau befindlichen Abschnitt der A94 bei München, besucht einen stillgelegten Autobahnabschnitt am Hambacher Forst, wo er zwischen die die Fronten von Polizei und Waldbesetzern gerät oder nimmt sich die Zeit, um einmal für einen Tag lang das Geschehen in einer der insgesamt 45 deutschen Autobahnkirchen zu beobachten. Nein, viel passiert dort nicht. Überhaupt merkt man schnell: Hier ist keiner auf der Jagd nach dem nächsten (Autobahn)Abenteuer, hier will auch keiner mit dezidierter Fachkenntnis zu Zu- und Bestand sowie exzessiven Exkursen zur Geschichte der deutschen Autobahn punkten — nein, Kröchert geht es ganz offensichtlich darum auszuloten, was die Autobahn den Menschen bedeutet. Und dort, wo diese sich weniger mitteilsam zeigen – was immer wieder passiert (die Autobahn ist schließlich kein allzu gesprächiger Ort) — noch häufiger aber auch, weil der Autor seinen eigenen Gedankenläufen im Reisereportagestil einfach freien Lauf lässt, setzt er sein eigenes erzählerisches ‘Ich‘ in den Vordergrund.

In der Folge erweist sich „Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“ als ein für manchen überraschend prosaisches ‘Sachbuch‘, in dem die eigentliche Sache, also die Autobahn zwar den inhaltlichen Rahmen vorgibt, dabei jedoch eng mit den persönlichen Erinnerungen, Gedanken und Eindrücken des Erzähler-Ichs verwoben ist. Wer nüchterne Fakten und Zahlen bevorzugt, den mag dies enttäuschen, wer sich indes an gut erzählten Geschichten übers Unterwegssein erfreuen kann, dem wird dieses Buch indes eine willkommene Bereicherung sein.

Michael Kröchert
„Autobahn — Ein Jahr zwischen Mythos und Alptraum“
Tropen/Klett-Cotta, 247 Seiten (geb.)

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25. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Jens Mühling — „Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer“

Lesend auf Reisen: Das Schwarze Meer von allen Seiten

‘Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen‘ ist zweifellos ein Sinnspruch, der aktuell weitestgehend seine Funktion verloren hat. ‘Verreisen‘ kann man während der aktuellen Corona-Pandemie eigentlich nur, indem man etwa die Fotosammlung vergangener Urlaube durchblättert, Mediatheken nach Reisedokus durchstöbert oder eben vielversprechende Reiseliteratur erkundet und dann mit dem geistigen Finger auf der Landkarte (ein weiterer Reise-Sinnspruch mit immerwährender Gültigkeit) in fremde Gefilde entschwindet – zum Beispiel ans Schwarze Meer.

Bekanntlich über den Bosporus bei Istanbul und die sich anschließenden Dardanellen mit dem Ostzipfel des Mittelmeeres verbunden, breitet jenes sich als Binnenmeer auf einer Fläche von mehr als 400.000 Quadratkilometern zwischen (Südost-/Ost-)Europa und (Vorder-)Asien aus und weist ‘wider Erwarten‘ eigentlich nur nachts – also dann, wenn alle Meere dieser Welt die gleiche ‘Farbe‘ haben – jenes Schwarz auf, das es im Namen trägt. Auch ist es eher arm an Inseln, hat dafür aber mit der Krim eine Halbinsel vorzuweisen, die mit mächtigem Ausmaß von Norden her weit ins Meer hineinragt und den Ausgangs- und Endpunkt von Jens Mühlings literarischer Erkundungsreise bildet.

Mühling (Jahrgang 1976), langjähriger Mitarbeiter des Tagesspiegels und Verfasser mehrerer Bücher über Osteuropa, hat sich, als Corona noch ferne Zukunft war, vorgenommen, das Schwarze Meer im Uhrzeigersinn zu umrunden und dabei alle sechs Anrainerländer zu erkunden: also Russland, Georgien, die Türkei, Bulgarien, Rumänien und die Ukraine. Oder sind es nicht eigentlich doch mehr? Der Reiseschriftsteller überlegt dazu ‘laut‘:„Sechseinhalb Länder sind es, wenn man Abchasien mitzählt […]. Sieben, wenn man Moldawien mitzählt, das alte Bessarabien, dem im Zweiten Weltkrieg die Küste abhanden kam […]. Siebeneinhalb, wenn man Transnistrien mitzählt, einem abtrünnigen Teil Moldawiens, der von Russland am Leben erhalten wird […]. Acht, wenn man Polen mitzählt, das alte Polen zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung […]. Achteinhalb, wenn man die Volksrepublik Donezk mitzählt, einen abtrünnigen Teil der Ukraine […]. Achteinhalb, wenn die Krim zur Ukraine gehört. Achteinhalb, wenn die Krim zu Russland gehört. Neun, wenn man die Krim lieber für sich stehen lässt. Neuneinhalb, wenn man das antike Ruinenreich der Griechen mitzählt […]“

Schon hier merkt man, dass es Jens Mühling in „Schwere See. Eine Reise ums Schwarze Meer“ nicht so sehr darum geht, die schönsten Schwarzmeerstrände auszukundschaften oder möglichst viele Panoramablicke aneinanderzureihen. Nein, der Osteuropa-Enthusiast will Land und vor allem dessen Leute kennenlernen, deren Blickwinkel und Perspektiven auf die sie umgebende (politische) Welt, ihre Einzelschicksale ebenso wie ihre gemeinschaftlich-kulturellen Sagen und Legenden erzählt bekommen. Besonders ist er dabei darauf aus, Angehörigen all jener ethnischen Minderheiten zu begegnen, die gerade in den verschiedenen Grenzgebieten des Schwarzmeerraums (etwa zwischen der Ukraine und Russland, Russland und Georgien, Georgien und der Türkei) immer wieder anzutreffen sind: Tataren und Mescheten, Zalker, Pontier und Kosaken, Abchasen, Tscherkesen und Pomaken. Viele davon Klein- und Kleinstethnien, die Dank Stalins rigoroser Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik und der damit einhergehenden Völkerwanderung auf eine leidvolle, bewegende und ziemlich bewegte Geschichte zurückblicken können. Mühling hört sich all diese Geschichten an und notiert sie: Abenteuer- und Kriegsgeschichten, Liebes- und Leidensgeschichten genauso wie Geschichten von Vertreibung und Rückkehr, Patriotismus und (Un)Versöhnlichkeit.

Bemerkenswert dabei, mit welcher Offen- und Unvoreingenommenheit er all diesen Menschen wahrhaftig unterschiedlichster kultureller Couleur gegenübertritt und es dabei stets dem Lesenden überlässt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Erstaunlich, meisterhaft und höchst willkommen, mit welch ausgeprägtem Spürsinn es ihm immer wieder gelingt, auch hinter die Fassaden zu blicken und tatsächlich interessante und erzählenswerte Geschichten aufzuspüren. Bemerkenswert auch, welch Trinkfestigkeit er bei all den vielfältigen Einladungen aufweist, denen viele der gesammelten Geschichten entspringen – und auf die er sich immer wieder völlig uneitel einlässt. Beachtlich überdies, welch Kenntnisse Mühling über all die verschiedenen Regionen, Kulturen und zugehörige Historien vorzuweisen hat und diese in einen unterhaltsamen Zusammenhang zu bringen versteht. Herausragend schließlich, mit welch sprachlicher Virtuosität er uns von all diesen zu erzählen weiß. Ihn auf dieser Meeresumrundung vom heimischen Sofa aus zu begleiten, lohnt sich wahrhaftig.

An der Uferpromenade von Jalta, so ziemlich am Ende dieser mitreis(s)enden Reisereportage steht Jens Mühling an einem Brunnen, dessen Becken die Form des Schwarzen Meeres hat und ist begeistert: „Fasziniert lief ich um den Beckenrand. In drei Schritten durchmaß ich die russische Kaukasusküste, in jeweils einem Abchasien und Georgien. Ich brauchte ein paar Sekunden für die ganze Länge der Türkei, ließ genauso schnell den Balkan und die Ukraine hinter mir und stand schließlich auf der kleinen Betoninsel, die vom Beckenrand krimförmig in die Mitte ragte.“ Es ist ein wahres Glück für uns, dass Mühling sich nicht für die Siebenmeilenstiefel-Variante entschieden hat, sondern alle Zeit genommen hat, die es brauchte (insgesamt fast ein ganzes Jahr!), um sich auf das Schwarze Meer, dessen Küstenbewohner, deren Geschichten und Schicksale einzulassen. Er hat uns damit ein fabelhaftes literarisches Reiseerlebnis beschert, das es vermag, uns die gegenwärtige coronabedingte Unmöglichkeit des Weltenbummelns für ein gutes Leseweilchen vergessen zu lassen. Lesetipp.

Jens Mühling
„Schwere See. Eine Reise um das Schwarze Meer“
Rowohlt, 314 Seiten (geb.)

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20. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Bram Stoker — „Der Zorn des Meeres“ und „Das Meerbuch“ — Illustriert von Quint Buchholz

Literarische Schmuckstücke

Neulich beim Literatur-Memory wurde es einmal mehr augenscheinlich, wie stark manch AutorIn mitunter auf ein einzelnes bestimmtes Werk ‘reduziert‘ wird: Leo Tolstoi? – „Krieg und Frieden“. Alfred Döblin? – Ganz klar: „Berlin Alexanderplatz“. Herman Melville? Natürlich „Moby Dick“. Joanne K. Rowling? Welch Frage – selbstverständlich „Harry Potter“. Die meisten anderen literarischen Kinder, die diese Autorinnen und Autoren hervorgebracht haben, scheinen im Schatten des jeweiligen opus magnum schlichtweg unterzugehen, in der Regel völlig unverdient. Dies scheint auch für Bram Stoker zu gelten. Oder bringen Sie den irischen Autor über seinen Legenden begründenden „Dracula“-Roman hinaus noch mit einem anderen literarischen Werk in Verbindung? Tatsächlich hat Stoker noch mehr als ein Dutzend weiterer Romane und Erzählungen veröffentlicht – von denen ein Großteil bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Leider. Denn was einem dadurch entgeht bzw. bislang entgangen ist, merkt man beispielsweise, wenn man die im Hamburger mare-Verlag jüngst erschienene (übrigens wunderbar gestaltete – Leineneinband, Pappschuber, Westentaschenformat) deutsche Erstausgabe der Erzählung „Der Zorn des Meeres“ in Händen hält, die Bram Stoker 1895, also zwei Jahre vor seinem großen Wurf „Dracula“, veröffentlichte. Zu diesem Zeitpunkt verbrachte Stoker, der mit seiner Familie in London lebte, die Ferien regelmäßig an der schottischen Küste und verbrachte, wie es kolportiert wird, regelmäßig Stunden damit, einfach nur aufs Meer zu schauen und die umgebende Landschaft zu verinnerlichen. Insbesondere die zerklüfteten Küstenabschnitte mit ihren Felsen und Buchten südlich von Aberdeen hatten es Stoker angetan – und sollten zum Schauplatz seiner Erzählung „Der Zorn des Meeres“ werden.
„Es drohte eine stürmische Nacht zu werden.“ – damit beginnt die Geschichte, die sich zwischen William Barrow, ein junger Offizier der Küstenwache, vor Ort allen nur als Sailor Willy bekannt und seiner Verlobten Maggie MacWirther, Tochter eines armen, verwitweten Fischers entspinnt und recht eindrücklich auf die nachfolgenden dramatischen Verwicklungen verweist. Denn Barrow hat einen Tipp erhalten, dass just in dieser Nacht mit der heimlichen Ankunft eines Schmugglerbootes in seinem Revier zu rechnen ist, was umgehend seinen Ehrgeiz weckt, dieses zu stellen. Als er Maggie davon erzählt, ahnt diese, dass ihr finanziell schwer angeschlagener Vater darin verwickelt sein könnte und bittet ihren Verlobten, im Fall der Fälle ein Auge zuzudrücken. Als dieser sich unbeirrbar in seiner Pflichterfüllung zeigt, entschließt sie sich, allein in einem Ruderboot auf die stürmische See hinauszufahren, um ihren Vater zu warnen …
Mögen die Charaktere, die Bram Stoker in dieser hoch melodramatischen Geschichte agieren lässt, mitunter auch etwas hölzern erscheinen, so erwächst das Meer umso mehr zu einem überaus lebendigen Neben- oder gar Hauptdarsteller, der die Handlung Welle für Welle vorantreibt und in seiner detailgetreuen, gischtsprühenden Darstellung als das erscheint, was es tatsächlich ist: eine allmächtige Naturgewalt. Mit „Der Zorn des Meeres“ ist Bram Stoker ein literarisches Schmuckstück gelungen, das auch 125 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch das Potenzial für einen Pageturner hat – und sich keineswegs scheuen braucht, neben dem Meisterwerk „Dracula“ ebenfalls mit seinem Namen in Verbindung gebracht zu werden.

Gerade mal einen Ticken größer und mit nicht minder gestalterischer Mühe und Hingabe versehen, präsentiert sich das just dieser Tage im Insel-Verlag erschienene „Meerbuch“ gleichermaßen als eine perfekte Ergänzung zu Bram Stokers ‘Meerbuch‘ wie auch als willkommener Trost für all jene, die dieser Tage eigentlich geplant hatten, eine kleine Auszeit am Meer zu verbringen, von Corona jedoch daran gehindert wurden, diese auch zu verwirklichen.
Wie es der Titel schon nahelegt, bringt einem dies Büchlein das Meer nach Haus – in Form verschiedener Geschichten und Gedichte, die Herausgeber Matthias Reiner in einem weiten Schwung aus der gesamten Literaturgeschichte zusammengesucht hat. Erstaunlich, wer sich da alles nacheinander die meerwassernasse Klinke in die Hand drückt: Axel Hacke übergibt an Marie Luise Kaschnitz, Homer an Walter Kempowski, Erich Kästner an Emily Dickinson und nach ihr an Daniel Defoe, Thomas Morus an Ingeborg Bachmann, Lutz Seiler und Christian Morgenstern. Auch wenn viele der Texte zwar bekannten oder zumindest bereits veröffentlichten Erzählungen und Romanen entnommen sind, verliert der kleine Erzählband dadurch kaum an Reiz – ganz im Gegenteil verleiht gerade diese Form der Zusammenstellung dem Sammelband den Charme einer zufälligen Begegnung am Strand, bei dem man sowohl auf gute, alte Bekannte als auch auf Neubekanntschaften trifft, die einen um eine persönliche Anekdote oder Eingebung zum Meer bereichern, und dann weiterzieht, um auf den nächsten Meeresfreund, die nächste Meeresfreundin zu stoßen …
Selbst für die passende maritime Kulisse ist während dieses literarischen Ausflugs gesorgt: Der Künstler Quint Buchholz hat „Das Meerbuch“ mit zahlreichen ganz- und doppelseitigen Illustrationen versehen, die in ihrem Abwechslungsreichtum all das aufs Wunderbarste visualisieren, was ein Aufenthalt an der See an Eindrücken eben so bereitzuhalten vermag. Nur für den authentischen Meersalzgeruch (bzw. -geschmack) muss man sich mit dem eigenen Salzstreuer ein wenig nachhelfen.

Bram Stoker
„Der Zorn des Meeres“
mare Verlag, 173 Seiten (geb.)

„Das Meerbuch“
Illustriert von Quint Buchholz
Insel-Verlag Berlin, 120 Seiten (geb.)

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11. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Tom Kummer — „Von schlechten Eltern“

Der Roman als Verlustanzeige

Bis zu jenem Tag irgendwann im Dezember 2018, an dem man den Journalisten Claas Relotius überführte, zahlreiche seiner mitunter sogar preisgekrönten Artikel inhaltlich ge- oder verfälscht zu haben, war es Tom Kummer, der beim Thema ‘Journalist und Fälscher‘ in der Google-Suchergebnisliste stets mit an erster Stelle erschien. Über mehrere Jahre hinweg hatte sich der Schweizer Journalist (Jahrgang 1961) Ende des vergangenen Jahrtausends, nun ja, darauf spezialisiert, von ihm geführte Interviews mit Promis aufzuhübschen – also aus vorhandenem Material neu zusammenzusetzen oder gleich gänzlich frei zu erfinden. Auch nachdem das Ganze mit einem großen journalistischen Krach im Jahr 2000 aufgeflogen war, lernte Kummer offenbar nur bedingt aus diesem ihm vorgehaltenen journalistischen Fehlverhalten: Immer wieder kam es zu Fällen, in denen ihm Ungereimtheiten in seinen Texten vorgeworfen wurden, immer wieder wurde ihm nachgewiesen, anderswo abgeschrieben, Fakten und Tatsachen doch ein wenig zu sehr überhöht oder verdreht oder diese gar frei erdichtet zu haben. Wiederholt versuchte Tom Kummer sich damit zu erklären bzw. zu rechtfertigen, dass es ihm in seinem Tun und Handeln nur darum ging, dem Journalismus in den Rang einer besonderen Kunstform zu verhelfen. So recht glauben wollte ihm das natürlich niemand.

Also, und damit kommen wir zum entscheidenden Entwicklungspunkt in Tom Kummers Leben, entschied sich der bisherige Journalist, dann eben fortan als ausgewiesener Romanautor zur Tat zu schreiten und die Sache einfach umzukehren: Fiktion erschaffen – und diese mit der Realität vermengen. Die Sache ging auf, mehr oder weniger sogar im doppelten Sinne: Von der Leserschaft wurde sein Romanerstling „Nina und Tom“, dessen Handlung Ereignissen aus Tom Kummers eigenen Leben entlehnt ist, im Großen und Ganzen wohlwollend aufgenommen. Manch Kritiker indes war erneut schnell mit Vorwürfen zur Stelle, unter anderem auch, um dem Autor vorzuhalten, dass einige der im Buch dargestellten Szenen sich in Wirklichkeit so nie abgespielt hätten – und verfing sich damit im Grundsatz jeglicher Fiktion: ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Also kein Abbild und keine Dokumentation des wahren Lebens. Immer er- und ausgedacht, egal wie vermeintlich nah an der Realität gebaut. Hier kann Autor Tom Kummer eben genau das ausleben, was ihm als Journalist verwehrt blieb: literarische Bildnisse der Welt nach seiner ureigenen Fasson erschaffen. Problematisch bleibt indes die Abschreiberei, die er offenbar nicht lassen kann. Gestohlen bleibt nun mal gestohlen – egal, welch postmoderne Kunstvorstellung auch damit verbunden sein mag.

Aber genug der Vorrede. Vor wenigen Wochen ist Tom Kummers neuer Roman „Von schlechten Eltern“ erschienen – und was soll man sagen: Tom Kummer hätte schon früher beginnen sollen, echte Fiktion zu schreiben anstatt Fingiertes als journalistische Wahrheit zu verkaufen. Erneut tritt der Schweizer Autor als einer in Erscheinung, der es versteht, seine Leserschaft gefühlvoll an die Hand zu nehmen und mit sanftem, aber keineswegs kraftlosem Zug durch einen Roman zu geleiten, in dem Traum und Wirklichkeit sehr vordergründig und auch ziemlich eng miteinander verknüpft sind.

Wer bereits seinen Debütroman gelesen hat, ist, was die Handlung anbetrifft, für „Von schlechten Eltern“ bestens vorbereitet: Tom Kummer nimmt inhaltlich den Faden wieder dort auf, wo er ihn in „Nina und Tom“ hat ausrollen lassen. Vater Tom kehrt nach dem Tod seiner Frau Nina mit einem seiner beiden Söhne in die alte schweizerische Heimat zurück und beginnt, sich als nachtaktiver VIP-Chauffeur zu verdingen. Nachts, während er internationale Führungskräfte oder afrikanische Diplomaten durch die Schweizer Bergwelt fährt, kann Tom sich am besten all jenen Erinnerungs-, Wunsch- und Trugbildern hingeben, die ihm die Trauer um seine verstorbene Frau auf die Frontscheibe seiner Limousine projiziert. Mal scheint sie, Nina, ihm etwas zuzuflüstern, mal scheinen die Äußerungen aus dem Fond der Limousine von seinen Fahrgästen zu kommen. Traum und Wirklichkeit sind vermischt, beide setzen dem trauernden Vater ziemlich zu. Kommt Tom morgens nach Hause, schafft er es gerade noch, Sohnemann Vincent für die Schule fertig zu machen, für den Rest des Tages flüchtet er sich am liebsten in den Schlaf – wenn dieser denn kommt. Und dann ist es gerade sein zwölfjähriger, mutterloser Sohn, der in seiner kindlich-jugendlichen Lebensfreude ein ums andere Mal versucht, ihn aus der Düsternis seiner Erinnerungsbilder hervorzulocken und ihm die entscheidenden Anstöße gibt, sich wieder für neue (Lebens)Perspektiven zu interessieren …

„Von schlechten Eltern“ ist wie ein Bluessong: Man weiß, dass einen nicht viel Heiteres erwarten wird. Lässt man sich dennoch darauf ein, erwartet einen ein Erzählwerk voller Melancholie und Schönheit – eine als Roman verfasste, mitreißend und authentisch gefasste Verlustanzeige. Gut gemacht, Tom Kummer.

Tom Kummer

„Von schlechten Eltern“

Tropen/Klett-Cotta-Verlag, 245 Seiten (geb.)

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11. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Ludger Weß — „Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas“

Klein, aber oho

Sie tragen Namen wie Thiomargarita namibiensis, Chromulinavorax destructans, Propionibacterium freudenreichii, Clostridium autoethanogenum oder Serratia marcescens und gehören zu den ältesten Bewohnern unserer Erde gehören: Bakterien. Denn auch wenn es angesichts derzeit stark auftrumpfender Corona-Viren derzeit vielleicht nicht den Eindruck vermitteln mag, gehört die Welt seit eh und je den Bakterien oder auch „Prokaryonten“, wie sie in der Welt der Wissenschaft genannt werden. Was sie alle eint, ist ihr Aufbau: Bakterien sind grundsätzlich und immer Einzeller, Zellen ohne Kern. Alles andere Leben auf dem Planeten, egal ob Mensch, Tier, Pflanze, Alge oder Pilz, kann diesen Zellkern vorweisen. Bakterien sind damit ziemlich besondere Lebewesen – was den 1954 geborenen Ludger Weß schon in frühester Jugend dazu verleitet hat, sich für Molekularbiologie im weitesten Sinne zu begeistern, später Chemie und Biologie zu studieren, nachfolgend im Bereich molekulare Entwicklungsbiologie zu forschen und schließlich nicht nur diverse Fachbücher, sondern auch verschiedene Romane zu verfassen, in denen jene kleine ‘Krabbeltiere‘ selbstverständlich die Hauptrolle einnehmen. Für die von Judith Schalansky herausgegebene Naturkunden-Reihe hat er nun einen kleinen Atlas beigesteuert, der überaus zugänglich und informativ-unterhaltsam-aufschlussreich ins Thema einführt – und das Zeug hat, so manchen Leser gänzlich neu für die Welt der Bakterien zu begeistern.

Eingerahmt zwischen eine Einführung, die ausführlich auf das Wie-Was-Wo-Warum des Bakteriums eingeht, und ein erhellende Ausblicke vermittelndes Nachwort gewährt Ludger Weß in „Winzig, zäh und zahlreich – ein Bakterienatlas“ anhand von 50 Einzelporträts einen wahrlich faszinierenden Einblick in den Kosmos dieser unscheinbaren, aber wirkmächtigen Kleinstlebewesen. Unterteilt in sechs thematische Untergruppen ist die Auswahl der Bakterienporträts dabei von ihm so getroffen, dass sie nicht nur die enorme Bandbreite derer jeweiligen Lebensweisen oder Lebensräume aufzeigt, sondern auch deren Verortung auf der ‘Nutzen-Unnutzen-Skala‘ für den Menschen. Denn nicht jedes Bakterium ist per se schlecht für den Menschen.

Wer sich tatsächlich wundern sollte, warum es ‘nur‘ 50 Porträts ausgewählter Bakterien sind: Etwas anderes als eine Auswahl für seinen Atlas zu treffen, blieb Weß gar nicht übrig. Schließlich geht man gut 350 Jahre nach der erstmaligen Beschreibung eines Bakteriums heute davon aus, dass die circa 14.000 bislang katalogisierten Bakterien gerade einmal einen winzigen Bruchteil aller auf der Erde existierenden Bakterienarten bilden. Autor Ludger Weß wagt diesbezüglich sogar eine vorsichtige Schätzung und beziffert die Summe aller weltweit vorhandenen Bakterienarten – wohlgemerkt der Arten – auf etwa eine Billion. Mehr als es in unserer Galaxie Sterne gibt …

Auch wenn sich der Wissenschaftshistoriker in seiner Auswahl in der Folge von persönlichen Präferenzen und Vorlieben leiten lässt, ist die Bandbreite der Bakterien, die er in seinen gleichermaßen lebendig wie stets auch irgendwie sympathisch wirkenden Einzelporträts vorstellt, so groß, dass man kaum aus dem Staunen kommt, wie vielfältig diese Kleinstlebewesen doch geraten sind. Man nehme da nur etwa jene wahrhaftig zähen Überlebenskünstler, die selbst unter extremsten Bedingungen noch (über)leben können: nicht nur in der Tiefe der Weltmeere oder in der Stratosphäre, sondern auch in Säure oder Lauge, gar im Kühlwasser von Kernreaktoren. Bemerkenswert auch ein kälteliebendes Bakterium namens Colwellia psychrerythraea, ein wahrhaft kälteliebendes Bakterium, das sogar noch bei Temperaturen von minus 196 Grad Celsius Stoffwechselaktivitäten aufweist. Oder dessen Gegenpart, das wärme- und hitzeliebende Paenibacillus xerothermodurans, welches es gar nicht heiß genug zu bekommen scheint und sich auch schon einmal im Treibstofffeuer einer startenden Rakete ‘sonnt‘.

Porträtiert werden im „Bakterienatlas“ selbstredend auch Vertreter jener Bakteriengruppe, die als nützliche Helferlein in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen (dies offenbar ziemlich regelmäßig: etwa ein Drittel aller Lebensmittel wird heute mit Hilfe von Bakterien fermentiert) und natürlich ebenfalls jene, die uns alles andere als nützlich, ja höchst unwillkommen sind: bakterielle Krankheitserreger. Unter jenen – Weß zufolge umfassen diese etwa 1.400 Arten – findet sich unter anderem auch das hier porträtierte, hochgefährliche Anthrax-Bakterium Bacillus anthrasis oder jenes ‘nimmersatte‘ Pest-Bakterium Yersinia pestis, das im 14. Jahrhundert für eine Pestpandemie sorgte, die vermutlich gut die Hälfte aller Europäer dahinraffte. Dagegen nimmt sich das Coronavirus bei aller Tragweite, das dieses für uns hat, wie ein kleingeratener schlechter Scherz aus.

Natürlich verdient eine solch imposante, lebendige Bakterienschau auch eine entsprechende grafische Darstellung. Die liefert Falk Nordmann – mit quasi mikroskopischen Illustrationen, die uns diese doch irgendwie sehr fremde Welt in einen farbenfrohen Mikrokosmos verwandelt, auch wenn jener sich nur schwer mit dem gängigen Bild vereinen lässt, welches wir von der Natur um uns herum haben. Mal erscheinen sie stäbchenförmig, mal kugelrund, mal benesselhaart oder bewimpert, mal einzelgängerisch, mal im Verbund: Nordmann lässt mit seinen fantastisch geratenen Porträts eindrücklich erkennbar werden, dass Bakterien nicht nur in Funktion und Lebensweise, sondern auch in Form, Gestalt und Farbe eine enorme Variabilität mit den verschiedensten (Charakter)Typen aufweisen können. Das macht Eindruck und den „Bakterienatlas“ in seiner Gesamtheit sowie im allerbesten Sinne zu einem großen Bildungsspaß!

Ludger Weß

„Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas“

Matthes & Seitz, 280 Seiten (geb.)

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3. Mai 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Rüdiger Nehberg — „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“

Der letzte Streich

Im ersten Moment fühlte es sich an wie ein verspäteter Aprilscherz: An dem Tag, an dem seine Autobiografie die Redaktion erreichte, starb Rüdiger Nehberg – Konditor, Survival-Experte, Aktivist für die Menschenrechte. Am 1. April 2020 ging für ‘Sir Vival’ ein 85 Jahre währendes Leben zu Ende; sein Buch „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen – Ein abenteuerliches Leben“ erwächst damit zum finalen Schlusspunkt, zum letzten (literarischen) Kapitel einer an Abenteuern schier überbordenden, stets unter dem (buchtitelgebenden) Motto „Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“ geführten Lebensgeschichte.

Was hat man nicht alles schon über „Rüdi Rastlos“ – wie er sich selbst auch gern nannte – gehört, gelesen, gesehen, irgendwann einmal aufgeschnappt. Rüdiger Nehberg, der mit 17 Jahren nach Marokko radelt. Rüdiger Nehberg, der Ende der 1960er das ‘Survival-Training’ nach Deutschland importiert und in den folgenden Jahrzehnten dem Wort ‘Abenteuer’ eine völlig neu(zeitlich)e Dimension verleiht. Rüdiger Nehberg, der die Wüste Danakil zu Fuß durchquert und sich im australischen Outback auf einen Wettlauf mit einem Ausdauersportler und einem Aborigine einlässt. Rüdiger Nehberg als Deutschlandwanderer, der in 24 Tagen am Stück 1.000 Kilometer längs durchs Land läuft – ohne Geld, ohne Nahrung. Rüdiger Nehberg, der erst auf einem Tretboot, danach mit einem Bambusfluss und schließlich noch ein weiteres Mal in einem Einbaum den Ozean überquert – nicht einfach nur, um zu zeigen, dass er es als ausgewiesener Survivalexperte einfach kann, sondern grundsätzlich und an erster Stelle als Menschenrechtsaktivist, der zu solch Aufsehen erregenden Aktionen greift, um auf Missstände und Nöte anderer aufmerksam zu machen, die sonst nicht weiter beachtet, weiter geduldet und weiter ignoriert werden würden – wie etwa die drohende Ausrottung der indigenen Volksgruppe der Yanomani im brasilianisch-venezolanischen Urwald. Wie etwa die seit Jahrhunderten praktizierte Beschneidung der Genitalien weiblicher Minderjähriger. Zwei Jahrzehnte hat Nehberg mit seinem Verein „TARGET e.V.“ um eine Beseitigung dieser Missstände gekämpft (erfolgreich!), in der Folge ist es auch kaum überraschend, dass gerade diese ihm zur Lebensaufgabe gewachsene Mission gut die Hälfte des Buches einnimmt.

Mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber auch geprägt von der für ihn typischen augenzwinkernden Unverdrossenheit berichtet Nehberg ausführlich vom Werdegang eines mühsamen Kampfes gegen eine ‘Tradition’, die bereits Abertausende von Frauen in ein Leben voller Qualen gestürzt hat – und von den wahrhaftigen Erfolgen, die er hierbei mit dem ihm eigenen Geschick und sicher auch auf Grundlage jener Zähigkeit und Ausdauer, die er während eines langen abenteuerlichen Lebens erlangte, mittlerweile errungen hat.

Was für ein packender finaler Lebensbericht – was für ein unterhaltsamer Autobiograf. Fast ist es zu bedauern, dass er die Reflexion seines so prallen Lebens in gerade einmal 430 Seiten ‘hineingezwängt’ hat. Man eilt durch dieses hindurch und wünscht sich insgeheim, er hätte nicht den Mut, wohl aber die Muße für den doppelten oder gar dreifachen Umfang gefunden – gerade in dem Wissen, dass es nun definitiv keine Fortsetzung mehr geben wird …

Nun denn: Möge „Rüdi Rastlos“ nun in Frieden ruhen – und die 1001 Abenteuergeschichten seines Lebens uns noch lange als Inspiration erhalten bleiben.

Rüdiger Nehberg

„Dem Mut ist keine Gefahr gewachsen“

Malik Verlag, 430 Seiten (geb.)

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28. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Christian Schulteisz — „Wense“

Geschichte eines Vielfraßes

Den Begriff des Universalgelehrten oder Universalgenies kennt man. Meist taucht er in Verbindung mit historische Figuren wie Leonardo da Vinci, Alexander von Humboldt, Isaac Newton oder unserem guten alten Goethe auf – allesamt Gelehrte, die sich nicht nur auf einem, sondern gleich auf mehreren Wissensgebieten als Experten erwiesen haben. Eine Idee anders schaut’s beim Universaldilettanten aus. Auch dieser sinnt nach umfassendem Expertentum, übernimmt und verzettelt sich jedoch erheblich in dem Bestreben, sämtliche Wissensbestände der Welt zusammenzutragen, so dass er letzten Endes von allem ein bisschen weiß, nirgends jedoch wahrhaftige Expertise vorweisen kann. Zu den bekanntesten Repräsentanten dieser ‘Spezies‘ gehört zweifelsohne der Privatgelehrte Jürgen von der Wense (1894-1966) – u.a. Schriftsteller, Übersetzer, Landschaftsfotograf, Wanderer, Künstler und Komponist – der in einer scheinbar unstillbaren Wissbegierde nahezu sprichwörtlich jede Minute seines Lebens in eben dessen Anhäufung investierte. Egal, ob Sprachen wie Sanskrit, Altirisch, Suaheli, Syrisch oder Kymrisch-Walisisch oder Fachgebiete wie Afrikanistik, Aviatik, Mystizismus, Schafzucht, Klosterkultur, islamisches Obligationsrecht, Lautschriften, Forstwesen, Wasserbauwirtschaft, Paläontologie oder eine Neuübersetzung der Gedichte des Königs Mirambo von Unjamwesi – es gab einfach nichts, was Wense nicht anzog, erst recht, wenn es noch das eine oder andere Nebenthema offenbarte, das ebenfalls nach Zuwendung und Erforschung ‘verlangte‘. Großes Ziel Wenses: eine allumfassende Weltenzyklopädie, Arbeitstitel „All-Buch“, die natürlich nur Fragment bleiben konnte, unvollendet, unpubliziert. Nicht weniger als 60.000 Seiten umfasst der Wissensschatz, den der begnadete Universaldilettant der Nachwelt hinterließ – ein wahres analoges ‘Universalmonstrum‘, das heute sein Pendant in einer Plattform wie Wikipedia gefunden haben dürfte.

Wer einen kleinen Eindruck vom Tun und Schaffen Jürgen von der Wenses gewinnen möchte, muss nicht zwingend besagtes Nachlass-Konvolut durchforsten. In kondensierter und schmuck fiktionalisierter Form tut’s auch der kürzlich im Berenberg-Verlag erschienene Kurzroman „Wense“ von Christian Schulteisz. Dieser war zum Glück nicht so vermessen, sich hierin gleich allen Lebensstationen oder Wissensgebieten des eigenwilligen Jägers und Sammlers zuzuwenden. Ganz im Stile von ‘weniger ist mehr‘ lädt er stattdessen vielmehr dazu ein, Wense durch das Jahr 1943 zu begleiten, als jener ausnahmsweise einmal gezwungen war, sich von seinem eigenen Aufgabenfeld ab- und stattdessen der Erfüllung von Kriegsersatzdienst-Pflichten zuzuwenden. Der universelle Privatgelehrte wusste sich indes auch in dieser Situation zu behelfen: Er ließ, wo ging, den Schlaf einfach weg …

Quasi im Kontrast zur Uferlosigkeit des Wissensdurstes, von dem der allwissende Taugenichts getrieben war, entwirft Schulteisz auf 125 Seiten ein szenisch-schillerndes Lebensporträt der skurrilen Figur als präzise formulierte, stark verdichtete fiktive Momentaufnahme. Eindringlich schillernde Prosa, die das Thema Weiterbildung in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Gäbe es in unserem Magazin ein Empfehlungsrubrik „Der besondere kleine Band“, dieser Roman wäre ein klarer Kandidat dafür.

Christian Schulteisz

„Wense“

Berenberg Verlag, 125 Seiten (geb.)

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24. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Ann Petry — „The Street – Die Straße“

Vorgezeichnete Lebenspfade

Wann, glauben Sie, wurde der erste Roman einer Afroamerikanerin veröffentlicht? Während Sie noch rätseln, lassen Sie mich Ihnen eben jenen Roman, „The Street“ von Ann Petry (1908-1997), der sich seinerzeit innerhalb kurzer Zeit mehr als anderthalb Millionen Mal verkaufte, anempfehlen – nicht nur, weil er in diesem Frühjahr neu übersetzt bei Nagel & Kimche wiedererschienen ist, sondern ebenso, weil er eine Geschichte aufs Tableau bringt, die auch 74 Jahre nach Erstveröffentlichung (hier ist das gesuchte Datum: 1946!) kaum an Wucht, Eindrücklichkeit und politischer Brisanz verloren, kurzum: immer noch das Zeug für einen Bestseller hat. Schauplatz von Ann Petrys sensationellem Debütroman ist die 116th Street auf der Upper Westside im Harlem der 1940er Jahre. Lutie, eine junge Frau mit Highschool-Abschluss und achtjährigem Sohn Bubb, die bisher als Hausmädchen auf dem Lande gearbeitet hat, will hier nach der Trennung von ihrem Mann einen Neuanfang wagen. Mit der Zuversicht, sich ihre eigene Würde zu erhalten und willens, ihren Sohn vor schlechtem Einfluss zu bewahren, ja, diesem irgendwie den Sprung in ein besseres Leben zu ermöglichen, stellt sie sich zunächst entschlossen den von Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit geprägten Gegebenheiten ihrer neuen Harlemer Wohn- und Arbeitsumgebung. Doch irgendwann muss sie einsehen: Der Straße entkommt niemand …

Sprachlich sehr verdichtet hat Ann Petry in „The Street“ eine berührend-mitreißende Geschichte über das Harlem während der Zeit des Zweiten Weltkrieges entworfen, die beim Lesen Schmerzen erzeugen wird – und leider bis heute kaum etwas an Aktualität eingebüßt hat. Tipp!

Ann Petry

„The Street – Die Straße“

Nagel & Kimche, 383 Seiten (geb.)

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20. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Raphaela Edelbauer — „Das flüssige Land“

Unheimlich (und) faszinierend

Ist einem Roman ein Porträtbild der Autorin oder des Autors beigefügt, begegnet man in der Regel einem Antlitz, das einen mehr oder weniger freundlich, offen und zugänglich begegnet. Bei Raphaela Edelbauer ist das irgendwie anders: Die 30-jährige Österreicherin blickt einen von der hinteren Umschlagseite ihres Romans „Das Flüssige Land“ so verkniffen, verschlossen und ja, skeptisch an, als würde sie selbst daran zweifeln, ob das, was sie da verfasst und vorgelegt hat, auch nur ansatzweise auf Gefallen bei der Leserschaft stoßen mag. Tut es! Sehr sogar. Sämtliche Zweifel gehören sofort zerstreut angesichts dieses Debütromans, der nicht weniger als ein sprachlich brillant gestricktes, augenblicklich fesselndes Erzählmachwerk ist – mit einer surreal anmutenden Geschichte, die zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Kunstmärchen und Dystopie, Absurdität und Grauen wandelt: Ruth, eine Physikerin aus Wien, macht sich nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Eltern völlig kopflos auf die Suche nach deren Herkunftsort, Groß-Einland, der seltsamerweise in keiner Landkarte aufgeführt ist. Gerade dabei aufzugeben, entdeckt sie den verborgenen Ort schließlich doch – und taucht ein in eine Welt, die ihr normal und gleichzeitig völlig entrückt entgegen tritt und von der ominösen Omnipräsenz eines riesigen unterirdischen Hohlraums dominiert wird, der zwar offenkundig höchst instabil ist, die damit verbundene Gefahren aber von den Groß-Einländern in kafkaesker Manier ignoriert werden. Fasziniert und irritiert beschließt Ruth zu bleiben und dem Geheimnis des Lochs auf den Grund zu gehen … Unbedingter Lesetipp.

Raphaela Edelbauer

„Das flüssige Land“

Klett-Cotta, Stuttgart

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18. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Peer Meter/Rem Broo — „Beethoven – Unsterbliches Genie“

Der zerfledderte Beethoven

Es sollte das große Jahr von Ludwig van Beethoven werden. Nicht dass der berühmte Komponist sonst zu wenig Aufmerksamkeit zukommen würde, aber gerade in 2020, anlässlich seines 250. Geburtstages, sollte der Jubilar deutschlandweit – ach, sicher sogar weit über die Landesgrenzen hinaus – auf allen Bühnen gefeiert werden: mit mannigfachen Konzerten verschiedenster Größenordnung selbstverständlich, darüber hinaus aber auch mit Oper, Tanz und Themenwochen, Ausstellung, Schauspiel und Performance, Workshop, Vortrag und Kongressen. Eigentlich. Dann kam Corona. Kam und riss alle Aufmerksamkeit an sich – hat sich binnen kürzester Zeit zu einem viralen Antistar unbekannter Größenordnung gemausert, der statt Beethoven nun alle Bühnen besetzt. Na gut, fast alle: Radio geht noch, TV bietet sich ebenso weiterhin an – und natürlich auch die opulente Vielfaltswelt der Bücher. Ganz klar, dass die Buchverlage im Jubiläumsjahr jede Menge Veröffentlichungen berufener Beethoven-AutorInnen bereithalten – mal zum Leben des epochalen Komponisten, mal zum Werk, mal zu beidem. Der (und natürlich auch die) eine setzt auf Faktenschau, der andere auf anekdotenhafte Unterhaltung, der nächste auf eine grundsolide Mischung aus beiden. Manch einer bringt tatsächlich Neues zutage, manch einer präsentiert Altbekanntes in neuem Gewand und manch einer füllt biografische Lücken, die Beethoven ‘unüberlegterweise‘ hinterlassen hat, mit eigenen Auslegungen.

Wer sich dieser Tage also einmal an Beethoven mal so richtig sattlesen möchte, dem dürfte keinesfalls an passendem (Lese-)Futter mangeln. Höchstens an der einen besonderen Beethoven-Huldigung, die aus dem biografischen Einheitsbrei herausragt. Womit wir auch schon bei Peer Meter und Rem Broo wären, die mit dem Buch „Beethoven – Unsterbliches Genie“ wahrscheinlich wirklich einzigartiges geschaffen haben. Nicht nur, weil sie sich dem Künstlergenius in Form einer Graphic Novel widmen, sondern auch und insbesondere, weil sie eine ziemlich schräge und gleichzeitig wohl auch ziemlich wahre Geschichte erzählen, deren zentrales Element und erzählerischer Clou darin besteht, dass weder der titelgebende Held selbst noch seine berühmten musikalischen Werke darin eine leibhaftige (Haupt)Rolle spielen: Denn Peer Meters Geschichte beginnt quasi ‘zu spät‘ – am 27. März 1827, dem Tage von Beethovens Beerdigung. Beethoven ist tot und ganz Wien strömt zusammen, um in episodisch gestalteten Rückblenden den jeweiligen persönlichen Bezug zum berühmt-berüchtigten, schon zu Lebzeiten als ‘schwierig‘, aber ‘genial‘ gehandelten Komponisten auszubreiten. Und natürlich erwächst da in der Menge, die sich vorm Haus des Musikus versammelt, ein jeder, der am Nachruhm teilhaben will, plötzlich zum Beethoven-Experten schlechthin, weiß ein jeder mehr, alles anders, genauer und überhaupt besser als der neben ihm Stehende. Beethoven ist noch keine 24 Stunden tot – und der Starkult hat bereits derartig an Fahrt aufgenommen, dass man bald tatsächlich kaum noch weiß: Ist’s nun eine Komödie oder eine Tragödie, wie mit dem gerade verschiedenen Komponisten umgegangen wird? Der kaum erkaltet nicht einmal vor Leichenfledderei gefeit ist und schließlich mit geplündertem Körper und zu Grabe getragen wird …?

Was Peer Meter da historisch Belegtes ‘ausgegraben‘ und zu einer Geschichte zusammengesponnen hat, ist in höchstem Maße skurril, witzig, unterhaltsam – und Dank der Bildgestaltung des offensichtlich begnadeten Illustrators Rem Broo auch eine wahre visuelle Pracht. Angepasst an die jeweils ausgebreitete Anekdote hat dieser nicht nur das Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts ein sehr authentisches Antlitz verliehen, sondern einer jeden Episode auch einen individuellen ‘Anstrich‘ verliehen – mal leuchtend und schillernd bunt, mal in gedeckten Brauntönen, dann wieder skizzenhaft oder hingetuscht – und damit die perfekte Bildumgebung für jene Legendenbildung geschaffen, die an jenem Wiener Frühlingstag im März 1827 ihren Anfang nahm.

Peer Meter/Rem Broo

„Beethoven – Unsterbliches Genie“

Carlsen, 144 Seiten (geb.)

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14. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Graham Swift — „Da sind wir“

Glück ist flüchtig

Der Brite Graham Swift trägt einen dieser Autorennamen, bei dem man sofort denkt: Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Selbst wenn man noch keinen seiner Geschichten gelesen hat. Irgendwie hat er einen Namen, der einem vertraut vorkommt. In der Tat ist es jedoch gar nicht so unwahrscheinlich, dass Sie Graham Swift schon einmal begegnet sind – schließlich ist er A: schon seit ziemlich genau 40 Jahren auf dem literarischen Erzählmarkt aktiv und schließlich hat er B: in dieser Zeit mehrere Bestseller-Romane geschrieben, die sowohl mit renommierten Literaturpreisen bedacht als auch für TV und/oder Kino aufbereitet wurden. Insbesondere Romane wie „Wasserland“ (1987), „Letzte Runde“ (1997) oder der zuletzt erschienene Roman „Ein Festtag“ (2017) haben schon viele, glaubt man den Buchkritiken, sogar richtig viele begeisterte Leseraugen gesehen, welche zur Beschreibung ihres Leseeindrucks wiederum nicht mit Worten geizen, die eigentlich jedem Autor und jeder Autor schmeicheln dürften: „federleicht“ sei Swifts Erzählstil, „zauberhaft“ und „elegant“. Diese Attribute lassen sich ohne Weiteres auch auf Graham Swifts in diesem Frühling erschienenen neuen Roman „Da sind wir“ übertragen – gerade das Moment des Zauberhaften bzw. Verzaubernden kommt schnell zum Tragen. So schnell und so geschickt rollt Swift hierin wieder einmal den Erzählfaden aus, dass man schon tief im Netz der frisch ausgebreiteten Geschichte gefangen ist, bevor auch nur fünf Buchseiten umgeblättert sind. Noch besser: Dieser Erzählfluss hält auch an – die ganze Geschichte hindurch …

England im Jahre 1958. Nach der dunklen Zeit des Weltkrieges und der anschließenden Nachwehen erfreut sich das Freizeitvergnügen auf der Insel einer mittlerweile stetig wachsenden Beliebtheit. Insbesondere Seebäder wie Brighton erfreuen sich großer Popularität. Jack Robinson, 28 Jahre alt, ist hier in einem der auf den Piers direkt am Meer gelegenen Theater als Showmaster tätig. Gar mit wachsendem Erfolg: Das Publikum liegt ihm von Tag zu Tag mehr zu Füßen. Weniger erfolgreich ist hingegen sein gleichaltriger Freund Ronnie Deane geblieben, den er beim Militärdienst kennengelernt hat und der ebenfalls den Berufsweg eines Entertainers einzuschlagen versucht – allerdings als Zauberer. Noch ist ihm allerdings in seiner Rolle als Zauberer „Pablo“ der große Publikums-, eigentlich jeglicher Erfolg versagt geblieben. Umso erfreuter ist er daher, als Jack ihm eine Nummer in seinem aktuellen Showprogramm anbietet – allerdings unter der Bedingung, dass er diese mit einer Assistentin ‘aufwertet‘. Ronnie findet diese in Evie White, einer Revuetänzerin und ebenfalls auf der Suche nach dem Durchbruch. Erst ist sie nur seine Assistentin, schnell jedoch seine Verlobte. Als zauberndes Traumpaar begeistern sie einen ganzen Sommer lang die Besucher von Brighton – am Ende der Saison, so der Plan, wollen sie heiraten. Doch als der Vorhang zur letzten Show fällt, ist Ronnie wie von ‘Zauberhand‘ verschwunden und Evie und Jack plötzlich ein Paar… In gewohnter Manier zwischen verschiedenen Zeitebenen springend, breitet Graham Swift mit der ihm ureigenen hypnotischen Eleganz die Geschichte einer Dreiecksbeziehung aus, in der der Schein in Konkurrenz zum Sein tritt und einmal mehr zum Vorschein bringt: Glück ist flüchtig.

Graham Swift

„Da sind wir“

DTV, 159 Seiten (geb.)

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7. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Kevin Hobbs/David West „Die Geschichte der Bäume – Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“ — Illustriert von Thibaud Hérem

Einladung zur Baumschau

Bäume sind momentan so populär wie vielleicht nie zuvor. Sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen; sowohl einzeln als auch in der Gruppe als Wald. Seitdem der drohende Klimawandel nun doch in unseren Köpfen angekommen ist und die Einsicht, dass der Erhalt unserer Baumbestände auch ein Stück weit zu unserer eigenen Rettung beitragen kann; seitdem Tausende in Hambacher Forst eilten, um die geplante Rodung eines der ältesten Ökosysteme im Lande zu verhindern, sind Interesse und Begeisterung für Bäume nicht länger nur Faibles ausgemachter Naturfreunde, sondern tatsächlich auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Natürlich weiß auch der Buchmarkt diese Popularität zu bedienen oder gar weiter zu befeuern: Allem voran natürlich mit Peter Wohllebens Waldlektüre „Das geheime Leben der Bäume“, das binnen Kurzem zum weltweit gelesenen Mega-Bestseller avancierte und eine Renaissance des Waldspaziergangs nach sich gezogen hat, welcher just während der aktuellen virenbedingten Krisentage zu der Frischluftaktivität schlechthin gewachsen ist. Wohl auch für die eben erwähnte breite Masse, insbesondere aber für all diejenigen, die schon immer Freude daran hatten, Bäume zu ‘bestaunen‘, hat der Laurence King Verlag jetzt ein Buch veröffentlicht, das auf glanzvolle Weise einen hohen Informationsgehalt mit Unterhaltungswert und anspruchsvoller künstlerischer Gestaltung vereint. Die von den beiden Pflanzenzüchtern Kevin Hobbs und David West verfasste „Geschichte der Bäume“ versammelt insgesamt 100 handverlesene Baumporträts (bei um die 90.000 Baumarten bleibt einem gar nichts anderes übrig), die – wie der Untertitel des Buches „Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“ es bereits andeutet – entsprechend ihres ‘ersten‘ Kontakts mit dem Menschen in chronologischer Reihenfolge angeordnet sind.

Die faszinierende hölzerne Reise, zu welcher der Leser hierbei eingeladen wird, beginnt entsprechend frühzeitig –sowohl die hierzulande allseits bekannte Eibe (a.k.a. Taxus) als auch der uns vertraute Buchsbaum aus dem Vorgarten dienten dem Menschen schon vor mehr als 170.000 Jahren als Material zu Werkzeug- und Waffenherstellung – und endet im 19. Jahrhundert bei der Persimone, die Mensch seinerzeit als idealen Holzlieferanten für die Herstellung von Golfschlägern für sich ‘entdeckte‘. Dazwischen tummeln sich Dutzende Baumporträts – eins lehrreicher als das andere und neben der individuellen kulturhistorischen ‘Nutzgeschichte‘ jeweils mit Angaben zu Lebensdauer, Verbreitung, Wüchsigkeit und Höhe versehen. So manchen dieser beblätterten oder benadelten Kandidaten begegnet man hierbei zweifelsohne zum ersten Mal (oder kennen Sie den Sassafras, den Lichtnussbaum oder den Bunya-Bunya-Baum?), bei anderen hat man wenigstens schon einmal den Namen gehört. Selbstverständlich führt das Buch überdies ebenso eine Vielzahl an Bäumen auf, die durchaus auch in unserer hiesigen Flora anzutreffen sind – und die man nach der Lektüre dieses Buches garantiert mit ganz anderen Augen betrachten wird.

Hätten Sie übrigens gedacht, dass der Fächerbaum, hierzulande eher unter seinem Vulgärnamen Ginkgo bekannt ist, zu den ältesten Baumarten überhaupt gehört, geradezu ein ‘lebendes Fossil‘ ist? Schon vor 200 Millionen Jahren bot er seiner Umgebung allherbstlich jenes prachtvolle goldgelbe Blätterwerk an, mit dem man ihn auch heute hier und da leuchten sieht. Und sicher auch jene übel faulig riechenden Früchte, welche die weiblichen Ginkgos dann ebenso abwerfen. Wer weiß, vielleicht konnten sich die Dinosaurier an dem Geruch seinerzeit mehr erfreuen als der Stadtmensch von heute …

Das Beste zum Schluss: Dank der mehr als 300 hinreißenden, hoch ästhetisch gezeichneten Bilder, die der französische Illustrator Thibaud Hérem jedem einzelnen Baumporträt beigefügt hat, ist „Die Geschichte der Bäume“ nicht nur ein informativ-inspirierendes Nachschlagewerk geworden, das Neugier weckt, sondern auch eine echte visuelle Kostbarkeit, die uns die die hölzernen ‘Schätze‘ unserer Erde in botanisch detaillierter Genauigkeit vor Augen führt und Seite für Seite zum neuerlichen Staunen einlädt – ganz entspannt vom Sofa aus. Schönes Buch, um sich selbst oder andere Baumfreunde zu beglücken.

Kevin Hobbs/David West
Ill. von Thibaud Hérem
„Die Geschichte der Bäume – Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“
Laurence King Verlag, 216 Seiten (geb.)

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