26. Mai 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Yulia Marfutova: »Der Himmel vor hundert Jahren«

Zauberhafte Realitätsfluchten

Yulia Marfutovas „Der Himmel vor hundert Jahren“ setzt um 1918 ein – irgendwo in den Tiefen Russlands, „am abgelegensten und vergessensten Ort des Reiches“, in einem Dorf, dessen Bewohner zum Großteil noch nie das jenseitige Ufer des Flusses vor ihrer Haustür betreten haben, für die das Dorfleben alles Bekannte ausmacht und alles andere, alles, was außerhalb der Dorfgrenzen ist oder von daher kommt, eher argwöhnisch beäugen. Wie etwa das Barometer, mit dem der alte Ilja seit Neuestem das Wetter studiert und das von allen nur „das Röhrchen“ genannt wird. Pjotr, sein Konkurrent im Rennen um das Amt des Dorfältesten hält es da lieber mit der guten alten Tradition, vertraut auf Weisheiten, Mythen und Aberglauben. Wie wiederum auch Iljas Frau Inna Nikolajewna, die gutem, altem osteuropäischen Aberglauben folgend fest daran glaubt, dass ein Fremder im Dorf erscheinen wird, weil sie ein Messer hat fallen lassen. Und tatsächlich taucht dieser wenig später auf: barfuß, aber in schmucker Uniform, nur bedingt auskunftsfreudig, dafür steter Quell zahlloser Gerüchte und Vermutungen, die nun durchs Dorf geistern. Offizier? Deserteur? Scharlatan? Keiner weiß wirklich etwas, jeder meint etwa zu wissen. Pjotr ist von all dem wenig begeistert und beschließt, die Flussgeister um Hilfe zu bitten, über ihr Wohlergehen zu wachen – und verschwindet spurlos. Woraufhin ganz ohne Prophezeiung erneut zwei Neuankömmlinge auftauchen und alle gewohnte Ordnung vollends aus dem Ruder laufen lassen…

Die 1988 in Moskau geborene, in Deutschland studierte und derzeit in den USA lebende Yulia Marfutova hat mit „Der Himmel vor hundert Jahren“ einen Debütroman vorgelegt, der im wahrsten Sinne des Wortes nichts anderes will als zu erzählen – und das ganz so, als sei er aus dem Lessing‘sche Credo „Schreibe, wie Du redest, so schreibst Du schön“ geboren: als ein wunderbar vor sich hinwabernder Erzählreigen, der in seiner surreal-märchenhaften Anmutung nicht nur enormen Unterhaltungswert besitzt, sondern auch ein ureigenes Gefühl wohliger Geborgenheit verbreitet. Ganz starker Wurf.

Yulia Marfutova
„Der Himmel vor hundert Jahren“
Rowohlt
192 Seiten (geb.)

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10. Mai 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Hernan Diaz: »In der Fremde«

Der verlorene Riese

Der Hawk soll, so erzählt man es sich unter Auswanderern und Goldsuchern im Kalifornien des großen Goldrauschs, ein Riese von einem Mann sein, wild, bärenstark und von furchteinflößendem Äußeren. Vor allem ein Gesuchter soll er sein, zahllose Menschen auf dem Gewissen haben, einmal ein halbes Dutzend bewaffneter Männer mit bloßen Händen getötet haben; ein andermal eine Berglöwen erwürgt haben, um fortan in dessen Fell gehüllt durch die Berge, Canyons und Ebenen Kaliforniens zu streifen.

Eine leibhaftige Legende, eine mythische Gestalt ist dieser Hawk, der, je öfter von ihm an den Lagerfeuern und in den Goldgräberstädten erzählt wird, mit jedem Mal noch ein Stück mehr an Größe, Bedrohlichkeit und übermenschlichen Fähigkeiten zu gewinnen scheint – und dabei, seine Körpergröße ausgenommen, eigentlich doch ein ganz anderer ist: ein Einzelgänger, ein Verlorener, ein vom Pech Verfolgter, ein Getriebener, ein Suchender. Im Grunde genommen und aller Legenden, die ihm anhaften, entblättert, eigentlich nur Håkan Söderström, ein Junge aus Schweden, der versehentlich am falschen Ende der Neuen Welt gelandet ist.

Dessen merkwürdige, ergreifende Geschichte erzählt Hernan Diaz in seinem Debütroman „In der Ferne“, mit dem er es 2018 aus dem Stand in den engeren Kreis der für den Pulitzerpreis nominierten Autoren schaffte. Schweden, Mitte des 19. Jahrhunderts: Håkan und sein etwas älterer Bruder Linus werden von den bitterarmen Eltern nach Amerika geschickt – auf dass ihnen im Land der Verheißung eine bessere Zukunft beschert sein möge als sie in der Heimat erwarten dürfte. Doch schon im englischen Portsmouth verliert Håkan seinen Bruder im Gedränge des Hafens, landet daraufhin auf dem falschen Auswandererschiff und in der Folge nicht wie geplant in New York, sondern an der gegenüberliegenden Küste, in San Francisco – das ihm zum Startpunkt einer lebenslangen Odyssee werden wird. Geld- und sprachlos, dafür von kräftiger Statur und unaufhörlich am Wachsen, schließt er sich einer irischen Goldgräberfamilie an, die ostwärts zieht und ihn New York vielleicht ein Stück näher bringen kann. Doch schon da kommt er nicht weit: Håkan gerät in die Fänge einer mysteriösen zahnlosen Frau, die über eine kleine Goldgräberstadt regiert und ihn in die Rolle des Lustsklaven zwingt. Irgendwann kann er sich aus diesem Martyrium zwar wieder befreien und fliehen, hat allein und zu Fuß jedoch keine Chance in der unermesslichen Weite dieses Landes. Zum Glück trifft er auf einen Naturforscher, der sich seiner annimmt, ihn im Überleben in der Wildnis unterweist, Wesentliches über Tiere, Medizin und das Funktionieren der Natur als solcher lehrt. Es ist dieses Rüstzeug, das dem stetig in den Himmel schießenden Schweden zur Grundlage seines weiteren Lebens werden soll; jenes Leben, das ihm immerzu nur Begegnungen mit Menschen bereitzuhalten scheint, die früher oder später in einer Katastrophe enden – und Håkan dazu veranlassen, sich wieder und wieder tief in die Wildnis zurückzuziehen, über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg durch Wüsten, Wälder und Canyons zu wandern, fernab aller Zivilisation allein mit den Jahreszeiten zu leben, die sich ihm immer tiefer in Körper und Geist einfurchen, der eigentlich nur von dem einen Wunsch erfüllt ist, eines Tages doch den großen Bruder im fernen New York, das letzte Stück ihm verbliebener Heimat wiederzusehen …

Hernan Diaz hat mit „In der Fremde“ einen bildmächtigen Roman geschaffen, der sowohl die Facetten eines modernen Mythos als auch die einer klassischen Wildwest-Geschichte aufweist, zugleich existentielle Abenteuergeschichte, Studie radikaler Entfremdung und schier überbordendes literarisches Naturpanorama ist. Ergänzt um eine wild-poetische Sprache, die wie ein Spiegel der von Entfremdung und Einsamkeit geprägten Figur des Hawks wirkt, hinterlässt diese in ihrer Befremdlichkeit strahlend schöne Geschichte eine Wirkung, die noch lange anhalten dürfte, nachdem man Håkan, den verlorenen Riesen, bis zur letzten Seite, zum letzen Satz begleitet hat. Nichts anderes darf man von einem richtig guten Buch erwarten …

Hernan Diaz
„In der Fremde“
Hanser Berlin
304 Seiten (geb.)

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