26. April 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Begegnungen mit wilden Tieren und entlegenen Landschaften – Teil 2: Nastassja Martins »An das Wilde glauben«

Der Bär in ihrem Kopf

Die beiden Franzosen Sylvain Tesson und Nastassja Martin sind sich wahrscheinlich noch nie begegnet, haben vielleicht auch noch nie voneinander gehört – und teilen dennoch ein gemeinsames Interesse: eine große Leidenschaft für das Wilde, Ursprüngliche und die Fremde, vor allem jene, die wahrhaftig weit abseits gängiger Touristenpfade mehr oder weniger am Ende der Welt liegt. Sylvain Tesson hat mit „Der Schneeleopard“ eine Reisebeschreibung vorgelegt, die in ihrer deutschen Übersetzung sicher viel Aufmerksamkeit erhalten wird – Nastassja Martins ebenfalls dieser Tage erschienene „An das Wilde glauben“ braucht sich hinter dessen meistverkauften frankophonen Buch 2019 keinesfalls zu verstecken. Ganz im Gegenteil: Die Art und Weise, wie sie sinnlich und zugleich packend ihre Begegnung mit dem Wilden bzw. der ursprünglichen Wildnis schildert, macht ihre autobiographische Erzählung jener Tessons durchaus ebenbürtig.

Anders als bei Sylvain Tesson war Nastassja Martins Begegnung mit einem Braunbär weder gewünscht noch herbeigesehnt, überdies auch nicht nur auf eine gegenseitige Inaugenscheinnahme beschränkt. Als Anthropologin mit dem Spezialgebiet der ethnografischen Erforschung indigener Völker des hohen Nordens hatte sie bereits längere Zeit bei Indigenen in Alaska verbracht, zuletzt nun einige Jahre im fernen Nordosten Russlands, auf Kamtschatka gelebt. Zielstellung dort: die Kultur der Ewenen kennenlernen, die trotz aller Annehmlichkeiten und Fortschritte, die ihnen das 21. Jahrhundert bieten könnte, vielfach noch immer in einer über Jahrhunderte gepflegten Eintracht und Verbindung mit der Natur leben. Weniger galt Martins anthropologisches Interesse hingegen der Erforschung der einheimischen Kamtschatka-Bären. Auf einer Wanderung zu einem der zahlreichen Vulkane der Halbinsel stolperte sie jedoch beinahe sprichwörtlich einem solchen etwa kleinwagengroßen Braunbär-Exemplar in die Arme und überlebte die für beide Seiten wenig zärtliche Begegnung nur mit Müh und Not – und schlimmen Gesichtsverletzungen.

Auf den Spuren gelebten Animismus

Was folgt ist eine lange Odyssee der Genesung, die sich bei weitem nicht nur auf die Heilung der äußerlichen Spuren beschränkt, die der Bär auf ihrem Körper hinterlassen hat. Martin spürt vielmehr, dass der ‘Kuss‘ des Bären auch innerlich etwas in ihr verändert hat, dass sie auch einer innerlichen Genesung bedarf, um Frieden zu schließen mit dem Wilden, das in sie eingedrungen, für immer eingezeichnet ist. Überzeugt davon, dass sie in ihrer französischen Heimat hierfür keine Heilung finden wird, kehrt sie daher, kaum dem Krankenbett entstiegen, wieder ans Ende der Welt, nach Kamtschakta zurück. Dort im Wald, bei den Ewenen von Itscha, bei denen sie noch bis vor Kurzem wie ein Familienmitglied gelebt hatte, deren gelebter Animismus längst auch ein Teil ihres eigenen Lebens, ihrer gelebten Weltanschauung geworden ist, hofft sie, die Metamorphose vollenden, sich mit ihrem neuen Ich anfreunden zu können.

Ganz ‘nebenbei‘ lässt sie uns währenddessen an einer gedanklichen Betrachtung der Welt aus Sicht der ‘Naturvölker‘ des fernen Nordostens teilhaben, die hinsichtlich des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Medizin und Heilkunst, von Traumwelt und Wirklichkeit so grundverschieden von unserem eigenen westlich geprägten Lebensanschauung ist, dass Nastassja Martins Buch gleich in mehrfacher Hinsicht eine literarische Bereicherung darstellt: „An das Wilde glauben“ ist in dieser Hinsicht nicht weniger als eine mitreißende autobiografische Erzählung, eine packende Dokumentation und eine persönliche Reflexion über das Wilde, die weit hinausführt aus der Welt, wie wir sie kennen.

Nastassja Martin:
„An das Wilde glauben“
Matthes & Seitz Berlin
142 Seiten (geb.)

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8. April 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Begegnungen mit wilden Tieren und entlegenen Landschaften – Teil 1: Sylvain Tessons »Der Schneeleopard«

Reise in die Bergwelt Tibets

Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist von Haus aus Geologe, mit dem Herzen ein Reisender, der mit dem Fahrrad um die Welt, zu Fuß durch den Himalaya und zu Pferd durch die Steppe Zentralasiens streifte, und mit der Seele ein reisender Dichter. Für seine zahlreichen Reisebeschreibungen und Essays wurde Tesson bereits mit dem höchsten französischen Literaturpreisen geehrt. Der jetzt bei Rowohlt veröffentlichten Band „Der Schneeleopard“, mit dem er 2019 zum meistgelesenen frankophonen Autor avancierte und in dem er überaus eindrücklich von einer Reise zu einem der seltensten Tiere der Welt im tibetischen Hochland erzählt, dürfte dem französischen Autor sicher auch hierzulande schnell eine breite Lesergemeinde verschaffen. Schlicht und einfach, weil man einen so intensiven, gedankenreichen Reisebericht, eine so intensiv literarisch-animalische Begegnung wie diese so schnell kein zweites Mal finden wird.

Ihren Anfang und Ursprung findet der Text in einer langjährigen Freundschaft, die Sylvain Tesson mit dem renommierten Tier- und Naturfotografen Vincent Munier verbindet. Dessen fotografische Vorliebe für die wilden Tiere entlegener Regionen war über viele Jahre hinweg vom Wunschtraum gekrönt, einmal Schneeleoparden in ihrer natürlichen Umgebung im tibetischen Hochland zu begegnen. Seinen Freund Sylvain Tesson musste Munier nicht zweimal fragen, dieser sagte sofort zu als er ihn fragte, ob er ihn dabei begleiten wolle, diesen Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Wohlgemerkt: im Winter, in einer unwirtlichen Bergregion weit über 4.000 Meter Höhe, bei durchgängig minus zwanzig Grad und kälter – weil nur da und dann überhaupt die Chance bestünde, der überaus scheuen, sehr zurückgezogen lebenden, sehr selten gewordenen Raubtiere ansichtig zu werden.

Und was soll man sagen: Im Wissen um die Existenz von Fotografien, die es Munier tatsächlich gelingt, vom Schneeleoparden, aber auch von den zahlreichen anderen wilden Tieren zu machen, welche die tibetische Hochebene bewohnen (u.a. Wildyaks, Wildesel, Blauschafe, Antilopen, Wölfe und Geier) wünscht man sich beim Lesen dieser Reiseerzählung natürlich sofort, es wären dem Buch wenigstens eins, zwei Bilder beigefügt. Andererseits braucht das „Der Schneeleopard“ nicht wirklich. Denn was Sylvain Tesson hier in Worte fasst und in Erzählstoff verwandelt, ist so ausdrucks- bzw. gedankenstark, so im Fluss und wie aus einem Guss, dass man schon bei den ersten Absätzen für sich feststellen kann, dieses Buch möchte man besser langsam lesen, um den Genuss, den Tesson einem hier bereitet, nicht zu schnell vergehen zu lassen…

Abenteuergeschichte und Ode an die Demut

Es ist an erster Stelle sicher auch die eindrucksvolle Beschreibung, wie die kleine Reisegruppe immer tiefer in die entlegene, nahezu völlig unbewohnte Bergregion vordringt, die groß genug wäre, um Frankreich ohne weiteres aufzunehmen; ebenso überaus eindrucksvoll, wie sie nur mit dem, was sie tragen können, immer tiefer in Gletschertäler und von Felswänden umgebene Schluchten vordringen; wie sie dann – alleinig getrieben von dem Wunsch der Begegnung mit dem Leoparden –für mehrere Tage am Stück in eisiger Kälte tatsächlich wie festgefroren, auf jeden Fall aber reglos auf der Lauer liegen und Entbehrungen auf sich nehmen, die einem schon beim Lesen frösteln lassen. Nicht, um zu jagen, sondern um mit absoluter Hingabe zu sehen, zu spüren, zu erfahren – voller Respekt und demütiger Zurückhaltung. In diesem Sinne sind es daher eben auch die vielen stillen, feinsinnig gesponnenen Gedanken und Gedankenbilder (etwa zur Anmut und zum Wesen einer noch nicht vom Menschen vereinnahmten Natur), die Tesson wartend, lauernd und ausharrend, den Frostschmerz ausblendend nebenher für sich, für uns notiert, die in Erinnerung bleiben wie Fotografien und das Buch zu einer unmittelbaren Leseerfahrung mit naturphilosophischen und nachgerade meditativem Charakter erwachsen lassen können.

„Der Schneeleopard“ ist genauso Abenteuergeschichte wie eine Geschichte der Demut, eine Ode auf das Wilde und die ursprüngliche Wildnis – kurzum, ohne Zweifel ein Titel, den man sich bedenkenlos auf die eigene Leseliste setzen darf. Ebenfalls bereits erschienen ist übrigens der zugehörige Bildband mit 200 Fotografien von Vincent Munier und poetischen Begleittexten Sylvain Tesson – und unter dem Titel „Zwischen Fels und Eis“ im Knesebeck Verlag zu erstöbern.

Sylvain Tesson:
“Der Schneeleopard”
Rowohlt Verlag,
192 Seiten (geb.)

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7. April 2021 | Allgemein

EAH Jena digital entdecken

Von Stadtmagazin 07

Hochschulinfotag am 10. April über das Web.

Sie möchten die Ernst-Abbe-Hochschule Jena von zu Hause aus entdecken? Das ist kein Problem: Am kommenden 10. April öffnet die Hochschule zwischen 9.30 und 15 Uhr digital ihre Türen. Der diesjährige Hochschulinformationstag ist hier erreichbar: www.eah-jena.de/hit.

Dafür hat die Zentrale Studienberatung der EAH gemeinsam mit der Rooom AG Jena ein Konzept umgesetzt. „Dabei ist“, so Studienberatungsleiter Jens Schlegel: „ein gutes, auf Interaktivität basierendes Format entstanden, welches Interessierte einlädt, die EAH mit ihren vielen Studiengängen kennenzulernen“.
So bieten die Ingenieurstudiengänge neben zahlreichen anderen Inhalten Robotik, künstliche Intelligenz, Laser- oder Umwelttechnik an. Wer sich für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert, sollte ein Studium der Betriebswirtschaft überlegen. Soziale Arbeit sowie Pflege sind Studiengänge der Bereiche Sozialwesen bzw. Gesundheit und Pflege, wo auch die Hebammenkunde, das Rettungswesen sowie die Ergo- und Physiotherapie „zu Hause“ sind.

Der Fachbereich Elektrotechnik/Informationstechnik bietet noch ein Extra-Highlight: Er lädt zu einem virtuellen Rundgang durch seine Labore in gather.town ein. Die Besucher können sich mit Hilfe von Avataren frei durch die Labore bewegen, Informationen sammeln und mit Professoren und Studierenden per Videochat in Kontakt treten. Der virtuelle Rundgang erinnert an die Pixelgrafiken von Spielekonsolen der 90er Jahre und ist unter https://gather.town/i/yw30HLL2 erreichbar.

In den Live-Chats am kommenden Samstag kann man seine Fragen direkt loswerden und mit Lehrenden, Studierenden sowie mit Kolleginnen und Kollegen aus Fachbereichen und Verwaltung ins Gespräch kommen. Dabei geht es sowohl um die etwa 50 Studienmöglichkeiten der EAH Jena, als auch um alle Fragen rund ums Studium, wie Bewerbungsverfahren, Wohnen oder Studienfinanzierung.

www.eah-jena.de/hit

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