25. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

»HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten«

Großmeister der Neunten Kunst

Unter Gestaltern, Zeichnern und Grafikdesignern älteren Semesters zählt der Name Hans Hillmanns schon seit den 50er Jahren zu den ganz Großen des Genres. Wie wohl kein anderer prägte der 1925 in Schlesien geborene Künstler mit seiner ureigenen Formensprache die Plakatkunst im Nachkriegsdeutschland, sorgte mit seinen zahlreichen Kinoplakat-Entwürfen für das Autorenkino (mehr als 130 in gut zwanzig Jahren) weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit und gilt heute zurecht als einer der Begründer des modernen deutschen Filmplakats. Langjährigen LeserInnen der „Süddeutschen Zeitung“, des „FAZ Magazin“ oder der Zeitschrift „Natur“ dürfte Hillmann, der seine Karriere als Werbegrafiker und Gestalter von Filmplakaten irgendwann gegen eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Kassel eintauschte, überdies durch seine zahlreichen Illustrationen von Stadtansichten oder seiner Serie berühmter Liebespaare in Erinnerung sein; Freunde wohlgestalteter Bücher schätzten zudem auch seine stets perfekt auf den zugehörigen Text abgestimmten Illustrationen.

Einen geradezu sensationellen Erfolg erzielte der Illustrator Hillmann 1982 mit der Publikation von „Fliegenpapier“. Gut sieben Jahre hatte Hillmann an seiner illustratorischen Adaption der gleichnamigen Hard-Boiled-Kurzgeschichte von Dashiell Hammett aus dem Jahre 1929 gearbeitet: Das Ergebnis – ein Film Noir in gemalten, großformatigen Schwarz-Weiß-Grau-Bildern, der in seiner wirkmächtigen Licht-Schatten-Ästhetik die gewaltvolle und dreckig-düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage perfekt einfängt – wird von vielen Comic-Historikern heute nicht nur als erste Graphic-Novel überhaupt gepriesen, sondern ebenso als ein geradezu zeitloses Meisterwerk der Comic-Kunst geadelt, welches in seiner expressionistischen Wucht noch viele nachkommende Generationen an Graphic-Novel-Fans begeistern dürfte.

Eindrucksvolle Werkschau eines begnadeten Illustrators

Mit der Wiederveröffentlichung dieses Klassikers der Bilderzählung ein Jahr nach dem Tod des Illustrators im Jahr 2014 sorgte der avant-verlag dafür, dass das stets schnell vergriffene Buch weiterhin zugänglich bzw. erhältlich bleibt. Um darüber hinaus auch Hans Hillmanns sonstiges illustratorisches Vermächtnis vor dem Vergessen bewahrt zu wissen, hat der Berliner Comickunst-Verlag nun einen Kunst-Prachtband zusammengestellt, der unter dem schlichten Titel „Hillmann“ auf mehr als 250 Seiten eine eindrucksvolle Werkschau sämtlicher Illustrationsarbeiten bereithält. Vieles darin stammt aus dem Nachlass des Künstlers, so manches wird erstmals seit Jahrzehnten wieder einem Publikum, manch anderes sogar erstmalig zugänglich gemacht; alles darin wartet darauf, neu- oder wiederentdeckt zu werden, unverhohlene Begeisterung auszulösen und herauszustellen, welches Ausnahmetalent der Illustrator Hans Hillmann war. Das gelingt ziemlich überzeugend und lohnt sich unbedingt: Wer das Buch einmal aufschlägt, wird sich darin im Nu festblättern. In fünf Kapiteln wird darin ein umfassendes Bild von Hillmanns langjährigem Schaffen als Illustrator geschaffen, wobei dies weniger einer Chronologie folgend als vielmehr auf Grundlage thematischer Schwerpunkte geschieht. So lässt das Kapitel „Städte und weitere Landschaften“ etwa Hillmann als zeichnenden Reporter erfahrbar werden, der wiederholt Italien und Frankreich bereiste und Land und Leute zumeist aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive eindrucksvoll porträtierte bzw. stimmungsvoll dokumentierte.

„Berühmte Liebespaare“ wiederum eröffnet einen umfassenden Einblick in die in den Jahren 1990-95 in Auftrag des FAZ Magazins entstandene Artikelserie, die jeweils aus einem Text und einem zugehörigen, von Hillmann geschaffenen untereinander korrespondierenden Bildpaar bestand und unter anderem bekannte Liebespaare der Liebespaare wie Ingrid Bergman und Roberto Rosselini, Henriette und Casanova oder Claretta Petacci und Benito Mussolini eine besondere Bühne bereitete. Und das Kapitel „Sequenzen“ lässt deutlich zutage treten, dass Hillmann trotz aller Reserviertheit, die er grundsätzlich gegenüber comicstripartigem Erzählen hatte, sich auch über sein 250 Illustrationen umfassendes „Fliegenpapier“-Meisterwerk hinaus bestens auf das sequentielle Erzählen verstand und immer wieder Illustrationen für Bücher erschuf, die als komponierte Bildfolgen auch ganz eigenständig und ohne Begleittexte behände ‘zu erzählen‘ wissen.

Einziger Wehmutstropfen: Da sich das Buch ausschließlich auf Hillmanns Schaffen als Illustrator konzentriert, bleiben seine genialen Plakatentwürfe außen vor – hätten in ihrer schieren Vielzahl allerdings wohl auch den Rahmen dieser Werkschau gesprengt. Aber vielleicht hält die Zukunft ja noch ein weiteres, den Plakat-Schöpfungen des Künstlers gewidmetes „Hillmann“-Buch bereit. Lohnenswert und eine perfekte Ergänzung zu dem vorliegenden Bildband wäre es allemal.

„HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten“
avant-verlag
264 Seiten (geb.)

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18. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Pieter Waterdrinker: »Tschaikowskistraße 40«

Grandioser Rundumblick ins Russland von Gestern und Heute

Pieter Waterdrinkers „Tschaikowskistraße 40“ darf sich ohne Zweifel zu jener Sorte Roman zählen lassen, die ihre Leserschaft ziemlich unmittelbar gleich auf der ersten Seite abholen, ja erzählerisch geradezu überschwänglich bei der Hand nehmen und in die nachfolgende Handlung einführen: Eines Tages im Jahre 1988 klingelt ein ihm unbekannter Mann im braunen Regenmantel an der Tür von Pieter Waterdrinker – wohnhaft in einem kleinen niederländischen Ferienort und mit seinen 26 Jahren gerade in einem postadoleszenten ‚Karriereloch‘ festhängend – nicht etwa, um ihm das neueste Staubsaugermodell oder die jüngste holländische Käsekreation schmackhaft zu machen, sondern um ihn davon zu überzeugen, mal eben 7.000 russische Bibeln für ihn nach Leningrad zu schmuggeln. Dem Ich-Erzähler erscheinen Mann und Auftrag so dubios, dass er sich kurioserweise tatsächlich auf dieses wahrhaftig nicht alltägliche Unterfangen spontan einlässt und wenig später als Schmuggler in die Sowjetunion begibt. Natürlich läuft nichts so wie geplant, dafür so abenteuerlich und skurril, dass der bibelschmuggelnde Holländer am Ende seiner schließlich irgendwie doch noch irgendwie glückenden ‘Mission‘ der alsbald neuerlich vom Regenmantel tragenden Missionar an ihn herangetragenen Bitte, weitere 80.000 russische Bibeln in die UdSSR zu schmuggeln, nur kurzzeitig ablehnend gegenübersteht – nicht ahnend, dass er mit dieser Zusage mehr oder weniger konkret den Bodensatz seines weiteren Lebenskurses festgelegt hat.

Mehrgleisige Erzählebenen

Indes offenbart das nachfolgende Kapitel nicht etwa die erwartete Fortsetzung der abenteuerlichen Schmuggelgeschichte, sondern einen abrupten Sprung in die Zukunft: Es ist das Jahr 2016, Pieter Waterdrinker lebt seit bald 30 Jahren in St. Petersburg. Mit Frau, ohne Kinder, dafür mit drei Katzen, in einer geräumigen Altbauwohnung im Herzen der Stadt – genau genommen in besagter, titelgebender Tschaikowskistraße 40. Die interessanterweise nicht etwa nach dem berühmten Komponisten, sondern nach einem zumindest jenseits der russischen Grenze völlig unbekannten Revolutionär benannt ist. Ja, Pieter oder nunmehr Pjotr Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, ist nach St. Petersburg zurückgekehrt und geblieben. Über den einen oder anderen Umweg hat er die Laufbahn eines holländischen Schriftstellers mit Wohnsitz in Russland eingeschlagen, wobei es um deren Glanz gut 16 Jahre nach der Jahrtausendwende nicht allzu gut bestellt ist – mehr noch, Waterdrinker sich angesichts der Leere auf seinem Konto gezwungen sieht, den ihm von heimischen holländischen Verlag angebotenen Auftrag anzunehmen, anlässlich des bevorstehenden 100. Jahrestages der Russischen Revolution von 1918 eine kleine Aufarbeitung der Ereignisse von damals zu verfassen – die, so der Wunsch seiner Verlegerin, möglichst persönlich gehalten sein soll. Als 1961 geborener Mensch kann zwar weder Waterdrinker, der Autor, noch Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, eine ureigenen Erinnerungen an jene Revolution vorweisen; als Bewohner eines Hauses, das zumindest geografisch im Zentrum der damaligen Umsturzbewegungen gelegen hat, fühlt er sich dennoch ohne Weiteres imstande, das gewünschte ‘persönliche‘ Buch vorzulegen. Sein Rezept hierfür gibt er großzügig kund: „Man musste lediglich das eigene Leben mit etwas Patina aufhübschen, sich mit großzügigen Quellenangaben an der Fülle dessen, was andere bereits aufgeschrieben hatten, bedienen und, wenn nötig, noch was hinzuerfinden, alles einmal durchquirlen, bis die Zutaten eine kräftig gebundene Suppe ergaben, und voilá: das Buch hatte sich sozusagen von ganz alleine geschrieben.“

Gut gewürzt, perfekt abgestimmt

Also beginnt Waterdrinker aus seinem eigenen Leben zu erzählen, fügt der vorangestellten Bibelschmuggel-Geschichte eine zweite hinzu, aus der er als Touristenführer für holländische Sowjetuniongäste geradewegs in jene Zeit des Umbruchs hineinstolpert, in der die altersschwächelnde UdSSR bereits recht offenkundig ihrem nahenden Ende entgegen strebte. Behände verknüpft er die abenteuerlichen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse jener Untergangsjahre mit jenen geschichtsträchtigen Ereignissen der Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts, die 1918 die große Russische Revolution und in der Folge eben auch jene Sowjetunion hervorbrachte, deren Ende er gut 70 Jahre später selbst miterleben ‘durfte‘, springt zwischendurch zurück in seine 2016er Gegenwart und das damit verbundene Gesellschaftsbild und vermischt-verquirt all diese Zutaten – ganz wie in seiner Rezeptur vorgegeben – zu einer höchst persönlichen, überaus ausgelassenen, enorm inhaltsprallen, durchweg mitreißenden gedanklichen Reise durch die Gegenwart und Vergangenheit seiner Wahlheimat, an der teilzuhaben eine wahre Lesefreude ist. Zu lernen gibt es obendrein natürlich auch einiges – und wenn es nur die ‘Tatsache‘ ist, dass Geschichte sich nie wiederholt, wohl aber zu reimen weiß …

Pieter Waterdrinker
“Tschaikowskistraße 40”
Matthes & Seitz Berlin, 392 Seiten (geb.)

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4. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.): »Der letzte Satz«

Ein Buch voller Melancholie und Schönheit

Frühjahr 1911: Ein Mann, gerade einmal 50 Jahre alt, aber älter, irgendwie zerbrechlich, vielleicht auch schon etwas zerbrochen wirkend, sitzt an Bord eines Ozeandampfers, der ihn von New York nach Bremen bringt, gut eingehüllt in ihn wärmende Decken auf einer eisernen Kiste und blickt auf das Meer hinaus, das ihm sein mal ewig gleiches, mal unglaublich facettenreiches Antlitz zeigt. Er sitzt schon lange hier, seit Stunden, fühlt sich nicht hungrig, aber schwach, fiebrig, aber doch klaren Kopfes, will einfach nur sitzen und beschauen, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang. Gern auch die Fliegenden Fische, von denen er gehört hat. Vor allem aber will er seinen Gedanken und Assoziationen nachhängen, Erinnerungen aufleben lassen – an die vielen großen sowohl strahlend hellen als auch abgründig dunklen Momente in seinem Leben, denen er besondere Bedeutung beimisst: an die Musik, die ihm seit Kindheitstagen alles ist, alles bedeutet. An seine Rolle als weltweit gefeierter Dirigent, Operndirektor und Komponist mit eigenem Komponierhäuschen. Natürlich auch an sein Dasein als Ehemann und Vater zweier Töchter, der seine Familie zwar liebt, aber doch bedingungslos seiner Musik unterordnet und dafür von seiner fast 20 Jahre jüngeren Frau, des ewigen Wartens auf ihn überdrüssig geworden, irgendwann die Quittung kriegt. Und unvermeidlich auch an Begegnungen mit dem Tod, der ihm, quasi in Ankündigung eines frühen Ablebens, nicht nur schon sein halbes Leben lang fortwährend und wiederkehrend mit Krankheiten, Übel und Gebrechen plagt, sondern auch schockierend brutal eines seiner Mädchen entreißt – und ihm nun auf dieser Schiffreise nach Europa so nahe gerückt ist, dass er ahnt, dies könne seine letzte Reise überhaupt werden…

Es ist niemand anderes als Gustav Mahler, bedeutender Komponist der Spätromantik, den der österreichische Erfolgsautor Robert Seethaler („Der Trafikant“) hier in seinem jüngsten Roman „Der letzte Satz“ fiebrig frösteln und herzkrank auf dem Sonnendeck der „SS Amerika“ auferstehen lässt, um uns an der großen Gedankenumschau und Erinnerungsrevue des berühmten Komponisten teilhaben zu lassen. Wie Seethaler das macht, steht in Sachen erzählerischer Genialität wohl nur unwesentlich den großen Sinfonien Mahlers nach: mit einer leise-poetisch und sehr präzisen Sprache, die so schön wie schlicht und so elegant wie leichtfüßig ist, dass man – selbst wenn man sich noch nie mit Mahler, seiner Musik oder Leben befasst hat – kaum anders kann als sich der grandios ausbalancierten Melancholie dieses Erinnerungsreigen genussvoll hinzugeben, der einen in einem Guss bis zur letzten Seite, bis zum letzten wohlplatzierten Satz führt. Wer den Lesegenuss dieses perfekt komponierten, feinen kleinen Romans noch erhöhen will, sollte unbedingt zur unlängst in der Büchergilde erschienenen Lizenzausgabe des Werks greifen. Zurückhaltend, aber höchst eindrücklich ergänzt hierin der Illustrator Sebastian Rether die Erzählung um 16 Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die als grafisches Pendant zu Seethalers Erzählweise das abrundende und höchst willkommene gestalterische Tüpfelchen auf dem „i“ in diesem unbedingt lesenswerten Buch bilden.

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.):
“Der letzte Satz”, Büchergilde Gutenberg
128 Seiten (geb.)

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