29. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Maggie O’Farrell: »Judith und Hamnet«

Sinnliche Reise ins Elisabethanische Zeitalter

Die nordirische Schriftstellerin Maggie O’Farrell widmet sich in ihrem historischen Roman Judith und Hamnet“ auf ergreifend gefühlvolle Weise dem Verlust eines Kindes in einer ganz besonderen englischen Familie.

In einem Vater-Mutter-Kind-Familiengefüge gibt es eigentlich kaum eine denkbar tragischere Situation als wenn ein oder mehrere Familienmitglieder ‘vor der Zeit’ aus dem vertrauten, kompletten Gefüge gerissen werden und in der Folge Witwen, Witwer, Waisen und – wie nennt man jemanden, der einen Bruder, eine Schwester oder gar seinen Zwilling verliert? – hinterlassen, die nun gezwungen sind, mit der entstandenen Leerstelle zurechtzukommen und die losen, zerrissenen Enden des Familienverbunds jeder für sich und alle gemeinsam wieder zusammenzufügen.

Die beiden titelgebenden Figuren von Maggie O’Farrells Roman sind eben solch gleichaltrigen Geschwister, überdies eineiige Zwillinge und: die historisch verbürgten Kinder William Shakespeares und seiner Frau Anne Hathaway. Bevor Sie jetzt mit dem Gedanken ‘Nicht noch eine weitere Shakespeare-Biographie!’ abwinken, lassen Sie sich versichern: In “Judith und Hamnet begleitet der vielgerühmte Dramatiker nur eine Nebenrolle; genau genommen wird sein Name im gesamten Text nicht einmal genannt. Präsent ist er natürlich dennoch – als schmächtiger Sohn eines zu Gewaltausbrüchen neigenden Handschuhmachers, als noch fast jugendlicher Lateinlehrer, als erfolgreich um Gunst und Liebe Werbender und als Familienvater von insgesamt drei Kindern, die er aufgrund seiner vielen ‘Dienstreisen’ viel zu selten sieht.

Erzählt werden diese frühen Lebensstationen des Privatmanns William Shakespeare aus der Perspektive seiner Kinder und insbesondere aus dem Blickwinkel seiner Frau Anne Hathaway, die hier im Buch unter dem Namen Agnes (also jenem Namen, der auch im Testament ihres Vaters steht) auftritt und von O’Farrell zu der zentralen, überaus faszinierenden Figur des Romans herausgeformt wird. Agnes, Tochter eines Schäfers, die einen gezähmten Falken zum Begleiter hat, Heilerin ist, Kräuterfrau und Seherin und überhaupt ein ziemlicher eigensinniger Freigeist, die in ihrer kleinstädtischen Umgebung als Außenseiterin gilt und von ihren Mitmenschen hinter vorgehaltener Hand auch schon mal als Hexe bezeichnet wird. Womit Agnes durchaus leben kann, ebenso mit dem Umstand, dass sie acht Jahre älter ist als ihr Mann und dieser immer öfter in der Hauptstadt weilt, weil er nicht gewillt ist, das Handschuhmacher-Geschäft seines Vaters zu übernehmen, sondern sich lieber als Stückeschreiber an Londoner Bühnen versuchen möchte. Doch dann bricht das Jahr 1596 an und mit diesem der Schwarze Tod über England herein, der großen Schmerz für die noch junge Familie mit sich bringt: Judith, die Zwillingsschwester, von der Pest befallen, aber zum Weiterleben bestimmt, seine Mutter, die ältere Schwester, sogar die Großmutter sind daheim, als der Schwarze Tod sich Shakespeares Sohn Hamnet holt, nur jener selbst weilt wie so häufig gerade Meilen und Tage entfernt in der Hauptstadt und kommt erst heim nach Stratford-upon-Avon, als sein Sohn längst begraben ist. Um dann sogar alsbald und viel zu früh wieder abzureisen, weil seine Theatergruppe auf ihn wartet. Agnes stürzen diese Geschehnisse in eine schwere Lebens- und Ehekrise, aus der sie erst gut fünf Jahre später wieder herausfinden soll. Zunächst voller Skepsis reist sie nach London, um der Premiere eines neuen Stücks ihres Mannes beizuwohnen – und vor Ort tief berührt zu erkennen, dass der Tod ihres gemeinsamen Sohnes William Shakespeare genauso getroffen hat wie sie selbst, dieser seine Schmerz über den Verlust jedoch auf ganz andere, ureigene Weise verarbeitet hat: mit der Erschaffung von “Hamlet”.

Entlang der wenigen historisch verbürgten Fakten, die über William Shakespeares Familie und seine jungen Jahre bekannt sind, hat Maggie O’Farrell einen Roman mit einem überaus anschaulichem zeithistorischem Kolorit verfasst, der sich angesichts der eigentlich einer vermeintlich eher schweren Thematik – Schicksal, Trauer, Schmerz, Zusammenhalt – erstaunlich zugänglich und lebendig liest. Dies ist zum einen O’Farrells einnehmend gefühlvoller und mitunter in den magischen Realismus überschwappender Erzählweise, zum anderen aber auch ihrer herausragenden Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt der einzelnen Figuren hineinzuversetzen, zu verdanken. Wobei sie höchst trotz aller Sinnlichkeit, die der Roman zu offenbaren weiß, angenehmerweise sämtlichen Verlockungen der Kitschschublade zu widerstehen weiß. Dafür gab‘s den renommierten “Women’s Prize for Fiction 2020”, viel Kritikerlob und jede Menge begeisterte Leserinnen und Leser. Zu denen auch wir uns gern zählen.

Maggie O’Farrell
„Judith und Hamnet“
Piper Verlag, 416 Seiten (geb.)

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21. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mark Benecke/Kat Menschik: »Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben«

Ein Tierbuch wie kein anderes

Kat Menschik ist seit bereits 20 Jahren als Illustratorin tätig – häufig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bzw. deren Sonntagsausgabe, daneben aber auch für andere Zeitschriften und Zeitungen sowie in Büchern verschiedenster Natur, zu denen sie die bildhaften Elemente beisteuerte. Und: Kat Menschik ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass immer wieder von ihr illustrierte Bücher als „Schönstes Buch des Jahres“ gekürt werden; so gut, dass der Verlag Galiani Berlin ihr seit 2016 eine eigene Buchreihe zur Verfügung stellt, in der sie ihre persönlichen Lieblingsbücher der Weltliteratur illustrativ vorstellen darf. Erschienen sind in dieser Reihe „Illustrierter Lieblingsbücher“ bislang unter anderem Shakespeares „Romeo & Julia“, Kafkas „Landarzt“, E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“, „Unheimliche Geschichten“ von E.A. Poe oder auch Puschkins „Pique Dame“. Fast aus ausnahmslos Weltliteratur bereits verstorbener Autoren zieren diese Reihe grandios bebilderter bzw. gestalteter bibliophiler Kleinode – jetzt gesellt sich ein Lebender hinzu, der sich ausgerechnet viel mit dem Tod und seinen Begleiterscheinungen beschäftigt: Mark Benecke.

Dr. Mark Benecke kennt man. Als international renommierter Kriminalbiologe ist er seit Jahren auf nahezu allen Bühnen der Medienlandschaft präsent wie selten ein Berufswissenschaftler, vermittelt uns wissenshungrigen Laien seine schier überbordenden Fachkenntnisse über Zoologie, Kriminalbiologie und dergleichen unterhaltsam und allgemeinverständlich per Funk, Film oder Fernsehen, natürlich auch in Schriftform (bislang etwa zwei Dutzend Veröffentlichungen), sowohl analog als auch digital. Ist ja schließlich das 21. Jahrhundert. Da Kat Menschik gern vor dem Radio sitzt und sich regelmäßig und mit nie nachlassender Begeisterung die neuesten Benecke’schen Tierbetrachtungen anhört, war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis die Idee in ihr zündete, Mark Benecke mitsamt seinen grandiosen Tiergeschichten in ihre „Lieblingsbücher“-Serie aufzunehmen. Jener sagte natürlich zu und stellte in freier Anlehnung an, beziehungsweise Huldigung von Alfred Brehms legendärem „Thierleben“ nun sein eigenes „Thierleben“ zusammen – und Kat Menschik sich zur begleitenden Illustration zur Verfügung.

Kurios-unterhaltsame Wundertüte

„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“ ist selbstverständlich weitaus zugänglicher geraten als der vermeintlich sperrige, anheimelnd ‘altertümliche‘ Buchtitel suggerieren mag. Genau genommen ist das Buch, was das vermittelte Wissen angeht, erwartungsgemäß eine wahre Fundgrube: von „feenhaften Glühwürmchen“ über hinterhältige Oktopusse und „beschämten Hunde“ bis hin zu Vampirfledermäuse reicht die Bandbreite der 17 Tiere bzw. Arten, die Benecke und Menschik hierin versammelt haben. Wobei Beneckes Faible für kurios anmutende Tiere und deren mitunter noch absonderlicher erscheinendes Verhalten die inhaltliche Gewichtung bei der Auswahl gelegt haben dürfte. So bekommen wir unter anderem auch erhellende – mitunter durchaus skurril-morbide – Einsichten zu Tieren mit nekrophilen Verhaltensweisen vermittelt, zu Haustieren, die von ihren BesitzerInnen ‘kosten‘, zu Elchen, die betrunken durch die Gegend stolpern und natürlich auch allerlei Erquickliches über Maden, eines von Mark Beneckes unbestrittenen Lieblingsforschungsgebieten.

Was die Gestaltung anbelangt, steht das Buch erwartungsgemäß seinen Vorgängern der „Lieblingsbücher“-Serie in nichts nach: Kat Menschik fängt Beneckes Tier- und Themenwahl mit ihren zahlreichen ganzseitigen Illustrationen jederzeit liebenswert, durchweg hoch-ästhetisch und in jedem Fall als perfektes Gegenstück zu Beneckes ‘kurios-erschröcklichen‘ Ausführungen ein. Ein Buch wird uns damit an die Hand gegeben, das zugleich höchst informativ und unterhaltsam und überdies auch noch schön zu beschauen ist – was will man mehr? „Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben“ – um den Titel noch einmal in voller Länge zum Besten zu geben, hat auf jeden Fall das Zeug, nicht nur bei Kat Menschik zum Lieblingsbuch zu werden.

Kat Menschik und Dr. Mark Benecke
„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“
Galiani-Berlin, 160 Seiten (geb.)

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16. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mikaël Ross: »Goldjunge – Beethovens Jugendjahre«

Bildgewaltig: Freud und Leid eines heranwachsenden Wunderkinds

Seine Graphic Novel “Der Umfall” hat Mikaël Ross viel Lob und Aufmerksamkeit eingebracht – unter anderem wurde das Comic über ein besonderes Dorf in Niedersachsen zum deutschsprachigen Comic des Jahres 2020 gewählt. Zum aktuellen Beethoven-Jahr hält der in Berlin lebende Comiczeichner eine neue ‘Bildergeschichte‘ parat, die gleichermaßen das Zeug hat, Begeisterung auszulösen: „Goldjunge“. Besagter Goldjunge ist natürlich niemand anderes als Ludwig van Beethoven – der junge, kindlich-pubertierende Ludwig van, der Probleme und Hürden zu überwinden hat, wie sie zweifellos den Weg vieler Heranwachsender queren, der aber auch schon in jenen Jahren immer wieder deutliche Züge eines Wunderkindes und musikalischen Genies aufblitzen lässt.

Mikaël Ross lässt die Handlung 1778 einsetzen. Der kleine Ludwig, knappe sieben Jahre alt und in Gedanken bereits viel bei der Musik – seiner eigenen Musik natürlich – ist in den winterlichen Rheinauen rodeln. Die beiden jüngeren Brüder (O-Ton Beethoven: „Hirnfresser!“) nerven ihn tüchtig, noch mehr aber eine Gruppe älterer Raufbolde, die über ihn herziehen und als „Hans Arschgen von Kackhofen“ betiteln. Als er sich gegen die Verunglimpfung des väterlichen Namens wehrt, fängt Ludwig sich ein blaues Auge und eine blutige Nase. Auf Trost und Unterstützung von Seiten seines Vaters braucht er daheim nicht im Ansatz hoffen – der “Kurfürstliche Hoftenorist” Johann van Beethoven, ein Lokalmusiker mit recht versackter Karriere, verbringt seine Zeit lieber in der Schenke oder zerrt den Jungen, wenn er nächtens sturzbetrunken nach Hause kommt, mit der Aufforderung aus dem Bett, dem mitgebrachten Besuch doch bitte umgehend etwas von Mozart am Klavier vorzuspielen. Um zu zeigen, dass er einen zweiten Mozart daheim habe, einen wahren ‘Goldjungen‘ am Klavier. Wobei Vater Beethoven in Sachen ‘Gold‘ hauptsächlich an seine eigene Geldbörse denkt und gar nicht realisiert, dass sein Filius tatsächlich ein musikalisches Wunderkind ist, das weit mehr drauf hat als nur Mozart nachzuspielen. Denn Ludwig ist längst dabei, seine eigene Musik zu entdecken, die Gefühlswelt und Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend in Musik zu kleiden…

Die Lücken beleben

Die Begebenheit mit der blutigen Nase ist erfunden, vielleicht auch jene Szene, in der Ludwig zum Vorspielen nachts aus dem Bett geholt wird oder jene, in der der junge Musikus ausgerechnet beim ersten Auftritt am kurfürstlichen Hofe vom Pockenfieber befallen wird und sich vor dem versammelten höfischen Publikum erbricht – daraus will der Comicautor auch gar keinen Hehl machen, geht es ihm doch bei weitem nicht nur darum, bekannte Ereignisse und Lebensstationen aus Beethovens frühen Lebensjahren abzuklappern. Nein, Mikaël Ross geht es darum, gerade auch das Nichtüberlieferte, die Lücken in diesem schon so häufig nacherzählten Lebenslauf zu besetzen – mit erzählerischer Kreativität und enorm ausdrucksstarker Bildsprache. Die dann am stärksten zur Entfaltung kommt, wenn er das junge Wunderkind am Klavier Platz nehmen lässt. Dann fließen die Töne im schwelgerischen Spiel der Farben und Striche aus den Bildern hervor, lassen die Bilderfolge in einem einzigen musikalisch-assoziativen Farbenmeer versinken. Besser lässt sich Beethovens Musik kaum in Bildwelten übertragen. Und so folgen wir Ludwig van Beethoven in dieser mit Tusche und Feder gezeichneten Lebenserzählung durch verschiedene frühe Lebensstationen, erleben mit ihm Freud und Leid der Kindheit und Jugend – erste musikalische Entdeckungsreisen, erste Liebe, erste öffentliche Auftritte auf der hellen Seite, die Tyrannei des Vaters, den Tod der Mutter, Pocken, wiederkehrende Koliken und quälende Ohrenschmerzen auf der dunklen Seite – und entdecken in diesem so wunderbar gezeichneten, sehr nahbar erzählten Porträt des heranwachsenden musizierenden ‘Goldjungen‘ mehr glaubhaft Menschliches als es wahrscheinlich jede sonstige Beethoven-Biographie hervorzubringen vermag.

Mikaël Ross
“Goldjunge – Beethovens Jugendjahre”
Avant-Verlag, 160 Seiten (geb.)

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13. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Jan Koneffke: »Die Tsantsa-Memoiren«

Meisterstück an Fabulierkunst

Was hat es nicht schon alles für ungewöhnliche Erzählerfiguren gegeben: Tote, Tiere, Steine, Pflanzen… und jetzt: ein Schrumpfkopf. Auf solche eine Idee muss man erst einmal kommen – aber schließlich muss es ja auch seinen Grund haben, dass Koneffke längst zu den profiliertesten Fabulierern im Lande gezählt wird. Und was er uns mit „Die Tsantsa-Memoiren“ vorgelegt hat, dürfte zweifellos eine der ungewöhnlichsten Romane der letzten Jahre sein, der derart proper mit Phantasie, Sprache und Irrwitz gefüllt ist, dass die Leselust bereits aus allen Seiten des Buches hervorfunkelt, wenn man dieses nur in Hand nimmt. Nennen wir es ruhig beim Namen: Jan Koneffkes neueste literarische Schöpfung weiß zu begeistern, sehr sogar. Was irgendwie auch der eingangs erwähnten, ziemlich speziellen und durchaus auch vereinnahmenden ‘Erzählerfigur‘ dieser an magischen Momenten reichen Abenteuergeschichte der besonderen Art zu verdanken ist.

Besagter Schrumpfkopf erwacht um das Jahr 1870 zum Leben, nachdem er in den Besitz von Don Francisco, einem Beamten der spanischen Krone in Caracas gelangt ist. Von der Wand der Schreibstube herab beobachtet er passiv das Geschehen um ihn herum – bis es ihm dämmert, dass er über ein eigenes (Selbst)Bewusstsein verfügt, mehr noch, auch zu sprechen imstande ist. Don Francisco ist von dieser Erkenntnis des Tsantsas mehr als überfordert: Als dieser sich ihm das erste Mal zu erkennen gibt, wirft ihn ein Herzinfarkt umgehend aus dem Leben. Was für Don Francisco das Ende bedeutet, ist dem munter vor sich hin erzählenden Schrumpf nur das erste Kapitel einer wahrhaftig epochalen Reise, die ihn unter anderem nach Rom, Paris, Frankfurt, Bamberg, Bukarest, Wien und Berlin führt und wird zum Zeuge vieler kleiner und  auch so manch großer Ereignisse, die die (europäische) Welt in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten bewegen würde. Mal wird er als unscheinbarer Spion eingesetzt, mal als Familienmitglied adoptiert; mal hält er revolutionäre Reden, mal soll er den Todesmut junger Nazis beflügeln; mal hängt er aber einfach nur gelangweilt in einem Museum herum. Bis der nächste Schicksalsschlag ihn der Fürsorge eines neues Besitzers zuführt – und danach dem nächsten und dem nächsten. Bei all dem bleibt dem unsterblichen, da mustergültig mumifizierten Schrumpfkopf natürlich genug Zeit, um sich ausgiebig auch seiner eigenen Werdung zu erinnern und die Geschichte seines einstmals ganzkörperlichen Vorlebens vor uns, den Lesenden feinhumorig auszubreiten, die begierig an seinen trockenen Erzählerlippen hängen.

Versuchen Sie ruhig, dieses „Memoiren“ nicht in einem Schwung zu lesen – es wird Ihnen genauso wenig gelingen wie diesen faustgroßen Ich-Erzähler nicht zu mögen…

Jan Koneffke
„Die Tsantsa-Memoiren“
Galiani Berlin, 556 Seiten (geb.)

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7. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Stephan Lohse: »Johanns Bruder«

Unterwegs auf dem 52. Breitengrad

Stephan Lohse, Jahrgang 1964, kannte man bis 2017 vornehmlich als Schauspieler mit Rollen in durchaus renommierten Schauspielhäusern in Berlin, Hamburg und Wien. Dann veröffentlichte er seinen Debütroman „Ein fauler Gott“ und ist seitdem landesweit ebenso als ziemlich talentierter, eigentlich durchweg lobgepriesener Autor mit gutem Gespür für Details und echte Gefühle und bekannt. Voller Empathie, mit anrührender Komik und gänzlich ohne Kitsch erzählt Lohse darin die Geschichte des fast zwölfjährigen Benjamin, der eigentlich voll mit seinem eigenen Leben zu tun hat – die Pubertät steht an… – sich nach Leibes- und Seelenkräften gleichzeitig aber auch darum bemüht, seiner Mutter über den Tod seines kleinen Bruders hinwegzuhelfen. Auch Stephan Lohses neuer Roman ist eine Familiengeschichte, allerdings ganz anderer Art. „Johanns Bruder“ erzählt in wechselnder Erzählperspektive von Johann und Paul, zwei Brüdern, die sich seit 28 Jahren nicht gesehen haben – und eine schwierige, sehr schwierige Kindheit teilen. „Unser Vater war bis zur Aufgabe seines Geschäfts Apotheker, unsere Mutter hat uns verlassen. Als Kinder haben wir an Gott geglaubt. Ich bin vier Jahre älter als Johann. Er spricht, ich bin stumm. Er ist homosexuell, ich bin es nicht. Ich verstehe einiges von Geografie und genauso viel von Geschichte, er nicht. Er ist von unserem Vater verprügelt worden, ich nicht. Ich war Zeuge, er war Opfer.“ Paul, der Ältere von beiden, ist es, der hier eine präzise Kurzzusammenfassung ihrer Bruderverhältnisses liefert. Seit dem plötzlichen Verschwinden ihrer Mutter hat er kein Wort mehr mit seiner Umwelt gesprochen, alles, was er wahrnimmt, ihm durch den Kopf geht – und das ist viel – dafür niedergeschrieben, um es als umfangreiche Zettelsammlung seiner Gedanken- und Wahrnehmungswelt in mehreren Beuteln mit sich herumzutragen. Ihr Wiedersehen verdankt sich nicht dem Zufall – Johann, dessen bisheriges Leben auch nicht wirklich erfolgreich, vielmehr arg verstolpert verlaufen ist, erhält einen unerwarteten Anruf: Er möge Paul bitte aus einer psychiatrischen Klinik in Celle abholen. Sein Bruder wurde in einem nahe gelegenen Dorf aufgegriffen, nachdem er sämtliche Hühner jenes Dorfes, insgesamt 17, zusammengetrieben und ihnen hiernach den Kopf abgeschlagen hatte. Warum, dazu schweigt Paul. Doch er bittet Johann, ihn auf eine Reise zu begleiten. Erste Station: besagtes Dorf bei Celle – Altensalzkoth. Hier hatte sich Adolf Eichmann, der Mitorganisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung zwischen 1946 und 1950 zunächst als Waldarbeiter, danach als Hühnerzüchter versteckt gehalten. Während die beiden vom Leben angeknacksten Brüder, die einander so viele Jahre verloren hatten, ihre persönliche von Schmerz und Gewalt geprägte Vergangenheit in der Gegenwart ihres gemeinsamen Roadtrips zu kitten versuchen, erschließt sich nach und nach immer deutlicher, warum Paul zum Hühnermörder geworden ist und was genau es ist, das sie stetig weiter entlang des 52. Breitengrads in Richtung niederländischer Nordseeküste reisen lässt.. Tatsächlich fragt man sich beim Lesen von „Johanns Bruder“, ob es wirklich notwendig ist, dieser wirklich gelungene Roadnovel zweier ungleicher Brüder und ihrer tragisch-schweren Familiengeschichte, die hier in sprachlich-erzählerisch herausragender Weise vorgetragen wird, noch einen zweiten inhaltsschweren Erzählfaden zum schweren Erbe des Nationalsozialismus zur Seite zu stellen. Aber zum Glück erweist sich diese parallele Reise in das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit nicht so starr und dominant, als dass sie die besondere Magie des brüderlichen Bandes, die diesen Roman so zum Strahlen bringt, verdecken würde. So wird uns ein würdiger Debüt-Nachfolgeroman präsentiert, der einen Lesetipp allemal wert ist.

Stephan Lohse
„Johanns Bruder“
Suhrkamp Verlag, 243 Seiten (geb.)

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2. Januar 2021 | Allgemein

Neu: work-in-jena.de

Von Stadtmagazin 07

Neu: work-in-jena.de präsentiert Arbeits- und Lebensstandort

Wirtschaftsförderung startet neue Online-Plattform — Persönliche Beratung im Welcome Center möglich.

Wichtige Informationen zum Thema „Arbeiten und Leben in Jena“ bündelt seit Ende 2020 eine neue Website der Wirtschaftsförderung (JenaWirtschaft). Auf work-in-jena.de finden Interessierte aktuelle Stellenangebote von lokalen Unternehmen und Einrichtungen, einen umfassenden Überblick über die Jenaer Branchen und arbeitsbezogene Themen wie Aus- und Weiterbildung, Bewerbung und Jobsuche. Für Menschen, die Jena noch nicht kennen, stellt die Website wichtige Informationen zu den Themen „Ankommen“, Familie, Wohnen, Freizeit und Kultur sowie gesellschaftliche Teilhabe vor und hilft, vor Ort die richtigen Anlaufstellen zu finden.

Das Thema Fachkräftegewinnung wird laut JenaWirtschaft-Chef Wilfried Röpke entscheidend für die Stadt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein: „Die Firmen am Standort haben weiterhin Bedarf an qualifiziertem Personal. Die von uns in Auftrag gegebene Fachkräftestudie zeigt, dass trotz ‚Corona-Effekten‘ die Jenaer Unternehmen bis 2030 rund 20.600 neue Arbeitnehmende benötigen.“ Das Portal work-in-jena soll dabei Jenaer Jugendlichen kurz vorm Berufseinstieg genauso über den Arbeitsstandort informieren wie Menschen aus dem Ausland.

Seit Herbst 2020 stehen außerdem zwei neue Mitarbeiterinnen von JenaWirtschaft für eine persönliche Beratung und Begleitung aller an Jena interessierten Fachkräfte zur Verfügung. Im neuen ‚Welcome Center Jena‘ beantworten Joanna Pawlaczek und Cornelia Meyerrose darüber hinaus Fragen von Jenaer Unternehmen und Einrichtungen zur internationalen Personalgewinnung und kultureller Vielfalt im Team.

Mehr: www.work-in-jena.de

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