28. Juni 2020 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


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12. Juni 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Isabelle Autissier — „Klara vergessen“

Großer Fang: Isabelle Autissiers zweiter Roman

Wenn ein Verlag sich nach dem Meer benennt, ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn dieser mit seinen Veröffentlichungen auch inhaltlich stets nah an den verschiedenen Gewässern unserer Welt auf Fang geht. Geschichten, die das Meer erzählt, publiziert der mareverlag nunmehr schon seit mehr als zwanzig Jahren – sowohl Klassiker als auch Neuerscheinungen – und immer wieder gelingt es dem Hamburger Verlag, wirklich dicke Lesefische ins Netz zu bekommen. Man denke hier nur an John Griesemers Erfolgsroman „Rausch“ oder Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“. Neuester Fang: „Klara Vergessen“ von Isabelle Autissier – einer Frau, die wie kaum eine andere Autorin das Credo des Verlags – also die Leidenschaft zum Meer und jene zur Literatur in sich vereint. Von Kindesbeinen an mit dem Meer, dem Wind und den Wellen vertraut, stand für Autissier bereits im Alter von 12 Jahren fest: ihr Leben gehöre dem Meer gehört, mehr noch, eines Tages würde die Welt umsegeln würde – und zwar allein. 1991 nahm dieser Kindheitstraum tatsächlich Form an. Im Rahmen einer Einhand-Segelregatta gelang ihr 35-jährig als erste Frau überhaupt die Weltumrundung. Süchtig nach Meer wollte sie diese Glanztat 1995 und 1999 wiederholen – beide Male kenterte jedoch ihr Boot. Für die Französin kein Weltuntergang, aber offenbar ein Zeichen, ihre Lebenspläne ein wenig abzuwandeln: Isabelle Autissier wurde Festlandmensch, Vorsitzende des WWF Frankreich – und Schriftstellerin.

Gleich ihr erster Roman sorgte dafür, dass ihr Name fortan nicht nur in der Segelwelt Bekanntheit genießt, sondern auch unter Lesefreunden niveauvoller Literatur. Quasi aus dem Stand gelang ihr 2015 mit „Herz auf Eis“, das (natürlich) von einem Seglerpaar erzählt, welches auf einer einsamen Insel in Südgeorgien strandet, ein kleiner Sensationserfolg, der in seiner deutschen Fassung selbstverständlich im mareverlag veröffentlicht wurde. Und wie es sich so ‘anliest’, ist ihr mit dem Romanzweitling „Klara vergessen“ gleich der nächste große Wurf gelungen.

Murmansk am arktischen Ozean, unweit von Norwegen und Finnland und etwa 1500 Kilometer der russischen Hauptstadt Moskau gelegen. Von hier erhält Juri Bondarew (Professor für Ornithologie, Mitte 40) eine Nachricht, die ihn jäh aus seinem wohlsortierten Leben im nordamerikanischen Ithaca reißt. Eigentlich hatte er seine am russischen Polarmeer gelegene alte Heimat Murmansk, die er mehr als zwanzig Jahre zuvor erfüllt von Groll und Ablehnung verlassen hatte, nie wiederaufsuchen wollen. Doch nun steht er vor der Aufgabe, nicht nur seinem im Sterben liegenden Vater gegenüberzutreten, sondern auch seiner eigenen von Kämpfen, Schmerz und verzweifelten Hoffnungen geprägten Vergangenheit, die er meinte, mit seinem Weggang in die Vereinigten Staaten gut verpackt und auch endgültig zurückgelassen zu haben.

Wie sich zeigt, ist die Herausforderung, der Juri sich vor Ort angekommen stellen muss, sogar noch weitaus größer. Rubin, sein Vater, hat einen letzten Wunsch an ihn: Juri soll das Schicksal seiner Mutter, Juris Großmutter Klara aufklären, die eines Nachts im Juni 1950 vor den Augen des damals vierjährigen Rubin von der Geheimpolizei abgeholt wurde und von der seitdem nie wieder etwas gehört worden war. Zunächst eher widerwillig begibt sich Juri auf familiäre Spurensuche – und muss zu seinem eigenen Erstaunen erkennen, dass sein eigener Schicksalsweg mit dem seines Vaters und jenem seiner Großmutter tatsächlich enger verknüpft ist als er je ahnte …

Isabelle Autissier hat mit „Klara Vergessen“ eine drei Generationen überspannende multiperspektivische Familiensaga geschaffen, in der neben der wilden Natur Nordrusslands (und natürlich dem Meer!) vor allem dem Prozess des Erinnerns eine gewichtige Hauptrolle zukommt: ein ‘Protagonist’, der sowohl alte Wunden aufreißen lassen als auch Seelenfrieden verschaffen kann. Dies verschafft der gleichsam fesselnd und einfühlsam erzählten Geschichte einen Mehrwert, die diesen Roman letztlich weit über seinen reinen Unterhaltungswert lesens- und damit auch definitiv weiterempfehlenswert macht.

Isabelle Autissier
„Klara vergessen“
mareverlag, 304 Seiten (geb.)

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8. Juni 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutigen Empfehlungen: Sara Mesa — „Quasi“

Der Schein, der Schein — er trügt

Ein ganz normales, fast vierzehnjähriges, pubertierendes, vielleicht etwas pummelige und den gängigen Teenager-Normen nicht ganz entsprechendes Mädchen kommt an ihrer Schule nicht zurecht: Von den Mitschülern wird sie gemobbt, von den Lehrern zur Mitarbeit und Integration in ein Klassengefüge genötigt, dessen Teil sie nicht sein will. Ein ganz normales, aber gemobbtes Mädchen versucht diesem peinvollen Schulalltag und den Gleichaltrigen, die ihr alles andere als lieb und nah sind, zu entfliehen, indem sie sich heimlich jeden Morgen hinter den dichten Büschen eines nur spärlich besuchten Parks versteckt und dort den Vormittag verträumt, bis es an der Zeit ist, den vermeintlichen Heimweg von der Schule anzutreten. Dort hat sie sich selbst ‘abgemeldet’, die Eltern wissen nichts davon – es sind mittlerweile mehrere Wochen vergangen.

Doch dann taucht in ihrer kleinen Rückzugswelt im Park eines Tages ein älterer, etwas verschroben wirkenden Mann im abgetragenen Anzug auf, der sich zum Glück als freundlich-schüchtern erweist, aber irgendwie nur seltsam daher redet, vor allem von Vögeln, die ihm die Welt bedeuten. Am nächsten, und auch an den folgenden Tagen und Wochen erscheint der Alte, wie sie ihn nennt, wieder im Versteck des Mädchens, nimmt in höflicher Distanz Platz, bringt kleine Aufmerksamkeiten mit – ein Handtuch zum Sitzen, eine Flasche Wasser oder eine Tüte Chips – und hört ihr zu. Fragt sie nicht aus, hört zu, während das Mädchen, das er Quasi nennt, da sie ihren eigenen Namen nicht mag, beginnt, von ihrem Außenseiterdasein in der Schule zu erzählen und davon, wie und wer sie eigentlich gern wäre: abenteuerlustiger, schöner, überhaupt fraulicher. Wenn er redet, dann zumeist über Vögel oder die Sängerin Nina Simone, deren Musik er liebt – aber irgendwie ist da auch noch mehr, etwas anderes, das in der Vergangenheit liegt und von ihm nur sehr widerwillig angedeutet wird: irgendwelche ‘falschen Verdächtigungen’, die ihm angelastet werden und ihn ähnlich wie sie in ein Außenseiterdasein gedrängt haben. Eben dieses Außenseiterdasein scheint an ihrem Zufluchtsort im Park wie verschwunden, hier finden beide Asyl vor den Beschwernissen ihres Alltags und ein Gegenüber, das sie so nimmt wie sie sind. Doch während die Tage ins Land gehen, realisiert das Mädchen mehr und mehr, dass ihre Zweisamkeit nicht von Dauer sein wird. Etwas wird geschehen und ihre Blase zum Platzen bringen …

Was die im deutschsprachigen Raum bislang eher unbekannte spanische Autorin Sara Mesa hier im Wagenbach Verlag vorlegt, ist ein Roman voller schleichender Doppelbödigkeit. Denn an und für sich erzählt „Quasi“ nur von der behutsamen Annäherung zweier Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, die nirgendwo dazugehören, aber in einem zufällig gefundenen Refugium ein gemeinsames Lebensgefühl teilen können: das dringende Bedürfnis, den Erwartungshaltungen und Zudringlichkeiten der sie umgebenden Welt zu entkommen. Gleichzeitig liegt bei aller vermeintlichen Harmlosigkeit, bei aller Zurückhaltung und Sensibilität, mit der diese Treffen zwischen dem Mädchen und dem Alten stattfinden, ein spürbares latentes Gefühl der Beunruhigung über dem Geschehen – ein Gefühl, dass etwas Unheilvolles, ja vielleicht sogar Bedrohliches passieren wird – passieren muss. Pubertierendes, sich in ihre eigene Fantasie flüchtendes Mädchen und verhaltensauffälliger Mann allein hinter Büschen im Park – das kann nicht gut gehen, oder kann es doch? Viel zu spät merkt man, dass dieses ‘ungute Gefühl’, jenes Misstrauen, nichts ist, das der Begegnung dieser beiden ungleichen Romanfiguren an sich entspringt, sondern von außen, von uns, dem Lesenden hineingetragen wird.

Natürlich ist diese subtile Anspannung, die uns beim Lesen dieses sehr geschickt gestrickten Kurzromans erfasst, der ‘Verdienst’ der Autorin Sara Mesa, die mit kleinen, feinen Hinweisen inmitten einer sonst sehr verhalten und diskret konturierten Prosa sowie einer bewussten Beschränkung der Erzählperspektive auf die vermeintlich naive Sicht des Mädchens eine Misstrauensreaktion provoziert, die wie von allein ihre Wirkung entfaltet. Allenthalben dürfte es allerdings weniger Sara Mesas Absicht gewesen sein, uns angesichts der Erkenntnis, dass wir den Alten völlig zu Unrecht verdächtigt haben, die Schamesröte ins Gesicht zu treiben, sondern vielmehr das Bewusstsein für unseren Umgang mit all jenen (gesellschaftlichen) Vorurteilen zu schärfen, die unsere Wahrnehmung der Welt prägen. Das ist ihr mit diesem literarischen Vexierspiel hervorragend gelungen.

Sara Mesa
„Quasi“
Wagenbach, 144 Seiten (Broschur)

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