28. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Christian Schulteisz — „Wense“

Geschichte eines Vielfraßes

Den Begriff des Universalgelehrten oder Universalgenies kennt man. Meist taucht er in Verbindung mit historische Figuren wie Leonardo da Vinci, Alexander von Humboldt, Isaac Newton oder unserem guten alten Goethe auf – allesamt Gelehrte, die sich nicht nur auf einem, sondern gleich auf mehreren Wissensgebieten als Experten erwiesen haben. Eine Idee anders schaut’s beim Universaldilettanten aus. Auch dieser sinnt nach umfassendem Expertentum, übernimmt und verzettelt sich jedoch erheblich in dem Bestreben, sämtliche Wissensbestände der Welt zusammenzutragen, so dass er letzten Endes von allem ein bisschen weiß, nirgends jedoch wahrhaftige Expertise vorweisen kann. Zu den bekanntesten Repräsentanten dieser ‘Spezies‘ gehört zweifelsohne der Privatgelehrte Jürgen von der Wense (1894-1966) – u.a. Schriftsteller, Übersetzer, Landschaftsfotograf, Wanderer, Künstler und Komponist – der in einer scheinbar unstillbaren Wissbegierde nahezu sprichwörtlich jede Minute seines Lebens in eben dessen Anhäufung investierte. Egal, ob Sprachen wie Sanskrit, Altirisch, Suaheli, Syrisch oder Kymrisch-Walisisch oder Fachgebiete wie Afrikanistik, Aviatik, Mystizismus, Schafzucht, Klosterkultur, islamisches Obligationsrecht, Lautschriften, Forstwesen, Wasserbauwirtschaft, Paläontologie oder eine Neuübersetzung der Gedichte des Königs Mirambo von Unjamwesi – es gab einfach nichts, was Wense nicht anzog, erst recht, wenn es noch das eine oder andere Nebenthema offenbarte, das ebenfalls nach Zuwendung und Erforschung ‘verlangte‘. Großes Ziel Wenses: eine allumfassende Weltenzyklopädie, Arbeitstitel „All-Buch“, die natürlich nur Fragment bleiben konnte, unvollendet, unpubliziert. Nicht weniger als 60.000 Seiten umfasst der Wissensschatz, den der begnadete Universaldilettant der Nachwelt hinterließ – ein wahres analoges ‘Universalmonstrum‘, das heute sein Pendant in einer Plattform wie Wikipedia gefunden haben dürfte.

Wer einen kleinen Eindruck vom Tun und Schaffen Jürgen von der Wenses gewinnen möchte, muss nicht zwingend besagtes Nachlass-Konvolut durchforsten. In kondensierter und schmuck fiktionalisierter Form tut’s auch der kürzlich im Berenberg-Verlag erschienene Kurzroman „Wense“ von Christian Schulteisz. Dieser war zum Glück nicht so vermessen, sich hierin gleich allen Lebensstationen oder Wissensgebieten des eigenwilligen Jägers und Sammlers zuzuwenden. Ganz im Stile von ‘weniger ist mehr‘ lädt er stattdessen vielmehr dazu ein, Wense durch das Jahr 1943 zu begleiten, als jener ausnahmsweise einmal gezwungen war, sich von seinem eigenen Aufgabenfeld ab- und stattdessen der Erfüllung von Kriegsersatzdienst-Pflichten zuzuwenden. Der universelle Privatgelehrte wusste sich indes auch in dieser Situation zu behelfen: Er ließ, wo ging, den Schlaf einfach weg …

Quasi im Kontrast zur Uferlosigkeit des Wissensdurstes, von dem der allwissende Taugenichts getrieben war, entwirft Schulteisz auf 125 Seiten ein szenisch-schillerndes Lebensporträt der skurrilen Figur als präzise formulierte, stark verdichtete fiktive Momentaufnahme. Eindringlich schillernde Prosa, die das Thema Weiterbildung in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Gäbe es in unserem Magazin ein Empfehlungsrubrik „Der besondere kleine Band“, dieser Roman wäre ein klarer Kandidat dafür.

Christian Schulteisz

„Wense“

Berenberg Verlag, 125 Seiten (geb.)

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24. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Ann Petry — „The Street – Die Straße“

Vorgezeichnete Lebenspfade

Wann, glauben Sie, wurde der erste Roman einer Afroamerikanerin veröffentlicht? Während Sie noch rätseln, lassen Sie mich Ihnen eben jenen Roman, „The Street“ von Ann Petry (1908-1997), der sich seinerzeit innerhalb kurzer Zeit mehr als anderthalb Millionen Mal verkaufte, anempfehlen – nicht nur, weil er in diesem Frühjahr neu übersetzt bei Nagel & Kimche wiedererschienen ist, sondern ebenso, weil er eine Geschichte aufs Tableau bringt, die auch 74 Jahre nach Erstveröffentlichung (hier ist das gesuchte Datum: 1946!) kaum an Wucht, Eindrücklichkeit und politischer Brisanz verloren, kurzum: immer noch das Zeug für einen Bestseller hat. Schauplatz von Ann Petrys sensationellem Debütroman ist die 116th Street auf der Upper Westside im Harlem der 1940er Jahre. Lutie, eine junge Frau mit Highschool-Abschluss und achtjährigem Sohn Bubb, die bisher als Hausmädchen auf dem Lande gearbeitet hat, will hier nach der Trennung von ihrem Mann einen Neuanfang wagen. Mit der Zuversicht, sich ihre eigene Würde zu erhalten und willens, ihren Sohn vor schlechtem Einfluss zu bewahren, ja, diesem irgendwie den Sprung in ein besseres Leben zu ermöglichen, stellt sie sich zunächst entschlossen den von Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit geprägten Gegebenheiten ihrer neuen Harlemer Wohn- und Arbeitsumgebung. Doch irgendwann muss sie einsehen: Der Straße entkommt niemand …

Sprachlich sehr verdichtet hat Ann Petry in „The Street“ eine berührend-mitreißende Geschichte über das Harlem während der Zeit des Zweiten Weltkrieges entworfen, die beim Lesen Schmerzen erzeugen wird – und leider bis heute kaum etwas an Aktualität eingebüßt hat. Tipp!

Ann Petry

„The Street – Die Straße“

Nagel & Kimche, 383 Seiten (geb.)

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20. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Raphaela Edelbauer — „Das flüssige Land“

Unheimlich (und) faszinierend

Ist einem Roman ein Porträtbild der Autorin oder des Autors beigefügt, begegnet man in der Regel einem Antlitz, das einen mehr oder weniger freundlich, offen und zugänglich begegnet. Bei Raphaela Edelbauer ist das irgendwie anders: Die 30-jährige Österreicherin blickt einen von der hinteren Umschlagseite ihres Romans „Das Flüssige Land“ so verkniffen, verschlossen und ja, skeptisch an, als würde sie selbst daran zweifeln, ob das, was sie da verfasst und vorgelegt hat, auch nur ansatzweise auf Gefallen bei der Leserschaft stoßen mag. Tut es! Sehr sogar. Sämtliche Zweifel gehören sofort zerstreut angesichts dieses Debütromans, der nicht weniger als ein sprachlich brillant gestricktes, augenblicklich fesselndes Erzählmachwerk ist – mit einer surreal anmutenden Geschichte, die zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Kunstmärchen und Dystopie, Absurdität und Grauen wandelt: Ruth, eine Physikerin aus Wien, macht sich nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Eltern völlig kopflos auf die Suche nach deren Herkunftsort, Groß-Einland, der seltsamerweise in keiner Landkarte aufgeführt ist. Gerade dabei aufzugeben, entdeckt sie den verborgenen Ort schließlich doch – und taucht ein in eine Welt, die ihr normal und gleichzeitig völlig entrückt entgegen tritt und von der ominösen Omnipräsenz eines riesigen unterirdischen Hohlraums dominiert wird, der zwar offenkundig höchst instabil ist, die damit verbundene Gefahren aber von den Groß-Einländern in kafkaesker Manier ignoriert werden. Fasziniert und irritiert beschließt Ruth zu bleiben und dem Geheimnis des Lochs auf den Grund zu gehen … Unbedingter Lesetipp.

Raphaela Edelbauer

„Das flüssige Land“

Klett-Cotta, Stuttgart

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18. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Peer Meter/Rem Broo — „Beethoven – Unsterbliches Genie“

Der zerfledderte Beethoven

Es sollte das große Jahr von Ludwig van Beethoven werden. Nicht dass der berühmte Komponist sonst zu wenig Aufmerksamkeit zukommen würde, aber gerade in 2020, anlässlich seines 250. Geburtstages, sollte der Jubilar deutschlandweit – ach, sicher sogar weit über die Landesgrenzen hinaus – auf allen Bühnen gefeiert werden: mit mannigfachen Konzerten verschiedenster Größenordnung selbstverständlich, darüber hinaus aber auch mit Oper, Tanz und Themenwochen, Ausstellung, Schauspiel und Performance, Workshop, Vortrag und Kongressen. Eigentlich. Dann kam Corona. Kam und riss alle Aufmerksamkeit an sich – hat sich binnen kürzester Zeit zu einem viralen Antistar unbekannter Größenordnung gemausert, der statt Beethoven nun alle Bühnen besetzt. Na gut, fast alle: Radio geht noch, TV bietet sich ebenso weiterhin an – und natürlich auch die opulente Vielfaltswelt der Bücher. Ganz klar, dass die Buchverlage im Jubiläumsjahr jede Menge Veröffentlichungen berufener Beethoven-AutorInnen bereithalten – mal zum Leben des epochalen Komponisten, mal zum Werk, mal zu beidem. Der (und natürlich auch die) eine setzt auf Faktenschau, der andere auf anekdotenhafte Unterhaltung, der nächste auf eine grundsolide Mischung aus beiden. Manch einer bringt tatsächlich Neues zutage, manch einer präsentiert Altbekanntes in neuem Gewand und manch einer füllt biografische Lücken, die Beethoven ‘unüberlegterweise‘ hinterlassen hat, mit eigenen Auslegungen.

Wer sich dieser Tage also einmal an Beethoven mal so richtig sattlesen möchte, dem dürfte keinesfalls an passendem (Lese-)Futter mangeln. Höchstens an der einen besonderen Beethoven-Huldigung, die aus dem biografischen Einheitsbrei herausragt. Womit wir auch schon bei Peer Meter und Rem Broo wären, die mit dem Buch „Beethoven – Unsterbliches Genie“ wahrscheinlich wirklich einzigartiges geschaffen haben. Nicht nur, weil sie sich dem Künstlergenius in Form einer Graphic Novel widmen, sondern auch und insbesondere, weil sie eine ziemlich schräge und gleichzeitig wohl auch ziemlich wahre Geschichte erzählen, deren zentrales Element und erzählerischer Clou darin besteht, dass weder der titelgebende Held selbst noch seine berühmten musikalischen Werke darin eine leibhaftige (Haupt)Rolle spielen: Denn Peer Meters Geschichte beginnt quasi ‘zu spät‘ – am 27. März 1827, dem Tage von Beethovens Beerdigung. Beethoven ist tot und ganz Wien strömt zusammen, um in episodisch gestalteten Rückblenden den jeweiligen persönlichen Bezug zum berühmt-berüchtigten, schon zu Lebzeiten als ‘schwierig‘, aber ‘genial‘ gehandelten Komponisten auszubreiten. Und natürlich erwächst da in der Menge, die sich vorm Haus des Musikus versammelt, ein jeder, der am Nachruhm teilhaben will, plötzlich zum Beethoven-Experten schlechthin, weiß ein jeder mehr, alles anders, genauer und überhaupt besser als der neben ihm Stehende. Beethoven ist noch keine 24 Stunden tot – und der Starkult hat bereits derartig an Fahrt aufgenommen, dass man bald tatsächlich kaum noch weiß: Ist’s nun eine Komödie oder eine Tragödie, wie mit dem gerade verschiedenen Komponisten umgegangen wird? Der kaum erkaltet nicht einmal vor Leichenfledderei gefeit ist und schließlich mit geplündertem Körper und zu Grabe getragen wird …?

Was Peer Meter da historisch Belegtes ‘ausgegraben‘ und zu einer Geschichte zusammengesponnen hat, ist in höchstem Maße skurril, witzig, unterhaltsam – und Dank der Bildgestaltung des offensichtlich begnadeten Illustrators Rem Broo auch eine wahre visuelle Pracht. Angepasst an die jeweils ausgebreitete Anekdote hat dieser nicht nur das Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts ein sehr authentisches Antlitz verliehen, sondern einer jeden Episode auch einen individuellen ‘Anstrich‘ verliehen – mal leuchtend und schillernd bunt, mal in gedeckten Brauntönen, dann wieder skizzenhaft oder hingetuscht – und damit die perfekte Bildumgebung für jene Legendenbildung geschaffen, die an jenem Wiener Frühlingstag im März 1827 ihren Anfang nahm.

Peer Meter/Rem Broo

„Beethoven – Unsterbliches Genie“

Carlsen, 144 Seiten (geb.)

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14. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Graham Swift — „Da sind wir“

Glück ist flüchtig

Der Brite Graham Swift trägt einen dieser Autorennamen, bei dem man sofort denkt: Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor. Selbst wenn man noch keinen seiner Geschichten gelesen hat. Irgendwie hat er einen Namen, der einem vertraut vorkommt. In der Tat ist es jedoch gar nicht so unwahrscheinlich, dass Sie Graham Swift schon einmal begegnet sind – schließlich ist er A: schon seit ziemlich genau 40 Jahren auf dem literarischen Erzählmarkt aktiv und schließlich hat er B: in dieser Zeit mehrere Bestseller-Romane geschrieben, die sowohl mit renommierten Literaturpreisen bedacht als auch für TV und/oder Kino aufbereitet wurden. Insbesondere Romane wie „Wasserland“ (1987), „Letzte Runde“ (1997) oder der zuletzt erschienene Roman „Ein Festtag“ (2017) haben schon viele, glaubt man den Buchkritiken, sogar richtig viele begeisterte Leseraugen gesehen, welche zur Beschreibung ihres Leseeindrucks wiederum nicht mit Worten geizen, die eigentlich jedem Autor und jeder Autor schmeicheln dürften: „federleicht“ sei Swifts Erzählstil, „zauberhaft“ und „elegant“. Diese Attribute lassen sich ohne Weiteres auch auf Graham Swifts in diesem Frühling erschienenen neuen Roman „Da sind wir“ übertragen – gerade das Moment des Zauberhaften bzw. Verzaubernden kommt schnell zum Tragen. So schnell und so geschickt rollt Swift hierin wieder einmal den Erzählfaden aus, dass man schon tief im Netz der frisch ausgebreiteten Geschichte gefangen ist, bevor auch nur fünf Buchseiten umgeblättert sind. Noch besser: Dieser Erzählfluss hält auch an – die ganze Geschichte hindurch …

England im Jahre 1958. Nach der dunklen Zeit des Weltkrieges und der anschließenden Nachwehen erfreut sich das Freizeitvergnügen auf der Insel einer mittlerweile stetig wachsenden Beliebtheit. Insbesondere Seebäder wie Brighton erfreuen sich großer Popularität. Jack Robinson, 28 Jahre alt, ist hier in einem der auf den Piers direkt am Meer gelegenen Theater als Showmaster tätig. Gar mit wachsendem Erfolg: Das Publikum liegt ihm von Tag zu Tag mehr zu Füßen. Weniger erfolgreich ist hingegen sein gleichaltriger Freund Ronnie Deane geblieben, den er beim Militärdienst kennengelernt hat und der ebenfalls den Berufsweg eines Entertainers einzuschlagen versucht – allerdings als Zauberer. Noch ist ihm allerdings in seiner Rolle als Zauberer „Pablo“ der große Publikums-, eigentlich jeglicher Erfolg versagt geblieben. Umso erfreuter ist er daher, als Jack ihm eine Nummer in seinem aktuellen Showprogramm anbietet – allerdings unter der Bedingung, dass er diese mit einer Assistentin ‘aufwertet‘. Ronnie findet diese in Evie White, einer Revuetänzerin und ebenfalls auf der Suche nach dem Durchbruch. Erst ist sie nur seine Assistentin, schnell jedoch seine Verlobte. Als zauberndes Traumpaar begeistern sie einen ganzen Sommer lang die Besucher von Brighton – am Ende der Saison, so der Plan, wollen sie heiraten. Doch als der Vorhang zur letzten Show fällt, ist Ronnie wie von ‘Zauberhand‘ verschwunden und Evie und Jack plötzlich ein Paar… In gewohnter Manier zwischen verschiedenen Zeitebenen springend, breitet Graham Swift mit der ihm ureigenen hypnotischen Eleganz die Geschichte einer Dreiecksbeziehung aus, in der der Schein in Konkurrenz zum Sein tritt und einmal mehr zum Vorschein bringt: Glück ist flüchtig.

Graham Swift

„Da sind wir“

DTV, 159 Seiten (geb.)

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7. April 2020 | Allgemein

Zeit für gute Bücher

Von Stadtmagazin 07

Wenn das soziale wie auch das kulturelle Leben wie gerade jetzt weitgehend darniederliegen, braucht der Mensch natürlich einen passenden Ersatz. Abhilfe schaffen hier sicher auch die digitalen Medien mit ihrer breiten Angebotspalette. Zur Ergänzung und als klassische Alternative greift das Stadtmagazin 07 derzeit allerdings gern auch vermehrt zum Buch. Lesefrüchte, die uns besonders geschmeckt haben, teilen wir natürlich gern mit Ihnen. Unsere heutige Empfehlung: Kevin Hobbs/David West „Die Geschichte der Bäume – Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“ — Illustriert von Thibaud Hérem

Einladung zur Baumschau

Bäume sind momentan so populär wie vielleicht nie zuvor. Sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen; sowohl einzeln als auch in der Gruppe als Wald. Seitdem der drohende Klimawandel nun doch in unseren Köpfen angekommen ist und die Einsicht, dass der Erhalt unserer Baumbestände auch ein Stück weit zu unserer eigenen Rettung beitragen kann; seitdem Tausende in Hambacher Forst eilten, um die geplante Rodung eines der ältesten Ökosysteme im Lande zu verhindern, sind Interesse und Begeisterung für Bäume nicht länger nur Faibles ausgemachter Naturfreunde, sondern tatsächlich auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Natürlich weiß auch der Buchmarkt diese Popularität zu bedienen oder gar weiter zu befeuern: Allem voran natürlich mit Peter Wohllebens Waldlektüre „Das geheime Leben der Bäume“, das binnen Kurzem zum weltweit gelesenen Mega-Bestseller avancierte und eine Renaissance des Waldspaziergangs nach sich gezogen hat, welcher just während der aktuellen virenbedingten Krisentage zu der Frischluftaktivität schlechthin gewachsen ist. Wohl auch für die eben erwähnte breite Masse, insbesondere aber für all diejenigen, die schon immer Freude daran hatten, Bäume zu ‘bestaunen‘, hat der Laurence King Verlag jetzt ein Buch veröffentlicht, das auf glanzvolle Weise einen hohen Informationsgehalt mit Unterhaltungswert und anspruchsvoller künstlerischer Gestaltung vereint. Die von den beiden Pflanzenzüchtern Kevin Hobbs und David West verfasste „Geschichte der Bäume“ versammelt insgesamt 100 handverlesene Baumporträts (bei um die 90.000 Baumarten bleibt einem gar nichts anderes übrig), die – wie der Untertitel des Buches „Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“ es bereits andeutet – entsprechend ihres ‘ersten‘ Kontakts mit dem Menschen in chronologischer Reihenfolge angeordnet sind.

Die faszinierende hölzerne Reise, zu welcher der Leser hierbei eingeladen wird, beginnt entsprechend frühzeitig –sowohl die hierzulande allseits bekannte Eibe (a.k.a. Taxus) als auch der uns vertraute Buchsbaum aus dem Vorgarten dienten dem Menschen schon vor mehr als 170.000 Jahren als Material zu Werkzeug- und Waffenherstellung – und endet im 19. Jahrhundert bei der Persimone, die Mensch seinerzeit als idealen Holzlieferanten für die Herstellung von Golfschlägern für sich ‘entdeckte‘. Dazwischen tummeln sich Dutzende Baumporträts – eins lehrreicher als das andere und neben der individuellen kulturhistorischen ‘Nutzgeschichte‘ jeweils mit Angaben zu Lebensdauer, Verbreitung, Wüchsigkeit und Höhe versehen. So manchen dieser beblätterten oder benadelten Kandidaten begegnet man hierbei zweifelsohne zum ersten Mal (oder kennen Sie den Sassafras, den Lichtnussbaum oder den Bunya-Bunya-Baum?), bei anderen hat man wenigstens schon einmal den Namen gehört. Selbstverständlich führt das Buch überdies ebenso eine Vielzahl an Bäumen auf, die durchaus auch in unserer hiesigen Flora anzutreffen sind – und die man nach der Lektüre dieses Buches garantiert mit ganz anderen Augen betrachten wird.

Hätten Sie übrigens gedacht, dass der Fächerbaum, hierzulande eher unter seinem Vulgärnamen Ginkgo bekannt ist, zu den ältesten Baumarten überhaupt gehört, geradezu ein ‘lebendes Fossil‘ ist? Schon vor 200 Millionen Jahren bot er seiner Umgebung allherbstlich jenes prachtvolle goldgelbe Blätterwerk an, mit dem man ihn auch heute hier und da leuchten sieht. Und sicher auch jene übel faulig riechenden Früchte, welche die weiblichen Ginkgos dann ebenso abwerfen. Wer weiß, vielleicht konnten sich die Dinosaurier an dem Geruch seinerzeit mehr erfreuen als der Stadtmensch von heute …

Das Beste zum Schluss: Dank der mehr als 300 hinreißenden, hoch ästhetisch gezeichneten Bilder, die der französische Illustrator Thibaud Hérem jedem einzelnen Baumporträt beigefügt hat, ist „Die Geschichte der Bäume“ nicht nur ein informativ-inspirierendes Nachschlagewerk geworden, das Neugier weckt, sondern auch eine echte visuelle Kostbarkeit, die uns die die hölzernen ‘Schätze‘ unserer Erde in botanisch detaillierter Genauigkeit vor Augen führt und Seite für Seite zum neuerlichen Staunen einlädt – ganz entspannt vom Sofa aus. Schönes Buch, um sich selbst oder andere Baumfreunde zu beglücken.

Kevin Hobbs/David West
Ill. von Thibaud Hérem
„Die Geschichte der Bäume – Und wie sie unsere Lebensweise verändert haben“
Laurence King Verlag, 216 Seiten (geb.)

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