7. November 2018 | Allgemein

“Baumeister” Rosenthal

Von Stadtmagazin 07

“Baumeister” Rosenthal

Der vergessene Ehrenbürger: Der Jenaer Autor und Kulturhistoriker Dietmar Ebert legt ein Charakterbild des jüdischen Juristen und Sozialpolitikers Eduard Rosenthal vor.

Wenn heute von Jenas Aufbruch in die Moderne die Rede ist, fallen oft die Namen Abbe, Schott und Zeiss. Fest verankert im Erinnerungskanon der Stadt, ist an Dokumenten zum “Dreigestirn” kein Mangel. Der Name Eduard Rosenthal (1853-1926) erscheint dagegen wie ein unbeschriebenes Blatt, obwohl seine Verdienste fast ebenso schwer wiegen: Prorektor und Aushängeschild der Universität, Mitbegründer von Stadtbücherei und Volkshochschule, Vorsitzender des Kunstvereins, umsichtiger Ratgeber, der der Zeiss-Stiftung juristisch auf die Welt und das Erbe Haeckels und Nietzsches sichern half, “Vater der Thüringer Verfassung”.

Doch für Jenas Ehrenbürger des Jahres 1920 war schon bald im Gedächtnis der Stadt kein Platz mehr. In der Nazi-Zeit gingen sein Professorenbild und sein Nachlass verloren, seine Frau Clara wurde in den Freitod getrieben. Auch die DDR fremdelte mit dem sozialiberalen Denker.

Erst seit 2009 ist ihre 1924 der Stadt zu ideellen Zwecken vermachte Villa lebendiger Kulturort, ihr Schicksal seitdem stärker im Fokus. Dazu, dass Mensch und Alltag Eduard Rosenthals nunmehr greifbarer werden, leistet das neue Buch des Jenaer Autors Dietmar Ebert einen wichtigen Beitrag. Aus der Not der verschollenen Hinterlassenschaft hat er in akribischer Archivrecherche eine Tugend gemacht und sich anderer Quellen bedient – Zeitungsnotizen etwa, an Freunde und Gelehrte adressierte Briefe und Karten. Sie zeigen einen ehrenamtlichen Oberbibliothekar, der mit Charme und Chuzpe um Buchspenden für “seine” Lesehalle wirbt und sie zum “Volksbildungspalast” formt, einen Förderer moderner Kunst, der darüber die Jenaer Künstler nicht vergisst, einen Menschenfreund, der in geselliger Professorenrunde zur Schweizerhöhe hinaufzieht und sich im 1. Weltkrieg um Lebensmittel für die Bevölkerung sorgt, schließlich einen “Geburtshelfer” Thüringens, der die gemeinsame Sache über den parteipolitischen Streit stellt.

Viele neue und bisher unverbundene Erinnerungssplitter hat Dietmar Ebert zu einen Charakterporträt und einer einfühlsamen Hommage an einen fast Vergessenen zusammengefügt, der sich zeitlebens “als eine Art Baumeister” in den Dienst des politischen, sozialen und kulturellen Miteinanders gestellt hat. Als solcher verdient er es, künftig in einer Reihe mit Jenas berühmtem Dreigestirn genannt und gewürdigt zu werden.

Dietmar Ebert: Eduard Rosenthal – Ein Charakterporträt, edition AZUR, Dresden 2018, 232 S.

Text: Andreas Klossek
Bild: edition AZUR

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