30. August 2012 | Kultur, Musik

Auf Tour, um Neues zu entwickeln

Von Stadtmagazin 07


„Giant Sand“ – das ist eine Band, die bereits seit 1983 existiert. Die Bandmitglieder wechselten innerhalb der letzten 30 Jahre häufiger, der aus Arizona stammende Howe Gelb ist als der Kopf der Band jedoch von Anfang an dabei. Letztes Jahr kamen erneut neue Musiker hinzu, weshalb sich „Giant Sand“ mit seinen mittlerweile 10 bis 12 Mitgliedern in „Giant Giant Sand“ umbenannte.

„Giant Giant Sand“ waren am 17. August in der Kulturarena zu Gast, kurz vor dem Konzert hatte Stadtmagazin 07 die Gelegenheit, der Musiklegende Howe Gelb höchstpersönlich gegenüberzutreten. Er wirkte ein wenig müde – die Band war gerade erst aus München angekommen – dennoch sehr freundlich und entspannt. Wir setzten uns in einen ruhigen Raum und Howe Gelb begann zu erzählen, mit strahlenden Augen, die offensichtlich viel erlebt und zu sagen haben.

Hier in der Kulturarena trittst Du mit Deiner Band „Giant Giant Sand“ auf. Du spielst bzw. spieltest jedoch auch in zahlreichen anderen Bands wie „Band Of Blacky Ranchette“ oder „OP8“ und hast außerdem viele Alben unter deinem eigenen Namen veröffentlicht. Kannst Du dich noch an Deine musikalischen Anfänge erinnern?
Howe Gelb:
„Band Of Blacky Ranchette“ war die erste Band, mit der ich ein Album veröffentlicht habe. Das war 1985. Der Name der Band sollte deutlich machen, dass die Musik etwas mit Country-Musik zu tun hat und zwar mit einem sehr klaren Country. „Giant Sand“ gab es zwar bereits vorher, aber es hat länger gedauert, bis unser erstes Album herauskam. „OP8“ entstand zu einem Zeitpunkt, als wir etwas Neues machen wollten – wie ganz am Anfang „REM“ oder „U2“ – waren wir „OP8“. Wir waren zu viert, mit den zu dem Zeitpunkt neusten Mitgliedern von „Giant Sand“ John Convertino und Joey Burns sowie zusätzlich der Musikerin Lisa Germania.

Nimmst Du die unterschiedlichen Bands als Möglichkeit unterschiedliche Seiten von Dir zu zeigen, bzw. auszuleben?
Howe Gelb:
Ich denke, dass es immer von der Band abhängt und alles nur gemeinsam mit den Leuten in der Band geschehen kann. Die Mitglieder von „Giant Sand“ haben öfter gewechselt, die Band selbst aber blieb für viele, viele Jahre bestehen.
Bei meiner Solo-Musik bin ich komplett frei. Ich mache was und mit wem ich möchte. Vor allem wenn ich alleine unterwegs bin, treffe ich auf viele Musiker. Ich weiß und spüre sofort, wenn eine bestimmte Verbindung da ist. So ist auch die letzte Platte mit dem Flamenco-Gitarristen und dem kanadischen Gospelchor entstanden. Ich plane nie, vieles entsteht einfach durch Zufall. Als ich noch jünger war, änderte ich unsere Songs fast jeden Abend. Wir haben die Songs nie genauso gespielt, wie wir sie aufgenommen haben. Die meisten Bands fangen damit an, ihr fertiges Album zu promoten und reflektieren es während der Tour. Bei mir ist das anders: Wenn ich ein Album im Studio aufnehme, bedeutet es für mich das Ende des Albums. Dann muss etwas Neues passieren. Also beginne ich die Songs des nächsten Albums zu spielen. Das verwirrt natürlich einige Leute…

Deswegen bringst Du so viele Alben heraus?
Howe Gelb:
Ja, ich mache es anders – rückwärts. Ich toure, um etwas Neues zu entwickeln anstatt etwas Altes zu promoten. Allerdings jetzt, wo ich älter werde, fange ich allmählich an, einen Gang zurückzuschalten und spiele vermehrt die Songs, die aktuell auf dem neusten Album sind.
Welche Bedeutung hat euer Name „Giant Sand“ bzw. „Giant Giant Sand“?
Howe Gelb: Es ist ein Hinweis auf den Sound unserer Musik. Ein großer Stein, also ein richtiger Brocken, ändert täglich seine Form aufgrund der natürlichen Gegebenheiten. Durch die kleinen Stückchen, die abfallen, entsteht Sand. So betrachte ich auch unsere Musik: Sie ändert ihre Form täglich – wie natürliche Erosion. Die Beschreibung unserer Musik ist also versteckt in dem Namen.

Deine Musik wird unter anderem als passender Soundtrack zu Arizonas Wüstenlandschaft beschrieben. Lässt Du dich beim Schreiben von dieser inspirieren?
Howe Gelb:
Es könnte sein. Aber nicht absichtlich. Etwas, das ich in all den Jahren auf unseren Europa-Tourneen mit „Giant Sand“ gelernt habe ist, dass die Leute das Gefühl der Sonne vermittelt bekommen wollen – wie ein importiertes Bier. (lacht) „Calexico“ zum Beispiel haben in gewisser Art und Weise gelernt ihr Kapital daraus zu schlagen. Ich glaube, dass sie versucht haben, einen Sound zu kreieren, der die Bewohner Arizonas repräsentieren sollte. Bei mir ist es so, dass mich die Wüste bzw. die Gegend unterbewusst sehr stark in meinem Denken beeinflusst. Es ist angenehm dort zu sein – so weit und offen, aber es ist auch hart. Das Wetter bestraft die Umgebung jeden Tag und ändert sich ständig. In Bezug zu meiner Musik ergibt das für mich Sinn, aber nicht auf die offensichtliche Art und Weise – nicht gewollt und bewusst wie etwa in einem Film.
Die neuen Mitglieder bei „Giant Giant Sand“ Jon Villa, Brian Lopez und Gabriel Sullivan bringen auch ihre eigene Kultur mit – ihren eigenen Sound. Auf eine bestimmt Art beeinflusst es immer die Musik und ändert sie. Zum Beispiel spielen wir auch Cumbia – Brian hat es in die Band gebracht.

Du lebst mittlerweile seit 40 Jahren in Arizona, unter dem Jahr auch für einige Monate in Dänemark. Was für einen Stellenwert hat Dein Zuhause in Arizona für Dich und wie wichtig ist es Dir auf der anderen Seite unterwegs zu sein?
Howe Gelb:
Ich habe nie in Dänemark gelebt, ich war dort immer nur zu Besuch, manchmal jedoch mehrere Monate. Ich habe dort meine Frau kennengelernt und eines meiner drei Kinder wurde dort geboren. In dem Jahr, als es geboren wurde, habe ich angefangen, mit der dänischen Band zusammen Musik zu machen. Meine alte Band war zu dieser Zeit sehr beschäftigt mit ihrer neuen Band, die sie gerade gegründet hatten – „Calexico“…
Aber das Zuhause und das Touren mit der Band sind wie zwei unterschiedliche Leben, die du zur gleichen Zeit führst. Wenn du zu Hause bist, fühlt es sich so an, als würde dieses Leben nicht existieren. Du vermisst die Band, aber sie hat eine eigene Welt und du gewöhnst dich daran.
Ursprünglich komme ich allerdings nicht aus Arizona, sondern wurde in Pennsylvania geboren. Nach einer großen Flut, durch die unser Haus und Stadtteil zerstört wurde, bin ich mit 15 zu meinem Vater nach Arizona gezogen. Es war so, als gehörte ich nirgendwo so richtig hin. Und es fühlte sich gut an, nicht irgendjemand Bestimmtes zu sein. Ich lebte eine Zeit lang in New York City, in New Mexico, Los Angeles und in verschiedenen Wüsten im Süd-Westen der USA. Schließlich auch ein paar Monate in Dänemark. Und irgendwie habe ich es geschafft, eine Familie zu haben – ich weiß selber nicht wie. (lacht)

In Zusammenhang mit Deinem Namen erscheint häufig der Begriff ’Desert Rock’, den Du durch Deine Musik geprägt haben sollst. Was ist darunter zu verstehen?
Howe Gelb:
Das haben manche Leute einfach so genannt. Ich nenne es ’Erosion Rock’. Ich bin nicht eines Tages aufgewacht und habe gedacht, dass ich ein ’Desert Rocker’ sein möchte und auch den Begriff ’Erosion Rock’ habe nicht ich erfunden. Aber dennoch: ’Erosion Rock’ macht Sinn für mich – Erosion als Sinnbild für Veränderung.

Du erwähntest bereits, dass die Bandmitglieder bei „Giant Sand“ häufig wechselten und dennoch bleibt der Name bestehen. Ist es für Dich trotzdem jedes Mal wie eine andere, neue Band?
Howe Gelb:
Ja, man geht immer eine neue Verbindung mit den unterschiedlichen Energien und Herzschlägen ein. Jeder hat seinen eigenen Herzschlag. Das macht es manchmal einfacher oder schwerer, zusammen Musik zu machen. Das ist nicht ihre Schuld oder meine, sondern das passiert ganz natürlich. Ganz am Anfang haben wir noch versucht, ein Album richtig zu planen. Ich hasste den Sound dieser Aufnahme!

Seit wann existiert „Giant Giant Sand“?
Howe Gelb:
Seit knapp einem Jahr. Wir haben uns zufällig an einem Abend auf einer Bühne in Berlin getroffen.

Ist das ein weiteres Projekt, oder wird „Giant Sand“ komplett durch „Giant Giant Sand“ ersetzt?
Howe Gelb:
Ja, ich denke, von diesem Punkt an – was auch immer „Giant Sand“ jemals waren – ist nun „Giant Giant Sand“. „Giant Sand“ war es nun die letzten 25 Jahre und „Giant Giant Sand“ sind es die nächsten…

Euer Album heißt wie deine Heimatstadt: „Tucson“ und ist eine „Country Rock Oper“. Was hat das zu bedeuten?
Howe Gelb:
Auf David Bowies Album „Ziggy Stardust“ steht nirgendwo die Behauptung, dass es eine Oper, oder eine Geschichte sei. Aber wenn man sich das Album anhört, wird man die Songs im Kopf zusammenfügen und merken, dass es eine Geschichte ist. Das habe ich auch mit dieser Platte gemacht. Zuerst gab es die Band, dann die Songs, und dann die Geschichte, die alles miteinander verbindet. Dein Geist beginnt, alle Songs miteinander zu verknüpfen. Es geht eine Geschichte vor sich und du hörst sie. Ich habe das Album in drei Teile geteilt – wie eine richtige Oper. Da es jedoch eine Pedal-Steel-Gitarre beinhaltet, ist es wohl keine Rock Oper, sondern eher eine Country Rock Oper. All das ist nicht wichtig, es ist eher Teil des Entertainments, des Einfalls und des Spaßes.

Bei dem Tempo, in dem Du Alben veröffentlichst: Ist ein neues Album bereits fertig?
Howe Gelb:
Ja, es ist bereits fertig. Es ist ein Solo-Album und einige Gast-Musiker, wie z.B. Steven Jay Shelley sind auch darauf zu hören.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Marlen Schernbeck
Foto: www.smile-shoots.de

Kommentare deaktiviert
28. August 2012 | Ausstellung

Fotoausstellung

Von Stadtmagazin 07

Kommentare deaktiviert
27. August 2012 | Allgemein

Agent Cooper

Von Stadtmagazin 07

Kommentare deaktiviert
20. August 2012 | Kultur

YCCTK

Von Stadtmagazin 07

Kommentare deaktiviert
14. August 2012 | Interview, Musik

Die Unperfektheit der Emotionen

Von Stadtmagazin 07


Alin Coen & Band aus Weimar, bzw. Leipzig begeistern mit ihrer gefühlvollen, feinen und dennoch sehr ausdrucksstarken Musik. Alins Stimme, die mitten ins Herz trifft und ihre wortgewaltigen Texte, die es vermögen, Gedanken und Gefühle in einer so treffenden Art und Weise auszudrücken, schaffen eine warme Atmosphäre, in der sich jeder wohl fühlt. So auch am 28. Juli bei ihrem Konzert in der Kulturarena in Jena.

Einen Tag vor dem Konzert erklärte sich Alin Coen zu einem Interview mit dem Stadtmagazin07 bereit.

Als direkte Nachbarn aus Weimar seid ihr schon einige Male in Jena aufgetreten. Letztes Jahr bereits im Rahmen der Kulturarena im Volksbad und dieses Jahr zum ersten Mal draußen auf dem großen Theatervorplatz.
Alin Coen: Ja, und vor allem ist es aber auch eine Premiere für uns, vor über 2000 Leuten zu spielen. Zumindest für ein eigenes Konzert. Wir sind auch total aufgeregt!

Ursprünglich kommst Du aus Hamburg und bist 2001 nach Deinem Abitur zunächst viel in der Welt herum gereist und hast schließlich 2003 in Weimar angefangen Umweltschutztechnik zu studieren.
Alin Coen: Nach meinem Abitur 2001 habe ich in Hamburg ein Semester lang Medizin studiert, aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich nicht wirklich Ärztin werden möchte. Ich habe noch alle Klausuren mitgeschrieben, weil ich mir nicht vorwerfen wollte, dass ich es nur wegen der ganzen Klausuren nicht mache (lacht). Dann war ich für drei Monate in Indien, anschließend ein halbes Jahr in Schweden, einen Monat auf Kuba und zwei Monate in Mexiko. Also ich war eine Weile weg. Im September 2003 bin ich nach Weimar gezogen.

Ist während Deiner Zeit des Reisens viel Musik entstanden?
Alin Coen: Ich habe zu dieser Zeit überhaupt erst angefangen Musik zu machen. Wo auch immer eine Gitarre in einem Hostel rumstand, habe ich darauf rumgespielt. Etwas ernsthafter bin ich dann an die Musik gegangen, als ich für ein halbes Jahr bei einer Gastfamilie in Schweden gelebt habe. Dort hatte ich ein Kellerzimmer, wo ich die ganze Zeit Gitarre spielen konnte, sogar nachts. An einem Abend bin ich zusammen mit Freunden nach Stockholm gefahren – zu einer Open Stage. Um dort auftreten zu koennen, musste man zwei eigene Lieder spielen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte. Als ich dort die ganzen Leute sah, die dort mit ihren Liedern auftraten, dachte ich: Beim nächsten Mal bin ich auf jeden Fall dabei. 8 Wochen später war ich wieder da – mit meinen ersten zwei Songs „Stream“ und „Steps“.

Du hast also Deine ersten Songs auf Englisch geschrieben?
Alin Coen: Ja, das war auch an sich sehr sinnvoll, Schwedisch konnte ich schließlich nicht. 2004 – also um einiges später – habe ich erst angefangen, Lieder auf Deutsch zu schreiben. Zu dieser Zeit habe ich an einem Popkurs teilgenommen, wo ich dazu ermutigt wurde, das Schreiben auf Deutsch zu probieren.

Mittlerweile ist die Anzahl Deiner deutschen und englischen Titel relativ ausgewogen. Nach welchen Kriterien entscheidest Du, ob Du einen Song auf Deutsch, oder auf Englisch schreibst?
Alin Coen: Das kommt ziemlich intuitiv. Aber ich glaube, das hat damit zu tun, was das für eine Musik ist. Eine bestimmte Musik inspiriert mich dazu, eine bestimmte Melodie zu singen und bestimmte Melodien funktionieren für mich auf Deutsch und andere Melodien wiederum auf Englisch besser. Also es ist auf jeden Fall eine musikalische Entscheidung, in welcher Sprache ich singe.

Wusstest Du bereits zu dem Zeitpunkt, als Du mit dem Studium angefangen hast, dass Du eigentlich lieber Musikerin werden willst?
Alin Coen: Ich habe tatsächlich nach einer kleinen Stadt gesucht, in der man beides studieren kann, sowohl Jazz-Musik als auch Umweltschutztechnik. Deswegen bin ich nach Weimar gegangen. Ich habe mir also ein Hintertürchen offen gehalten, eventuell auf Musik umzuspringen. Gleichzeitig dachte ich, dass ich in einer Stadt, wo es eine Musikhochschule gibt, leichter Mitmusiker finde. Als ich in Weimar ankam, machte ich auch sofort Aushänge, um nach Leuten zu suchen, die mit mir zusammen Musik machen wollen. Aber das war sehr erfolglos. Die ersten drei Jahre, in denen ich nach Musikern suchte, habe ich echt ganz schön im Dunkeln getappt. Obwohl ich Jan, meinen Gitarristen, eigentlich ganz schnell kennenlernte. Mit ihm habe ich ab 2004 zusammen Musik gemacht. Die komplette Band habe ich dann aber erst 2007 gegründet.

Inhaltlich dreht es sich in Deinen Songs meist um sehr emotionale Themen. Beispielsweise in dem Song „Festhalten“ geht es darum, dass der eine mehr empfindet, als der andere. Eure EP trägt direkt den Namen „Einer will immer mehr“. Ist das also ein Thema, das Dich sehr beschäftigt?
Alin Coen: Ja, also das Besondere ist, dass der Song „Festhalten“ aus der anderen Perspektive geschrieben ist. Ich hatte damals einen Freund, der mir ziemlich viel darüber erzählt hat, was er alles nicht empfindet. Das habe ich dann in diesem Lied verarbeitet. Ich habe ziemlich genau seine Worte genommen und da einfach mein eigenes Lied draus gemacht. Der Song „Einer will immer mehr“ ist ein bisschen allgemeiner gehalten. Bei „Festhalten“ geht es tatsächlich mehr um diese Unentschlossenheit, dass sich einer nicht eingestehen will, dass er den anderen nicht richtig liebt. Bei „Einer will immer mehr“ ist es kein Hin- und Hergerissensein. Es ist nicht ein „Ich weiß auch nicht genau, was ich für dich fühle“, sondern es ist ein „Du überschüttest mich mit deiner Liebe“. Also ich differenziere da ein bisschen. Aber schon klar, es liegt inhaltlich schon sehr nah aneinander.

Zu dem Song „Festhalten“ habt ihr ein Video mit der Frauenmannschaft des Hamburger FC St. Pauli Rugby gedreht. Wie ist diese Idee entstanden?
Alin Coen: Diese Idee ist wirklich uralt. Ich glaube das war 2008, als Myspace gerade im Kommen war. Damals habe ich dieses Lied hochgeladen und man konnte für jedes Lied ein Bild auswählen. Ich saß an dem Computer meiner Mutter und sie hatte Fotos von einem Rugby-Spiel meiner Schwester gemacht. Meine Schwester hat in der Frauenmannschaft des Hamburger FC St. Pauli gespielt. Und da war dieses eine Foto, auf dem die eine Rugby-Spielerin an der anderen zog – also sehr an ihr festgehalten hat. In dem Moment dachte ich sofort, wie cool es wäre, das Bild dem Song hinzuzufügen. Also die Idee ist durch dieses Foto inspiriert worden, das wie die Faust aufs Auge passt.

Worum wird es sich inhaltlich bei Deinem neuen Album handeln? Hast Du bestimmte Themen, die Dich inspirieren?
Alin Coen: Hauptsächlich Themen, die mit den Missgeschicken des Menschen zu tun hat. Den Unperfektheiten der Emotionen der Menschen und generell wie kompliziert wir alle sind. Ansonsten ist z.B. ein Stück dabei, das „A no is a no“ heißt. Es geht darum, dass das „Nein“ einer Frau akzeptiert werden muss – von wem auch immer, egal zu welchem Zeitpunkt. Beispielsweise wenn eine Frau einen kurzen Rock trägt, oder sie flirtet, ist es noch lange kein Freischein für jeglichen Umgang mit dieser Frau.

Du bist bereits als Support zahlreicher namhafter Künstler aufgetreten, wie z.B. Regina Spektor, Philipp Poisel, Amos Lee, oder Suzanne Vegas. Wie ist das zustande gekommen?
Alin Coen: Das mit Regina Spektor hat sich eher zufällig durch Kontakte ergeben. Die anderen Geschichten mit Philipp Poisel, Amos Lee und Suzanne Vega kamen dadurch, dass ich bei der Booking Agentur bin, die Konzerte für Philipp Poisel etc. organisieren. Und die haben mich gefragt, ob ich nicht eröffnen möchte. Zwischen Philipp und mir hat sich eine Freundschaft entwickelt. Mittlerweile war ich bereits drei Mal als Support mit ihm unterwegs und jetzt bei der „Seerosen-Tour“ als Mitsängerin.

Dein Bekanntheitsgrad steigt immer mehr und Du feierst zunehmend musikalische Erfolge. Neben deiner Teilnahme beim Bundesvision Songcontest für Thüringen 2011 von Stefan Raab und einem Fernsehauftritt bei Ina Müller, bist du Dauer-Gast bei TV Noir. Was ist in der nächsten Zukunft geplant?
Alin Coen: Ich glaube, ich bin der häufigste Gast bei TV Noir (lacht). Sie sind wirklich ganz unterstuetzend und legen sich auch richtig ins Zeug. Bei Konzerten gibt es häufig Leute, die uns erzählen, dass sie uns über TV Noir kennengelernt haben. Im September gehen wir unter dem Schirm von TV Noir auf Tour, worauf wir uns schon sehr freuen.
Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Marlen Schernbeck
Foto: smile-shoots.de

Kommentare deaktiviert
8. August 2012 | Interview

„Die Phantasie wird siegen“

Von Stadtmagazin 07


Max Prosa – das ist ein Name, der bereits passend beschreibt, was einen bei seiner Musik erwartet: Texte, die ehrlich und treffend sind, verfasst in lyrischer Sprache, die ihre Zeitlosigkeit behält. Max Prosa beschreibt Situationen auf künstlerische Weise, ohne dabei gekünstelt zu wirken. Dass er gerade erst 22 Jahre alt ist, kann man zunächst kaum glauben. Und doch ist es vielleicht genau das, was den Zauber seiner Musik ausmacht. Seine Songs sind reif und erwachsen und doch schauen sie nicht zurück, sondern treiben nach vorne und lassen Raum für Träumerei und Phantasie.

Max Prosa und seine Band spielten vergangenen Samstag zum ersten Mal in Jena. Kurz vor seinem Auftritt in der Kulturarena hatte Stadtmagazin 07 die Möglichkeit, mit ihm über sein neues Album, seine Gedanken und Ideen und seine Zukunftspläne zu sprechen.

Du hast mit 17 dein Abitur gemacht und dann angefangen, Physik und Philosophie zu studieren. Wann hast Du gemerkt, dass Du eigentlich lieber Musiker bzw. Songwriter sein möchtest?
Max Prosa: Es war schon immer eine gewisse Affinität zu Musik und Texten da. Das hat sich neben der Schule entwickelt und wurde mit der Zeit immer größer und größer und war letzten Endes um einiges erfüllender als die Energie, die ich in das Studium investiert habe. Deswegen habe ich mich zum Schluss relativ schnell dazu entschieden, Musik zu machen, auch wenn es anfangs recht aussichtslos schien. Aber es hat dann doch funktioniert und jetzt sind wir viel unterwegs, was cool ist.

Wie kamst Du auf die Kombination Physik und Philosophie?
Prosa: Physik hauptsächlich deswegen, weil ich immer gut in Physik war (lacht). Philosophie war dann ein Ausgleich für mich – da konnte ich mich inspirieren lassen. Ich mache ja jetzt auch viel, was mit Philosophie zu tun hat, wobei – letzten Endes auch mit Physik. In der Physik geht es ja immer um bestimmte Strukturen, genau wie Songs auch Strukturen aufweisen – wie mathematische Formeln, die funktionieren und in sich wirken und dann am Ende aufgehen. Da kann man schon viele Parallelen erkennen.

Was ist Dein größter Antrieb Songs zu schreiben?
Prosa: Es ist eher ein Bedürfnis, das keinen realen Antrieb braucht. Ich schreibe nicht, weil ich ein konkretes Ziel erreichen will, sondern eher aus einem Bedürfnis heraus, das sich über den Tag aufstaut. Wenn man viel unterwegs ist, dann ist es manchmal schwierig, dem nachzugehen. Oft passiert es mehr oder weniger automatisch.

Wenn man inhaltlich auf Deine Texte schaut, erkennt man bestimmte wiederkehrende Motive, wie z.B. das Motiv der Sehnsucht und eine gewisse Realitätsflucht. Auch der Albumtitel „Die Phantasie wird siegen“ lässt darauf schließen. Sind das zentrale Themen für dich?
Prosa: Ja, Realitätslosigkeit ist ganz wichtig. Ich glaube, es ist vor allem das, was die Leute dazu bewegt, Musik zu hören. Es ist für jeden wichtig, auch mal der Welt zu entfliehen und dem nachzugehen, was in einem ständig mitwächst und dieser Sache Raum zu geben. Ich denke, dass man ausgeglichener lebt, wenn man sich seinen Träumen und seiner Phantasie hingibt. Und das ist letzten Endes das, was Musik tun kann und wenn ich das tun kann, dann ist das was schönes.

Hast Du schon immer dazu geneigt viel zu träumen?
Prosa: Ja, das auf jeden Fall. Als Kind habe ich viel alleine gespielt und mir Personen vorgestellt, mit denen ich kommuniziert habe. Wenn man erwachsen wird, durchlebt man natürlich einige Traumata, die man auch braucht, um bestimmte Sachen zu verarbeiten und die einem einen Anfangsimpuls für das Schreiben geben. Vor allem in Bezug auf das erste Album.

Ein zweites Album ist also bereits in Arbeit?
Prosa: Es ist sogar schon fast fertig, wird aber trotzdem erst im nächsten Jahr veröffentlicht. Das zweite Album ist mehr aufs Große bezogen – es überträgt sich mehr auf die Welt, aber das Grundgefühl bleibt dennoch vorhanden. Letzten Endes ist es genau das, was Menschen miteinander verbindet: sich in einem Lied wiederzufinden, obwohl jeder seinen eigenen und unterschiedlichen Lebenslauf hat. Das zeigt ja auch, dass man sich in einer Welt, in der jeder individuell sein will – Künstler ganz besonders – doch irgendwie ähnlich ist. Das ist auf jeden Fall schön und wichtig.

In Deinem Song „Flügel“ heißt es: „Wenn ich könnt, flög ich davon mit meinen Flügeln aus Beton und wär die Schwerkraft nicht, dann fänd ich dich.“ Wen oder was möchtest Du finden?
Prosa: Es ist keine konkrete Person, um die es da geht. Das ist nicht mein Verständnis von einem Song. Lieder sollten nicht privat sein, sondern sich mehr auf Allgemeines beziehen. Gerade bei dem Lied merke ich, dass es immer wieder auf neue Situationen zutrifft. Das ist interessant, weil das Lied ja jetzt auch schon zwei bis drei Jahre alt ist. Manche Lieder, die man schreibt, liegen nach einer gewissen Zeit tot im Käfig, dann hat der Inhalt für das Eine gestimmt, aber für andere Dinge nicht mehr.

Du hast 2009 die ’Schule für Poesie und Musik’ (SAGO) besucht, an einem Popkurs in Hamburg teilgenommen sowie 2010 an einem Förderprojekt der Popakademie in Mannheim. Würdest Du sagen, dass dir die Teilnahme in Deiner musikalischen Entwicklung geholfen hat?
Prosa: Zu dieser Zeit habe ich mich gerade dazu entschieden gehabt, der Musik mehr Raum zu geben und verschiedene Sachen auszuprobieren. Also habe ich mich umgeschaut, was es hierzulande gibt, das einem mehrere Perspektiven eröffnet. Es ist wichtig nicht zu erwarten, dass es etwas mit einem macht, sondern nur, dass man hingeht, seinen Teil davon mitnimmt und sich dann aber selber weiterentwickelt. Und das kann man in ganz vielen von diesen Sachen toll machen.

Hinter „Max Prosa“ steckt ja auch noch eine sehr talentierte Band. Wie habt ihr euch gefunden?
Prosa: Es hat sich zunächst angefühlt wie eine Mondmission Leute zu finden, die die gleiche Energie und Kraft aufbringen, die Lieder zu verkörpern und auch noch ein Team bilden, das in sich total schlüssig ist. Eigentlich ist es auch erst seit ein paar Monaten richtig abgeschlossen – als Magnus dazu gekommen ist. Jetzt ist es ein ganz rundes Bild für mich. Von den sechs Leuten, die jetzt dabei sind, waren drei, mit mir vier, schon relativ schnell dabei. Später kamen dann die beiden Gitarristen noch dazu. Alle kommen aus unterschiedlichen Projekten – Erez beispielsweise kommt aus Israel und hat in Berlin mit seiner israelischen Avantgarde-Band gespielt. Stefan habe ich damals bei der ’SAGO’ kennengelernt – er ist selber Songwriter und war der erste, der mit dabei war. Irgendwann hatte ich dann die fünf Leute zusammen und wir haben uns im Proberaum getroffen. Damals kannte keiner den anderen und nun sind wir eine Familie geworden.

2011 ward ihr gemeinsam mit Clueso auf Tour, wodurch ihr relativ schnell einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt habt. Mittlerweile wart ihr schon Gast bei ’TV Noir’ und hattet einen Fernsehauftritt bei Ina Müller. Habt ihr mit dem Erfolg gerechnet?
Prosa: Nein, damit haben wir nicht gerechnet. Unser erstes Album haben wir aufgenommen, ohne zu wissen, dass es bei Sony rauskommt. Wir waren in Erfurt am Zughafen und plötzlich hieß es zwei Wochen vor der Clueso-Tour, ob wir Support sein wollen. Und schon ging es los. Wir hatten vorher vor maximal 50 Leuten in Berlin gespielt und beim ersten Konzert in Erfurt waren dann 11.000 Leute. Das war natürlich eine krasse Erfahrung und auch ein wenig surreal. Es hat uns natürlich unheimlich viel gebracht, weswegen wir Clueso einfach nur danken können, dass er an uns geglaubt und uns unterstützt hat.

Was ist in der nächsten Zeit geplant? Werdet ihr noch einige Konzerte spielen?
Prosa: Wir waren bereits im März auf Tour – jetzt stehen noch einige Festivals an. Dort spielen wir nun schon zur Hälfte die Songs des neuen Albums, was ja ein wenig gewagt ist. Für mich ist es wichtig authentisch zu bleiben. Ich möchte, dass die Leute, die zum Konzert kommen, darauf verwiesen werden, was es wirklich ist. Wenn man im Kopf schon woanders ist als bei den Songs des ersten Albums, dann ist es mir ein Bedürfnis, dem gerecht zu werden. Deswegen auch der Gewaltakt – in einem Jahr eine Platte zu veröffentlichen und gleich ein neues Album zu machen. Aber es war gut so.

Steht der Name für das neue Album bereits fest?
Prosa: Nein, das ist noch nicht ganz sicher. Da gibt es noch so ein paar Diskussionen – aber eher in mir. Ich diskutiere mit mir selbst. (lacht)

Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg für die Zukunft.

Interview: Marlen Schernbeck
Foto: smile-shoots

Kommentare deaktiviert