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Stadtmagazin 07

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21. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mark Benecke/Kat Menschik: »Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben«

Ein Tierbuch wie kein anderes

Kat Menschik ist seit bereits 20 Jahren als Illustratorin tätig – häufig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bzw. deren Sonntagsausgabe, daneben aber auch für andere Zeitschriften und Zeitungen sowie in Büchern verschiedenster Natur, zu denen sie die bildhaften Elemente beisteuerte. Und: Kat Menschik ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass immer wieder von ihr illustrierte Bücher als „Schönstes Buch des Jahres“ gekürt werden; so gut, dass der Verlag Galiani Berlin ihr seit 2016 eine eigene Buchreihe zur Verfügung stellt, in der sie ihre persönlichen Lieblingsbücher der Weltliteratur illustrativ vorstellen darf. Erschienen sind in dieser Reihe „Illustrierter Lieblingsbücher“ bislang unter anderem Shakespeares „Romeo & Julia“, Kafkas „Landarzt“, E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“, „Unheimliche Geschichten“ von E.A. Poe oder auch Puschkins „Pique Dame“. Fast aus ausnahmslos Weltliteratur bereits verstorbener Autoren zieren diese Reihe grandios bebilderter bzw. gestalteter bibliophiler Kleinode – jetzt gesellt sich ein Lebender hinzu, der sich ausgerechnet viel mit dem Tod und seinen Begleiterscheinungen beschäftigt: Mark Benecke.

Dr. Mark Benecke kennt man. Als international renommierter Kriminalbiologe ist er seit Jahren auf nahezu allen Bühnen der Medienlandschaft präsent wie selten ein Berufswissenschaftler, vermittelt uns wissenshungrigen Laien seine schier überbordenden Fachkenntnisse über Zoologie, Kriminalbiologie und dergleichen unterhaltsam und allgemeinverständlich per Funk, Film oder Fernsehen, natürlich auch in Schriftform (bislang etwa zwei Dutzend Veröffentlichungen), sowohl analog als auch digital. Ist ja schließlich das 21. Jahrhundert. Da Kat Menschik gern vor dem Radio sitzt und sich regelmäßig und mit nie nachlassender Begeisterung die neuesten Benecke’schen Tierbetrachtungen anhört, war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis die Idee in ihr zündete, Mark Benecke mitsamt seinen grandiosen Tiergeschichten in ihre „Lieblingsbücher“-Serie aufzunehmen. Jener sagte natürlich zu und stellte in freier Anlehnung an, beziehungsweise Huldigung von Alfred Brehms legendärem „Thierleben“ nun sein eigenes „Thierleben“ zusammen – und Kat Menschik sich zur begleitenden Illustration zur Verfügung.

Kurios-unterhaltsame Wundertüte

„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“ ist selbstverständlich weitaus zugänglicher geraten als der vermeintlich sperrige, anheimelnd ‘altertümliche‘ Buchtitel suggerieren mag. Genau genommen ist das Buch, was das vermittelte Wissen angeht, erwartungsgemäß eine wahre Fundgrube: von „feenhaften Glühwürmchen“ über hinterhältige Oktopusse und „beschämten Hunde“ bis hin zu Vampirfledermäuse reicht die Bandbreite der 17 Tiere bzw. Arten, die Benecke und Menschik hierin versammelt haben. Wobei Beneckes Faible für kurios anmutende Tiere und deren mitunter noch absonderlicher erscheinendes Verhalten die inhaltliche Gewichtung bei der Auswahl gelegt haben dürfte. So bekommen wir unter anderem auch erhellende – mitunter durchaus skurril-morbide – Einsichten zu Tieren mit nekrophilen Verhaltensweisen vermittelt, zu Haustieren, die von ihren BesitzerInnen ‘kosten‘, zu Elchen, die betrunken durch die Gegend stolpern und natürlich auch allerlei Erquickliches über Maden, eines von Mark Beneckes unbestrittenen Lieblingsforschungsgebieten.

Was die Gestaltung anbelangt, steht das Buch erwartungsgemäß seinen Vorgängern der „Lieblingsbücher“-Serie in nichts nach: Kat Menschik fängt Beneckes Tier- und Themenwahl mit ihren zahlreichen ganzseitigen Illustrationen jederzeit liebenswert, durchweg hoch-ästhetisch und in jedem Fall als perfektes Gegenstück zu Beneckes ‘kurios-erschröcklichen‘ Ausführungen ein. Ein Buch wird uns damit an die Hand gegeben, das zugleich höchst informativ und unterhaltsam und überdies auch noch schön zu beschauen ist – was will man mehr? „Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben“ – um den Titel noch einmal in voller Länge zum Besten zu geben, hat auf jeden Fall das Zeug, nicht nur bei Kat Menschik zum Lieblingsbuch zu werden.

Kat Menschik und Dr. Mark Benecke
„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“
Galiani-Berlin, 160 Seiten (geb.)

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16. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mikaël Ross: »Goldjunge – Beethovens Jugendjahre«

Bildgewaltig: Freud und Leid eines heranwachsenden Wunderkinds

Seine Graphic Novel “Der Umfall” hat Mikaël Ross viel Lob und Aufmerksamkeit eingebracht – unter anderem wurde das Comic über ein besonderes Dorf in Niedersachsen zum deutschsprachigen Comic des Jahres 2020 gewählt. Zum aktuellen Beethoven-Jahr hält der in Berlin lebende Comiczeichner eine neue ‘Bildergeschichte‘ parat, die gleichermaßen das Zeug hat, Begeisterung auszulösen: „Goldjunge“. Besagter Goldjunge ist natürlich niemand anderes als Ludwig van Beethoven – der junge, kindlich-pubertierende Ludwig van, der Probleme und Hürden zu überwinden hat, wie sie zweifellos den Weg vieler Heranwachsender queren, der aber auch schon in jenen Jahren immer wieder deutliche Züge eines Wunderkindes und musikalischen Genies aufblitzen lässt.

Mikaël Ross lässt die Handlung 1778 einsetzen. Der kleine Ludwig, knappe sieben Jahre alt und in Gedanken bereits viel bei der Musik – seiner eigenen Musik natürlich – ist in den winterlichen Rheinauen rodeln. Die beiden jüngeren Brüder (O-Ton Beethoven: „Hirnfresser!“) nerven ihn tüchtig, noch mehr aber eine Gruppe älterer Raufbolde, die über ihn herziehen und als „Hans Arschgen von Kackhofen“ betiteln. Als er sich gegen die Verunglimpfung des väterlichen Namens wehrt, fängt Ludwig sich ein blaues Auge und eine blutige Nase. Auf Trost und Unterstützung von Seiten seines Vaters braucht er daheim nicht im Ansatz hoffen – der “Kurfürstliche Hoftenorist” Johann van Beethoven, ein Lokalmusiker mit recht versackter Karriere, verbringt seine Zeit lieber in der Schenke oder zerrt den Jungen, wenn er nächtens sturzbetrunken nach Hause kommt, mit der Aufforderung aus dem Bett, dem mitgebrachten Besuch doch bitte umgehend etwas von Mozart am Klavier vorzuspielen. Um zu zeigen, dass er einen zweiten Mozart daheim habe, einen wahren ‘Goldjungen‘ am Klavier. Wobei Vater Beethoven in Sachen ‘Gold‘ hauptsächlich an seine eigene Geldbörse denkt und gar nicht realisiert, dass sein Filius tatsächlich ein musikalisches Wunderkind ist, das weit mehr drauf hat als nur Mozart nachzuspielen. Denn Ludwig ist längst dabei, seine eigene Musik zu entdecken, die Gefühlswelt und Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend in Musik zu kleiden…

Die Lücken beleben

Die Begebenheit mit der blutigen Nase ist erfunden, vielleicht auch jene Szene, in der Ludwig zum Vorspielen nachts aus dem Bett geholt wird oder jene, in der der junge Musikus ausgerechnet beim ersten Auftritt am kurfürstlichen Hofe vom Pockenfieber befallen wird und sich vor dem versammelten höfischen Publikum erbricht – daraus will der Comicautor auch gar keinen Hehl machen, geht es ihm doch bei weitem nicht nur darum, bekannte Ereignisse und Lebensstationen aus Beethovens frühen Lebensjahren abzuklappern. Nein, Mikaël Ross geht es darum, gerade auch das Nichtüberlieferte, die Lücken in diesem schon so häufig nacherzählten Lebenslauf zu besetzen – mit erzählerischer Kreativität und enorm ausdrucksstarker Bildsprache. Die dann am stärksten zur Entfaltung kommt, wenn er das junge Wunderkind am Klavier Platz nehmen lässt. Dann fließen die Töne im schwelgerischen Spiel der Farben und Striche aus den Bildern hervor, lassen die Bilderfolge in einem einzigen musikalisch-assoziativen Farbenmeer versinken. Besser lässt sich Beethovens Musik kaum in Bildwelten übertragen. Und so folgen wir Ludwig van Beethoven in dieser mit Tusche und Feder gezeichneten Lebenserzählung durch verschiedene frühe Lebensstationen, erleben mit ihm Freud und Leid der Kindheit und Jugend – erste musikalische Entdeckungsreisen, erste Liebe, erste öffentliche Auftritte auf der hellen Seite, die Tyrannei des Vaters, den Tod der Mutter, Pocken, wiederkehrende Koliken und quälende Ohrenschmerzen auf der dunklen Seite – und entdecken in diesem so wunderbar gezeichneten, sehr nahbar erzählten Porträt des heranwachsenden musizierenden ‘Goldjungen‘ mehr glaubhaft Menschliches als es wahrscheinlich jede sonstige Beethoven-Biographie hervorzubringen vermag.

Mikaël Ross
“Goldjunge – Beethovens Jugendjahre”
Avant-Verlag, 160 Seiten (geb.)

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13. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Jan Koneffke: »Die Tsantsa-Memoiren«

Meisterstück an Fabulierkunst

Was hat es nicht schon alles für ungewöhnliche Erzählerfiguren gegeben: Tote, Tiere, Steine, Pflanzen… und jetzt: ein Schrumpfkopf. Auf solche eine Idee muss man erst einmal kommen – aber schließlich muss es ja auch seinen Grund haben, dass Koneffke längst zu den profiliertesten Fabulierern im Lande gezählt wird. Und was er uns mit „Die Tsantsa-Memoiren“ vorgelegt hat, dürfte zweifellos eine der ungewöhnlichsten Romane der letzten Jahre sein, der derart proper mit Phantasie, Sprache und Irrwitz gefüllt ist, dass die Leselust bereits aus allen Seiten des Buches hervorfunkelt, wenn man dieses nur in Hand nimmt. Nennen wir es ruhig beim Namen: Jan Koneffkes neueste literarische Schöpfung weiß zu begeistern, sehr sogar. Was irgendwie auch der eingangs erwähnten, ziemlich speziellen und durchaus auch vereinnahmenden ‘Erzählerfigur‘ dieser an magischen Momenten reichen Abenteuergeschichte der besonderen Art zu verdanken ist.

Besagter Schrumpfkopf erwacht um das Jahr 1870 zum Leben, nachdem er in den Besitz von Don Francisco, einem Beamten der spanischen Krone in Caracas gelangt ist. Von der Wand der Schreibstube herab beobachtet er passiv das Geschehen um ihn herum – bis es ihm dämmert, dass er über ein eigenes (Selbst)Bewusstsein verfügt, mehr noch, auch zu sprechen imstande ist. Don Francisco ist von dieser Erkenntnis des Tsantsas mehr als überfordert: Als dieser sich ihm das erste Mal zu erkennen gibt, wirft ihn ein Herzinfarkt umgehend aus dem Leben. Was für Don Francisco das Ende bedeutet, ist dem munter vor sich hin erzählenden Schrumpf nur das erste Kapitel einer wahrhaftig epochalen Reise, die ihn unter anderem nach Rom, Paris, Frankfurt, Bamberg, Bukarest, Wien und Berlin führt und wird zum Zeuge vieler kleiner und  auch so manch großer Ereignisse, die die (europäische) Welt in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten bewegen würde. Mal wird er als unscheinbarer Spion eingesetzt, mal als Familienmitglied adoptiert; mal hält er revolutionäre Reden, mal soll er den Todesmut junger Nazis beflügeln; mal hängt er aber einfach nur gelangweilt in einem Museum herum. Bis der nächste Schicksalsschlag ihn der Fürsorge eines neues Besitzers zuführt – und danach dem nächsten und dem nächsten. Bei all dem bleibt dem unsterblichen, da mustergültig mumifizierten Schrumpfkopf natürlich genug Zeit, um sich ausgiebig auch seiner eigenen Werdung zu erinnern und die Geschichte seines einstmals ganzkörperlichen Vorlebens vor uns, den Lesenden feinhumorig auszubreiten, die begierig an seinen trockenen Erzählerlippen hängen.

Versuchen Sie ruhig, dieses „Memoiren“ nicht in einem Schwung zu lesen – es wird Ihnen genauso wenig gelingen wie diesen faustgroßen Ich-Erzähler nicht zu mögen…

Jan Koneffke
„Die Tsantsa-Memoiren“
Galiani Berlin, 556 Seiten (geb.)

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7. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Stephan Lohse: »Johanns Bruder«

Unterwegs auf dem 52. Breitengrad

Stephan Lohse, Jahrgang 1964, kannte man bis 2017 vornehmlich als Schauspieler mit Rollen in durchaus renommierten Schauspielhäusern in Berlin, Hamburg und Wien. Dann veröffentlichte er seinen Debütroman „Ein fauler Gott“ und ist seitdem landesweit ebenso als ziemlich talentierter, eigentlich durchweg lobgepriesener Autor mit gutem Gespür für Details und echte Gefühle und bekannt. Voller Empathie, mit anrührender Komik und gänzlich ohne Kitsch erzählt Lohse darin die Geschichte des fast zwölfjährigen Benjamin, der eigentlich voll mit seinem eigenen Leben zu tun hat – die Pubertät steht an… – sich nach Leibes- und Seelenkräften gleichzeitig aber auch darum bemüht, seiner Mutter über den Tod seines kleinen Bruders hinwegzuhelfen. Auch Stephan Lohses neuer Roman ist eine Familiengeschichte, allerdings ganz anderer Art. „Johanns Bruder“ erzählt in wechselnder Erzählperspektive von Johann und Paul, zwei Brüdern, die sich seit 28 Jahren nicht gesehen haben – und eine schwierige, sehr schwierige Kindheit teilen. „Unser Vater war bis zur Aufgabe seines Geschäfts Apotheker, unsere Mutter hat uns verlassen. Als Kinder haben wir an Gott geglaubt. Ich bin vier Jahre älter als Johann. Er spricht, ich bin stumm. Er ist homosexuell, ich bin es nicht. Ich verstehe einiges von Geografie und genauso viel von Geschichte, er nicht. Er ist von unserem Vater verprügelt worden, ich nicht. Ich war Zeuge, er war Opfer.“ Paul, der Ältere von beiden, ist es, der hier eine präzise Kurzzusammenfassung ihrer Bruderverhältnisses liefert. Seit dem plötzlichen Verschwinden ihrer Mutter hat er kein Wort mehr mit seiner Umwelt gesprochen, alles, was er wahrnimmt, ihm durch den Kopf geht – und das ist viel – dafür niedergeschrieben, um es als umfangreiche Zettelsammlung seiner Gedanken- und Wahrnehmungswelt in mehreren Beuteln mit sich herumzutragen. Ihr Wiedersehen verdankt sich nicht dem Zufall – Johann, dessen bisheriges Leben auch nicht wirklich erfolgreich, vielmehr arg verstolpert verlaufen ist, erhält einen unerwarteten Anruf: Er möge Paul bitte aus einer psychiatrischen Klinik in Celle abholen. Sein Bruder wurde in einem nahe gelegenen Dorf aufgegriffen, nachdem er sämtliche Hühner jenes Dorfes, insgesamt 17, zusammengetrieben und ihnen hiernach den Kopf abgeschlagen hatte. Warum, dazu schweigt Paul. Doch er bittet Johann, ihn auf eine Reise zu begleiten. Erste Station: besagtes Dorf bei Celle – Altensalzkoth. Hier hatte sich Adolf Eichmann, der Mitorganisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung zwischen 1946 und 1950 zunächst als Waldarbeiter, danach als Hühnerzüchter versteckt gehalten. Während die beiden vom Leben angeknacksten Brüder, die einander so viele Jahre verloren hatten, ihre persönliche von Schmerz und Gewalt geprägte Vergangenheit in der Gegenwart ihres gemeinsamen Roadtrips zu kitten versuchen, erschließt sich nach und nach immer deutlicher, warum Paul zum Hühnermörder geworden ist und was genau es ist, das sie stetig weiter entlang des 52. Breitengrads in Richtung niederländischer Nordseeküste reisen lässt.. Tatsächlich fragt man sich beim Lesen von „Johanns Bruder“, ob es wirklich notwendig ist, dieser wirklich gelungene Roadnovel zweier ungleicher Brüder und ihrer tragisch-schweren Familiengeschichte, die hier in sprachlich-erzählerisch herausragender Weise vorgetragen wird, noch einen zweiten inhaltsschweren Erzählfaden zum schweren Erbe des Nationalsozialismus zur Seite zu stellen. Aber zum Glück erweist sich diese parallele Reise in das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit nicht so starr und dominant, als dass sie die besondere Magie des brüderlichen Bandes, die diesen Roman so zum Strahlen bringt, verdecken würde. So wird uns ein würdiger Debüt-Nachfolgeroman präsentiert, der einen Lesetipp allemal wert ist.

Stephan Lohse
„Johanns Bruder“
Suhrkamp Verlag, 243 Seiten (geb.)

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2. Januar 2021 | Allgemein

Neu: work-in-jena.de

Von Stadtmagazin 07

Neu: work-in-jena.de präsentiert Arbeits- und Lebensstandort

Wirtschaftsförderung startet neue Online-Plattform — Persönliche Beratung im Welcome Center möglich.

Wichtige Informationen zum Thema „Arbeiten und Leben in Jena“ bündelt seit Ende 2020 eine neue Website der Wirtschaftsförderung (JenaWirtschaft). Auf work-in-jena.de finden Interessierte aktuelle Stellenangebote von lokalen Unternehmen und Einrichtungen, einen umfassenden Überblick über die Jenaer Branchen und arbeitsbezogene Themen wie Aus- und Weiterbildung, Bewerbung und Jobsuche. Für Menschen, die Jena noch nicht kennen, stellt die Website wichtige Informationen zu den Themen „Ankommen“, Familie, Wohnen, Freizeit und Kultur sowie gesellschaftliche Teilhabe vor und hilft, vor Ort die richtigen Anlaufstellen zu finden.

Das Thema Fachkräftegewinnung wird laut JenaWirtschaft-Chef Wilfried Röpke entscheidend für die Stadt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein: „Die Firmen am Standort haben weiterhin Bedarf an qualifiziertem Personal. Die von uns in Auftrag gegebene Fachkräftestudie zeigt, dass trotz ‚Corona-Effekten‘ die Jenaer Unternehmen bis 2030 rund 20.600 neue Arbeitnehmende benötigen.“ Das Portal work-in-jena soll dabei Jenaer Jugendlichen kurz vorm Berufseinstieg genauso über den Arbeitsstandort informieren wie Menschen aus dem Ausland.

Seit Herbst 2020 stehen außerdem zwei neue Mitarbeiterinnen von JenaWirtschaft für eine persönliche Beratung und Begleitung aller an Jena interessierten Fachkräfte zur Verfügung. Im neuen ‚Welcome Center Jena‘ beantworten Joanna Pawlaczek und Cornelia Meyerrose darüber hinaus Fragen von Jenaer Unternehmen und Einrichtungen zur internationalen Personalgewinnung und kultureller Vielfalt im Team.

Mehr: www.work-in-jena.de

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23. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Anna Prizkau: »Fast ein neues Leben«

Geschichten vom beinahe Ankommen

Deutsche Gegenwartsliteratur ist längst auch Einwandererliteratur – was in jeder Hinsicht eine willkommene Bereicherung darstellt. Zu bereits etablierten Autor*innen wie Saša Stanišić, Maxim Biller, Nino Haratischwili oder Terézia Mora gesellt sich nun auch die in den neunziger Jahren mit ihren Eltern aus Russland eingewanderte, 1986 geborene Anna Prizkau hinzu, die nicht minder prosaisch behende, lebensweise und lebenssuchend wie ihre Kolleg*innen zu erzählen versteht.

Es ist die Geschichte einer jungen Einwanderin und ihrer Eltern, die Prizkau in zwölf lose miteinander verknüpften Erzählungen ausbreitet, wobei der Titel des Buchs deren zentrale Inhalt schon vorwegnimmt und auf den Punkt bringt: In „Fast ein neues Leben“ geht es ums Fortgehen aus einem alten und dem Ankommen in einem neuen Land – und die damit einhergehende Bewusstwerdung, dass beides als innerer Prozess weit über den reinen Bewegungsvorgang andauern kann. Die Mutter etwa hatte im Gegensatz zum Vater, der sich voller Optimismus und Entschlossenheit in das neue Leben in der neuen Heimat stürzt, die alte Heimat nie verlassen wollen. Ihr bleibt die neue Heimat fremd und unzugänglich, sie dieser unzugehörig. Und je erfolgreicher der Vater in der Gegenwart ihres neuen Lebens ankommt, desto mehr versinkt sie in Sehnsucht um die Vergangenheit, in Einsamkeit und Depression. Die Tochter als Erzählerin steht dazwischen, erlebt das Resignieren der Mutter und das Vorwärtsstreben des Vaters und entscheidet sich gewollt-ungewollt für dessen Kurs – will den Vater, was das Ankommen angeht, sogar noch überholen: mit perfekter Integration in die Gesellschaft des neuen Landes, also perfekter Sprache, perfekten Freunden und dem Bild perfekter Eltern. Doch der Wunsch mag sich partout nicht mit der Wirklichkeit vertragen, die ihr – mal unscheinbar, mal unverhohlen deutlich – immer wieder vor Augen führt, dass die alte Heimat noch immer an ihr klebt. Dass sie trotz aller Bemühungen, dem neuen Leben, der neuen Sprache, den neuen Menschen voller Kraft und Zuversicht entgegenzutreten, doch mit dem Status der Hinzugezogenen behaftet bleibt, der es auch Jahre später als mittlerweile erwachsener Frau nicht gelingen soll, dieses einmal adaptierte Gefühl der Fremdheit und Unzugehörigkeit jemals vollends wieder abzustreifen.

In sparsamen platzierten Sätzen und mit scheinbar schlichter Sprache hat Anna Prizkau zwölf atmosphärisch enorm aufgeladene, miniaturhaften Geschichten gewoben, die in ihrer Gesamtheit einen stark verdichteten, leise traurigen, aber nie hoffnungslosen Episodenroman vom ‘Beinahe-Ankommen‘ ergeben. Starkes Debüt – starkes Stück deutscher Gegenwartsliteratur.

Anna Prizskau
“Fast ein neues Leben”
Friedenauer Presse, 110 Seiten (geb.)

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17. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Das harmonische Sachbuch-Trio

Blätternd reisen, lesend staunen – wie behaglich ist es doch derzeit gerade wieder, sich die Welt in ihren mannigfachen Facetten vom Sofa aus zu erschließen. Etwa, um dem Phänomen tierischer Navigationsfähigkeit auf die Spur zu kommen, den verloren gegangenen Zauber der Nacht bei einem ausgiebigen literarischen Streifzug durch heimatliche Flur wiederzuentdecken, oder um einen kartografischen Rundumblick für die Geschichte der Landkarten vermittelt zu bekommen. Drei erzählende Sachbücher voller Wissen, Einsichten und Unterhaltungswert, die einen Platz auf dem Büchertisch verdient haben.

Meister der Navigation und Orientierung

Von Haus aus ist der Brite David Barrie eigentlich studierter Psychologe und Philosoph, ein Thema, dem er ‘nebenher‘ jedoch ebenfalls schon seit Jahren nachstellt, ist das große Feld tierischer Orientierung. Wie wir Menschen durch die Welt kommen beziehungsweise uns in dieser zurechtfinden, wenn sie uns nicht bekannt ist, ist nicht schwer zu erklären: Wir greifen auf Hilfsmittel wie Karten, Kompass oder GPS zurück. Das eigene Smartphone als Navigator weist und den Weg zu jedem Wunschziel, also zumindest meistens. Doch wie geht das in der seit eh und je smartphonefreien Tierwelt vor sich? Wie finden all die Fische und Vögel, Insekten und Meeressäuger zu ihren teils weltumspannenden Zielen. Wie finden Ameisen oder Bienen stets wieder in ihren Bau zurück? Wie schaffen es Wale, über tausende von Kilometern einen schnurgeraden Kurs zu halten? Wie vermögen es Tauben, die Hunderte Kilometer von ihrem Schlag freigelassen werden, ohne große Probleme den Heimweg zu meistern? Oder die sämtliche Langstrecken-Flugrekorde brechende Küstenseeschwalbe ihren zig tausende von Kilometern umfassenden alljährlichen Rundflug von einem Ende der Welt zum anderen zu bewältigen, ohne vom Kurs abzukommen? Wie gelingt es der Schweißbiene trotz kompletter Dunkelheit bei Nacht im tropischen Regenwald ihrem Sammelauftrag nachzugehen? Dem nordamerikanischen Kiefernhäher, sich bis zu 6.000 Verstecke zu merken, an denen er ähnlich einem Eichhörnchen Samen für schlechte Zeiten gebunkert hat?

Mehr als 400 Studien zu den unterschiedlichsten Tieren und Tierarten hat David Barrie für sein Buch „Unglaubliche Reisen. Vom inneren Kompass der Tiere“ ausgewertet, Dutzenden Forschern und Forscherinnen bei der Feld- oder Laborarbeit über die Schulter geschaut, zahllose Fallbeispiele gesammelt und so über die Jahre hinweg einen faszinierenden Strauß wahrhaftig erstaunlicher navigatorischer Leistungen in der Tierwelt zusammengetragen. Welchen er – willkommen und lesewertsteigernd – als unterhaltsamen, in 27 Kapitel unterteilten Anekdoten-Erzählreigen vor uns ausbreitet. Also versehen mit jeder Menge vermeintlichen inhaltlichen Abschweifungen – und dennoch stets wissenschaftlich fundiert. Weniger ein nackte Fakten aneinanderreihendes, charmefreies Lehr- als vielmehr ein erzählerisch wunderbar aufbereiteter Wissensfundus, der mit tierischen Einsichten nicht geizt und dem Lesenden einen völlig neuen Blick auf die mitunter erstaunlichen Orientierungs- und Navigationsfähigkeiten eröffnet, zu dem die uns umgebende Tierwelt imstand ist.

David Barrie
Unglaubliche Reisen. Vom inneren Kompass der Tiere”
mare Verlag, 368 Seiten (geb.)

Den Zauber der Nacht wiederentdeckt

Auf eine Erkenntnisreise der besonderen Art kann man seit vergangenem Herbst auch Dirk Liesemer begleiten – genau genommen: eine Reise in die Nacht. Der Anfang 40-jährige, vielreisende Autor kam, als er vor ein paar Jahren in Leipzig lebte und dort die dunklen Vororte durchstreifte zu der Einsicht, dass ihm die aus der eigenen Kindheit vertrauten Geräusche und Bilder der Nacht verloren gegangen waren, er nicht einmal mehr imstande war, die Sternbilder am Nachthimmel zu erkennen. Liesemer beschloss zu schauen, ob sich diese Nachtseite des Lebens nicht irgendwie wiederentdecken ließe – auch, weil er das (wohl berechtigte) Gefühl hatte, dass nicht nur er von diesem verlorengegangenen Kontakt betroffen war, sondern uns allgemein irgendwie der Zugang zur Nacht abhanden gekommen ist. Was wissen wir abseits unserer gut ausgeleuchteten Städte schon über sie – außer dass sie uns fremd und unzugänglich, ja undurchschaubar erscheint, uns unheimlich ist und Ängste hervorbringt?

Auch Dirk Liesemer hat auf seinen ersten Nachtwanderungen mit diesem Fremdheitsgefühl zu kämpfen, weiß nicht, wie man sich orientiert oder welche Geräusche was bedeuteten. Ob das vermeintlich so laute Rascheln im Gebüsch nun einer Maus oder vielleicht doch einem Wildschwein zuzuordnen ist. Doch je länger und häufiger er nachts unterwegs ist – insgesamt begibt er sich für sein Projekt auf mehr als 50 nächtliche Wanderungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – desto mehr findet er den verloren geglaubten Zugang zur Dunkelheit wieder und sich selbst besser zurecht in der allumfassenden, form- und farblosen Reduziertheit der Nacht. Zu allen vier Jahreszeiten durchstreift er die Lande – sowohl die finstersten wie auch die nächtens hellsten Gebiete, sowohl entlegene Wälder, Wiesen und Berge als auch zivilisationsgeprägte Park- und Stadtlandschaften – häufig allein, immer wieder aber auch in Begleitung anderer, die ebenfalls im regen Austausch mit der dunklen Seite des Tages stehen: Astronomen, Jäger, Vogel-, Fledermaus- und Spinnenkundler, Esoteriker, Maler, Müllmänner und Märchensammler. Von allen lernt er etwas über die an Facetten doch so reiche Nacht, beobachtet und reflektiert, lässt den eigenen Gedanken freien Lauf lassen und uns ohne jede Aufdringlichkeit daran teilhaben. In diesem Sinne beinhaltet „Streifzüge durch die Nacht“ nicht nur vielerlei erkenntnis- und lehrreiche Einblicke in die dunkle Tagesseite unserer heimatlichen Umgebung, sondern auch jede Menge Anregung, selbst einmal „furchtlos ins Dunkel [zu] springen“. Denn eines weiß Dirk Liesemer am Ende seiner nächtlichen Wanderschaft mit Sicherheit: „Sie werden direkt vor ihrer Haustür eine neue Welt kennenlernen, und selbst wenn Sie dort niemanden treffen, dann werden Sie zumindest einer Person begegnen: sich selbst.“

Dirk Liesemer
“Streifzüge durch die Nacht. Wie ich unsere Heimat neu entdeckte”
Malik Verlag, 272 Seiten (geb.)

Weltansichten

Ähnlich wie David Barrie und Dirk Liesemer lädt auch Thomas Reinertsen Berg zu einer literarischen Reise der besonderen Art ein. Anhand von 49 großformatigen Welt- und Landkarten hat der Norweger ein beeindruckendes erzählerisches Panorama der Entwicklungsgeschichte der Landkarten und Globen ausgebreitet – von der Steinzeit über die Zeit der großen Vermessungen und Entdeckungsreisen bis hin zu den allumfassenden Möglichkeiten der digitalen Welt. Schon früh entdeckte der Autor offenbar seine Leidenschaft für Karten: „Ich weiß noch, wie gerne ich als Kind in meinem Atlas blätterte und um die Welt reiste. Aber es gab nie etwas darüber, warum die Karten erstellt wurden – oder wer sie gezeichnet hat. Dieses Buch ist nun die Gelegenheit für mich, die Geschichten all jener Frauen und Männer zu erzählen, deren erstaunliche Arbeit es verdient, gefeiert zu werden.“ Aber nicht nur die Schöpfer bzw. Gestalter dieser Karten werden zum Gegenstand seiner mehrere Jahrtausende umspannenden kartografischen Erzählungen und Erläuterungen. Denn auch die jeweilige Umstände der Zeit, also die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Gegebenheiten und Werte, der eine jede dieser geografischen Weltdarstellungen zwangsläufig unterworfen ist, fließen mit ein in die umfassend recherchierten und eloquent dargereichten Betrachtungen, mit denen Thomas Reinertsen Berg sein preisgekröntes Sachbuch zur Genüge ausgestattet hat.

Und so begeben wir uns in „Auf einem Blatt die ganze Welt“ auf eine durchaus spannende, in jedem Fall eindrückliche, mehrperspektivische (Zeit)Reise durch die Geschichte der Landkarten, die uns im Anbeginn zu den ersten prähistorischen Karten in die Steinzeit und zu den ersten babylonischen und ägyptischen Kartierungsbemühungen führt, machen hiernach Station u.a. in der römischen Antike und im Antwerpen des 16. Jahrhundert – das zum Zentrum der Kartografie erwachsen sollte, schwenken später ab in die Arktis, um gemeinsam mit Fridtjof Nansen unerschlossene Landschaften zu kartieren, erheben uns im beginnenden 20. Jahrhundert endlich auch in die Lüfte, um die Kartografie final und unwiderruflich zu einem zentralen Bestandteil des aufziehenden Ersten Weltkrieges zu machen, liefern uns einen Wettlauf um das erste vom Weltraum aus gefertigte Erdenabbild, tauchen tief hinab ins Blau unseres Ozeane, darum bemüht, auch diese irgendwie topografisch zu erfassen und landen schließlich in der stetig davoneilenden Gegenwart, die von der flüchtigen Halbwertszeit informationsüberfrachteter digitaler Aufzeichnungen und dem fortwährenden Sehnsuchtswunsch, den uns umgebenden geografischen Raum so detailliert wie möglich im Bilde festzuhalten, geprägt ist. Ein Traum von Sachbuch für jeden, der gern mit dem Finger auf der Landkarte verreist.

Thomas Reinertsen Berg
“Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder”
dtv, 360 Seiten (geb.)

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14. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Marie-Claire Blais: »Drei Nächte, drei Tage«

Wenn lesen durstig macht

Sie sind beide kanadische Schriftstellerinnen, nahezu gleichalt, voller Bewunderung für die Werke der jeweils anderen und auch hinsichtlich der Liste an bisherigen Publikationen mehr oder weniger gleichauf. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Margaret Atwood (geb.1939) und Marie-Claire Blais (geb. 1940): Erstgenannte kennt man auch auf dem deutschen Büchermarkt, ja zählt neben der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro wahrscheinlich zu den bekanntesten kanadischen AutorInnen überhaupt, Blais hingegen hat hierzulande bis auf eine Romanveröffentlichung in den sechziger Jahren noch gar keine Spuren hinterlassen. Diesen unwürdigen Umstand zu ändern, daran hat sich nun der Suhrkamp Verlag gemacht und für den Anfang mit „Drei Nächte, drei Tage“ aus dem Jahr 1995 ein Werk auserkoren, das für alle, die es sich zu lesen trauen, eine tiefgründige Leseerfahrung bereithält.

Tatsächlich muss man sich ‘trauen‘ und ein gutes Stück überwinden, diesen an der Textoberfläche etwas unnahbar geratenen Roman an sich heranzulassen: Vierhundert Seiten Text ohne Absatz, ohne Kapitel, ohne Halt und Rast lassen sich mit gängigen Leseerfahrungen nur schwer vereinen. – Nach zehn Seiten der erste Punkt, auf die Gesamtlänge des Textes kaum mehr als zwanzig (!) haltgebende, im kommagetakteten, endlosen Wortfluss geradezu überraschend auftauchende, tatsächliche Satzenden. Zweifellos eine Meisterleistung des modernen Erzählens, deren Notwendigkeit im ersten Eindruck fragwürdig erscheint – und sich dann doch, wenn man die Scheu vor dem ewigen Wortfluss überwunden hat, als absolut unerlässlich für die Wirkung und das ‘Funktionieren‘ dieses großartigen polyfonen Romans erweist, der mit seiner zurückgehaltenen Handlung im Grunde mehr fließende Zustandsbeschreibung als fortlaufende Geschichte ist:

Auf einer von tropischer Hitze geprägten, idyllischen, aber namenlosen Insel irgendwo im Golf von Mexiko leben manche Menschen in Reichtum, andere in extremer Armut. Ein Fest soll stattfinden – anlässlich der Geburt eines Kindes und irgendwie auch anlässlich der nahenden Jahrtausendwende – und ein schillerndes Ensemble an Charakteren nimmt hierfür Aufstellung: Künstler, Drag-Queens, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, spielende Kinder, Geflüchtete der benachbarten Inseln und Renata, heimliches personales Zentrum des Romans, die sich als Anwältin für die Belange straffälliger Jugendlicher einsetzt, aber wie alle anderen Inselbewohner von einer inneren Zerrissenheit, einer fiebrig anmutenden Unruhe und Sehnsucht befallen ist – über die „Drei Nächte, drei Tage“ in einer multiperspektivischen, ineinander übergehenden und zwischeneinander wechselnden Innenschau aller Figuren erzählerisch Auskunft gibt. Es ist sozusagen ein vielstimmiger Chor, der aus dem ewigen Textfluss dieses Buch hervortönt und dessen Figuren-Ensemble mit jeweils eigenen Geschichten, Fragen und Befindlichkeiten zu Lust und Begehren, Krankheit und Tod, zu Macht, Missbrauch, Verantwortung und Gerechtigkeit in den Vordergrund drängt. Diesen beherrschen sie dann für einen Moment lang, bevor sie wieder in den Schatten zurücktreten und dem nächsten das Wort überlassen.

All dies, das Fest und den immerzu-immerfort zwischen Orten, Szenen und Zeiten wechselnden Figurenreigen koordiniert Marie-Claire Blais mit beeindruckendem Geschick und herausragendem Erzähltalent. „Drei Nächte, drei Tage“ beschenkt uns in diesem Sinne daher nicht nur mit dem hitzeflirrenden, irgendwie barock anmutendem, Großporträt eines tropischen Inselkollektivs, das kontinuierlich zwischen völliger Hingabe und Verzweiflung zu pendeln scheint, sondern auch mit einem Leseerlebnis, das im wahrsten Sinne des Wortes zugleich erschöpft und beglückt – und definitiv Lust darauf macht, mehr von dieser besonderen Autorin zu lesen.

Marie-Claire Blais
“Drei Nächte, drei Tage”
Suhrkamp Verlag, 400 Seiten (geb.)

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10. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Stefan Kutzenberger: »Jokerman«

Schräg, schäger, Jokerman!

Stefan Kutzenbergers „Jokerman“ ist ein prima Beispiel dafür, dass Bücher nicht immer schöngeistig sein müssen, um zu gefallen. „Jokerman“ ist wenig geistvoll, dafür schön zu lesen und vor allem eines: erfrischend hirnrissig, witzig, verspult und versponnen, eine abstrus-wilde Story mit haarsträubenden Wendungen, flott runtergeschrieben (Vermutung) und flott zu lesen. Insbesondere, aber bei weitem nicht ausschließlich Bob Dylan-Fans dürften bei der Lektüre dieses Schelmen-Romans in Verzückung geraten, wahrscheinlich allein schon bei der Nennung des Buchtitels die Ohren spitzen (ein Songtitel Dylans) und beim Anblick des Buchcovers – besagter Jokerman, auf einem Esel reitend – tüchtig glänzende Augen bekommen. Die Story selbst ist, welche Wunder, natürlich auch komplett um ‘His Bobness‘ herum konstruiert bzw. um die Nerdschaft der Dylanologen, für die jener nicht weniger als der Erlöser höchstselbst ist. Stefan Kutzenberger, der gleichnamige Held der famosen Geschichte, melancholischer Österreicher und Dylan-Huldiger, wird vom weltweit agierenden Netz der Dylanologen dazu auserkoren, die Rolle des Jokerman zu übernehmen, um – ja, um sich auf eine Reise zu begeben, die ihn nach Island, Spanien und schließlich nach Washington führt, wo er sich seinem eigentlichen Missionsziel stellen muss: die Wiederwahl Donald Trumps zu verhindern. Und wie sich heute im Realitätsabgleich feststellen lässt, scheint der Jokerman seine Aufgabe tatsächlich erfüllt zu haben … Schräger Lesespaß.

Stefan Kutzenberger
“Jokerman”
Berlin Verlag, 350 Seiten (geb.)

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7. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Andri Snær Magnason: »Wasser und Zeit« und »Lovestar«

Ein Isländer befasst sich mit der Zukunft

So thematisch breit wie Andri Snær Magnason muss man erst einmal aufgestellt sein: Der 47-jährige Isländer hat sich in seiner bisherigen Berufslaufbahn bereits als Regisseur, Umweltaktivist und viel gefragter Zukunftsvisionär hervorgetan, 2016 zudem als Kandidat für die isländische Präsidentschaftswahl aufstellen lassen und ist darüber hinaus – vielleicht auch an erster Stelle – auch noch als Dichter und Schriftsteller tätig. Und selbst da präsentiert er sich höchst wandelbar, verfasst heute Gedichte oder ein Kinderbuch, morgen einen satirischen Gesellschaftsroman und tags drauf ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch, oder auch gleich zwei – die, und das ist dann schon ein stückweit bemerkenswert, zu guter Letzt auch noch ‘funktionieren‘ und überzeugen, den ausführlichen Blick ins Buch sowie so manch ihm mittlerweile überreichten Literaturpreis wert sind.

Auf dem deutschen Buchmarkt sind in diesem Jahr zwei seiner Bücher veröffentlicht worden, die bis auf das gemeinsame Setting – Island in der Zukunft – unterschiedlicher kaum sein können: „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“, eine philosophisch anmutende, sehr persönliche Betrachtung der klimatischen Veränderungen, die unser Leben in immer stärkeren Maße beeinflussen und „Lovestar“, eine überbordend-fantasievolle, Erinnerungen an George Orwell oder Douglas Adams wachrufende Gesellschaftssatire.

Sorge um die Zukunft

Andri Snær Magnason muss nicht in die Karibik reisen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu sehen: 2014 verlor Island aufgrund der Erderwärmung mit dem Okjökull seinen ersten Gletscher, viele der aktuell noch 400 Gletscher sind auf einem ähnlichen Kurs und werden ebenfalls schmelzen. „Und all dies wird sich während der Lebenszeit eines Kindes abspielen, das heute auf die Welt kommt und wie meine Großmutter 95 Jahre alt wird“, weiß Magnason in „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“ zu berichten. „In den nächsten hundert Jahren wird sich das Leben auf der Erde grundlegend ändern. Gletscher werden schmelzen, der Meeresspiegel wird steigen, und der Säuregrad der Ozeane wird stärker zunehmen als in den letzten 50 Millionen Jahren. Diese Veränderungen beeinflussen das gesamte Leben – aller Menschen, die wir kennen, und aller Menschen, die wir lieben. Sie sind komplizierter als die meisten Dinge, mit denen wir uns normalerweise beschäftigen, größer als unsere gesamte bisherige Erfahrung, größer als die Sprache. Welche Wörter können ein Thema von dieser Größenordnung fassen?“

Der Isländer hat die Wörter schnell ausgemacht, die uns allen mittlerweile durchaus geläufig sind, aber aufgrund ihrer reinen Begrifflichkeit zu vage, zu wenig dringlich und fassbar bleiben – „Gletscherschmelze“, „Rekordhitze“, „Treibhauseffekt“, „Versauerung der Meere“ – und hat sie, um sie greif- bzw. unmittelbarer zu machen, stattdessen mit Geschichten seiner eigenen Verwandten, mit alten isländischen Mythen, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit auf persönlichen Begegnungen beruhenden Gesprächen mit dem Dalai Lama besetzt. Entstanden ist so ein einzigartiger, zutiefst persönlicher Appell Magnasons, unterhaltsam, berührend und mitreißend in seiner Präsentation, weitsichtig in seiner philosophischen Tiefe, hintergründig in seiner wissenschaftlichen Expertise. Gleichermaßen an die Politik wie an jeden Einzelnen von uns gerichtet, lässt „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“ weit über den vielleicht geplanten nächsten Island-Urlaub hinaus eines sehr deutlich zutage treten: Es ist tatsächlich höchste Zeit, zu handeln – wirklich zu handeln.

Andri Snær Magnason
„Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“
Insel Verlag, 304 Seiten (geb.)

Segen der Zukunft

Zum Handeln veranlasst sehen sich auch SigrÍður und Indriði in Andri Snær Magnasons ursprünglich 2002 erschienenen, bislang einzigen Roman „Lovestar“, der jetzt im Eichborn Verlag wiederveröffentlicht wurde. Denn in der zukünftigen Welt, in der dieses isländische Paar lebt, ist der Segen der Technik längst auch zum Fluch geworden: Mithilfe sogenannter Vogelwellen, die der geniale Wissenschaftler LoveStar mit einem speziellen, von ihm erfundenen Gerät zu kontrollieren vermag, lassen sich nicht nur problemlos Computer und andere Geräte vollumfassend aus der Ferne steuern, sondern – willkommener Nebeneffekt – auch Menschen: Werbung lässt sich mittels Vogelstrahlen zielgerichtet und direkt ins Bewusstsein der Konsumenten einpflanzen, Träume lassen sich auslesen, einem jeden Menschen der perfekte Partner bzw. die perfekte Partnerin zuweisen. Wie bequem und angenehm. Die Erfindung verleihen dem Erfinder und seinem gleichnamigen Unternehmen quasi über Nacht die Möglichkeit zur alleinige Weltherrschaft: Jede Kommunikation, alle Werbung, die gesamte Wirtschaft, alles unterliegt fortan der Steuerung von LoveStar – der, welch Wunder, weder Konkurrenz noch Widerspruch duldet. Doch ein junges Paar, SigrÍður und Indriði, die sich noch auf herkömmliche Weise ganz ohne Vogelstrahlen-Algorithmus ineinander verliebt haben, nun jedoch ‘auseinandergerechnet‘ werden, versucht sich der totalen Gleichschaltung zu widersetzen – um die eigene Liebe und ja, eigentlich auch die ganze Welt zu retten. Ganz klar, dass solch eine Geschichte in einem wüst-spektakulären Showdown enden muss…

Auch wenn es der Name des Buchs irgendwie suggerieren mag (Vogelwellen?): „Lovestar“ ist kein Trashroman – vielmehr eine ziemlich gelungene, vor einigen Jahren sogar für den renommierten Philip. K. Dick Award nominierte, tiefsinnige Gesellschaftsatire, die sich in ihrer dystopischen Vision im Bücherregal einerseits perfekt neben George Orwell, in der irre-überbordenden Zuspitzung der Handlung andererseits perfekt neben Douglas Adams einordnen lässt – erstaunlicherweise aber auch neben „Wasser und Zeit“ eine gute Figur macht und ihren Autor Andri Snær Magnason so insgesamt einfach gut dastehen lässt. Doppelter Lesetipp.

Andri Snær Magnason
„Lovestar“
Eichborn, 304 Seiten (Broschur)

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4. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Frank Schmolke/Marc O. Seng: »FREAKS. Du bist eine von uns«

Intensiv und unheilschwanger

Frank Schmolkes Graphic Novel „Nachts im Paradies“ war zweifellos eine der intensivsten Comic-Erfahrungen des vergangenen Jahres: Mit Tusche und Brush-Pen gezeichnet und in expressiven, stark verdichteten S/W-Bildern angelegt, die die Wirkmächtigkeit eines Film noir entfalten, erzeugte seine abgründige Geschichte eines Taxifahrers, dessen Leben innerhalb von drei Nächten völlig aus dem Lot gerät, einen gleichermaßen visuell wie auch erzählerisch enorm dichten Lesesog. Das fand auch Marc O. Seng, Schöpfer der vermeintlich ersten deutschen Superhelden-Netflix-Serie „FREAKS“ und fragte bei Schmolke an, ob dieser sich vorstellen könnte, parallel zur Filmfassung eine eigenständige Graphic Novel zu entwickeln. Schmolke, der nach eigenen Worten mit dem Superheldengenre, wie es in Amerika zelebriert wird, gar nichts anfangen kann, sagte tatsächlich zu – unter der Voraussetzung, dass er seine Version der „FREAKS“-Geschichte völlig unvereinnahmt allein auf Grundlage des Drehbuchs angehen dürfe, also ohne die Serie auch nur ausschnittweise gesehen zu haben – und auch ohne die Verpflichtung, eine mit dem Original identische Version zu entwickeln.

Eine gute Entscheidung, die, wie sich nun im jüngst veröffentlichten, gut 260 Seiten starken Comic zeigt, ein mehr als überzeugendes Ergebnis hervorgebracht hat: Mit kantigem Zeichenstil, knappem Strich und einer rohen Schwarz-Weiß-Anmutung, die nahezu durchweg von dunklen Schatten dominiert ist, erzählt Schmolke die Geschichte von Wendy – einer jungen Mutter, deren Leben seit Jahren von Psychopharmaka und Therapeutenbesuchen geprägt ist, die jedoch, als sie die Medikamente dann doch einmal absetzt entdeckt, dass dies unterdrückte Superkräfte in ihr freilegt, an denen sie schnell Gefallen findet – als urbane, wuchtig-düstere Superhelden-Mär mit sozialkritischen Anleihen, die weit davon entfernt ist, sich der gängigen klaren Trennung zwischen Gut und Böse zu unterwerfen. Völlig anders also als die klassischen Erzählungen vom maskierten Weltenretter, erwachsener auch als das poppig-bunte Netflix-Original. Bei der mitreißenden Wirkung, den diese Graphic Novel entwickelt, zu guter Letzt wahrscheinlich sogar die bessere Version.

Frank Schmolke/Marc O. Seng
„FREAKS. Du bist eine von uns“
Edition Moderne, 256 Seiten (Broschur)

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2. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Annie Ernaux: »Die Scham«

Befreiende Selbsterkundung

Wie der Großteil ihres literarischen Gesamtwerks ist auch der 1996 fertig gestellte und jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlichte Roman „Die Scham“ von Annie Ernaux stark autobiografisch geprägt. So manch unliebsame Kindheits- und Jugenderfahrung mögen der 1940 als Tochter zweier einfacher Leut (ungelernte Arbeiter mit kleinem Ladengeschäft und angeschlossenem Café) geborenen und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsenen französischen Schriftstellerin Anlass gewesen sein, in ihren Büchern grundsätzlich mit einem „Gedächtnis der Scham“ auf ihre persönliche Vergangenheit zurückzublicken. In dem 1996 fertig gestellten und jetzt bei Suhrkamp erstmals auf Deutsch veröffentlichten Roman wird die Scham jedoch zur letzten, ultimativen Wahrheit – die unmittelbar an ein über 44 Jahre zurückliegendes, singuläres Ereignis mit geradezu traumatischer Wirkung gekoppelt ist: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Wieder einmal hatte diese, so die eindrückliche Erinnerung Annie Ernaux‘, den vor sich hin schweigenden Vater unnachgiebig und anhaltend mit Nörgeleien bedacht, so lange, bis dieser vom Tisch aufsprang, seine Frau in die Vorratskammer zerrte, dort nach dem Beil auf dem Hackklotz griff – und glücklicherweise in letzter Sekunde doch noch zur Besinnung kam.

Gleich einer Zäsur besiegelte jener Beinahetotschlag von einem Tag auf den nächsten ihre Kindheit. Bis zu jenem 15. Juni 1952 waren für die kleine Annie alle Tage kindgerecht gleich schön und von wunderbar gleichförmiger Kontinuität geprägt – dieser Sonntag jedoch lässt sie das weitere Zusammenleben mit den Eltern zutiefst erschüttert und bodenlos „schambesetzt“ erleben. Gerade auch, weil sowohl Vater als auch Mutter beinahe sofort in die scheinbare ‘Normalität‘ allsonntäglicher Gewohnheiten zurückkehren, beinahe so, als ob überhaupt nichts vorgefallen sei: „Hinterher machten wir zu dritt eine Radtour aufs Land. Nach unserer Rückkehr öffneten meine Eltern wie jeden Sonntagabend die Kneipe. Wir haben nie wieder über den Vorfall gesprochen.“

Erst 44 Jahre später ist Annie Ernaux imstande, sich jenem Vorfall wieder zu nähern – und es ist trotz (oder gerade wegen) der ihr so eigenen, nüchtern-trockenen, sehr präzisen Erzählweise ergreifend mitzuerleben, wie sie das Geschehen von damals, das ihr ganz offensichtlich auch fast ein halbes Jahrhundert immer noch zusetzt, nun mit gereifterem Blick und in einem geweiteten Kontext, neu aufleben lässt, um es in einem Akt schonungsloser Selbsterkundung endlich mit all jenen persönlichen Gefühlen zu besetzen, die es ihr seinerzeit nicht möglich war, zum Ausdruck zu bringen.

„Die Scham“ ist ein weiterer wichtiger Baustein in Annie Ernaux‘ breit angelegter biografischer Spurensuche, der in seiner befreienden Vereinigung von Erinnerung und Reflexion eine berührende, intensive Lektüre offenbart.

Annie Ernaux
„Die Scham“
Suhrkamp Verlag, 110 Seiten (geb.)

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30. November 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Lesestoff für die Dunkelzeit

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Christine Wunnicke: »Die Dame mit der bemalten Hand«

Welterklärung anno 1762

Es ist bei weitem nicht das einzig Bemerkenswerte an den Romanen von Christine Wunnicke, aber doch ein recht hervorstechender Umstand: So augenscheinlich schmal eine jede ihrer Erzählung zwischen den Buchdeckeln daherkommen mag, sind diese dennoch stets derart prall mit Inhalt –also grandios skurrilen, bestens recherchierten historischen Geschichten, grandiosen Dialogen und kunstvollen, durch die Bank genial gezeichneten Porträts gefüllt, dass sie ‘wie von allein‘ das vermögen, was so manch anderes Romanwerk trotz Ziegelsteinumfang nicht vermag: Sie bergen in sich ein profundes, schieres Lesevergnügen – jedes Mal aufs Neue. Was unter anderem dazu geführt haben dürfte, dass Wunnickes neuestes Werk „Die Dame mit der bemalten Hand“ ebenso wie die beiden Vorgängerromane für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und die Autorin selbst jüngst erst den prestigeträchtigen Wilhelm-Raabe-Preis entgegennehmen durfte.

Für „Die Dame mit der bemalten Hand“ hat Christine Wunnicke ihren erzählerischen Blick neuerlich in die Vergangenheit gerichtet – um dieser die Geschichte um den Forschungsreisenden und Mathematiker Carsten Niebuhr aus dem Bremischen zu entlocken, der um 1760 mit dem Auftrag, die Schauplätze der Bibel zu vermessen, in den Orient reist, irgendwie vom Reisekurs abkommt, auf der vor Mumbai liegenden, nicht wirklich einladenden Insel Elephanta strandet und dort, wieder einmal vom Malariafieber befallen, in dem zufällig ebenfalls unfreiwillig auf dem Eiland gestrandeten persischen Astrolabien-Baumeister Musa nicht nur einen willkommenen Retter, sondern auch redseligen Gesprächspartner findet, mit dem er sich ganz wunderbar öst-westlich missversteht und streitet, aber auch zu manch neuer Erkenntnis gelangt …

In der für Wunnicke so typischen, lakonisch-reduzierten Erzählweise, die sowohl ihren Figuren als auch dem Leser viel wunderbar viel Raum für eigene Gedanken lässt, offenbart uns „Die Dame mit der bemalten Hand“ eine sonderbar offene, wunderbar tiefschichtige Geschichte, die in ihrer großartigen Kleinheit viel zu früh an ihrem Ende angelangt ist – so dass man einmal mehr nicht anders kann, als sich unweigerlich sofort nach einem weiteren, nächsten Wunnicke-Roman zu sehnen.

Christine Wunnicke:
„Die Dame mit der bemalten Hand“
Berenberg Verlag, 168 Seiten (geb.)

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