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Stadtgespräch

Stadtmagazin 07

Auf dem BLOG des Stadtmagazin 07 finden Sie einen Teil der Inhalte der kommenden Ausgabe und zusätzliche Beiträge. Damit verpassen Sie keine Veranstaltung mehr.

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1. September 2021 | Allgemein

Die neue Ausgabe ist da!

Von Stadtmagazin 07


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26. Mai 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Yulia Marfutova: »Der Himmel vor hundert Jahren«

Zauberhafte Realitätsfluchten

Yulia Marfutovas „Der Himmel vor hundert Jahren“ setzt um 1918 ein – irgendwo in den Tiefen Russlands, „am abgelegensten und vergessensten Ort des Reiches“, in einem Dorf, dessen Bewohner zum Großteil noch nie das jenseitige Ufer des Flusses vor ihrer Haustür betreten haben, für die das Dorfleben alles Bekannte ausmacht und alles andere, alles, was außerhalb der Dorfgrenzen ist oder von daher kommt, eher argwöhnisch beäugen. Wie etwa das Barometer, mit dem der alte Ilja seit Neuestem das Wetter studiert und das von allen nur „das Röhrchen“ genannt wird. Pjotr, sein Konkurrent im Rennen um das Amt des Dorfältesten hält es da lieber mit der guten alten Tradition, vertraut auf Weisheiten, Mythen und Aberglauben. Wie wiederum auch Iljas Frau Inna Nikolajewna, die gutem, altem osteuropäischen Aberglauben folgend fest daran glaubt, dass ein Fremder im Dorf erscheinen wird, weil sie ein Messer hat fallen lassen. Und tatsächlich taucht dieser wenig später auf: barfuß, aber in schmucker Uniform, nur bedingt auskunftsfreudig, dafür steter Quell zahlloser Gerüchte und Vermutungen, die nun durchs Dorf geistern. Offizier? Deserteur? Scharlatan? Keiner weiß wirklich etwas, jeder meint etwa zu wissen. Pjotr ist von all dem wenig begeistert und beschließt, die Flussgeister um Hilfe zu bitten, über ihr Wohlergehen zu wachen – und verschwindet spurlos. Woraufhin ganz ohne Prophezeiung erneut zwei Neuankömmlinge auftauchen und alle gewohnte Ordnung vollends aus dem Ruder laufen lassen…

Die 1988 in Moskau geborene, in Deutschland studierte und derzeit in den USA lebende Yulia Marfutova hat mit „Der Himmel vor hundert Jahren“ einen Debütroman vorgelegt, der im wahrsten Sinne des Wortes nichts anderes will als zu erzählen – und das ganz so, als sei er aus dem Lessing‘sche Credo „Schreibe, wie Du redest, so schreibst Du schön“ geboren: als ein wunderbar vor sich hinwabernder Erzählreigen, der in seiner surreal-märchenhaften Anmutung nicht nur enormen Unterhaltungswert besitzt, sondern auch ein ureigenes Gefühl wohliger Geborgenheit verbreitet. Ganz starker Wurf.

Yulia Marfutova
„Der Himmel vor hundert Jahren“
Rowohlt
192 Seiten (geb.)

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10. Mai 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Hernan Diaz: »In der Fremde«

Der verlorene Riese

Der Hawk soll, so erzählt man es sich unter Auswanderern und Goldsuchern im Kalifornien des großen Goldrauschs, ein Riese von einem Mann sein, wild, bärenstark und von furchteinflößendem Äußeren. Vor allem ein Gesuchter soll er sein, zahllose Menschen auf dem Gewissen haben, einmal ein halbes Dutzend bewaffneter Männer mit bloßen Händen getötet haben; ein andermal eine Berglöwen erwürgt haben, um fortan in dessen Fell gehüllt durch die Berge, Canyons und Ebenen Kaliforniens zu streifen.

Eine leibhaftige Legende, eine mythische Gestalt ist dieser Hawk, der, je öfter von ihm an den Lagerfeuern und in den Goldgräberstädten erzählt wird, mit jedem Mal noch ein Stück mehr an Größe, Bedrohlichkeit und übermenschlichen Fähigkeiten zu gewinnen scheint – und dabei, seine Körpergröße ausgenommen, eigentlich doch ein ganz anderer ist: ein Einzelgänger, ein Verlorener, ein vom Pech Verfolgter, ein Getriebener, ein Suchender. Im Grunde genommen und aller Legenden, die ihm anhaften, entblättert, eigentlich nur Håkan Söderström, ein Junge aus Schweden, der versehentlich am falschen Ende der Neuen Welt gelandet ist.

Dessen merkwürdige, ergreifende Geschichte erzählt Hernan Diaz in seinem Debütroman „In der Ferne“, mit dem er es 2018 aus dem Stand in den engeren Kreis der für den Pulitzerpreis nominierten Autoren schaffte. Schweden, Mitte des 19. Jahrhunderts: Håkan und sein etwas älterer Bruder Linus werden von den bitterarmen Eltern nach Amerika geschickt – auf dass ihnen im Land der Verheißung eine bessere Zukunft beschert sein möge als sie in der Heimat erwarten dürfte. Doch schon im englischen Portsmouth verliert Håkan seinen Bruder im Gedränge des Hafens, landet daraufhin auf dem falschen Auswandererschiff und in der Folge nicht wie geplant in New York, sondern an der gegenüberliegenden Küste, in San Francisco – das ihm zum Startpunkt einer lebenslangen Odyssee werden wird. Geld- und sprachlos, dafür von kräftiger Statur und unaufhörlich am Wachsen, schließt er sich einer irischen Goldgräberfamilie an, die ostwärts zieht und ihn New York vielleicht ein Stück näher bringen kann. Doch schon da kommt er nicht weit: Håkan gerät in die Fänge einer mysteriösen zahnlosen Frau, die über eine kleine Goldgräberstadt regiert und ihn in die Rolle des Lustsklaven zwingt. Irgendwann kann er sich aus diesem Martyrium zwar wieder befreien und fliehen, hat allein und zu Fuß jedoch keine Chance in der unermesslichen Weite dieses Landes. Zum Glück trifft er auf einen Naturforscher, der sich seiner annimmt, ihn im Überleben in der Wildnis unterweist, Wesentliches über Tiere, Medizin und das Funktionieren der Natur als solcher lehrt. Es ist dieses Rüstzeug, das dem stetig in den Himmel schießenden Schweden zur Grundlage seines weiteren Lebens werden soll; jenes Leben, das ihm immerzu nur Begegnungen mit Menschen bereitzuhalten scheint, die früher oder später in einer Katastrophe enden – und Håkan dazu veranlassen, sich wieder und wieder tief in die Wildnis zurückzuziehen, über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg durch Wüsten, Wälder und Canyons zu wandern, fernab aller Zivilisation allein mit den Jahreszeiten zu leben, die sich ihm immer tiefer in Körper und Geist einfurchen, der eigentlich nur von dem einen Wunsch erfüllt ist, eines Tages doch den großen Bruder im fernen New York, das letzte Stück ihm verbliebener Heimat wiederzusehen …

Hernan Diaz hat mit „In der Fremde“ einen bildmächtigen Roman geschaffen, der sowohl die Facetten eines modernen Mythos als auch die einer klassischen Wildwest-Geschichte aufweist, zugleich existentielle Abenteuergeschichte, Studie radikaler Entfremdung und schier überbordendes literarisches Naturpanorama ist. Ergänzt um eine wild-poetische Sprache, die wie ein Spiegel der von Entfremdung und Einsamkeit geprägten Figur des Hawks wirkt, hinterlässt diese in ihrer Befremdlichkeit strahlend schöne Geschichte eine Wirkung, die noch lange anhalten dürfte, nachdem man Håkan, den verlorenen Riesen, bis zur letzten Seite, zum letzen Satz begleitet hat. Nichts anderes darf man von einem richtig guten Buch erwarten …

Hernan Diaz
„In der Fremde“
Hanser Berlin
304 Seiten (geb.)

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26. April 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Begegnungen mit wilden Tieren und entlegenen Landschaften – Teil 2: Nastassja Martins »An das Wilde glauben«

Der Bär in ihrem Kopf

Die beiden Franzosen Sylvain Tesson und Nastassja Martin sind sich wahrscheinlich noch nie begegnet, haben vielleicht auch noch nie voneinander gehört – und teilen dennoch ein gemeinsames Interesse: eine große Leidenschaft für das Wilde, Ursprüngliche und die Fremde, vor allem jene, die wahrhaftig weit abseits gängiger Touristenpfade mehr oder weniger am Ende der Welt liegt. Sylvain Tesson hat mit „Der Schneeleopard“ eine Reisebeschreibung vorgelegt, die in ihrer deutschen Übersetzung sicher viel Aufmerksamkeit erhalten wird – Nastassja Martins ebenfalls dieser Tage erschienene „An das Wilde glauben“ braucht sich hinter dessen meistverkauften frankophonen Buch 2019 keinesfalls zu verstecken. Ganz im Gegenteil: Die Art und Weise, wie sie sinnlich und zugleich packend ihre Begegnung mit dem Wilden bzw. der ursprünglichen Wildnis schildert, macht ihre autobiographische Erzählung jener Tessons durchaus ebenbürtig.

Anders als bei Sylvain Tesson war Nastassja Martins Begegnung mit einem Braunbär weder gewünscht noch herbeigesehnt, überdies auch nicht nur auf eine gegenseitige Inaugenscheinnahme beschränkt. Als Anthropologin mit dem Spezialgebiet der ethnografischen Erforschung indigener Völker des hohen Nordens hatte sie bereits längere Zeit bei Indigenen in Alaska verbracht, zuletzt nun einige Jahre im fernen Nordosten Russlands, auf Kamtschatka gelebt. Zielstellung dort: die Kultur der Ewenen kennenlernen, die trotz aller Annehmlichkeiten und Fortschritte, die ihnen das 21. Jahrhundert bieten könnte, vielfach noch immer in einer über Jahrhunderte gepflegten Eintracht und Verbindung mit der Natur leben. Weniger galt Martins anthropologisches Interesse hingegen der Erforschung der einheimischen Kamtschatka-Bären. Auf einer Wanderung zu einem der zahlreichen Vulkane der Halbinsel stolperte sie jedoch beinahe sprichwörtlich einem solchen etwa kleinwagengroßen Braunbär-Exemplar in die Arme und überlebte die für beide Seiten wenig zärtliche Begegnung nur mit Müh und Not – und schlimmen Gesichtsverletzungen.

Auf den Spuren gelebten Animismus

Was folgt ist eine lange Odyssee der Genesung, die sich bei weitem nicht nur auf die Heilung der äußerlichen Spuren beschränkt, die der Bär auf ihrem Körper hinterlassen hat. Martin spürt vielmehr, dass der ‘Kuss‘ des Bären auch innerlich etwas in ihr verändert hat, dass sie auch einer innerlichen Genesung bedarf, um Frieden zu schließen mit dem Wilden, das in sie eingedrungen, für immer eingezeichnet ist. Überzeugt davon, dass sie in ihrer französischen Heimat hierfür keine Heilung finden wird, kehrt sie daher, kaum dem Krankenbett entstiegen, wieder ans Ende der Welt, nach Kamtschakta zurück. Dort im Wald, bei den Ewenen von Itscha, bei denen sie noch bis vor Kurzem wie ein Familienmitglied gelebt hatte, deren gelebter Animismus längst auch ein Teil ihres eigenen Lebens, ihrer gelebten Weltanschauung geworden ist, hofft sie, die Metamorphose vollenden, sich mit ihrem neuen Ich anfreunden zu können.

Ganz ‘nebenbei‘ lässt sie uns währenddessen an einer gedanklichen Betrachtung der Welt aus Sicht der ‘Naturvölker‘ des fernen Nordostens teilhaben, die hinsichtlich des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Medizin und Heilkunst, von Traumwelt und Wirklichkeit so grundverschieden von unserem eigenen westlich geprägten Lebensanschauung ist, dass Nastassja Martins Buch gleich in mehrfacher Hinsicht eine literarische Bereicherung darstellt: „An das Wilde glauben“ ist in dieser Hinsicht nicht weniger als eine mitreißende autobiografische Erzählung, eine packende Dokumentation und eine persönliche Reflexion über das Wilde, die weit hinausführt aus der Welt, wie wir sie kennen.

Nastassja Martin:
„An das Wilde glauben“
Matthes & Seitz Berlin
142 Seiten (geb.)

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8. April 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Begegnungen mit wilden Tieren und entlegenen Landschaften – Teil 1: Sylvain Tessons »Der Schneeleopard«

Reise in die Bergwelt Tibets

Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist von Haus aus Geologe, mit dem Herzen ein Reisender, der mit dem Fahrrad um die Welt, zu Fuß durch den Himalaya und zu Pferd durch die Steppe Zentralasiens streifte, und mit der Seele ein reisender Dichter. Für seine zahlreichen Reisebeschreibungen und Essays wurde Tesson bereits mit dem höchsten französischen Literaturpreisen geehrt. Der jetzt bei Rowohlt veröffentlichten Band „Der Schneeleopard“, mit dem er 2019 zum meistgelesenen frankophonen Autor avancierte und in dem er überaus eindrücklich von einer Reise zu einem der seltensten Tiere der Welt im tibetischen Hochland erzählt, dürfte dem französischen Autor sicher auch hierzulande schnell eine breite Lesergemeinde verschaffen. Schlicht und einfach, weil man einen so intensiven, gedankenreichen Reisebericht, eine so intensiv literarisch-animalische Begegnung wie diese so schnell kein zweites Mal finden wird.

Ihren Anfang und Ursprung findet der Text in einer langjährigen Freundschaft, die Sylvain Tesson mit dem renommierten Tier- und Naturfotografen Vincent Munier verbindet. Dessen fotografische Vorliebe für die wilden Tiere entlegener Regionen war über viele Jahre hinweg vom Wunschtraum gekrönt, einmal Schneeleoparden in ihrer natürlichen Umgebung im tibetischen Hochland zu begegnen. Seinen Freund Sylvain Tesson musste Munier nicht zweimal fragen, dieser sagte sofort zu als er ihn fragte, ob er ihn dabei begleiten wolle, diesen Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Wohlgemerkt: im Winter, in einer unwirtlichen Bergregion weit über 4.000 Meter Höhe, bei durchgängig minus zwanzig Grad und kälter – weil nur da und dann überhaupt die Chance bestünde, der überaus scheuen, sehr zurückgezogen lebenden, sehr selten gewordenen Raubtiere ansichtig zu werden.

Und was soll man sagen: Im Wissen um die Existenz von Fotografien, die es Munier tatsächlich gelingt, vom Schneeleoparden, aber auch von den zahlreichen anderen wilden Tieren zu machen, welche die tibetische Hochebene bewohnen (u.a. Wildyaks, Wildesel, Blauschafe, Antilopen, Wölfe und Geier) wünscht man sich beim Lesen dieser Reiseerzählung natürlich sofort, es wären dem Buch wenigstens eins, zwei Bilder beigefügt. Andererseits braucht das „Der Schneeleopard“ nicht wirklich. Denn was Sylvain Tesson hier in Worte fasst und in Erzählstoff verwandelt, ist so ausdrucks- bzw. gedankenstark, so im Fluss und wie aus einem Guss, dass man schon bei den ersten Absätzen für sich feststellen kann, dieses Buch möchte man besser langsam lesen, um den Genuss, den Tesson einem hier bereitet, nicht zu schnell vergehen zu lassen…

Abenteuergeschichte und Ode an die Demut

Es ist an erster Stelle sicher auch die eindrucksvolle Beschreibung, wie die kleine Reisegruppe immer tiefer in die entlegene, nahezu völlig unbewohnte Bergregion vordringt, die groß genug wäre, um Frankreich ohne weiteres aufzunehmen; ebenso überaus eindrucksvoll, wie sie nur mit dem, was sie tragen können, immer tiefer in Gletschertäler und von Felswänden umgebene Schluchten vordringen; wie sie dann – alleinig getrieben von dem Wunsch der Begegnung mit dem Leoparden –für mehrere Tage am Stück in eisiger Kälte tatsächlich wie festgefroren, auf jeden Fall aber reglos auf der Lauer liegen und Entbehrungen auf sich nehmen, die einem schon beim Lesen frösteln lassen. Nicht, um zu jagen, sondern um mit absoluter Hingabe zu sehen, zu spüren, zu erfahren – voller Respekt und demütiger Zurückhaltung. In diesem Sinne sind es daher eben auch die vielen stillen, feinsinnig gesponnenen Gedanken und Gedankenbilder (etwa zur Anmut und zum Wesen einer noch nicht vom Menschen vereinnahmten Natur), die Tesson wartend, lauernd und ausharrend, den Frostschmerz ausblendend nebenher für sich, für uns notiert, die in Erinnerung bleiben wie Fotografien und das Buch zu einer unmittelbaren Leseerfahrung mit naturphilosophischen und nachgerade meditativem Charakter erwachsen lassen können.

„Der Schneeleopard“ ist genauso Abenteuergeschichte wie eine Geschichte der Demut, eine Ode auf das Wilde und die ursprüngliche Wildnis – kurzum, ohne Zweifel ein Titel, den man sich bedenkenlos auf die eigene Leseliste setzen darf. Ebenfalls bereits erschienen ist übrigens der zugehörige Bildband mit 200 Fotografien von Vincent Munier und poetischen Begleittexten Sylvain Tesson – und unter dem Titel „Zwischen Fels und Eis“ im Knesebeck Verlag zu erstöbern.

Sylvain Tesson:
“Der Schneeleopard”
Rowohlt Verlag,
192 Seiten (geb.)

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7. April 2021 | Allgemein

EAH Jena digital entdecken

Von Stadtmagazin 07

Hochschulinfotag am 10. April über das Web.

Sie möchten die Ernst-Abbe-Hochschule Jena von zu Hause aus entdecken? Das ist kein Problem: Am kommenden 10. April öffnet die Hochschule zwischen 9.30 und 15 Uhr digital ihre Türen. Der diesjährige Hochschulinformationstag ist hier erreichbar: www.eah-jena.de/hit.

Dafür hat die Zentrale Studienberatung der EAH gemeinsam mit der Rooom AG Jena ein Konzept umgesetzt. „Dabei ist“, so Studienberatungsleiter Jens Schlegel: „ein gutes, auf Interaktivität basierendes Format entstanden, welches Interessierte einlädt, die EAH mit ihren vielen Studiengängen kennenzulernen“.
So bieten die Ingenieurstudiengänge neben zahlreichen anderen Inhalten Robotik, künstliche Intelligenz, Laser- oder Umwelttechnik an. Wer sich für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert, sollte ein Studium der Betriebswirtschaft überlegen. Soziale Arbeit sowie Pflege sind Studiengänge der Bereiche Sozialwesen bzw. Gesundheit und Pflege, wo auch die Hebammenkunde, das Rettungswesen sowie die Ergo- und Physiotherapie „zu Hause“ sind.

Der Fachbereich Elektrotechnik/Informationstechnik bietet noch ein Extra-Highlight: Er lädt zu einem virtuellen Rundgang durch seine Labore in gather.town ein. Die Besucher können sich mit Hilfe von Avataren frei durch die Labore bewegen, Informationen sammeln und mit Professoren und Studierenden per Videochat in Kontakt treten. Der virtuelle Rundgang erinnert an die Pixelgrafiken von Spielekonsolen der 90er Jahre und ist unter https://gather.town/i/yw30HLL2 erreichbar.

In den Live-Chats am kommenden Samstag kann man seine Fragen direkt loswerden und mit Lehrenden, Studierenden sowie mit Kolleginnen und Kollegen aus Fachbereichen und Verwaltung ins Gespräch kommen. Dabei geht es sowohl um die etwa 50 Studienmöglichkeiten der EAH Jena, als auch um alle Fragen rund ums Studium, wie Bewerbungsverfahren, Wohnen oder Studienfinanzierung.

www.eah-jena.de/hit

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26. März 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Frühlingszeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

»The Travel Episodes: Von Abenteuern in der Ferne und vor der Haustür«

Jenseits der Komfortzone: Geschichten vom Reisen

Literarisch zu reisen erfreut sich ja schon seit eh und je großer Beliebtheit – und dürfte aktuell sicher noch größere Zuwendung erhalten. Willkommenen Nachschub liefert der gerade erschienene fünfte Band der von Johannes Klaus herausgegebenen „The Travel Episodes“-Buchreihe. Nachdem diese sich im vorangegangenen Teil der Lust am Alleinreisen widmete, ist der Blick nun mit der Untertitelung „Von Abenteuern in der Ferne und vor der Haustür“ wieder etwas unspezifischer ins Weltenrund gerichtet. Wobei „vor der Haustür“ angesichts der im Buch bereisten Orte und Gegenden eher etwas fragwürdig daherkommt, finden doch gerade einmal zwei der insgesamt 21 hier versammelten Reise- bzw. Abenteuergeschichten tatsächlich vor der Haustür, also in Deutschland statt. Aber vielleicht sollte man da den Blick auch einfach ein wenig weiten – schließlich werden ‘Haustüren‘ heutzutage ja längst auch vor der eigenen Landesgrenzen oder gar jenen Europas verortet.

Zudem: Für den Reisenden ist zweifellos ohnehin die ganze Welt ein Zuhause und damit dieses „vor der Haustür“ gleichfalls überall. Und für uns, den Lesenden, der sich aktuell coronabedingt nach wie vor sehr darin beschränkt sieht, eigenen Träumen vom Reisen nachzugehen, wohl sowieso das Beste, was man sich gegenwärtig zuführen kann, um diesen möglichst nahe zu sein. Darüber hinaus vielleicht auch zukunftsweisend: Schließlich setzt sich doch mittlerweile mehr und mehr das Bewusstsein oder die Erkenntnis durch, dass wir so wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Zukunft nicht mehr reisen können und wollen. Stichwort „Corona“, Stichwort „Klimawandel“. Womit dem Stellvertreterreisen, sei es als audiovisuelle Dokumentation, sei es als literarische Dokumentation mehr und mehr Bedeutung und Aufmerksamkeit zukommen dürfte. Also die Welt durch die Augen anderer entdecken. Wünschenswerterweise natürlich gut erzählt und zum Nacherleben anschaulich aufbereitet. Johannes Klaus, selbst leidenschaftlicher Reisender, beweist als Herausgeber der „The Travel Episodes“-Serie auf jeden Fall auch in diesem Band wieder ein gutes Händchen, wenn es um die Auswahl wortgewandter Autoren und Autorinnen geht, die ihre Reisen und Abenteuer in prosaische Erzähltexte verwandeln. Natürlich fällt bei weitem nicht eine jede oder ein jeder von diesen in die Kategorie „Maler/in mit Worten“, natürlich merkt man den Texten an, ob sie von einer professionellen (Reise)Journalistin oder einem enthusiastischen Reiseblogbetreiber verfasst wurden. Aber tatsächlich macht gerade dies einen der Reize aus, den dieses Buch hat: Die literarische Qualität der Beiträge – teilweise von ‘Wiederholungstäter:innen‘ verfasst, die  auch schon in den vorangegangenen Ausgaben Reiseerlebnisse veröffentlichten –ist so vielfältig wie die Reiseziele und Abenteuer, die darin geschildert werden.

In diesem Sinne ist es genauso lohnenswert, mit dem Geschwisterpaar Hermes den Amazonas über gut 3000 Kilometer hinweg im Kanu zu bereisen wie etwa sich mit Abenteurer David Franz auf eine Wanderung zu Fuß durch grönländische Wildnis zu begeben, mit Fredy Gareis das Zivilisationsabenteuer ‘Vanlife‘ auf deutschen Straßen auszuprobieren, mit Philipp Laage den Pik Lenin zu besteigen oder die Langstreckenwanderin Ana Zirner ein Stück weit auf ihrer 800 Kilometer-Pyrenäen-Wanderung zu begleiten. Alle versammelten Beiträge transportieren eine Begeisterung für das Draußen- und Unterwegssein, dass man sich tatsächlich 21-fach ‘mitgenommen‘ fühlt – hinaus in die mal nah oder fern gelegene, immer wieder Entdeckenswertes bzw. Neues bereithaltende Fremde.

In jedem Sinne positiv auffallend ist hierbei, wie viele der versammelten Autor:innen sich aus innerer Überzeugung um ‘alternative‘ und/oder nachhaltigere Reiseformen bemühen. Also lieber mit Zelt oder per Couchsurfing unterwegs sind als in Hotels schlafen; lieber die eigene Komfortzone verlassen als sich nur entlang instagramtauglicher Wohlfühl-Massentourismus-Routen zu bewegen; lieber zu Fuß oder per Anhalter reisen als das Flugzeug zu nehmen, selbst wenn es sich um wirklich ferne Reiseziele handelt. Weil sie um den ökologischen Fußabdruck wissen, den ein jeder ihrer Ausflüge ins Weltenrund hinterlässt – weil sie trotz aller Privilegien, die sie als Reisende mit deutschen Pass in der Welt genießen, lieber nach Möglichkeiten suchen, eben jene mit mehr Zurückhaltung und kulturellem Tiefgang für sich zu entdecken als in der häufig komplett moral- und gewissensbefreiten Art des Reisens mitzuschwimmen, die man leider immer noch zu häufig im Massentourismus und seinen diversen Auswürfen antrifft. So sind die dargebotenen Reise- und Abenteuergeschichten nicht nur im besten Sinne mitrei(s)ßend- unterhaltsam, sondern bieten auch so manch wertige Inspiration für die nächsten eigenen Reiseabsichten. Im Rahmen der Möglichkeiten…

Wer sich von einem oder allen im Band versammelten Reise- und Abenteuerepisoden übrigens so ‘angefüttert‘ fühlt, dass er umgehend mehr Stories vom jeweiligen Autor, von der jeweiligen Autorin lesen und nachspüren möchte, dem sei unbedingt ein Blick in das Autor:innen-Verzeichnis am Ende des Buchs empfohlen: Neben biografischen Infos zu den Verfasser:innen sind hier auch die jeweiligen persönlichen Reiseblog-Webadressen aufgeführt, die auf Blogs und Homepages führen, die mitunter so umfassend mit Abenteuer, Erlebnis und Eindrücken gefüllt sind, dass man dort lesend locker tages- oder abendfüllend auf die Reise gehen kann, auf dem eigenen Sofa, hinter der eigenen Haustür.

“The Travel Episodes: Von Abenteuern in der Ferne und vor der Haustür”
hrsg. von Johannes Klaus
Malik Verlag
320 Seiten (brosch.)

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19. März 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Ljudmila Ulitzkaja: »Eine Seuche in der Stadt«

Tödlicher Virus in totalitärem System

Es bedarf nur einer kleinen Unachtsamkeit und schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Als Rudolf Iwanowitsch Mayer, Forscher am Pest-Institut von Saratow, damit beauftragt, einen Impfstoff gegen alle bekannten Pestarten zu entwickeln, eines Winterabends im Jahr 1939 mitten in einer Versuchsanordnung zum Rapport ans Telefon gerufen wird, geschieht, was innerhalb der Isolierkammer, in der er sich befindet, besser nicht passieren sollte: Seine Gesichtsmaske verrutscht ihm leicht, der Kinnriemen hat sich unversehens gelöst. So richtig nimmt das in diesem Moment so unscheinbar ins Rollen gebrachte Unglück aber erst an Fahrt auf, als Mayer, bereits Pestvirus-infiziert, sich am nächsten Tag in den Zug nach Moskau setzt – das Volkskommissariat für Gesundheit hat ihn einbestellt, um Auskunft über den Stand seiner Forschung zu geben. Schließlich hält man den Impfstoff nicht nur für wichtig, sondern auch höchst bedeutsam. Ein wirksamer Pestimpfstoff würde dem Kommunismus ohne Zweifel den Weg zum endgültigen Sieg ebnen, weltweit. Doch Mayer bringt nicht nur seinen Bericht mit nach Moskau, sondern eben auch das, was er eigentlich ausmerzen will: die Lungenpest. Schon unmittelbar nach der Sitzung im Volkskommissariat bricht er in seinem Hotel zusammen, wird vom herbeigerufenen Arzt mit Verdacht auf Lungenentzündung ins Krankenhaus eingewiesen – wo der leitende Arzt der Notaufnahme zum Glück die Symptome, die der halb bewusstlose Patient aufweist, sofort richtig zu deuten weiß, sofort alle nun notwendigen Maßnahmen in die Wege leitet: Station isolieren, sich selbst unter Quarantäne setzen, Vorgesetzte und Behörden informieren, Infektionsketten durchbrechen, die Maschinerie der Nachverfolgung ins Rollen bringen. Und diese Maschinerie funktioniert gut, sehr gut sogar! Wenn man im Jahre 1939 eines in Moskau kann, dann ist es nachverfolgen. Also beginnt das NKWD – das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten –, welches sich sonst eher damit befasst, Angst und Schrecken zu verbreiten, das öffentliche und private Leben aller Sowjetbürger mit Denunziation, Verhaftung, Verbannung und heimlichen Hinrichtungen auf den vom großen Führer vorgegebenen Kurs zu bringen – ausgerechnet diese Zentralinstitution des staatlichen Terrors wird nun mit der lebenserhaltenden Aufgabe betraut, den Wettlauf gegen die Zeit, gegen das Pestvirus sofort aufzunehmen, bevor dieses sich in der Stadt ausbreiten oder gar zur landesweiten Pandemie auswachsen kann. Ein Scheitern ist selbstverständlich komplett ausgeschlossen.

Spannend und makaber

Ljudmila Ulitzkaja, die Autorin von „Eine Seuche in der Stadt“ hat dieses Szenario, das ihren Worten zufolge auf einer weitgehend unbekannten, aber so tatsächlich geschehenen Begebenheit beruht, bereits vor über 40 Jahren geschrieben, dann aber wieder vergessen. Wiederentdeckt hat sie das kleine Prosawerk bezeichnenderweise erst als sie sich im vergangenen Jahr wie die halbe Welt im Corona-Lockdown befand und daheim ihre Habseligkeiten sortierte. Was ihren als Filmskript angelegten gut 100 Seiten umfassenden Prosatext zu einer Lektüreempfehlung macht, ist sicher auch der Bezug zu der Pandemiezeit, in der wir selbst seit geraumer Zeit feststecken. Aber auch ohne diesen Kontext weiß „Eine Seuche in der Stadt“ ohne weiteres zu überzeugen: Mit seinen schnell wechselnden, von Dialogen geprägten und dicht an den Figuren geführten Szenen entwickelt das von Ulitzkaja komponierte Szenario eine erstaunlich einnehmende Dynamik, die mit jeder weiteren Seite an Tempo und Spannung gewinnt und – und dies ist das wahrhaftig Bemerkenswerte dieses Texts –darüber hinaus ganz ‘nebenher‘ das Bild einer Gesellschaft nachzeichnet, die bereits derart vom allgegenwärtigen Stalinschen Terror paralysiert ist, dass all jene, die von den schwarzen Wagen des NKDW abgeholt werden, weil sie mit dem Erstinfizierten in Kontakt gekommen waren, ausnahmslos davon ausgehen, nun in eins der berüchtigten Folterkeller verschleppt zu werden. Dabei ist es makabererweise in diesem einen Fall tatsächlich einmal die Erhaltung von Leben, die den Geheimdienst zur ‘Nachverfolgung‘ im Volke antreibt …

Gute Lektüre für einen grauen Winternachnachmittag.

Ljudmila Ulitzkajar:
„Eine Seuche in der Stadt“
Carl Hanser Verlag
110 Seiten (geb.)

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8. März 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Robert Moor: »Wo wir gehen«

Wege und Einsichten

Die Appalachen im Osten der Vereinigten Staaten zählen neben den Rocky Mountains zu den bekanntesten Gebirgssystemen Nordamerikas. Wie viele andere Gebirgszüge verfügt natürlich auch die insgesamt 14 Bundesstaaten durchmessende, größtenteils bewaldete Mittelgebirgsregion über einen Fernwanderweg – der in seiner Gesamtlänge allerdings so ziemlich alles sprengt, was wir hierzulande an Wanderpfaden zwischen Erzgebirge und Thüringer Wald, Eifel, Schwarzwald und Alpen kennen: Gut 3.500 Kilometer abseits der Zivilisation müssen all diejenigen meistern, die sich auf den langen, langen ‘Appalachian Trail‘ begeben. Und das sind viele. Mehr als 1.500 Entschlossene schnüren jeden Frühling die Wanderschuhe, um die Fünfmonatstour bis zum Ende des Sommers zu bewältigen.

Auch Robert Moor, US-amerikanischer Autor und Journalist mit einem bereits in Kindheitstagen geschulten Faible fürs Wandern, war von der Idee angefixt, sich dieser Herausforderung zu stellen. Nicht ahnend, dass er sich ausgerechnet eines der kühlsten Jahre des Jahrzehnts für sein großes Abenteuer ausgesucht hatte, begab er sich an einem kalten Märztag im Jahr 2009 an den Startpunkt in Georgia – um in der Folge, wie er es formuliert, „fünf Monate auf Schlamm“ zu starren. Trotz fortschreitender Jahreszeit blieb es beständig kühl und gleichermaßen anhaltend regnerisch. Ausreichend Gelegenheit also für den Wanderer, sich gänzlich unabgelenkt von der wolkenverhangenen Umgebung in geradezu kontemplativer Weise einzig und allein auf den Pfad vor seinen Füßen zu konzentrieren – und sich einer scheinbar trivialen, aber dann doch nicht so leichthin zu beantwortenden, vielmehr reichlich Folgefragen aufwerfenden Fragestellung zu widmen: Warum gibt es diesen Pfad, dem er da folgt? Warum gibt es überhaupt Pfade? Woher kommen sie? Warum folgen wir ihnen? Warum überdauern die einen lange Zeitspannen während andere sich verändern oder gar wieder verschwinden? Und wieso finden selbst die vermeintlich schlichtesten Tiere ohne Weiteres des effizientesten Weg, erweisen sich zahlreiche Säugetierarten von Natur aus als versierte Wegebauer, wohingegen der Mensch sich in unbekanntem Terrain häufig völlig disproportional zu seiner vermeintlichen hohen Intelligenz verhält?

Die Evolutionsgeschichte der Wege

Robert Moor bewanderte nicht nur den Appalachian Trail bis zu seinem Endpunkt, sondern streifte, getrieben von diesem Strauß an Fragen, hiernach über sieben Jahre lang kreuz und quer um den Globus, um auf vielfach begangenen Wegen ebenso wie auch auf Pfaden, die sich dem Einblick zu verbergen scheinen, Antworten auf seine Fragen zu finden. Eingang gefunden haben die dort gesammelten, mit wissenschaftlichen Einsichten unterfütterten Erkenntnisse in dem 2016 unter dem Originaltitel „On Trails. An Exploration“ veröffentlichten, mittlerweile mit zahlreichen Preisen überhäuften und nun auch auf Deutsch erhältlichen Buch „Wo wir gehen“. Insgesamt ein halbes Dutzend Reportagen in sehr zugänglich verfasster Essayform laden hierin zu einer Entdeckungstour der besonderen Art ein: der Evolutionsgeschichte der Wege.

Erste Station: Das Präkambrium. Anhand von Fossilien versucht Moor zu ergründen, warum Tiere in der Erdfrühzeit sich überhaupt zu bewegen begannen, was durchaus erstaunliche Erkenntnisse hervorbringt. In den nachfolgenden Kapiteln befasster der Autor sich unter anderem damit, wie Insektenkolonien per Schwarmintelligenz Wegenetze erstellen, widmet sich mit dem Orientierungsverhalten vierbeiniger Säugetiere, die sich in ihren mitunter extrem weitläufigen problemlos zurechtfinden und landet schließlich beim Menschen der grauen Vorzeit, der einmal sesshaft geworden, damit begann, seine Umgebung mit Pfaden zu durchsetzen, was wiederum unmittelbare Auswirkung auf die Entwicklung der menschlichen Kultur hatte. Moor ist mit „Wo wir gehen“ ein an Einsichten und Weisheit reiches Buch gelungen, in dem so etwas Schlichtes wie ein Pfad, ein einfacher Weg zu einem zentralen Faktor des Lebens überhaupt erwächst. Dem zum anekdotenhaften Erzählen neigenden Autor auf diesen Wegen zu folgen, erweist sich dabei eine überraschend durchweg spannende, alles andere als eine staubig-langweilige Angelegenheit, die natürlich auch davon getragen wird, dass Moor egal, ob er gerade alten Indianerpfaden nachspürt, widerborstige Schafe hütet, sich mit Fragen von Wissenschafts- und Erkenntnistheorie beschäftigt, Sagen und Mythen ausgräbt oder Elefanten in ihrem Wegeverhalten beobachtet, angenehmerweise doch stets seinen Haupterzählfaden bzw. -pfad im Blick behält. „Wo wir gehen“ lässt einen erkennen, lernen, reflektieren und eigenen Lebenswegen nachschwelgen. Und braucht dabei der Weisheit letzten Schluss zu guter Letzt auch gar nicht mehr plakativ herausstellen: Den eigenen Weg – den muss ein jeder von uns dann doch stets selbst für sich finden …

Robert Moor
„Wo wir gehen. Unsere Wege durch die Welt“
Insel Verlag Berlin
414 Seiten (geb.)

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25. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

»HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten«

Großmeister der Neunten Kunst

Unter Gestaltern, Zeichnern und Grafikdesignern älteren Semesters zählt der Name Hans Hillmanns schon seit den 50er Jahren zu den ganz Großen des Genres. Wie wohl kein anderer prägte der 1925 in Schlesien geborene Künstler mit seiner ureigenen Formensprache die Plakatkunst im Nachkriegsdeutschland, sorgte mit seinen zahlreichen Kinoplakat-Entwürfen für das Autorenkino (mehr als 130 in gut zwanzig Jahren) weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit und gilt heute zurecht als einer der Begründer des modernen deutschen Filmplakats. Langjährigen LeserInnen der „Süddeutschen Zeitung“, des „FAZ Magazin“ oder der Zeitschrift „Natur“ dürfte Hillmann, der seine Karriere als Werbegrafiker und Gestalter von Filmplakaten irgendwann gegen eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Kassel eintauschte, überdies durch seine zahlreichen Illustrationen von Stadtansichten oder seiner Serie berühmter Liebespaare in Erinnerung sein; Freunde wohlgestalteter Bücher schätzten zudem auch seine stets perfekt auf den zugehörigen Text abgestimmten Illustrationen.

Einen geradezu sensationellen Erfolg erzielte der Illustrator Hillmann 1982 mit der Publikation von „Fliegenpapier“. Gut sieben Jahre hatte Hillmann an seiner illustratorischen Adaption der gleichnamigen Hard-Boiled-Kurzgeschichte von Dashiell Hammett aus dem Jahre 1929 gearbeitet: Das Ergebnis – ein Film Noir in gemalten, großformatigen Schwarz-Weiß-Grau-Bildern, der in seiner wirkmächtigen Licht-Schatten-Ästhetik die gewaltvolle und dreckig-düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage perfekt einfängt – wird von vielen Comic-Historikern heute nicht nur als erste Graphic-Novel überhaupt gepriesen, sondern ebenso als ein geradezu zeitloses Meisterwerk der Comic-Kunst geadelt, welches in seiner expressionistischen Wucht noch viele nachkommende Generationen an Graphic-Novel-Fans begeistern dürfte.

Eindrucksvolle Werkschau eines begnadeten Illustrators

Mit der Wiederveröffentlichung dieses Klassikers der Bilderzählung ein Jahr nach dem Tod des Illustrators im Jahr 2014 sorgte der avant-verlag dafür, dass das stets schnell vergriffene Buch weiterhin zugänglich bzw. erhältlich bleibt. Um darüber hinaus auch Hans Hillmanns sonstiges illustratorisches Vermächtnis vor dem Vergessen bewahrt zu wissen, hat der Berliner Comickunst-Verlag nun einen Kunst-Prachtband zusammengestellt, der unter dem schlichten Titel „Hillmann“ auf mehr als 250 Seiten eine eindrucksvolle Werkschau sämtlicher Illustrationsarbeiten bereithält. Vieles darin stammt aus dem Nachlass des Künstlers, so manches wird erstmals seit Jahrzehnten wieder einem Publikum, manch anderes sogar erstmalig zugänglich gemacht; alles darin wartet darauf, neu- oder wiederentdeckt zu werden, unverhohlene Begeisterung auszulösen und herauszustellen, welches Ausnahmetalent der Illustrator Hans Hillmann war. Das gelingt ziemlich überzeugend und lohnt sich unbedingt: Wer das Buch einmal aufschlägt, wird sich darin im Nu festblättern. In fünf Kapiteln wird darin ein umfassendes Bild von Hillmanns langjährigem Schaffen als Illustrator geschaffen, wobei dies weniger einer Chronologie folgend als vielmehr auf Grundlage thematischer Schwerpunkte geschieht. So lässt das Kapitel „Städte und weitere Landschaften“ etwa Hillmann als zeichnenden Reporter erfahrbar werden, der wiederholt Italien und Frankreich bereiste und Land und Leute zumeist aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive eindrucksvoll porträtierte bzw. stimmungsvoll dokumentierte.

„Berühmte Liebespaare“ wiederum eröffnet einen umfassenden Einblick in die in den Jahren 1990-95 in Auftrag des FAZ Magazins entstandene Artikelserie, die jeweils aus einem Text und einem zugehörigen, von Hillmann geschaffenen untereinander korrespondierenden Bildpaar bestand und unter anderem bekannte Liebespaare der Liebespaare wie Ingrid Bergman und Roberto Rosselini, Henriette und Casanova oder Claretta Petacci und Benito Mussolini eine besondere Bühne bereitete. Und das Kapitel „Sequenzen“ lässt deutlich zutage treten, dass Hillmann trotz aller Reserviertheit, die er grundsätzlich gegenüber comicstripartigem Erzählen hatte, sich auch über sein 250 Illustrationen umfassendes „Fliegenpapier“-Meisterwerk hinaus bestens auf das sequentielle Erzählen verstand und immer wieder Illustrationen für Bücher erschuf, die als komponierte Bildfolgen auch ganz eigenständig und ohne Begleittexte behände ‘zu erzählen‘ wissen.

Einziger Wehmutstropfen: Da sich das Buch ausschließlich auf Hillmanns Schaffen als Illustrator konzentriert, bleiben seine genialen Plakatentwürfe außen vor – hätten in ihrer schieren Vielzahl allerdings wohl auch den Rahmen dieser Werkschau gesprengt. Aber vielleicht hält die Zukunft ja noch ein weiteres, den Plakat-Schöpfungen des Künstlers gewidmetes „Hillmann“-Buch bereit. Lohnenswert und eine perfekte Ergänzung zu dem vorliegenden Bildband wäre es allemal.

„HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten“
avant-verlag
264 Seiten (geb.)

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18. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Pieter Waterdrinker: »Tschaikowskistraße 40«

Grandioser Rundumblick ins Russland von Gestern und Heute

Pieter Waterdrinkers „Tschaikowskistraße 40“ darf sich ohne Zweifel zu jener Sorte Roman zählen lassen, die ihre Leserschaft ziemlich unmittelbar gleich auf der ersten Seite abholen, ja erzählerisch geradezu überschwänglich bei der Hand nehmen und in die nachfolgende Handlung einführen: Eines Tages im Jahre 1988 klingelt ein ihm unbekannter Mann im braunen Regenmantel an der Tür von Pieter Waterdrinker – wohnhaft in einem kleinen niederländischen Ferienort und mit seinen 26 Jahren gerade in einem postadoleszenten ‚Karriereloch‘ festhängend – nicht etwa, um ihm das neueste Staubsaugermodell oder die jüngste holländische Käsekreation schmackhaft zu machen, sondern um ihn davon zu überzeugen, mal eben 7.000 russische Bibeln für ihn nach Leningrad zu schmuggeln. Dem Ich-Erzähler erscheinen Mann und Auftrag so dubios, dass er sich kurioserweise tatsächlich auf dieses wahrhaftig nicht alltägliche Unterfangen spontan einlässt und wenig später als Schmuggler in die Sowjetunion begibt. Natürlich läuft nichts so wie geplant, dafür so abenteuerlich und skurril, dass der bibelschmuggelnde Holländer am Ende seiner schließlich irgendwie doch noch irgendwie glückenden ‘Mission‘ der alsbald neuerlich vom Regenmantel tragenden Missionar an ihn herangetragenen Bitte, weitere 80.000 russische Bibeln in die UdSSR zu schmuggeln, nur kurzzeitig ablehnend gegenübersteht – nicht ahnend, dass er mit dieser Zusage mehr oder weniger konkret den Bodensatz seines weiteren Lebenskurses festgelegt hat.

Mehrgleisige Erzählebenen

Indes offenbart das nachfolgende Kapitel nicht etwa die erwartete Fortsetzung der abenteuerlichen Schmuggelgeschichte, sondern einen abrupten Sprung in die Zukunft: Es ist das Jahr 2016, Pieter Waterdrinker lebt seit bald 30 Jahren in St. Petersburg. Mit Frau, ohne Kinder, dafür mit drei Katzen, in einer geräumigen Altbauwohnung im Herzen der Stadt – genau genommen in besagter, titelgebender Tschaikowskistraße 40. Die interessanterweise nicht etwa nach dem berühmten Komponisten, sondern nach einem zumindest jenseits der russischen Grenze völlig unbekannten Revolutionär benannt ist. Ja, Pieter oder nunmehr Pjotr Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, ist nach St. Petersburg zurückgekehrt und geblieben. Über den einen oder anderen Umweg hat er die Laufbahn eines holländischen Schriftstellers mit Wohnsitz in Russland eingeschlagen, wobei es um deren Glanz gut 16 Jahre nach der Jahrtausendwende nicht allzu gut bestellt ist – mehr noch, Waterdrinker sich angesichts der Leere auf seinem Konto gezwungen sieht, den ihm von heimischen holländischen Verlag angebotenen Auftrag anzunehmen, anlässlich des bevorstehenden 100. Jahrestages der Russischen Revolution von 1918 eine kleine Aufarbeitung der Ereignisse von damals zu verfassen – die, so der Wunsch seiner Verlegerin, möglichst persönlich gehalten sein soll. Als 1961 geborener Mensch kann zwar weder Waterdrinker, der Autor, noch Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, eine ureigenen Erinnerungen an jene Revolution vorweisen; als Bewohner eines Hauses, das zumindest geografisch im Zentrum der damaligen Umsturzbewegungen gelegen hat, fühlt er sich dennoch ohne Weiteres imstande, das gewünschte ‘persönliche‘ Buch vorzulegen. Sein Rezept hierfür gibt er großzügig kund: „Man musste lediglich das eigene Leben mit etwas Patina aufhübschen, sich mit großzügigen Quellenangaben an der Fülle dessen, was andere bereits aufgeschrieben hatten, bedienen und, wenn nötig, noch was hinzuerfinden, alles einmal durchquirlen, bis die Zutaten eine kräftig gebundene Suppe ergaben, und voilá: das Buch hatte sich sozusagen von ganz alleine geschrieben.“

Gut gewürzt, perfekt abgestimmt

Also beginnt Waterdrinker aus seinem eigenen Leben zu erzählen, fügt der vorangestellten Bibelschmuggel-Geschichte eine zweite hinzu, aus der er als Touristenführer für holländische Sowjetuniongäste geradewegs in jene Zeit des Umbruchs hineinstolpert, in der die altersschwächelnde UdSSR bereits recht offenkundig ihrem nahenden Ende entgegen strebte. Behände verknüpft er die abenteuerlichen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse jener Untergangsjahre mit jenen geschichtsträchtigen Ereignissen der Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts, die 1918 die große Russische Revolution und in der Folge eben auch jene Sowjetunion hervorbrachte, deren Ende er gut 70 Jahre später selbst miterleben ‘durfte‘, springt zwischendurch zurück in seine 2016er Gegenwart und das damit verbundene Gesellschaftsbild und vermischt-verquirt all diese Zutaten – ganz wie in seiner Rezeptur vorgegeben – zu einer höchst persönlichen, überaus ausgelassenen, enorm inhaltsprallen, durchweg mitreißenden gedanklichen Reise durch die Gegenwart und Vergangenheit seiner Wahlheimat, an der teilzuhaben eine wahre Lesefreude ist. Zu lernen gibt es obendrein natürlich auch einiges – und wenn es nur die ‘Tatsache‘ ist, dass Geschichte sich nie wiederholt, wohl aber zu reimen weiß …

Pieter Waterdrinker
“Tschaikowskistraße 40”
Matthes & Seitz Berlin, 392 Seiten (geb.)

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4. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.): »Der letzte Satz«

Ein Buch voller Melancholie und Schönheit

Frühjahr 1911: Ein Mann, gerade einmal 50 Jahre alt, aber älter, irgendwie zerbrechlich, vielleicht auch schon etwas zerbrochen wirkend, sitzt an Bord eines Ozeandampfers, der ihn von New York nach Bremen bringt, gut eingehüllt in ihn wärmende Decken auf einer eisernen Kiste und blickt auf das Meer hinaus, das ihm sein mal ewig gleiches, mal unglaublich facettenreiches Antlitz zeigt. Er sitzt schon lange hier, seit Stunden, fühlt sich nicht hungrig, aber schwach, fiebrig, aber doch klaren Kopfes, will einfach nur sitzen und beschauen, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang. Gern auch die Fliegenden Fische, von denen er gehört hat. Vor allem aber will er seinen Gedanken und Assoziationen nachhängen, Erinnerungen aufleben lassen – an die vielen großen sowohl strahlend hellen als auch abgründig dunklen Momente in seinem Leben, denen er besondere Bedeutung beimisst: an die Musik, die ihm seit Kindheitstagen alles ist, alles bedeutet. An seine Rolle als weltweit gefeierter Dirigent, Operndirektor und Komponist mit eigenem Komponierhäuschen. Natürlich auch an sein Dasein als Ehemann und Vater zweier Töchter, der seine Familie zwar liebt, aber doch bedingungslos seiner Musik unterordnet und dafür von seiner fast 20 Jahre jüngeren Frau, des ewigen Wartens auf ihn überdrüssig geworden, irgendwann die Quittung kriegt. Und unvermeidlich auch an Begegnungen mit dem Tod, der ihm, quasi in Ankündigung eines frühen Ablebens, nicht nur schon sein halbes Leben lang fortwährend und wiederkehrend mit Krankheiten, Übel und Gebrechen plagt, sondern auch schockierend brutal eines seiner Mädchen entreißt – und ihm nun auf dieser Schiffreise nach Europa so nahe gerückt ist, dass er ahnt, dies könne seine letzte Reise überhaupt werden…

Es ist niemand anderes als Gustav Mahler, bedeutender Komponist der Spätromantik, den der österreichische Erfolgsautor Robert Seethaler („Der Trafikant“) hier in seinem jüngsten Roman „Der letzte Satz“ fiebrig frösteln und herzkrank auf dem Sonnendeck der „SS Amerika“ auferstehen lässt, um uns an der großen Gedankenumschau und Erinnerungsrevue des berühmten Komponisten teilhaben zu lassen. Wie Seethaler das macht, steht in Sachen erzählerischer Genialität wohl nur unwesentlich den großen Sinfonien Mahlers nach: mit einer leise-poetisch und sehr präzisen Sprache, die so schön wie schlicht und so elegant wie leichtfüßig ist, dass man – selbst wenn man sich noch nie mit Mahler, seiner Musik oder Leben befasst hat – kaum anders kann als sich der grandios ausbalancierten Melancholie dieses Erinnerungsreigen genussvoll hinzugeben, der einen in einem Guss bis zur letzten Seite, bis zum letzten wohlplatzierten Satz führt. Wer den Lesegenuss dieses perfekt komponierten, feinen kleinen Romans noch erhöhen will, sollte unbedingt zur unlängst in der Büchergilde erschienenen Lizenzausgabe des Werks greifen. Zurückhaltend, aber höchst eindrücklich ergänzt hierin der Illustrator Sebastian Rether die Erzählung um 16 Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die als grafisches Pendant zu Seethalers Erzählweise das abrundende und höchst willkommene gestalterische Tüpfelchen auf dem „i“ in diesem unbedingt lesenswerten Buch bilden.

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.):
“Der letzte Satz”, Büchergilde Gutenberg
128 Seiten (geb.)

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29. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Maggie O’Farrell: »Judith und Hamnet«

Sinnliche Reise ins Elisabethanische Zeitalter

Die nordirische Schriftstellerin Maggie O’Farrell widmet sich in ihrem historischen Roman Judith und Hamnet“ auf ergreifend gefühlvolle Weise dem Verlust eines Kindes in einer ganz besonderen englischen Familie.

In einem Vater-Mutter-Kind-Familiengefüge gibt es eigentlich kaum eine denkbar tragischere Situation als wenn ein oder mehrere Familienmitglieder ‘vor der Zeit’ aus dem vertrauten, kompletten Gefüge gerissen werden und in der Folge Witwen, Witwer, Waisen und – wie nennt man jemanden, der einen Bruder, eine Schwester oder gar seinen Zwilling verliert? – hinterlassen, die nun gezwungen sind, mit der entstandenen Leerstelle zurechtzukommen und die losen, zerrissenen Enden des Familienverbunds jeder für sich und alle gemeinsam wieder zusammenzufügen.

Die beiden titelgebenden Figuren von Maggie O’Farrells Roman sind eben solch gleichaltrigen Geschwister, überdies eineiige Zwillinge und: die historisch verbürgten Kinder William Shakespeares und seiner Frau Anne Hathaway. Bevor Sie jetzt mit dem Gedanken ‘Nicht noch eine weitere Shakespeare-Biographie!’ abwinken, lassen Sie sich versichern: In “Judith und Hamnet begleitet der vielgerühmte Dramatiker nur eine Nebenrolle; genau genommen wird sein Name im gesamten Text nicht einmal genannt. Präsent ist er natürlich dennoch – als schmächtiger Sohn eines zu Gewaltausbrüchen neigenden Handschuhmachers, als noch fast jugendlicher Lateinlehrer, als erfolgreich um Gunst und Liebe Werbender und als Familienvater von insgesamt drei Kindern, die er aufgrund seiner vielen ‘Dienstreisen’ viel zu selten sieht.

Erzählt werden diese frühen Lebensstationen des Privatmanns William Shakespeare aus der Perspektive seiner Kinder und insbesondere aus dem Blickwinkel seiner Frau Anne Hathaway, die hier im Buch unter dem Namen Agnes (also jenem Namen, der auch im Testament ihres Vaters steht) auftritt und von O’Farrell zu der zentralen, überaus faszinierenden Figur des Romans herausgeformt wird. Agnes, Tochter eines Schäfers, die einen gezähmten Falken zum Begleiter hat, Heilerin ist, Kräuterfrau und Seherin und überhaupt ein ziemlicher eigensinniger Freigeist, die in ihrer kleinstädtischen Umgebung als Außenseiterin gilt und von ihren Mitmenschen hinter vorgehaltener Hand auch schon mal als Hexe bezeichnet wird. Womit Agnes durchaus leben kann, ebenso mit dem Umstand, dass sie acht Jahre älter ist als ihr Mann und dieser immer öfter in der Hauptstadt weilt, weil er nicht gewillt ist, das Handschuhmacher-Geschäft seines Vaters zu übernehmen, sondern sich lieber als Stückeschreiber an Londoner Bühnen versuchen möchte. Doch dann bricht das Jahr 1596 an und mit diesem der Schwarze Tod über England herein, der großen Schmerz für die noch junge Familie mit sich bringt: Judith, die Zwillingsschwester, von der Pest befallen, aber zum Weiterleben bestimmt, seine Mutter, die ältere Schwester, sogar die Großmutter sind daheim, als der Schwarze Tod sich Shakespeares Sohn Hamnet holt, nur jener selbst weilt wie so häufig gerade Meilen und Tage entfernt in der Hauptstadt und kommt erst heim nach Stratford-upon-Avon, als sein Sohn längst begraben ist. Um dann sogar alsbald und viel zu früh wieder abzureisen, weil seine Theatergruppe auf ihn wartet. Agnes stürzen diese Geschehnisse in eine schwere Lebens- und Ehekrise, aus der sie erst gut fünf Jahre später wieder herausfinden soll. Zunächst voller Skepsis reist sie nach London, um der Premiere eines neuen Stücks ihres Mannes beizuwohnen – und vor Ort tief berührt zu erkennen, dass der Tod ihres gemeinsamen Sohnes William Shakespeare genauso getroffen hat wie sie selbst, dieser seine Schmerz über den Verlust jedoch auf ganz andere, ureigene Weise verarbeitet hat: mit der Erschaffung von “Hamlet”.

Entlang der wenigen historisch verbürgten Fakten, die über William Shakespeares Familie und seine jungen Jahre bekannt sind, hat Maggie O’Farrell einen Roman mit einem überaus anschaulichem zeithistorischem Kolorit verfasst, der sich angesichts der eigentlich einer vermeintlich eher schweren Thematik – Schicksal, Trauer, Schmerz, Zusammenhalt – erstaunlich zugänglich und lebendig liest. Dies ist zum einen O’Farrells einnehmend gefühlvoller und mitunter in den magischen Realismus überschwappender Erzählweise, zum anderen aber auch ihrer herausragenden Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt der einzelnen Figuren hineinzuversetzen, zu verdanken. Wobei sie höchst trotz aller Sinnlichkeit, die der Roman zu offenbaren weiß, angenehmerweise sämtlichen Verlockungen der Kitschschublade zu widerstehen weiß. Dafür gab‘s den renommierten “Women’s Prize for Fiction 2020”, viel Kritikerlob und jede Menge begeisterte Leserinnen und Leser. Zu denen auch wir uns gern zählen.

Maggie O’Farrell
„Judith und Hamnet“
Piper Verlag, 416 Seiten (geb.)

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