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Stadtmagazin 07

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28. Februar 2021 | Allgemein

Neue Ausgabe: Jetzt erhältlich!

Von Stadtmagazin 07


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25. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

»HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten«

Großmeister der Neunten Kunst

Unter Gestaltern, Zeichnern und Grafikdesignern älteren Semesters zählt der Name Hans Hillmanns schon seit den 50er Jahren zu den ganz Großen des Genres. Wie wohl kein anderer prägte der 1925 in Schlesien geborene Künstler mit seiner ureigenen Formensprache die Plakatkunst im Nachkriegsdeutschland, sorgte mit seinen zahlreichen Kinoplakat-Entwürfen für das Autorenkino (mehr als 130 in gut zwanzig Jahren) weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit und gilt heute zurecht als einer der Begründer des modernen deutschen Filmplakats. Langjährigen LeserInnen der „Süddeutschen Zeitung“, des „FAZ Magazin“ oder der Zeitschrift „Natur“ dürfte Hillmann, der seine Karriere als Werbegrafiker und Gestalter von Filmplakaten irgendwann gegen eine Professur an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Kassel eintauschte, überdies durch seine zahlreichen Illustrationen von Stadtansichten oder seiner Serie berühmter Liebespaare in Erinnerung sein; Freunde wohlgestalteter Bücher schätzten zudem auch seine stets perfekt auf den zugehörigen Text abgestimmten Illustrationen.

Einen geradezu sensationellen Erfolg erzielte der Illustrator Hillmann 1982 mit der Publikation von „Fliegenpapier“. Gut sieben Jahre hatte Hillmann an seiner illustratorischen Adaption der gleichnamigen Hard-Boiled-Kurzgeschichte von Dashiell Hammett aus dem Jahre 1929 gearbeitet: Das Ergebnis – ein Film Noir in gemalten, großformatigen Schwarz-Weiß-Grau-Bildern, der in seiner wirkmächtigen Licht-Schatten-Ästhetik die gewaltvolle und dreckig-düstere Atmosphäre der literarischen Vorlage perfekt einfängt – wird von vielen Comic-Historikern heute nicht nur als erste Graphic-Novel überhaupt gepriesen, sondern ebenso als ein geradezu zeitloses Meisterwerk der Comic-Kunst geadelt, welches in seiner expressionistischen Wucht noch viele nachkommende Generationen an Graphic-Novel-Fans begeistern dürfte.

Eindrucksvolle Werkschau eines begnadeten Illustrators

Mit der Wiederveröffentlichung dieses Klassikers der Bilderzählung ein Jahr nach dem Tod des Illustrators im Jahr 2014 sorgte der avant-verlag dafür, dass das stets schnell vergriffene Buch weiterhin zugänglich bzw. erhältlich bleibt. Um darüber hinaus auch Hans Hillmanns sonstiges illustratorisches Vermächtnis vor dem Vergessen bewahrt zu wissen, hat der Berliner Comickunst-Verlag nun einen Kunst-Prachtband zusammengestellt, der unter dem schlichten Titel „Hillmann“ auf mehr als 250 Seiten eine eindrucksvolle Werkschau sämtlicher Illustrationsarbeiten bereithält. Vieles darin stammt aus dem Nachlass des Künstlers, so manches wird erstmals seit Jahrzehnten wieder einem Publikum, manch anderes sogar erstmalig zugänglich gemacht; alles darin wartet darauf, neu- oder wiederentdeckt zu werden, unverhohlene Begeisterung auszulösen und herauszustellen, welches Ausnahmetalent der Illustrator Hans Hillmann war. Das gelingt ziemlich überzeugend und lohnt sich unbedingt: Wer das Buch einmal aufschlägt, wird sich darin im Nu festblättern. In fünf Kapiteln wird darin ein umfassendes Bild von Hillmanns langjährigem Schaffen als Illustrator geschaffen, wobei dies weniger einer Chronologie folgend als vielmehr auf Grundlage thematischer Schwerpunkte geschieht. So lässt das Kapitel „Städte und weitere Landschaften“ etwa Hillmann als zeichnenden Reporter erfahrbar werden, der wiederholt Italien und Frankreich bereiste und Land und Leute zumeist aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive eindrucksvoll porträtierte bzw. stimmungsvoll dokumentierte.

„Berühmte Liebespaare“ wiederum eröffnet einen umfassenden Einblick in die in den Jahren 1990-95 in Auftrag des FAZ Magazins entstandene Artikelserie, die jeweils aus einem Text und einem zugehörigen, von Hillmann geschaffenen untereinander korrespondierenden Bildpaar bestand und unter anderem bekannte Liebespaare der Liebespaare wie Ingrid Bergman und Roberto Rosselini, Henriette und Casanova oder Claretta Petacci und Benito Mussolini eine besondere Bühne bereitete. Und das Kapitel „Sequenzen“ lässt deutlich zutage treten, dass Hillmann trotz aller Reserviertheit, die er grundsätzlich gegenüber comicstripartigem Erzählen hatte, sich auch über sein 250 Illustrationen umfassendes „Fliegenpapier“-Meisterwerk hinaus bestens auf das sequentielle Erzählen verstand und immer wieder Illustrationen für Bücher erschuf, die als komponierte Bildfolgen auch ganz eigenständig und ohne Begleittexte behände ‘zu erzählen‘ wissen.

Einziger Wehmutstropfen: Da sich das Buch ausschließlich auf Hillmanns Schaffen als Illustrator konzentriert, bleiben seine genialen Plakatentwürfe außen vor – hätten in ihrer schieren Vielzahl allerdings wohl auch den Rahmen dieser Werkschau gesprengt. Aber vielleicht hält die Zukunft ja noch ein weiteres, den Plakat-Schöpfungen des Künstlers gewidmetes „Hillmann“-Buch bereit. Lohnenswert und eine perfekte Ergänzung zu dem vorliegenden Bildband wäre es allemal.

„HILLMANN – Ein Zeichner und seine Welten“
avant-verlag
264 Seiten (geb.)

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18. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Pieter Waterdrinker: »Tschaikowskistraße 40«

Grandioser Rundumblick ins Russland von Gestern und Heute

Pieter Waterdrinkers „Tschaikowskistraße 40“ darf sich ohne Zweifel zu jener Sorte Roman zählen lassen, die ihre Leserschaft ziemlich unmittelbar gleich auf der ersten Seite abholen, ja erzählerisch geradezu überschwänglich bei der Hand nehmen und in die nachfolgende Handlung einführen: Eines Tages im Jahre 1988 klingelt ein ihm unbekannter Mann im braunen Regenmantel an der Tür von Pieter Waterdrinker – wohnhaft in einem kleinen niederländischen Ferienort und mit seinen 26 Jahren gerade in einem postadoleszenten ‚Karriereloch‘ festhängend – nicht etwa, um ihm das neueste Staubsaugermodell oder die jüngste holländische Käsekreation schmackhaft zu machen, sondern um ihn davon zu überzeugen, mal eben 7.000 russische Bibeln für ihn nach Leningrad zu schmuggeln. Dem Ich-Erzähler erscheinen Mann und Auftrag so dubios, dass er sich kurioserweise tatsächlich auf dieses wahrhaftig nicht alltägliche Unterfangen spontan einlässt und wenig später als Schmuggler in die Sowjetunion begibt. Natürlich läuft nichts so wie geplant, dafür so abenteuerlich und skurril, dass der bibelschmuggelnde Holländer am Ende seiner schließlich irgendwie doch noch irgendwie glückenden ‘Mission‘ der alsbald neuerlich vom Regenmantel tragenden Missionar an ihn herangetragenen Bitte, weitere 80.000 russische Bibeln in die UdSSR zu schmuggeln, nur kurzzeitig ablehnend gegenübersteht – nicht ahnend, dass er mit dieser Zusage mehr oder weniger konkret den Bodensatz seines weiteren Lebenskurses festgelegt hat.

Mehrgleisige Erzählebenen

Indes offenbart das nachfolgende Kapitel nicht etwa die erwartete Fortsetzung der abenteuerlichen Schmuggelgeschichte, sondern einen abrupten Sprung in die Zukunft: Es ist das Jahr 2016, Pieter Waterdrinker lebt seit bald 30 Jahren in St. Petersburg. Mit Frau, ohne Kinder, dafür mit drei Katzen, in einer geräumigen Altbauwohnung im Herzen der Stadt – genau genommen in besagter, titelgebender Tschaikowskistraße 40. Die interessanterweise nicht etwa nach dem berühmten Komponisten, sondern nach einem zumindest jenseits der russischen Grenze völlig unbekannten Revolutionär benannt ist. Ja, Pieter oder nunmehr Pjotr Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, ist nach St. Petersburg zurückgekehrt und geblieben. Über den einen oder anderen Umweg hat er die Laufbahn eines holländischen Schriftstellers mit Wohnsitz in Russland eingeschlagen, wobei es um deren Glanz gut 16 Jahre nach der Jahrtausendwende nicht allzu gut bestellt ist – mehr noch, Waterdrinker sich angesichts der Leere auf seinem Konto gezwungen sieht, den ihm von heimischen holländischen Verlag angebotenen Auftrag anzunehmen, anlässlich des bevorstehenden 100. Jahrestages der Russischen Revolution von 1918 eine kleine Aufarbeitung der Ereignisse von damals zu verfassen – die, so der Wunsch seiner Verlegerin, möglichst persönlich gehalten sein soll. Als 1961 geborener Mensch kann zwar weder Waterdrinker, der Autor, noch Waterdrinker, die Ich-Erzählerfigur, eine ureigenen Erinnerungen an jene Revolution vorweisen; als Bewohner eines Hauses, das zumindest geografisch im Zentrum der damaligen Umsturzbewegungen gelegen hat, fühlt er sich dennoch ohne Weiteres imstande, das gewünschte ‘persönliche‘ Buch vorzulegen. Sein Rezept hierfür gibt er großzügig kund: „Man musste lediglich das eigene Leben mit etwas Patina aufhübschen, sich mit großzügigen Quellenangaben an der Fülle dessen, was andere bereits aufgeschrieben hatten, bedienen und, wenn nötig, noch was hinzuerfinden, alles einmal durchquirlen, bis die Zutaten eine kräftig gebundene Suppe ergaben, und voilá: das Buch hatte sich sozusagen von ganz alleine geschrieben.“

Gut gewürzt, perfekt abgestimmt

Also beginnt Waterdrinker aus seinem eigenen Leben zu erzählen, fügt der vorangestellten Bibelschmuggel-Geschichte eine zweite hinzu, aus der er als Touristenführer für holländische Sowjetuniongäste geradewegs in jene Zeit des Umbruchs hineinstolpert, in der die altersschwächelnde UdSSR bereits recht offenkundig ihrem nahenden Ende entgegen strebte. Behände verknüpft er die abenteuerlichen Ereignisse und persönlichen Erlebnisse jener Untergangsjahre mit jenen geschichtsträchtigen Ereignissen der Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts, die 1918 die große Russische Revolution und in der Folge eben auch jene Sowjetunion hervorbrachte, deren Ende er gut 70 Jahre später selbst miterleben ‘durfte‘, springt zwischendurch zurück in seine 2016er Gegenwart und das damit verbundene Gesellschaftsbild und vermischt-verquirt all diese Zutaten – ganz wie in seiner Rezeptur vorgegeben – zu einer höchst persönlichen, überaus ausgelassenen, enorm inhaltsprallen, durchweg mitreißenden gedanklichen Reise durch die Gegenwart und Vergangenheit seiner Wahlheimat, an der teilzuhaben eine wahre Lesefreude ist. Zu lernen gibt es obendrein natürlich auch einiges – und wenn es nur die ‘Tatsache‘ ist, dass Geschichte sich nie wiederholt, wohl aber zu reimen weiß …

Pieter Waterdrinker
“Tschaikowskistraße 40”
Matthes & Seitz Berlin, 392 Seiten (geb.)

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4. Februar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.): »Der letzte Satz«

Ein Buch voller Melancholie und Schönheit

Frühjahr 1911: Ein Mann, gerade einmal 50 Jahre alt, aber älter, irgendwie zerbrechlich, vielleicht auch schon etwas zerbrochen wirkend, sitzt an Bord eines Ozeandampfers, der ihn von New York nach Bremen bringt, gut eingehüllt in ihn wärmende Decken auf einer eisernen Kiste und blickt auf das Meer hinaus, das ihm sein mal ewig gleiches, mal unglaublich facettenreiches Antlitz zeigt. Er sitzt schon lange hier, seit Stunden, fühlt sich nicht hungrig, aber schwach, fiebrig, aber doch klaren Kopfes, will einfach nur sitzen und beschauen, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang. Gern auch die Fliegenden Fische, von denen er gehört hat. Vor allem aber will er seinen Gedanken und Assoziationen nachhängen, Erinnerungen aufleben lassen – an die vielen großen sowohl strahlend hellen als auch abgründig dunklen Momente in seinem Leben, denen er besondere Bedeutung beimisst: an die Musik, die ihm seit Kindheitstagen alles ist, alles bedeutet. An seine Rolle als weltweit gefeierter Dirigent, Operndirektor und Komponist mit eigenem Komponierhäuschen. Natürlich auch an sein Dasein als Ehemann und Vater zweier Töchter, der seine Familie zwar liebt, aber doch bedingungslos seiner Musik unterordnet und dafür von seiner fast 20 Jahre jüngeren Frau, des ewigen Wartens auf ihn überdrüssig geworden, irgendwann die Quittung kriegt. Und unvermeidlich auch an Begegnungen mit dem Tod, der ihm, quasi in Ankündigung eines frühen Ablebens, nicht nur schon sein halbes Leben lang fortwährend und wiederkehrend mit Krankheiten, Übel und Gebrechen plagt, sondern auch schockierend brutal eines seiner Mädchen entreißt – und ihm nun auf dieser Schiffreise nach Europa so nahe gerückt ist, dass er ahnt, dies könne seine letzte Reise überhaupt werden…

Es ist niemand anderes als Gustav Mahler, bedeutender Komponist der Spätromantik, den der österreichische Erfolgsautor Robert Seethaler („Der Trafikant“) hier in seinem jüngsten Roman „Der letzte Satz“ fiebrig frösteln und herzkrank auf dem Sonnendeck der „SS Amerika“ auferstehen lässt, um uns an der großen Gedankenumschau und Erinnerungsrevue des berühmten Komponisten teilhaben zu lassen. Wie Seethaler das macht, steht in Sachen erzählerischer Genialität wohl nur unwesentlich den großen Sinfonien Mahlers nach: mit einer leise-poetisch und sehr präzisen Sprache, die so schön wie schlicht und so elegant wie leichtfüßig ist, dass man – selbst wenn man sich noch nie mit Mahler, seiner Musik oder Leben befasst hat – kaum anders kann als sich der grandios ausbalancierten Melancholie dieses Erinnerungsreigen genussvoll hinzugeben, der einen in einem Guss bis zur letzten Seite, bis zum letzten wohlplatzierten Satz führt. Wer den Lesegenuss dieses perfekt komponierten, feinen kleinen Romans noch erhöhen will, sollte unbedingt zur unlängst in der Büchergilde erschienenen Lizenzausgabe des Werks greifen. Zurückhaltend, aber höchst eindrücklich ergänzt hierin der Illustrator Sebastian Rether die Erzählung um 16 Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die als grafisches Pendant zu Seethalers Erzählweise das abrundende und höchst willkommene gestalterische Tüpfelchen auf dem „i“ in diesem unbedingt lesenswerten Buch bilden.

Robert Seethaler/Sebastian Rether (Ill.):
“Der letzte Satz”, Büchergilde Gutenberg
128 Seiten (geb.)

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29. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Maggie O’Farrell: »Judith und Hamnet«

Sinnliche Reise ins Elisabethanische Zeitalter

Die nordirische Schriftstellerin Maggie O’Farrell widmet sich in ihrem historischen Roman Judith und Hamnet“ auf ergreifend gefühlvolle Weise dem Verlust eines Kindes in einer ganz besonderen englischen Familie.

In einem Vater-Mutter-Kind-Familiengefüge gibt es eigentlich kaum eine denkbar tragischere Situation als wenn ein oder mehrere Familienmitglieder ‘vor der Zeit’ aus dem vertrauten, kompletten Gefüge gerissen werden und in der Folge Witwen, Witwer, Waisen und – wie nennt man jemanden, der einen Bruder, eine Schwester oder gar seinen Zwilling verliert? – hinterlassen, die nun gezwungen sind, mit der entstandenen Leerstelle zurechtzukommen und die losen, zerrissenen Enden des Familienverbunds jeder für sich und alle gemeinsam wieder zusammenzufügen.

Die beiden titelgebenden Figuren von Maggie O’Farrells Roman sind eben solch gleichaltrigen Geschwister, überdies eineiige Zwillinge und: die historisch verbürgten Kinder William Shakespeares und seiner Frau Anne Hathaway. Bevor Sie jetzt mit dem Gedanken ‘Nicht noch eine weitere Shakespeare-Biographie!’ abwinken, lassen Sie sich versichern: In “Judith und Hamnet begleitet der vielgerühmte Dramatiker nur eine Nebenrolle; genau genommen wird sein Name im gesamten Text nicht einmal genannt. Präsent ist er natürlich dennoch – als schmächtiger Sohn eines zu Gewaltausbrüchen neigenden Handschuhmachers, als noch fast jugendlicher Lateinlehrer, als erfolgreich um Gunst und Liebe Werbender und als Familienvater von insgesamt drei Kindern, die er aufgrund seiner vielen ‘Dienstreisen’ viel zu selten sieht.

Erzählt werden diese frühen Lebensstationen des Privatmanns William Shakespeare aus der Perspektive seiner Kinder und insbesondere aus dem Blickwinkel seiner Frau Anne Hathaway, die hier im Buch unter dem Namen Agnes (also jenem Namen, der auch im Testament ihres Vaters steht) auftritt und von O’Farrell zu der zentralen, überaus faszinierenden Figur des Romans herausgeformt wird. Agnes, Tochter eines Schäfers, die einen gezähmten Falken zum Begleiter hat, Heilerin ist, Kräuterfrau und Seherin und überhaupt ein ziemlicher eigensinniger Freigeist, die in ihrer kleinstädtischen Umgebung als Außenseiterin gilt und von ihren Mitmenschen hinter vorgehaltener Hand auch schon mal als Hexe bezeichnet wird. Womit Agnes durchaus leben kann, ebenso mit dem Umstand, dass sie acht Jahre älter ist als ihr Mann und dieser immer öfter in der Hauptstadt weilt, weil er nicht gewillt ist, das Handschuhmacher-Geschäft seines Vaters zu übernehmen, sondern sich lieber als Stückeschreiber an Londoner Bühnen versuchen möchte. Doch dann bricht das Jahr 1596 an und mit diesem der Schwarze Tod über England herein, der großen Schmerz für die noch junge Familie mit sich bringt: Judith, die Zwillingsschwester, von der Pest befallen, aber zum Weiterleben bestimmt, seine Mutter, die ältere Schwester, sogar die Großmutter sind daheim, als der Schwarze Tod sich Shakespeares Sohn Hamnet holt, nur jener selbst weilt wie so häufig gerade Meilen und Tage entfernt in der Hauptstadt und kommt erst heim nach Stratford-upon-Avon, als sein Sohn längst begraben ist. Um dann sogar alsbald und viel zu früh wieder abzureisen, weil seine Theatergruppe auf ihn wartet. Agnes stürzen diese Geschehnisse in eine schwere Lebens- und Ehekrise, aus der sie erst gut fünf Jahre später wieder herausfinden soll. Zunächst voller Skepsis reist sie nach London, um der Premiere eines neuen Stücks ihres Mannes beizuwohnen – und vor Ort tief berührt zu erkennen, dass der Tod ihres gemeinsamen Sohnes William Shakespeare genauso getroffen hat wie sie selbst, dieser seine Schmerz über den Verlust jedoch auf ganz andere, ureigene Weise verarbeitet hat: mit der Erschaffung von “Hamlet”.

Entlang der wenigen historisch verbürgten Fakten, die über William Shakespeares Familie und seine jungen Jahre bekannt sind, hat Maggie O’Farrell einen Roman mit einem überaus anschaulichem zeithistorischem Kolorit verfasst, der sich angesichts der eigentlich einer vermeintlich eher schweren Thematik – Schicksal, Trauer, Schmerz, Zusammenhalt – erstaunlich zugänglich und lebendig liest. Dies ist zum einen O’Farrells einnehmend gefühlvoller und mitunter in den magischen Realismus überschwappender Erzählweise, zum anderen aber auch ihrer herausragenden Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt der einzelnen Figuren hineinzuversetzen, zu verdanken. Wobei sie höchst trotz aller Sinnlichkeit, die der Roman zu offenbaren weiß, angenehmerweise sämtlichen Verlockungen der Kitschschublade zu widerstehen weiß. Dafür gab‘s den renommierten “Women’s Prize for Fiction 2020”, viel Kritikerlob und jede Menge begeisterte Leserinnen und Leser. Zu denen auch wir uns gern zählen.

Maggie O’Farrell
„Judith und Hamnet“
Piper Verlag, 416 Seiten (geb.)

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21. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mark Benecke/Kat Menschik: »Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben«

Ein Tierbuch wie kein anderes

Kat Menschik ist seit bereits 20 Jahren als Illustratorin tätig – häufig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bzw. deren Sonntagsausgabe, daneben aber auch für andere Zeitschriften und Zeitungen sowie in Büchern verschiedenster Natur, zu denen sie die bildhaften Elemente beisteuerte. Und: Kat Menschik ist gut in dem, was sie tut. So gut, dass immer wieder von ihr illustrierte Bücher als „Schönstes Buch des Jahres“ gekürt werden; so gut, dass der Verlag Galiani Berlin ihr seit 2016 eine eigene Buchreihe zur Verfügung stellt, in der sie ihre persönlichen Lieblingsbücher der Weltliteratur illustrativ vorstellen darf. Erschienen sind in dieser Reihe „Illustrierter Lieblingsbücher“ bislang unter anderem Shakespeares „Romeo & Julia“, Kafkas „Landarzt“, E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“, „Unheimliche Geschichten“ von E.A. Poe oder auch Puschkins „Pique Dame“. Fast aus ausnahmslos Weltliteratur bereits verstorbener Autoren zieren diese Reihe grandios bebilderter bzw. gestalteter bibliophiler Kleinode – jetzt gesellt sich ein Lebender hinzu, der sich ausgerechnet viel mit dem Tod und seinen Begleiterscheinungen beschäftigt: Mark Benecke.

Dr. Mark Benecke kennt man. Als international renommierter Kriminalbiologe ist er seit Jahren auf nahezu allen Bühnen der Medienlandschaft präsent wie selten ein Berufswissenschaftler, vermittelt uns wissenshungrigen Laien seine schier überbordenden Fachkenntnisse über Zoologie, Kriminalbiologie und dergleichen unterhaltsam und allgemeinverständlich per Funk, Film oder Fernsehen, natürlich auch in Schriftform (bislang etwa zwei Dutzend Veröffentlichungen), sowohl analog als auch digital. Ist ja schließlich das 21. Jahrhundert. Da Kat Menschik gern vor dem Radio sitzt und sich regelmäßig und mit nie nachlassender Begeisterung die neuesten Benecke’schen Tierbetrachtungen anhört, war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis die Idee in ihr zündete, Mark Benecke mitsamt seinen grandiosen Tiergeschichten in ihre „Lieblingsbücher“-Serie aufzunehmen. Jener sagte natürlich zu und stellte in freier Anlehnung an, beziehungsweise Huldigung von Alfred Brehms legendärem „Thierleben“ nun sein eigenes „Thierleben“ zusammen – und Kat Menschik sich zur begleitenden Illustration zur Verfügung.

Kurios-unterhaltsame Wundertüte

„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“ ist selbstverständlich weitaus zugänglicher geraten als der vermeintlich sperrige, anheimelnd ‘altertümliche‘ Buchtitel suggerieren mag. Genau genommen ist das Buch, was das vermittelte Wissen angeht, erwartungsgemäß eine wahre Fundgrube: von „feenhaften Glühwürmchen“ über hinterhältige Oktopusse und „beschämten Hunde“ bis hin zu Vampirfledermäuse reicht die Bandbreite der 17 Tiere bzw. Arten, die Benecke und Menschik hierin versammelt haben. Wobei Beneckes Faible für kurios anmutende Tiere und deren mitunter noch absonderlicher erscheinendes Verhalten die inhaltliche Gewichtung bei der Auswahl gelegt haben dürfte. So bekommen wir unter anderem auch erhellende – mitunter durchaus skurril-morbide – Einsichten zu Tieren mit nekrophilen Verhaltensweisen vermittelt, zu Haustieren, die von ihren BesitzerInnen ‘kosten‘, zu Elchen, die betrunken durch die Gegend stolpern und natürlich auch allerlei Erquickliches über Maden, eines von Mark Beneckes unbestrittenen Lieblingsforschungsgebieten.

Was die Gestaltung anbelangt, steht das Buch erwartungsgemäß seinen Vorgängern der „Lieblingsbücher“-Serie in nichts nach: Kat Menschik fängt Beneckes Tier- und Themenwahl mit ihren zahlreichen ganzseitigen Illustrationen jederzeit liebenswert, durchweg hoch-ästhetisch und in jedem Fall als perfektes Gegenstück zu Beneckes ‘kurios-erschröcklichen‘ Ausführungen ein. Ein Buch wird uns damit an die Hand gegeben, das zugleich höchst informativ und unterhaltsam und überdies auch noch schön zu beschauen ist – was will man mehr? „Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben“ – um den Titel noch einmal in voller Länge zum Besten zu geben, hat auf jeden Fall das Zeug, nicht nur bei Kat Menschik zum Lieblingsbuch zu werden.

Kat Menschik und Dr. Mark Benecke
„Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben“
Galiani-Berlin, 160 Seiten (geb.)

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16. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Mikaël Ross: »Goldjunge – Beethovens Jugendjahre«

Bildgewaltig: Freud und Leid eines heranwachsenden Wunderkinds

Seine Graphic Novel “Der Umfall” hat Mikaël Ross viel Lob und Aufmerksamkeit eingebracht – unter anderem wurde das Comic über ein besonderes Dorf in Niedersachsen zum deutschsprachigen Comic des Jahres 2020 gewählt. Zum aktuellen Beethoven-Jahr hält der in Berlin lebende Comiczeichner eine neue ‘Bildergeschichte‘ parat, die gleichermaßen das Zeug hat, Begeisterung auszulösen: „Goldjunge“. Besagter Goldjunge ist natürlich niemand anderes als Ludwig van Beethoven – der junge, kindlich-pubertierende Ludwig van, der Probleme und Hürden zu überwinden hat, wie sie zweifellos den Weg vieler Heranwachsender queren, der aber auch schon in jenen Jahren immer wieder deutliche Züge eines Wunderkindes und musikalischen Genies aufblitzen lässt.

Mikaël Ross lässt die Handlung 1778 einsetzen. Der kleine Ludwig, knappe sieben Jahre alt und in Gedanken bereits viel bei der Musik – seiner eigenen Musik natürlich – ist in den winterlichen Rheinauen rodeln. Die beiden jüngeren Brüder (O-Ton Beethoven: „Hirnfresser!“) nerven ihn tüchtig, noch mehr aber eine Gruppe älterer Raufbolde, die über ihn herziehen und als „Hans Arschgen von Kackhofen“ betiteln. Als er sich gegen die Verunglimpfung des väterlichen Namens wehrt, fängt Ludwig sich ein blaues Auge und eine blutige Nase. Auf Trost und Unterstützung von Seiten seines Vaters braucht er daheim nicht im Ansatz hoffen – der “Kurfürstliche Hoftenorist” Johann van Beethoven, ein Lokalmusiker mit recht versackter Karriere, verbringt seine Zeit lieber in der Schenke oder zerrt den Jungen, wenn er nächtens sturzbetrunken nach Hause kommt, mit der Aufforderung aus dem Bett, dem mitgebrachten Besuch doch bitte umgehend etwas von Mozart am Klavier vorzuspielen. Um zu zeigen, dass er einen zweiten Mozart daheim habe, einen wahren ‘Goldjungen‘ am Klavier. Wobei Vater Beethoven in Sachen ‘Gold‘ hauptsächlich an seine eigene Geldbörse denkt und gar nicht realisiert, dass sein Filius tatsächlich ein musikalisches Wunderkind ist, das weit mehr drauf hat als nur Mozart nachzuspielen. Denn Ludwig ist längst dabei, seine eigene Musik zu entdecken, die Gefühlswelt und Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend in Musik zu kleiden…

Die Lücken beleben

Die Begebenheit mit der blutigen Nase ist erfunden, vielleicht auch jene Szene, in der Ludwig zum Vorspielen nachts aus dem Bett geholt wird oder jene, in der der junge Musikus ausgerechnet beim ersten Auftritt am kurfürstlichen Hofe vom Pockenfieber befallen wird und sich vor dem versammelten höfischen Publikum erbricht – daraus will der Comicautor auch gar keinen Hehl machen, geht es ihm doch bei weitem nicht nur darum, bekannte Ereignisse und Lebensstationen aus Beethovens frühen Lebensjahren abzuklappern. Nein, Mikaël Ross geht es darum, gerade auch das Nichtüberlieferte, die Lücken in diesem schon so häufig nacherzählten Lebenslauf zu besetzen – mit erzählerischer Kreativität und enorm ausdrucksstarker Bildsprache. Die dann am stärksten zur Entfaltung kommt, wenn er das junge Wunderkind am Klavier Platz nehmen lässt. Dann fließen die Töne im schwelgerischen Spiel der Farben und Striche aus den Bildern hervor, lassen die Bilderfolge in einem einzigen musikalisch-assoziativen Farbenmeer versinken. Besser lässt sich Beethovens Musik kaum in Bildwelten übertragen. Und so folgen wir Ludwig van Beethoven in dieser mit Tusche und Feder gezeichneten Lebenserzählung durch verschiedene frühe Lebensstationen, erleben mit ihm Freud und Leid der Kindheit und Jugend – erste musikalische Entdeckungsreisen, erste Liebe, erste öffentliche Auftritte auf der hellen Seite, die Tyrannei des Vaters, den Tod der Mutter, Pocken, wiederkehrende Koliken und quälende Ohrenschmerzen auf der dunklen Seite – und entdecken in diesem so wunderbar gezeichneten, sehr nahbar erzählten Porträt des heranwachsenden musizierenden ‘Goldjungen‘ mehr glaubhaft Menschliches als es wahrscheinlich jede sonstige Beethoven-Biographie hervorzubringen vermag.

Mikaël Ross
“Goldjunge – Beethovens Jugendjahre”
Avant-Verlag, 160 Seiten (geb.)

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13. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Jan Koneffke: »Die Tsantsa-Memoiren«

Meisterstück an Fabulierkunst

Was hat es nicht schon alles für ungewöhnliche Erzählerfiguren gegeben: Tote, Tiere, Steine, Pflanzen… und jetzt: ein Schrumpfkopf. Auf solche eine Idee muss man erst einmal kommen – aber schließlich muss es ja auch seinen Grund haben, dass Koneffke längst zu den profiliertesten Fabulierern im Lande gezählt wird. Und was er uns mit „Die Tsantsa-Memoiren“ vorgelegt hat, dürfte zweifellos eine der ungewöhnlichsten Romane der letzten Jahre sein, der derart proper mit Phantasie, Sprache und Irrwitz gefüllt ist, dass die Leselust bereits aus allen Seiten des Buches hervorfunkelt, wenn man dieses nur in Hand nimmt. Nennen wir es ruhig beim Namen: Jan Koneffkes neueste literarische Schöpfung weiß zu begeistern, sehr sogar. Was irgendwie auch der eingangs erwähnten, ziemlich speziellen und durchaus auch vereinnahmenden ‘Erzählerfigur‘ dieser an magischen Momenten reichen Abenteuergeschichte der besonderen Art zu verdanken ist.

Besagter Schrumpfkopf erwacht um das Jahr 1870 zum Leben, nachdem er in den Besitz von Don Francisco, einem Beamten der spanischen Krone in Caracas gelangt ist. Von der Wand der Schreibstube herab beobachtet er passiv das Geschehen um ihn herum – bis es ihm dämmert, dass er über ein eigenes (Selbst)Bewusstsein verfügt, mehr noch, auch zu sprechen imstande ist. Don Francisco ist von dieser Erkenntnis des Tsantsas mehr als überfordert: Als dieser sich ihm das erste Mal zu erkennen gibt, wirft ihn ein Herzinfarkt umgehend aus dem Leben. Was für Don Francisco das Ende bedeutet, ist dem munter vor sich hin erzählenden Schrumpf nur das erste Kapitel einer wahrhaftig epochalen Reise, die ihn unter anderem nach Rom, Paris, Frankfurt, Bamberg, Bukarest, Wien und Berlin führt und wird zum Zeuge vieler kleiner und  auch so manch großer Ereignisse, die die (europäische) Welt in den nachfolgenden zwei Jahrhunderten bewegen würde. Mal wird er als unscheinbarer Spion eingesetzt, mal als Familienmitglied adoptiert; mal hält er revolutionäre Reden, mal soll er den Todesmut junger Nazis beflügeln; mal hängt er aber einfach nur gelangweilt in einem Museum herum. Bis der nächste Schicksalsschlag ihn der Fürsorge eines neues Besitzers zuführt – und danach dem nächsten und dem nächsten. Bei all dem bleibt dem unsterblichen, da mustergültig mumifizierten Schrumpfkopf natürlich genug Zeit, um sich ausgiebig auch seiner eigenen Werdung zu erinnern und die Geschichte seines einstmals ganzkörperlichen Vorlebens vor uns, den Lesenden feinhumorig auszubreiten, die begierig an seinen trockenen Erzählerlippen hängen.

Versuchen Sie ruhig, dieses „Memoiren“ nicht in einem Schwung zu lesen – es wird Ihnen genauso wenig gelingen wie diesen faustgroßen Ich-Erzähler nicht zu mögen…

Jan Koneffke
„Die Tsantsa-Memoiren“
Galiani Berlin, 556 Seiten (geb.)

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7. Januar 2021 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Stephan Lohse: »Johanns Bruder«

Unterwegs auf dem 52. Breitengrad

Stephan Lohse, Jahrgang 1964, kannte man bis 2017 vornehmlich als Schauspieler mit Rollen in durchaus renommierten Schauspielhäusern in Berlin, Hamburg und Wien. Dann veröffentlichte er seinen Debütroman „Ein fauler Gott“ und ist seitdem landesweit ebenso als ziemlich talentierter, eigentlich durchweg lobgepriesener Autor mit gutem Gespür für Details und echte Gefühle und bekannt. Voller Empathie, mit anrührender Komik und gänzlich ohne Kitsch erzählt Lohse darin die Geschichte des fast zwölfjährigen Benjamin, der eigentlich voll mit seinem eigenen Leben zu tun hat – die Pubertät steht an… – sich nach Leibes- und Seelenkräften gleichzeitig aber auch darum bemüht, seiner Mutter über den Tod seines kleinen Bruders hinwegzuhelfen. Auch Stephan Lohses neuer Roman ist eine Familiengeschichte, allerdings ganz anderer Art. „Johanns Bruder“ erzählt in wechselnder Erzählperspektive von Johann und Paul, zwei Brüdern, die sich seit 28 Jahren nicht gesehen haben – und eine schwierige, sehr schwierige Kindheit teilen. „Unser Vater war bis zur Aufgabe seines Geschäfts Apotheker, unsere Mutter hat uns verlassen. Als Kinder haben wir an Gott geglaubt. Ich bin vier Jahre älter als Johann. Er spricht, ich bin stumm. Er ist homosexuell, ich bin es nicht. Ich verstehe einiges von Geografie und genauso viel von Geschichte, er nicht. Er ist von unserem Vater verprügelt worden, ich nicht. Ich war Zeuge, er war Opfer.“ Paul, der Ältere von beiden, ist es, der hier eine präzise Kurzzusammenfassung ihrer Bruderverhältnisses liefert. Seit dem plötzlichen Verschwinden ihrer Mutter hat er kein Wort mehr mit seiner Umwelt gesprochen, alles, was er wahrnimmt, ihm durch den Kopf geht – und das ist viel – dafür niedergeschrieben, um es als umfangreiche Zettelsammlung seiner Gedanken- und Wahrnehmungswelt in mehreren Beuteln mit sich herumzutragen. Ihr Wiedersehen verdankt sich nicht dem Zufall – Johann, dessen bisheriges Leben auch nicht wirklich erfolgreich, vielmehr arg verstolpert verlaufen ist, erhält einen unerwarteten Anruf: Er möge Paul bitte aus einer psychiatrischen Klinik in Celle abholen. Sein Bruder wurde in einem nahe gelegenen Dorf aufgegriffen, nachdem er sämtliche Hühner jenes Dorfes, insgesamt 17, zusammengetrieben und ihnen hiernach den Kopf abgeschlagen hatte. Warum, dazu schweigt Paul. Doch er bittet Johann, ihn auf eine Reise zu begleiten. Erste Station: besagtes Dorf bei Celle – Altensalzkoth. Hier hatte sich Adolf Eichmann, der Mitorganisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung zwischen 1946 und 1950 zunächst als Waldarbeiter, danach als Hühnerzüchter versteckt gehalten. Während die beiden vom Leben angeknacksten Brüder, die einander so viele Jahre verloren hatten, ihre persönliche von Schmerz und Gewalt geprägte Vergangenheit in der Gegenwart ihres gemeinsamen Roadtrips zu kitten versuchen, erschließt sich nach und nach immer deutlicher, warum Paul zum Hühnermörder geworden ist und was genau es ist, das sie stetig weiter entlang des 52. Breitengrads in Richtung niederländischer Nordseeküste reisen lässt.. Tatsächlich fragt man sich beim Lesen von „Johanns Bruder“, ob es wirklich notwendig ist, dieser wirklich gelungene Roadnovel zweier ungleicher Brüder und ihrer tragisch-schweren Familiengeschichte, die hier in sprachlich-erzählerisch herausragender Weise vorgetragen wird, noch einen zweiten inhaltsschweren Erzählfaden zum schweren Erbe des Nationalsozialismus zur Seite zu stellen. Aber zum Glück erweist sich diese parallele Reise in das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit nicht so starr und dominant, als dass sie die besondere Magie des brüderlichen Bandes, die diesen Roman so zum Strahlen bringt, verdecken würde. So wird uns ein würdiger Debüt-Nachfolgeroman präsentiert, der einen Lesetipp allemal wert ist.

Stephan Lohse
„Johanns Bruder“
Suhrkamp Verlag, 243 Seiten (geb.)

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2. Januar 2021 | Allgemein

Neu: work-in-jena.de

Von Stadtmagazin 07

Neu: work-in-jena.de präsentiert Arbeits- und Lebensstandort

Wirtschaftsförderung startet neue Online-Plattform — Persönliche Beratung im Welcome Center möglich.

Wichtige Informationen zum Thema „Arbeiten und Leben in Jena“ bündelt seit Ende 2020 eine neue Website der Wirtschaftsförderung (JenaWirtschaft). Auf work-in-jena.de finden Interessierte aktuelle Stellenangebote von lokalen Unternehmen und Einrichtungen, einen umfassenden Überblick über die Jenaer Branchen und arbeitsbezogene Themen wie Aus- und Weiterbildung, Bewerbung und Jobsuche. Für Menschen, die Jena noch nicht kennen, stellt die Website wichtige Informationen zu den Themen „Ankommen“, Familie, Wohnen, Freizeit und Kultur sowie gesellschaftliche Teilhabe vor und hilft, vor Ort die richtigen Anlaufstellen zu finden.

Das Thema Fachkräftegewinnung wird laut JenaWirtschaft-Chef Wilfried Röpke entscheidend für die Stadt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein: „Die Firmen am Standort haben weiterhin Bedarf an qualifiziertem Personal. Die von uns in Auftrag gegebene Fachkräftestudie zeigt, dass trotz ‚Corona-Effekten‘ die Jenaer Unternehmen bis 2030 rund 20.600 neue Arbeitnehmende benötigen.“ Das Portal work-in-jena soll dabei Jenaer Jugendlichen kurz vorm Berufseinstieg genauso über den Arbeitsstandort informieren wie Menschen aus dem Ausland.

Seit Herbst 2020 stehen außerdem zwei neue Mitarbeiterinnen von JenaWirtschaft für eine persönliche Beratung und Begleitung aller an Jena interessierten Fachkräfte zur Verfügung. Im neuen ‚Welcome Center Jena‘ beantworten Joanna Pawlaczek und Cornelia Meyerrose darüber hinaus Fragen von Jenaer Unternehmen und Einrichtungen zur internationalen Personalgewinnung und kultureller Vielfalt im Team.

Mehr: www.work-in-jena.de

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23. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Anna Prizkau: »Fast ein neues Leben«

Geschichten vom beinahe Ankommen

Deutsche Gegenwartsliteratur ist längst auch Einwandererliteratur – was in jeder Hinsicht eine willkommene Bereicherung darstellt. Zu bereits etablierten Autor*innen wie Saša Stanišić, Maxim Biller, Nino Haratischwili oder Terézia Mora gesellt sich nun auch die in den neunziger Jahren mit ihren Eltern aus Russland eingewanderte, 1986 geborene Anna Prizkau hinzu, die nicht minder prosaisch behende, lebensweise und lebenssuchend wie ihre Kolleg*innen zu erzählen versteht.

Es ist die Geschichte einer jungen Einwanderin und ihrer Eltern, die Prizkau in zwölf lose miteinander verknüpften Erzählungen ausbreitet, wobei der Titel des Buchs deren zentrale Inhalt schon vorwegnimmt und auf den Punkt bringt: In „Fast ein neues Leben“ geht es ums Fortgehen aus einem alten und dem Ankommen in einem neuen Land – und die damit einhergehende Bewusstwerdung, dass beides als innerer Prozess weit über den reinen Bewegungsvorgang andauern kann. Die Mutter etwa hatte im Gegensatz zum Vater, der sich voller Optimismus und Entschlossenheit in das neue Leben in der neuen Heimat stürzt, die alte Heimat nie verlassen wollen. Ihr bleibt die neue Heimat fremd und unzugänglich, sie dieser unzugehörig. Und je erfolgreicher der Vater in der Gegenwart ihres neuen Lebens ankommt, desto mehr versinkt sie in Sehnsucht um die Vergangenheit, in Einsamkeit und Depression. Die Tochter als Erzählerin steht dazwischen, erlebt das Resignieren der Mutter und das Vorwärtsstreben des Vaters und entscheidet sich gewollt-ungewollt für dessen Kurs – will den Vater, was das Ankommen angeht, sogar noch überholen: mit perfekter Integration in die Gesellschaft des neuen Landes, also perfekter Sprache, perfekten Freunden und dem Bild perfekter Eltern. Doch der Wunsch mag sich partout nicht mit der Wirklichkeit vertragen, die ihr – mal unscheinbar, mal unverhohlen deutlich – immer wieder vor Augen führt, dass die alte Heimat noch immer an ihr klebt. Dass sie trotz aller Bemühungen, dem neuen Leben, der neuen Sprache, den neuen Menschen voller Kraft und Zuversicht entgegenzutreten, doch mit dem Status der Hinzugezogenen behaftet bleibt, der es auch Jahre später als mittlerweile erwachsener Frau nicht gelingen soll, dieses einmal adaptierte Gefühl der Fremdheit und Unzugehörigkeit jemals vollends wieder abzustreifen.

In sparsamen platzierten Sätzen und mit scheinbar schlichter Sprache hat Anna Prizkau zwölf atmosphärisch enorm aufgeladene, miniaturhaften Geschichten gewoben, die in ihrer Gesamtheit einen stark verdichteten, leise traurigen, aber nie hoffnungslosen Episodenroman vom ‘Beinahe-Ankommen‘ ergeben. Starkes Debüt – starkes Stück deutscher Gegenwartsliteratur.

Anna Prizskau
“Fast ein neues Leben”
Friedenauer Presse, 110 Seiten (geb.)

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17. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Das harmonische Sachbuch-Trio

Blätternd reisen, lesend staunen – wie behaglich ist es doch derzeit gerade wieder, sich die Welt in ihren mannigfachen Facetten vom Sofa aus zu erschließen. Etwa, um dem Phänomen tierischer Navigationsfähigkeit auf die Spur zu kommen, den verloren gegangenen Zauber der Nacht bei einem ausgiebigen literarischen Streifzug durch heimatliche Flur wiederzuentdecken, oder um einen kartografischen Rundumblick für die Geschichte der Landkarten vermittelt zu bekommen. Drei erzählende Sachbücher voller Wissen, Einsichten und Unterhaltungswert, die einen Platz auf dem Büchertisch verdient haben.

Meister der Navigation und Orientierung

Von Haus aus ist der Brite David Barrie eigentlich studierter Psychologe und Philosoph, ein Thema, dem er ‘nebenher‘ jedoch ebenfalls schon seit Jahren nachstellt, ist das große Feld tierischer Orientierung. Wie wir Menschen durch die Welt kommen beziehungsweise uns in dieser zurechtfinden, wenn sie uns nicht bekannt ist, ist nicht schwer zu erklären: Wir greifen auf Hilfsmittel wie Karten, Kompass oder GPS zurück. Das eigene Smartphone als Navigator weist und den Weg zu jedem Wunschziel, also zumindest meistens. Doch wie geht das in der seit eh und je smartphonefreien Tierwelt vor sich? Wie finden all die Fische und Vögel, Insekten und Meeressäuger zu ihren teils weltumspannenden Zielen. Wie finden Ameisen oder Bienen stets wieder in ihren Bau zurück? Wie schaffen es Wale, über tausende von Kilometern einen schnurgeraden Kurs zu halten? Wie vermögen es Tauben, die Hunderte Kilometer von ihrem Schlag freigelassen werden, ohne große Probleme den Heimweg zu meistern? Oder die sämtliche Langstrecken-Flugrekorde brechende Küstenseeschwalbe ihren zig tausende von Kilometern umfassenden alljährlichen Rundflug von einem Ende der Welt zum anderen zu bewältigen, ohne vom Kurs abzukommen? Wie gelingt es der Schweißbiene trotz kompletter Dunkelheit bei Nacht im tropischen Regenwald ihrem Sammelauftrag nachzugehen? Dem nordamerikanischen Kiefernhäher, sich bis zu 6.000 Verstecke zu merken, an denen er ähnlich einem Eichhörnchen Samen für schlechte Zeiten gebunkert hat?

Mehr als 400 Studien zu den unterschiedlichsten Tieren und Tierarten hat David Barrie für sein Buch „Unglaubliche Reisen. Vom inneren Kompass der Tiere“ ausgewertet, Dutzenden Forschern und Forscherinnen bei der Feld- oder Laborarbeit über die Schulter geschaut, zahllose Fallbeispiele gesammelt und so über die Jahre hinweg einen faszinierenden Strauß wahrhaftig erstaunlicher navigatorischer Leistungen in der Tierwelt zusammengetragen. Welchen er – willkommen und lesewertsteigernd – als unterhaltsamen, in 27 Kapitel unterteilten Anekdoten-Erzählreigen vor uns ausbreitet. Also versehen mit jeder Menge vermeintlichen inhaltlichen Abschweifungen – und dennoch stets wissenschaftlich fundiert. Weniger ein nackte Fakten aneinanderreihendes, charmefreies Lehr- als vielmehr ein erzählerisch wunderbar aufbereiteter Wissensfundus, der mit tierischen Einsichten nicht geizt und dem Lesenden einen völlig neuen Blick auf die mitunter erstaunlichen Orientierungs- und Navigationsfähigkeiten eröffnet, zu dem die uns umgebende Tierwelt imstand ist.

David Barrie
Unglaubliche Reisen. Vom inneren Kompass der Tiere”
mare Verlag, 368 Seiten (geb.)

Den Zauber der Nacht wiederentdeckt

Auf eine Erkenntnisreise der besonderen Art kann man seit vergangenem Herbst auch Dirk Liesemer begleiten – genau genommen: eine Reise in die Nacht. Der Anfang 40-jährige, vielreisende Autor kam, als er vor ein paar Jahren in Leipzig lebte und dort die dunklen Vororte durchstreifte zu der Einsicht, dass ihm die aus der eigenen Kindheit vertrauten Geräusche und Bilder der Nacht verloren gegangen waren, er nicht einmal mehr imstande war, die Sternbilder am Nachthimmel zu erkennen. Liesemer beschloss zu schauen, ob sich diese Nachtseite des Lebens nicht irgendwie wiederentdecken ließe – auch, weil er das (wohl berechtigte) Gefühl hatte, dass nicht nur er von diesem verlorengegangenen Kontakt betroffen war, sondern uns allgemein irgendwie der Zugang zur Nacht abhanden gekommen ist. Was wissen wir abseits unserer gut ausgeleuchteten Städte schon über sie – außer dass sie uns fremd und unzugänglich, ja undurchschaubar erscheint, uns unheimlich ist und Ängste hervorbringt?

Auch Dirk Liesemer hat auf seinen ersten Nachtwanderungen mit diesem Fremdheitsgefühl zu kämpfen, weiß nicht, wie man sich orientiert oder welche Geräusche was bedeuteten. Ob das vermeintlich so laute Rascheln im Gebüsch nun einer Maus oder vielleicht doch einem Wildschwein zuzuordnen ist. Doch je länger und häufiger er nachts unterwegs ist – insgesamt begibt er sich für sein Projekt auf mehr als 50 nächtliche Wanderungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – desto mehr findet er den verloren geglaubten Zugang zur Dunkelheit wieder und sich selbst besser zurecht in der allumfassenden, form- und farblosen Reduziertheit der Nacht. Zu allen vier Jahreszeiten durchstreift er die Lande – sowohl die finstersten wie auch die nächtens hellsten Gebiete, sowohl entlegene Wälder, Wiesen und Berge als auch zivilisationsgeprägte Park- und Stadtlandschaften – häufig allein, immer wieder aber auch in Begleitung anderer, die ebenfalls im regen Austausch mit der dunklen Seite des Tages stehen: Astronomen, Jäger, Vogel-, Fledermaus- und Spinnenkundler, Esoteriker, Maler, Müllmänner und Märchensammler. Von allen lernt er etwas über die an Facetten doch so reiche Nacht, beobachtet und reflektiert, lässt den eigenen Gedanken freien Lauf lassen und uns ohne jede Aufdringlichkeit daran teilhaben. In diesem Sinne beinhaltet „Streifzüge durch die Nacht“ nicht nur vielerlei erkenntnis- und lehrreiche Einblicke in die dunkle Tagesseite unserer heimatlichen Umgebung, sondern auch jede Menge Anregung, selbst einmal „furchtlos ins Dunkel [zu] springen“. Denn eines weiß Dirk Liesemer am Ende seiner nächtlichen Wanderschaft mit Sicherheit: „Sie werden direkt vor ihrer Haustür eine neue Welt kennenlernen, und selbst wenn Sie dort niemanden treffen, dann werden Sie zumindest einer Person begegnen: sich selbst.“

Dirk Liesemer
“Streifzüge durch die Nacht. Wie ich unsere Heimat neu entdeckte”
Malik Verlag, 272 Seiten (geb.)

Weltansichten

Ähnlich wie David Barrie und Dirk Liesemer lädt auch Thomas Reinertsen Berg zu einer literarischen Reise der besonderen Art ein. Anhand von 49 großformatigen Welt- und Landkarten hat der Norweger ein beeindruckendes erzählerisches Panorama der Entwicklungsgeschichte der Landkarten und Globen ausgebreitet – von der Steinzeit über die Zeit der großen Vermessungen und Entdeckungsreisen bis hin zu den allumfassenden Möglichkeiten der digitalen Welt. Schon früh entdeckte der Autor offenbar seine Leidenschaft für Karten: „Ich weiß noch, wie gerne ich als Kind in meinem Atlas blätterte und um die Welt reiste. Aber es gab nie etwas darüber, warum die Karten erstellt wurden – oder wer sie gezeichnet hat. Dieses Buch ist nun die Gelegenheit für mich, die Geschichten all jener Frauen und Männer zu erzählen, deren erstaunliche Arbeit es verdient, gefeiert zu werden.“ Aber nicht nur die Schöpfer bzw. Gestalter dieser Karten werden zum Gegenstand seiner mehrere Jahrtausende umspannenden kartografischen Erzählungen und Erläuterungen. Denn auch die jeweilige Umstände der Zeit, also die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Gegebenheiten und Werte, der eine jede dieser geografischen Weltdarstellungen zwangsläufig unterworfen ist, fließen mit ein in die umfassend recherchierten und eloquent dargereichten Betrachtungen, mit denen Thomas Reinertsen Berg sein preisgekröntes Sachbuch zur Genüge ausgestattet hat.

Und so begeben wir uns in „Auf einem Blatt die ganze Welt“ auf eine durchaus spannende, in jedem Fall eindrückliche, mehrperspektivische (Zeit)Reise durch die Geschichte der Landkarten, die uns im Anbeginn zu den ersten prähistorischen Karten in die Steinzeit und zu den ersten babylonischen und ägyptischen Kartierungsbemühungen führt, machen hiernach Station u.a. in der römischen Antike und im Antwerpen des 16. Jahrhundert – das zum Zentrum der Kartografie erwachsen sollte, schwenken später ab in die Arktis, um gemeinsam mit Fridtjof Nansen unerschlossene Landschaften zu kartieren, erheben uns im beginnenden 20. Jahrhundert endlich auch in die Lüfte, um die Kartografie final und unwiderruflich zu einem zentralen Bestandteil des aufziehenden Ersten Weltkrieges zu machen, liefern uns einen Wettlauf um das erste vom Weltraum aus gefertigte Erdenabbild, tauchen tief hinab ins Blau unseres Ozeane, darum bemüht, auch diese irgendwie topografisch zu erfassen und landen schließlich in der stetig davoneilenden Gegenwart, die von der flüchtigen Halbwertszeit informationsüberfrachteter digitaler Aufzeichnungen und dem fortwährenden Sehnsuchtswunsch, den uns umgebenden geografischen Raum so detailliert wie möglich im Bilde festzuhalten, geprägt ist. Ein Traum von Sachbuch für jeden, der gern mit dem Finger auf der Landkarte verreist.

Thomas Reinertsen Berg
“Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder”
dtv, 360 Seiten (geb.)

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14. Dezember 2020 | Allgemein

Lesestoff für die Dunkelzeit

Von Stadtmagazin 07

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Marie-Claire Blais: »Drei Nächte, drei Tage«

Wenn lesen durstig macht

Sie sind beide kanadische Schriftstellerinnen, nahezu gleichalt, voller Bewunderung für die Werke der jeweils anderen und auch hinsichtlich der Liste an bisherigen Publikationen mehr oder weniger gleichauf. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Margaret Atwood (geb.1939) und Marie-Claire Blais (geb. 1940): Erstgenannte kennt man auch auf dem deutschen Büchermarkt, ja zählt neben der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro wahrscheinlich zu den bekanntesten kanadischen AutorInnen überhaupt, Blais hingegen hat hierzulande bis auf eine Romanveröffentlichung in den sechziger Jahren noch gar keine Spuren hinterlassen. Diesen unwürdigen Umstand zu ändern, daran hat sich nun der Suhrkamp Verlag gemacht und für den Anfang mit „Drei Nächte, drei Tage“ aus dem Jahr 1995 ein Werk auserkoren, das für alle, die es sich zu lesen trauen, eine tiefgründige Leseerfahrung bereithält.

Tatsächlich muss man sich ‘trauen‘ und ein gutes Stück überwinden, diesen an der Textoberfläche etwas unnahbar geratenen Roman an sich heranzulassen: Vierhundert Seiten Text ohne Absatz, ohne Kapitel, ohne Halt und Rast lassen sich mit gängigen Leseerfahrungen nur schwer vereinen. – Nach zehn Seiten der erste Punkt, auf die Gesamtlänge des Textes kaum mehr als zwanzig (!) haltgebende, im kommagetakteten, endlosen Wortfluss geradezu überraschend auftauchende, tatsächliche Satzenden. Zweifellos eine Meisterleistung des modernen Erzählens, deren Notwendigkeit im ersten Eindruck fragwürdig erscheint – und sich dann doch, wenn man die Scheu vor dem ewigen Wortfluss überwunden hat, als absolut unerlässlich für die Wirkung und das ‘Funktionieren‘ dieses großartigen polyfonen Romans erweist, der mit seiner zurückgehaltenen Handlung im Grunde mehr fließende Zustandsbeschreibung als fortlaufende Geschichte ist:

Auf einer von tropischer Hitze geprägten, idyllischen, aber namenlosen Insel irgendwo im Golf von Mexiko leben manche Menschen in Reichtum, andere in extremer Armut. Ein Fest soll stattfinden – anlässlich der Geburt eines Kindes und irgendwie auch anlässlich der nahenden Jahrtausendwende – und ein schillerndes Ensemble an Charakteren nimmt hierfür Aufstellung: Künstler, Drag-Queens, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, spielende Kinder, Geflüchtete der benachbarten Inseln und Renata, heimliches personales Zentrum des Romans, die sich als Anwältin für die Belange straffälliger Jugendlicher einsetzt, aber wie alle anderen Inselbewohner von einer inneren Zerrissenheit, einer fiebrig anmutenden Unruhe und Sehnsucht befallen ist – über die „Drei Nächte, drei Tage“ in einer multiperspektivischen, ineinander übergehenden und zwischeneinander wechselnden Innenschau aller Figuren erzählerisch Auskunft gibt. Es ist sozusagen ein vielstimmiger Chor, der aus dem ewigen Textfluss dieses Buch hervortönt und dessen Figuren-Ensemble mit jeweils eigenen Geschichten, Fragen und Befindlichkeiten zu Lust und Begehren, Krankheit und Tod, zu Macht, Missbrauch, Verantwortung und Gerechtigkeit in den Vordergrund drängt. Diesen beherrschen sie dann für einen Moment lang, bevor sie wieder in den Schatten zurücktreten und dem nächsten das Wort überlassen.

All dies, das Fest und den immerzu-immerfort zwischen Orten, Szenen und Zeiten wechselnden Figurenreigen koordiniert Marie-Claire Blais mit beeindruckendem Geschick und herausragendem Erzähltalent. „Drei Nächte, drei Tage“ beschenkt uns in diesem Sinne daher nicht nur mit dem hitzeflirrenden, irgendwie barock anmutendem, Großporträt eines tropischen Inselkollektivs, das kontinuierlich zwischen völliger Hingabe und Verzweiflung zu pendeln scheint, sondern auch mit einem Leseerlebnis, das im wahrsten Sinne des Wortes zugleich erschöpft und beglückt – und definitiv Lust darauf macht, mehr von dieser besonderen Autorin zu lesen.

Marie-Claire Blais
“Drei Nächte, drei Tage”
Suhrkamp Verlag, 400 Seiten (geb.)

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